Die vorliegende Arbeit thematisiert im theoretischen Teil zunächst frühere Ansätze der Selbstkonzeptforschung. Die meistangewendete moderne Selbstkonzepttheorie von Shavelson et al. (1976) wird anschließend dargestellt und erläutert. Darauffolgend wird das Fähigkeitsselbstkonzept definiert und umfasst dabei die kausale Wirkrichtung zwischen Selbstkonzept und Schulleistung. Nachfolgend wird die Entwicklung des Fähigkeitsselbstkonzepts bei Grundschulkindern mit dem Förderschwerpunkt Lernen ausgeführt. Mit dieser Berücksichtigung werden die Determinanten des Fähigkeitsselbstkonzepts nähergebracht, die sich durch Vergleichsprozesse, Ursachenzuschreibungen sowie Fremdeinschätzung und -bewertung charakterisieren lassen. Die Vergleichsprozesse implizieren soziale, kriteriale, individuelle und dimensionale Bezugsnormen. Ersteres bezieht sich auf die Theorie des sozialen Vergleichs nach Festinger (1954) und den Big-Fish-Little-Pond-Effekt (Marsh 1987), während Letzteres die Theorie des Internal/External-Frame-of-Reference-Model (Marsh 1986) aufgreift. Bei den Ursachenzuschreibungen wird auf die Theorie nach Weiner (1985) eingegangen und beschreibt, wie unterschiedlich Erfolge und Misserfolge reguliert werden. Abschließend wird die Fremdeinschätzung und -bewertung seitens der Lehrkraft vorgestellt, die die Quellen selbstbezogenen Wissens nach Filipp (1984) inkludieren. Innerhalb der theoretischen Auslegungen werden Hypothesen gebildet.
Die im theoretischen Teil hergeleiteten Hypothesen werden im analytischen Teil einer Überprüfung unterzogen. Hierfür werden zunächst empirische Studien bezüglich des Fähigkeitsselbstkonzepts von Grundschulkindern mit dem Förderschwerpunkt Lernen an inklusiven Schulen und Förderschulen herangezogen und hinsichtlich der inklusiven Schule und Förderschule interpretiert. Darauffolgend werden Unterschiede der Inklusion und Separation hinsichtlich des Fähigkeitsselbstkonzepts ausgelegt und anhand der Determinanten aus dem theoretischen Teil interpretiert. Dabei werden Unterschiede und Gemeinsamkeiten in der Entwicklung des Fähigkeitsselbstkonzepts bei Grundschulkindern mit dem Förderschwerpunkt Lernen bezüglich der Beschulungsarten gegenübergestellt. Hierbei werden auch die Schonraumthese sowie die Stigmatisierung aufgrund von Förderschulzuweisung aufgegriffen. Abschließend werden aus den Ergebnissen Implikationen für die Praxis abgeleitet und ein Fazit konkludiert
Inhaltsverzeichnis
I Theoretischer Hintergrund
1 Einleitung
1.1 Aufbau der Arbeit
1.2 Methode
2 Begriffe und Ansätze der Selbstkonzeptforschung
2.1 William James (1890)
2.2 Symbolischer Interaktionismus
2.3 Das hierarchische Selbstkonzeptmodell von Shavelson et al. (1976)
3 Das Fähigkeitsselbstkonzept
3.1 Der Zusammenhang zwischen Selbstkonzept und Schulleistung
3.2 Das Fähigkeitsselbstkonzept bei Grundschulkindern mit dem Förderschwerpunkt Lernen
3.3 Determinanten des Fähigkeitsselbstkonzepts
3.3.1 Vergleichsprozesse
3.3.1.1 Soziale Bezugsnorm
3.3.1.1.1 Die Theorie des sozialen Vergleichs
3.3.1.1.2 Der Big-Fish-Little-Pond-Effekt
3.3.1.2 Kriteriale Bezugsnorm
3.3.1.3 Individuelle Bezugsnorm
3.3.1.4 Dimensionale Bezugsnorm
3.3.2 Ursachenzuschreibungen
3.3.3 Fremdeinschätzungen und -bewertungen
II Analytischer Teil
4 Das Fähigkeitsselbstkonzept an inklusiven Schulen vs. Förderschulen
4.1 Empirische Studien
4.2 Von der Lernbehinderung zum Förderschwerpunkt Lernen
4.3 Inklusion vs. Separation
4.3.1 Vergleichsprozesse an inklusiven Schulen vs. Förderschulen
4.3.2 Die Förderschule als Schonraum
4.3.3 Stigmatisierung anhand attributionaler Fremdzuschreibungen
5 Implikationen für die Praxis
6 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, inwiefern sich die Entwicklung des Fähigkeitsselbstkonzepts bei Grundschulkindern mit dem Förderschwerpunkt Lernen in inklusiven Schulen im Vergleich zu Förderschulen unterscheidet, um daraus Implikationen für eine selbstkonzeptfördernde Unterrichtspraxis abzuleiten.
