Die Erfahrung nationalsozialistischer Verfolgung in Ruth Klügers „weiter leben. Eine Jugend“ und Jorge Sempruns „Die große Reise“


Seminararbeit, 2007
29 Seiten, Note: sehr gut

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I Das Darstellen des Undarstellbaren – Eine Einleitung

II Hauptteil
1. Die beiden AutorInnen
1. 1. Kurzbiographie Jorge Sempruns
1. 2. Kurzbiografie Ruth Klügers
2. Literatur nach und über Auschwitz
3. Die Perspektive
4. Formale Aspekte der Darstellung
4. 1. Formale Aspekte bei Jorge Semprun
4. 2. Formale Aspekte bei Ruth Klüger
5. Die Sprache
5. 1. Die Sprache bei Ruth Klüger
5. 2. Die Sprache bei Jorge Semprun
6. Erinnern und Vergessen
6. 1. Erinnern und Vergessen bei Jorge Semprun
6. 2. Erinnern und Vergessen bei Ruth Klüger
7. Die Schreibmotivation der beiden AutorInnen

III Resümee

IV Literaturverzeichnis

I Das Darstellen des Undarstellbaren – Eine Einleitung

„Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben“, postulierte der Philosoph Theodor W. Adorno so einprägsam, „ist barbarisch“.[1] Die Erfahrung des Nationalsozialismus musste, so die Grundannahme des Diktums, nachhaltige Auswirkungen auf die Literatur haben, die nach den ungeheuerlichen Verbrechen des NS-Regimes erschienen ist.

Ein besonders schwieriges Unterfangen stellt daher der Versuch dar, die Erfahrung der nationalsozialistischen Verfolgung literarisch darzustellen. Wie kann eine passende Form, eine adäquate Sprache hierzu gefunden werden? Und soll der Versuch der Darstellung überhaupt unternommen werden?

Ruth Klüger und Jorge Semprun haben beide ihren Weg gefunden, die traumatisierenden Erfahrungen, welche sie – im Fall Klügers – in Kindheit und Jugend bzw. – im Fall Sempruns – als junger Erwachsener gemacht haben, literarisch darzustellen. Die vorliegende Arbeit setzt sich daher das Ziel, die beiden autobiografisch geprägten Texte „weiter leben. Eine Jugend“ bzw. „Die große Reise“ im Kontext der Literatur nach und über Auschwitz auf folgende Fragestellungen hin näher zu untersuchen:

Da es sich um zwei wesentlich autobiografisch geprägte Texte handelt, soll der Analyse zunächst ein kurzer biografischer Abriss zu den beiden AutorInnen voran stehen. Daran anschließend sollen essentielle theoretische Positionen vorgestellt werden, die die Frage der Darstellbarkeit in Bezug auf die nationalsozialistische Terrormaschinerie betreffen, um so eine literatur- und sozialgeschichtliche Verortung der hier untersuchten Werke zu ermöglichen.

Im Anschluss daran sollen die unterschiedlichen Blickwinkel der hier zu vergleichenden AutorInnen nochmals expliziert werden: Während Jorge Semprun seines politischen Engagements in der Resistance wegen ins KZ Buchenwald deportiert wurde, wurde Ruth Klüger allein aufgrund ihrer jüdischen Herkunft verfolgt. Wie distanziert diese beiden Opfergruppen zueinander stehen, soll zum besseren Verständnis der Gesamtproblematik aufgezeigt werden.

Die im engeren Sinn textbezogene Analyse der beiden Werke soll dann in einem ersten Schritt für die beiden Texte konstitutive formale Aspekte vergleichend untersuchen. Hierbei sollen insbesondere Fragen der Erzählperspektive, der Intertextualität sowie sonstige, für die beiden Texte charakteristische literarische Stilmittel näher beleuchtet werden.

In einem gesonderten Kapitel soll darauf die Problematik der Sprache kontrastiv näher betrachtet werden. Welche Sprache erachten Klüger und Semprun zur Darstellung ihres Sujets als angemessen? Wie kann es überhaupt gelingen, nach der zivilisatorischen Zäsur des Nationalsozialismus wieder und gerade hierfür eine Sprache zu finden? Und welche Auswirkungen haben die Sprache der Täter oder das Phänomen der Mehrsprachigkeit der AutorInnen bei diesem Unterfangen?

Danach soll der Frage nachgegangen werden, inwieweit die Konzepte von Erinnern und Vergessen für die Entstehung wie das Verständnis der zu untersuchenden Werke relevant sind. In welchem Zusammenhang steht die späte Publikation der Texte zur Notwendigkeit der Distanzierung vom Erlebten, dem „Vergessen“, das dem literarischen „Erinnern“ vorausgesetzt wird?

