Was nicht passt, wird passend gemacht. Zur Konstruktion österreichischer Geschichte im Staatsfilm "1. April 2000"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

24 Seiten, Note: befriedigend


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Hintergrund und Entstehungsgeschichte

3 Der Film: Inhalt und Besetzung

4 Die „historisierenden“ Einschübe als Konstruktion der eigenen Geschichte
4.1 Der 3. Kreuzzug 1189-
4.2 Das Jahr
4.3 Kaiser Karl V
4.4 Die Pest und der „liebe Augustin“
4.5 Die Türken vor Wien
4.6 Prinz Eugen, Kaiser Leopold I. und Maria Theresia

5 Schlussbetrachtung

6 Bibliographie

1 Einleitung

Die 1950er-Jahre sind wie in Deutschland auch in Österreich filmisch geprägt von einer Hochkonjunktur der Musikkomödien und Heimatfilme. Operetten- und Fremdenverkehrsfilme, sowie filmische Biografien lockten ein Millionenpublikum in die Kinos. Die klischeehaften Heimatfilme, deren Inhalt das einfache Leben der Bergbewohner, kombiniert mit einer Liebesgeschichte, einem Missverständnis und einem Happy End, waren durch ihre Berg- und Tieraufnahmen zugleich sehr tourismuswirksam. Auf Handlungsvielfalt wurde dabei eher wenig wert gelegt, wie Billy Wilder bemerkte: „wenn die Deutschen [gemeint war der gesamte deutschsprachige Raum] einen Berg im Hintergrund und Paul Hörbiger im Vordergrund sehen, sind sie schon zufrieden. [1] Ein Heimatfilm der besonderen Art ist jedoch der Film 1. April 2000 aus dem Jahr 1952. Er ist eine einzigartige und außergewöhnliche Produktion in der Filmgeschichte. Mit Geldern und auf Initiative der Bundesregierung entstanden, bezeichnete er sich als „politisch- utopische Komödie“. Bizarr ist der Staatsfilm 1. April 2000 auf jeden Fall und bietet sich durch Form und Inhalt als historische Quelle gerade zu an, denn er ist ein interessantes Zeitdokument über das Selbstbild und Geschichtsverständnis Österreichs Anfang der 1950er Jahre. Österreich inszeniert sich nämlich als harmlosestes Land der Welt, was (wie der Titel schon sagt) scherzhaft formuliert wurde, aber ernst gemeint war. Hierbei wird die österreichische Geschichte dort kurzerhand umgeschrieben, wo sie nicht in das zu vermittelnde Bild passt. Das im Film entwickelte, bzw. konstruierte Geschichtsbild Österreichs ist das Thema der vorliegenden Arbeit. Als erstes wird der Hintergrund und die Entstehungsgeschichte des Films „1. April 2000“ dargestellt werden. Nach einer kurzen Information über den Inhalt und die Besetzung werden als Kernpunkt der Arbeit die „historisierenden“ Einschübe und Rückblicke untersucht. Dazu sollen sie nach einer kurzen Zusammenfassung berichtigt und sowohl auf ihre Funktion im Film als auch im Hinblick auf die Gesamtkonstruktion der Geschichte Österreichs hin untersucht werden. In der Schlussbetrachtung werden die Ergebnisse vorgestellt und diskutiert.

2 Hintergrund und Entstehungsgeschichte

Die Besatzung Österreichs nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war ein unabdingbarer Bestandteil der politischen Situation des Landes nach 1945. Die Alliiertenplanung für Österreich gestaltete sich schwierig, traten doch schnell die Interessenskonflikte zwischen den westlichen Besatzungs- mächten und der Sowjetunion zutage. Obwohl schon in der Moskauer Deklaration vom 1.11.1943, unterzeichnet von den USA, der Sowjetunion und Großbritannien, eine Wiederherstellung eines unabhängigen Österreichs als Ziel formuliert wurde, war man sich uneins, wie die staatlich-politische Situation Österreichs konkret aussehen sollte. Dabei wurden drei grundsätzliche Optionen erwogen: Österreich als Teilstaat eines zerstückelten Deutschlands, als Teil einer ostmitteleuropäischen Konföderation oder als unabhängiger Staat. So wurde Österreich erst einmal sowohl „befreit“ als auch besetzt.