- Theoretische Grundlagen der Selbstkonzeptforschung und Modelle wie das von Shavelson et al. (1976).
- Determinanten des Fähigkeitsselbstkonzepts: Vergleichsprozesse, Ursachenzuschreibungen sowie Fremdeinschätzungen und -bewertungen.
- Kontrastierung von inklusiven Schulen und Förderschulen hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf das Fähigkeitsselbstkonzept.
- Analyse des "Schonraumeffekts" der Förderschule versus Stigmatisierungsprozesse.
- Ableitung praxisorientierter Interventionen zur Förderung realistischer Selbstkonzepte.
Auszug aus dem Buch
1 Einleitung
Das Handeln des Menschen ist im hohen Maße davon abhängig, wie er sich selbst sieht (vgl. Raffaelli 2010, S. 14), wobei das Handeln wiederum die Erkenntnisse über sich selbst und über die eigenen Stärken und Schwächen beeinflusst (vgl. Langenkamp 2018, S. 13; Lohbeck et al. 2016, S. 54; Hellmich 2011, S. 11; Raffaelli 2010, S. 14; Krupitschka 1990, S. 9). Diese Erkenntnisse des selbstbezogenen Wissens werden als Selbstkonzept bezeichnet (vgl. Hellmich 2011, S. 11; Moschner & Anschütz 2011, S. 195; Streblow 2002, S. 10) und entwickeln sich in der Auseinandersetzung mit der sozialen Umwelt (vgl. Moschner & Anschütz 2011, S. 195; Raffaelli 2010, S. 14; Krupitschka 1990, S. 9). Das Selbstkonzept stellt jedoch kein genaues Abbild der Realität dar, sondern basiert auf Erfahrungen und ist vielmehr das Ergebnis subjektiver Interpretationen (vgl. Langenkamp 2018, S. 12; Hascher & Neuenschwander 2011, S. 208; Hellmich & Günther 2011, S. 21; Zeinz & Köller 2006, S. 177).
Während in den ersten Lebensjahren die Eltern und weitere Familienmitglieder die Entstehung des Selbstkonzepts des Kindes maßgeblich beeinflussen, steigt mit dem Eintritt des Kindes in die Schule auch der Einfluss weiterer sozialer Bezugspersonen auf die Selbstkonzeptentwicklung (vgl. Krupitschka 1990, S. 9). Im Umgang mit den damit einhergehenden Lern- und Leistungssituationen erhalten Kinder erstmals regelmäßige Leistungsrückmeldungen und sammeln somit Kenntnisse über ihre eigenen schulbezogenen Stärken und Schwächen (vgl. Kastens et al. 2013, S. 100; Ehm et al. 2011, S. 37; Hellmich & Günther 2011, S. 26f.). Die subjektive Einschätzung einer Person hinsichtlich ihrer eigenen schulischen Fähigkeiten und Kompetenzen wird als Fähigkeitsselbstkonzept bezeichnet (vgl. Schuchardt et al. 2015, S. 4).
Die Leistungsrückmeldung geht dabei nicht nur von der Lehrkraft aus, die als grundlegende Quelle selbstbezogenen Wissens fungiert, sondern umfasst zugleich das Individuum selbst, das durch den Umgang mit Erfolgen und Misserfolgen sein Fähigkeitsselbstkonzept generiert (vgl. Kastens et al. 2013, S. 99f.; Haeberlin 1991, S. 168), sowie die engere soziale Umgebung innerhalb der Schulklasse (vgl. Langenkamp 2018, S. 25; Hascher & Neuenschwander 2011, S. 210). Denn die Schule stellt nicht nur einen Leistungs-, sondern auch einen sozialen Kontext dar, in dem Kinder Erfahrungen mit sozialen und leistungsbezogenen Vergleichsprozessen machen, um ihre Fähigkeiten innerhalb dieser Referenzgruppe einzuschätzen (vgl. Hascher & Neuenschwander 2011, S. 208).