Abschließend soll dann der Blick auf die Schreibmotivation der beiden AutorInnen gerichtet werden, wobei in diesem Zusammenhang gerade von Interesse sein wird, ob Literatur eine Bewältigungsstrategie im Umgang mit einer von Verfolgung geprägten Vergangenheit sein kann und welche Ziele mit der Publikation der beiden Texte jeweils verfolgt wurden .

Im abschließenden Resümee soll dann eine kurze Bilanz gezogen werden, welche die wichtigsten Ergebnisse der Untersuchung zusammenfasst und einen Ausblick auf weiterführende Fragestellungen bietet, die in diesem Rahmen nicht oder nur am Rande berücksichtigt werden konnten.

II Hauptteil

1. Die beiden AutorInnen

1. 1. Kurzbiografie Jorge Sempruns

Jorge Semprun wird 1923 in Madrid geboren[2] Er wächst in einem großbürgerlichen, katholischem Elternhaus auf, das im Gegensatz zum Großteil seines sozialen Milieus jedoch eine linksliberale Haltung vertritt und die Republik unterstützt.

Bei Ausbruch des spanischen Bürgerkrieges 1936 flüchtet die Familie zunächst über die französische Grenze, dann nach Den Haag, wo der Vater kurzzeitig das Amt des Botschafters der spanischen Republik innehat, und kommt schließlich nach Paris.

Diese geografische und sprachliche Entwurzelung, mit welcher die Emigration für Jorge Semprun verbunden ist, stellt ein zentrales Ereignis in Hinblick auf sein späteres Leben und Werk dar, löste sie doch eine moralisch-politische Entrüstung aus, die als Grundlage für sein anhaltendes gesellschaftliches Engagement gesehen werden kann.

Nach dem Baccalaureat beginnt Semprun ein Philosophie-Studium in Paris, das er jedoch bald abbricht, um sich politisch zu betätigen: 1941 tritt er der Kommunistischen Partei bei und beginnt sein Engagement in der Resistance.

1943 wird er jedoch von der Gestapo festgenommen, verhört, gefoltert und schließlich ins KZ Buchenwald deportiert, wo er sich bis zur Befreiung 1945 am lagerinternen Widerstand beteiligt.

Nach der Befreiung durch die Alliierten kehrt er nach Paris zurück. In den folgenden Jahren ist er zunächst als Übersetzer für die UNESCO tätig. Von 1953 bis zu seinem Parteiausschluss 1964 ist Semprun dann hauptamtlich für die spanische KP tätig und lebt immer wieder in der Illegalität.

Seit dem Erscheinen seines ersten Romans „Le Grand Voyage“ 1963, der ein großer Erfolg wurde, ist er literarisch, filmisch und publizistisch tätig.

Von 1988 bis 1991 war er parteiunabhängiger Kulturminister der sozialistischen Regierung Spaniens. Er ist jedoch nicht dauerhaft nach Spanien zurückgekehrt, sondern lebt seither wieder in Paris.

1. 2. Kurzbiografie Ruth Klügers

Ruth Klüger wird 1931 – also acht Jahre später als Jorge Semprun – in Wien geboren.[3] Nach dem „Anschluss“ Österreichs an Nazi-Deutschland ist die jüdische Familie ab 1938 den antisemitischen Repressalien der nationalsozialistischen Machthaber ausgesetzt. 1940 wird Ruth Klügers Vater, ein Gynäkologe, wegen illegaler Schwangerschaftsabbrüche verhaftet, kurze Zeit später aber wieder frei gelassen und flieht (ohne Frau und Kind) über Italien nach Frankreich.

Ruth Klüger bleibt mit ihrer Mutter in Wien zurück, wo sie im Zuge der „Arisierungen“ mehrfach in immer kleinere Wohnungen umziehen muss, ehe sie 1942 schließlich mit einem der letzten Transporte aus Wien ins KZ Theresienstadt deportiert wird.

In Theresienstadt stirbt Klügers Großmutter an den Folgen der Deportation.[4] Mutter und Tochter werden schließlich nach Auschwitz-Birkenau weiterdeportiert, wo ihre Mutter angesichts der unerträglichen Bedingungen vorschlägt, sich das Leben zu nehmen.

Nur durch einen glücklichen Zufall gelingt es Ruth Klüger bei der Selektion für den Weitertransport in ein Arbeitslager, ausgewählt zu werden. Sie gelangt so mit ihrer Mutter ins Arbeitslager Christianstadt. Nach der Auflösung des Lagers gelingt den beiden Frauen dann von einem der berüchtigten Todesmärsche die Flucht.

Nach der Befreiung verbringt Ruth Klüger noch einige Zeit in Bayern, wo sie ein Notabitur ablegt und sich kurzzeitig an der Regensburger Universität inskribiert, ehe es ihr mit ihrer Mutter gelingt, in die USA zu emigrieren.

