[...] Da es sich um zwei wesentlich autobiografisch geprägte Texte handelt, soll der Analyse
zunächst ein kurzer biografischer Abriss zu den beiden AutorInnen voran stehen. Daran
anschließend sollen essentielle theoretische Positionen vorgestellt werden, die die Frage der
Darstellbarkeit in Bezug auf die nationalsozialistische Terrormaschinerie betreffen, um so
eine literatur- und sozialgeschichtliche Verortung der hier untersuchten Werke zu
ermöglichen.
Im Anschluss daran sollen die unterschiedlichen Blickwinkel der hier zu vergleichenden
AutorInnen nochmals expliziert werden: Während Jorge Semprun seines politischen
Engagements in der Resistance wegen ins KZ Buchenwald deportiert wurde, wurde Ruth
Klüger allein aufgrund ihrer jüdischen Herkunft verfolgt. Wie distanziert diese beiden
Opfergruppen zueinander stehen, soll zum besseren Verständnis der Gesamtproblematik
aufgezeigt werden. Die im engeren Sinn textbezogene Analyse der beiden Werke soll dann in einem ersten
Schritt für die beiden Texte konstitutive formale Aspekte vergleichend untersuchen. Hierbei
sollen insbesondere Fragen der Erzählperspektive, der Intertextualität sowie sonstige, für die
beiden Texte charakteristische literarische Stilmittel näher beleuchtet werden.
In einem gesonderten Kapitel soll darauf die Problematik der Sprache kontrastiv näher
betrachtet werden. Welche Sprache erachten Klüger und Semprun zur Darstellung ihres Sujets
als angemessen? Wie kann es überhaupt gelingen, nach der zivilisatorischen Zäsur des
Nationalsozialismus wieder und gerade hierfür eine Sprache zu finden? Und welche
Auswirkungen haben die Sprache der Täter oder das Phänomen der Mehrsprachigkeit der
AutorInnen bei diesem Unterfangen?
Danach soll der Frage nachgegangen werden, inwieweit die Konzepte von Erinnern und
Vergessen für die Entstehung wie das Verständnis der zu untersuchenden Werke relevant
sind. In welchem Zusammenhang steht die späte Publikation der Texte zur Notwendigkeit der
Distanzierung vom Erlebten, dem „Vergessen“, das dem literarischen „Erinnern“
vorausgesetzt wird? Abschließend soll dann der Blick auf die Schreibmotivation der beiden AutorInnen gerichtet
werden, wobei in diesem Zusammenhang gerade von Interesse sein wird, ob Literatur eine
Bewältigungsstrategie im Umgang mit einer von Verfolgung geprägten Vergangenheit sein
kann und welche Ziele mit der Publikation der beiden Texte jeweils verfolgt wurden. [...]
Inhaltsverzeichnis
I Das Darstellen des Undarstellbaren – Eine Einleitung
II Hauptteil
1. Die beiden AutorInnen
1. 1. Kurzbiographie Jorge Sempruns
1. 2. Kurzbiografie Ruth Klügers
2. Literatur nach und über Auschwitz
3. Die Perspektive
4. Formale Aspekte der Darstellung
4. 1. Formale Aspekte bei Jorge Semprun
4. 2. Formale Aspekte bei Ruth Klüger
5. Die Sprache
5. 1. Die Sprache bei Ruth Klüger
5. 2. Die Sprache bei Jorge Semprun
6. Erinnern und Vergessen
6. 1. Erinnern und Vergessen bei Jorge Semprun
6. 2. Erinnern und Vergessen bei Ruth Klüger
7. Die Schreibmotivation der beiden AutorInnen
III Resümee
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die literarische Auseinandersetzung mit den traumatischen Erfahrungen der nationalsozialistischen Verfolgung in den autobiografischen Werken von Ruth Klüger und Jorge Semprun, mit dem Ziel, Gemeinsamkeiten und Differenzen in Form, Sprache und Perspektive aufzuzeigen.
- Vergleich der unterschiedlichen Perspektiven jüdischer und politischer Opfergruppen.
- Analyse formaler Stilmittel zur Distanzierung vom Erlebten.
- Kontrastive Untersuchung der Sprachwahl und des Einflusses von Tätersprache.
- Untersuchung der psychologischen Dynamik von Erinnern und Vergessen.
- Herausarbeitung der Schreibmotivation als Bewältigungsstrategie.
Auszug aus dem Buch
3. Die Perspektive
Da die beiden AutorInnen zwei unterschiedlichen Opfergruppen des Faschismus angehören, unterscheiden sich die beiden autobiografischen Texte grundlegend in ihrer Perspektive, von der aus sie die Erfahrung der nationalsozialistischen Verfolgung schildern.
Während Ruth Klüger als jüdisches Kind keinerlei Wahl hatte, ging der politischen Verfolgung Jorge Sempruns – und seines Erzählers – die bewusste Entscheidung voraus, sich im Widerstand gegen die Nazis zu engagieren und sich somit dem Risiko der politischen Verfolgung auszusetzen.