Zusammenfassung der Kapitel
I Theoretischer Hintergrund: Dieses Kapitel erläutert die theoretischen Grundlagen der Selbstkonzeptforschung, definiert das Fähigkeitsselbstkonzept und beschreibt dessen Determinanten wie Vergleichsprozesse und Ursachenzuschreibungen.
4 Das Fähigkeitsselbstkonzept an inklusiven Schulen vs. Förderschulen: Der analytische Teil vergleicht die Auswirkungen verschiedener Beschulungsformen auf das Fähigkeitsselbstkonzept unter Berücksichtigung von Schonraumeffekten und Stigmatisierung.
5 Implikationen für die Praxis: Hier werden pädagogische Handlungsoptionen aufgezeigt, um die Entwicklung eines realistischen Fähigkeitsselbstkonzepts durch unterstützende Maßnahmen im Unterricht zu fördern.
6 Fazit: Die Arbeit schließt mit einer Zusammenfassung der Ergebnisse, die verdeutlicht, dass die Beschulungsform komplexe Auswirkungen auf das Selbstkonzept hat und individuelle Förderung entscheidend ist.
Schlüsselwörter
Selbstkonzept, Fähigkeitsselbstkonzept, Förderschwerpunkt Lernen, Inklusion, Förderschule, Soziale Vergleichsprozesse, Big-Fish-Little-Pond-Effekt, Ursachenzuschreibung, Stigmatisierung, Leistungsrückmeldung, Bezugsnormorientierung, Schulleistung, pädagogische Interventionen, Grundschulkind, Reattributionstraining
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Entwicklung des Fähigkeitsselbstkonzepts bei Grundschulkindern mit dem Förderschwerpunkt Lernen und stellt dabei die Auswirkungen inklusiver Schulsettings jenen von Förderschulen gegenüber.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Mittelpunkt stehen die Einflussparameter auf das Fähigkeitsselbstkonzept, insbesondere soziale Vergleichsprozesse, Ursachenzuschreibungen für Erfolge und Misserfolge sowie die Rolle von Fremdeinschätzungen durch Lehrkräfte in verschiedenen Schulformen.
Welches ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, die Unterschiede in der Fähigkeitsselbstkonzeptentwicklung bei Kindern mit dem Förderschwerpunkt Lernen herauszuarbeiten, um fundierte Kriterien für selbstkonzeptfördernde Interventionen in der Unterrichtspraxis zu gewinnen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Die Autorin wählt eine qualitative Methode des systematischen Vergleichens, die deduktiv vorgeht und sich auf das 4-Stufen-Modell von Hilker (1962) stützt, um nationale und internationale Studien zu analysieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in einen theoretischen Background über Selbstkonzeptmodelle und deren Determinanten sowie einen analytischen Teil, der empirische Befunde zu Inklusion und Separation betrachtet und kritisch diskutiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit lässt sich maßgeblich über Begriffe wie Fähigkeitsselbstkonzept, Förderschwerpunkt Lernen, soziale Vergleichsprozesse, Bezugsgruppeneffekte und die Gegenüberstellung von Inklusion und Separation definieren.
Wie wirkt sich der Wechsel von einer inklusiven Schule auf eine Förderschule auf das Fähigkeitsselbstkonzept aus?
Laut der Arbeit führt der Wechsel anfangs oft zu einer Steigerung des Fähigkeitsselbstkonzepts, da die Kinder in einem leistungshomogeneren Umfeld (dem sogenannten "Schonraum") weniger Misserfolgen ausgesetzt sind und induzierte Erfolgserlebnisse sammeln können.
Warum wird die Förderschule in der Arbeit auch als "Schonraumfalle" bezeichnet?
Dieser Begriff verweist darauf, dass die positiven Effekte eines Schonraums auf das Fähigkeitsselbstkonzept meist nur von kurzer Dauer sind und nach einiger Zeit wieder abfallen können, was die langfristige Wirksamkeit dieser Beschulungsform in Bezug auf das Selbstkonzept infrage stellt.
- Arbeit zitieren
- Meryem Cesme (Autor:in), 2020, Zur Entwicklung des Fähigkeitsselbstkonzepts bei Grundschulkindern mit dem Förderschwerpunkt Lernen. Ein Vergleich zwischen inklusiven Schulen und Förderschulen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1267033