Mit der Moskauer Deklaration verbunden war auch die sogenannte „Opferthese“. Österreich wurde als erstes Opfer von Hitlers Aggressionspolitik dargestellt und damit erst einmal von einer Mitverantwortung frei gesprochen. Diese These wurde später von den Gründervätern der zweiten Republik instrumentalisiert und zum offiziellen Geschichtsbild gemacht, eröffnete sie doch einen unkomplizierten Ausweg aus der Verantwortung für die Vergangenheit.[2]

Die Sowjetunion versuchte der Bevorzugung Österreichs, die durch die „Opferthese“ erzeugt wurde, entgegen zu wirken, wohl, um sich spätere Forderungen nach Reparationen offen zu halten. Die Reparationszahlungen waren jedoch keine alleinige russische Forderung. Die staatlich-politischen Optionen und die Forderungen nach Reparationsleistungen bedingten sich gegenseitig: Schon die Briten hatten im Jahr 1944 darauf hingewiesen, dass hohe Reparationsforderungen zur wirtschaftlichen Lebensunfähigkeit Österreichs führen würden und damit eine österreichische Forderung nach Unabhängigkeit unmöglich werden würde.[3] Um ihren Einfluss in den besetzten Gebieten zu vergrößern, änderte die Sowjetunion ab 1946 ihre Reparationspolitik für Österreich und Deutschland. Auslöser war die schwere Niederlage der Kommunisten in Österreich nach der ersten freien Wahl am 25.11.1945. Als Folge wurden viele Betriebe in sowjetisch verwaltete Betriebe eingegliedert und deren Erzeugnisse als „Reparationen aus laufender Produktion“ beschlagnahmt. Dadurch summierten sich die Reparationsleistungen Österreichs inklusive der Demontagen für die Sowjetunion letztendlich auf etwa 1,5 Milliarden Dollar.[4] Diese gezielte wirtschaftliche Ausbeutung von sowjetischer Seite führte wiederum zu einer westlichen Orientierung Österreichs. Die Westmächte wiederum unterstützten Österreich mit massiven Wirtschaftshilfen und einem geheimen Wiederbewaffnungsprogramm, um gegen die „kommunistische Gefahr“ vorzugehen.[5] Diese Politik des Antikommunismus führte zu tiefen Spaltungstendenzen zwischen den Besatzungsmächten und führte in Österreich bereits im Jahr 1946 zum Ausbruch des Kalten Krieges.[6] Durch die Weigerung beider Seiten, in wichtigen diplomatischen Fragen überhaupt zu verhandeln, wurde der bereits 1949 zur Unterzeichnung bereit liegende Österreich-Vertrag erst 1955 ratifiziert. Durch den Staatsvertrag von 1955 erhielt Österreich die Neutralität und staatliche Unabhängigkeit.

Vor diesem politischen Hintergrund veranstaltete die österreichische Bundesregierung im Januar 1949 einen Wettbewerb, um Vorschläge zu sammeln für einen „großen österreichischen Propagandafilm..., der sowohl über Österreich informiert, als auch für Österreich wirbt“.[7] Das Ziel wurde dabei mehr als deutlich formuliert: Der Abzug der alliierten Truppen aus dem besetzten Österreich. Dennoch sollte der Film „keine problematische, sondern eine mehr gelöste und unbeschwerliche Note“[8] bekommen. Nachdem vier Gewinner feststanden, jedoch keiner von ihnen und keine ihrer Ideen ausgewählt wurden, fungierten als Autoren dieses Films schlussendlich zwei Parteivertreter, einer aus der Österreichischen Volkspartei (ÖVP), Ernst Marboe und einer aus der Sozialdemokratischen Partei Österreichs (SPÖ), Rudolf Brunngraber. Nach jahrelanger Vorbereitungszeit wurde der Film unter der Regie Wolfgang Liebeiners gedreht. Leider ist weder den Protokollen der für den Österreich-Film zuständigen Beamtenkommission noch den Ministerratsprotokollen zu entnehmen, von wem und zu welchem Zeitpunkt Wolfgang Liebeneiner als Regisseur vorgeschlagen worden ist, standen doch auch die Jurymitglieder G. W. Probst und Willy Frost zur Auswahl.[9] Offenbar stellte Liebeneiners exponierte Stellung im nationalsozialistischen Deutschland und sein Euthanasiefilm „Ich klage an“ (1941) kein Problem für die Entscheidung zu seinen Gunsten dar.