Denn das für die Geschichte Wesentliche, das uns allen Gemeinsame, die wir in diesem Jahre 1943 verhaftet werden, ist die Freiheit. Soweit wir an dieser Freiheit teilhaben, sind wir einander alle gleich und ebenbürtig, wir, die wir sonst oft so ungleich sind. Soweit wir an ihr teilhaben, setzen wir uns der Verhaftung aus. Sie ist deshalb auch der Punkt, bei dem das Fragen einsetzen muss, nicht unser Verhaftetsein und unsere Gefangenschaft.
Auch Ruth Klüger geht an einer Textstelle explizit auf das angespannte Verhältnis zwischen jüdischen und politischen KZ-Häftlingen ein. Sie äußert sich sehr kritisch zu einer Gedenktafel, die im KZ Buchenwald nach der Befreiung angebracht wurde. Dieses Schild, das einem jüdischen Kind gewidmet ist, das von politischen Häftlingen gerettet wurde, sieht Ruth Klüger vor allem als kitschige Verschleierung der wahren Gegebenheiten – was die große Distanz zwischen den beiden Opfergruppen nachdrücklich aufzeigt.
Zusammenfassung der Kapitel
I Das Darstellen des Undarstellbaren – Eine Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik ein, wie traumatische Erfahrungen der NS-Zeit literarisch verarbeitet werden können, und stellt die zentralen Forschungsfragen vor.
II Hauptteil: Der Hauptteil umfasst die detaillierte biografische und textanalytische Untersuchung der Werke von Klüger und Semprun.
1. Die beiden AutorInnen: Dieses Kapitel bietet einen kurzen biografischen Abriss zu den Lebenswegen von Jorge Semprun und Ruth Klüger.
2. Literatur nach und über Auschwitz: Hier wird der Diskurs um das Adorno’sche Diktum zum Schreiben nach Auschwitz sowie die Debatte um die Darstellbarkeit der Schoah erörtert.
3. Die Perspektive: Das Kapitel analysiert die unterschiedlichen Sichtweisen der Autoren basierend auf ihrer Zugehörigkeit zu verschiedenen Opfergruppen des Faschismus.
4. Formale Aspekte der Darstellung: Hier werden die narrativen Techniken und literarischen Mittel beider Autoren vergleichend untersucht.
5. Die Sprache: Das Kapitel beleuchtet den Sprachgebrauch der Autoren, insbesondere den Einfluss der Tätersprache bei Klüger und die Mehrsprachigkeit bei Semprun.
6. Erinnern und Vergessen: Hier wird die psychologische Bedeutung von Verdrängung und Erinnerung für den Schreibprozess der beiden Autoren analysiert.
7. Die Schreibmotivation der beiden AutorInnen: Das Kapitel untersucht, inwiefern das Schreiben als Bewältigungsstrategie und Mittel zur Vermittlung politischer oder privater Ziele fungiert.
III Resümee: Das Resümee fasst die Ergebnisse der Analyse zusammen und gibt einen Ausblick auf weiterführende Fragestellungen.
Schlüsselwörter
Nationalsozialismus, Auschwitz, Ruth Klüger, Jorge Semprun, Autobiografie, Literatur, Erinnerung, Vergessen, Holocaust, Schoah, Vergangenheitsbewältigung, Zeugenschaft, Mehrsprachigkeit, Opfergruppen, Trauma.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, wie zwei verschiedene Autoren – Ruth Klüger und Jorge Semprun – ihre traumatischen Erfahrungen in Konzentrationslagern literarisch verarbeitet haben.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf den Themen Erinnerungskultur, Darstellbarkeit des Undarstellbaren, der psychologischen Funktion des Vergessens und der bewussten Sprachwahl.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist ein Vergleich der autobiografischen Texte "weiter leben. Eine Jugend" und "Die große Reise", um zu zeigen, wie unterschiedliche Hintergründe der Autoren ihre Erzählweise beeinflussen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine komparative Literaturanalyse, die biografische Kontexte mit textbezogenen Analysen von Erzählperspektive, Sprache und Stilmitteln verbindet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in biografische Abrisse, theoretische Debatten zur Literatur über Auschwitz sowie detaillierte Analysen zu Perspektive, Sprache, Erinnerungskonzepten und Motivation der Autoren.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Holocaust-Literatur, traumatische Erfahrungen, Identität, Sprache der Täter, Widerstand und autobiografische Narration.
Warum spielt die Perspektive der Autoren eine so zentrale Rolle?
Da Ruth Klüger als jüdisches Kind und Jorge Semprun als politischer Widerstandskämpfer verfolgt wurden, unterscheiden sich ihre Erlebnisse und ihre daraus abgeleiteten Deutungen fundamental.
Wie unterscheidet sich die Sprachwahl bei den beiden Autoren?
Während Klüger den Einfluss der nationalsozialistischen "Tätersprache" auf ihr eigenes Denken reflektiert, thematisiert Semprun seine Mehrsprachigkeit und die Wahl des Französischen als notwendigen Abstand zum Erlebten.
- Citation du texte
- Bernd Csitkovics (Auteur), 2007, Die Erfahrung nationalsozialistischer Verfolgung in Ruth Klügers „weiter leben. Eine Jugend“ und Jorge Sempruns „Die große Reise“, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/126549