In New York besucht sie das Hunter College, wo sie das Studium der Anglistik abschließt. Später promoviert sie in Germanistik und ist als Literaturwissenschafterin an zahlreichen Universitäten, unter anderem der renommierten Princeton University, tätig.

1992 erscheint schließlich ihre weit rezipierte Autobiografie „weiter leben. Eine Jugend“.

2. Literatur nach und über Auschwitz

Adornos bereits eingangs zitiertes radikales Diktum, wonach es barbarisch sei, nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, begründete einen für die (vor allem westdeutsche) Literatur nach 1945 entscheidenden Diskurs. Die Radikalität und Einprägsamkeit von Adornos Forderung waren verführerisch und waren vor allem jenen willkommen, die die Literatur totsagten.[5]

Doch schon für Adorno selbst war die Sache keineswegs so klar, wie die Radikalität des ersten Teils seines berühmten Diktums vermuten lässt. Bedenkt man den kritischen Unterton, der sich im Nachsatz deutlich niederschlägt, so wird Adornos eigene Skepsis gegenüber seiner kurz zuvor erhobenen Forderung bereits deutlich: „(…) und das frisst auch die Erkenntnis an, die ausspricht, warum es unmöglich ward, heute ein Gedicht zu schreiben.[6][7]

Wie dieser Nachsatz bereits andeutet und Adorno wesentlich später deutlich formulierte, ging es dem Philosophen in der Debatte über Kunst nach Auschwitz weniger um das Überleben von Kunst, als vielmehr um die noch um vieles existentiellere Frage nach dem Überleben an sich nach Auschwitz, also dem Überleben von Auschwitz nach Auschwitz. Die Kernaussage des Darstellungsverbots widerrief er in späteren Schriften indirekt.[8]

Die konträren Standpunkte in Bezug auf die Darstellbarkeit der Schoah werden auch noch in den 1990er Jahren nachdrücklich in der Auseinandersetzung zwischen den beiden Filmemachern Claude Lanzmann und Steven Spielberg deutlich. Während Spielberg in seinem Film „Schindlers Liste“ eine detailreiche Darstellungsform wählt, ist Lanzmann, der in seinem Dokumentarfilm „Shoah“ einen diametral entgegen gesetzten Zugang wählt, über Spielbergs Film empört.[9]

[...]


[1] Adorno, Theodor W.: Prismen. Kulturkritik und Gesellschaft. München: 1963, S. 26.

[2] Vgl. zu dieser und den anderen biografischen Angaben zu Jorge Semprun: Küster, Lutz: Obsession der Erinnerung. Das literarische Werk Jorge Sempruns. Frankfurt a. M.: 1989, S. 10-11.

[3] Vgl. zu dieser und den folgenden biografischen Angaben zu Ruth Klüger: Fußl, Irene: Formen der literarischen Aufarbeitung einer traumatisierenden Kindheit und Jugend im Österreich der NS-Zeit. Dargestellt anhand der Lebensabschnittsgeschichten der „jüdisch-österreichischen“ Schriftstellerinnen Ilse Aichinger und Ruth Klüger und deren Werke „Die größere Hoffnung“ (I. A.) und „weiter leben. Eine Jugend“ (R. K.). Diplomarbeit. Univ. Wien 2002, S. 31-36.

[4] Vgl. zu dieser und den folgenden biografischen Angaben zu Ruth Klüger: Heidelberger-Leonard, Irene: Ruth Klüger, weiter leben. Eine Jugend. München: 1996, S. 32-35.

[5] Vgl. Heidelberger-Leonard (1996), S. 22.

[6] Adorno (1963), S. 26.

[7] Vgl. Heidelberger-Leonard (1996), S. 22.

[8] Vgl. Heidelberger-Leonard (1996), S. 22-23.

[9] Vgl. Heidelberger-Leonard (1996), S. 23.

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Die Erfahrung nationalsozialistischer Verfolgung in Ruth Klügers „weiter leben. Eine Jugend“ und Jorge Sempruns „Die große Reise“
Hochschule
Universität Wien  (Vergleichende Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
PS: Prosa und Lyrik nach dem Zweiten Weltkrieg
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2007
Seiten
29
Katalognummer
V126549
ISBN (eBook)
9783640324446
Dateigröße
488 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Darstellen, Undarstellbaren, Formen, Funktionen, Darstellung, Erfahrung, Verfolgung, Ruth, Klügers, Eine, Jugend“, Jorge, Sempruns, Reise“
Arbeit zitieren
Bernd Csitkovics (Autor), 2007, Die Erfahrung nationalsozialistischer Verfolgung in Ruth Klügers „weiter leben. Eine Jugend“ und Jorge Sempruns „Die große Reise“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/126549

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