Sowohl der Titel als auch der Inhalt des Films wurden bis kurz vor Drehbeginn geheim gehalten.[10] 1952 wurde der Film in Wien als gesellschaftliches Ereignis inszeniert und unter der Anwesenheit lokaler politischer Prominenz und Vertretern der Alliierten uraufgeführt.

3 Der Film: Inhalt und Besetzung

Am 1. April 2000 erklärt der neu gewählte Ministerpräsident sein seit 55 Jahren besetztes Land für frei und kündigt das Kontrollabkommen mit den vier Besatzungsmächten. Österreich wird wegen Bruchs des Weltfriedens angeklagt und muss sich in einer Gerichtsverhandlung vor der Weltpräsidentin der „Global Union“, die mit einer Delegation der „Weltschutzkommission“ (WESCHUKO) angereist ist, verantworten. Hierbei muss sich der Ministerpräsident neben der erwähnten Anklage noch gegen den Vorwurf verteidigen, ein „rückfälliger Gewohnheitsverbrecher“ zu sein.[11] Die Verteidigungsstrategie des Ministerpräsidenten ist dabei folgende: Wesentliche Ereignisse der Geschichte werden mittels Einspielungen vorgeführt oder durch Inszenierungen an Originalschauplätzen nachgespielt. In dieser „historischen Suchaktion findet sich allerlei Vorzeigbares“[12], vor allem Heldentaten und Heiratspolitik. Es fehlt allerdings jeder Hinweis darauf, warum das Land eigentlich seit 55 Jahren besetzt ist. Weil die Ursache für die Besatzung nicht existent ist, scheint dann die logische Konsequenz, dass die Besatzung unsinnig sei, da von Österreich, wie ja eingehend demonstriert werden kann, keine Gefahr ausgeht. Jedoch führt erst die zufällige Auffindung der „Moskauer Deklaration“ von 1943 zum Freispruch Österreichs, gilt sie der Weltpräsidentin doch als untrüglicher „Beweis“ für die irrtümliche Besetzung des Landes.

Bis in die kleinsten Nebenrollen wurde der Film mit einem Staraufgebot besetzt. Neben Joseph Meinrad, der den Ministerpräsidenten spielt, ist Hilde Krahl, die Frau von Liebeneiner, als Präsidentin der „Weltschutzkommission“ zu sehen. Viele Rollen, wie die des Schutzpolizisten der Weltpräsidentin, „Capitano Herakles“ (Curd Jürgens) und die des Komponisten des „Österreich- Liedes“, „Herr Winzig“ (Hans Moser) und die des „Lieben Augustins“ (Paul Hörbiger) sind mit Publikumslieblingen besetzt. So sind auch Judith Holzmeister, Karl Ehmann, Elisabeth Stemberger, Peter Gerhard, Guido Wieland, Heinz Moog, Ulrich Bettac und viele andere zu sehen.

4 Die „historisierenden“ Einschübe als Konstruktion der eigenen Geschichte

Etwa ein Drittel der 100-minütigen Vollversion des Films werden damit zugebracht, in „historisierenden“ Einschüben weit zurück liegende Ereignisse der österreichischen Geschichte darzustellen. Der Film bedient sich dabei mehrerer Mittel. Rückblicke, die als „Lehrfilm“ oder „Einspieler“ dargestellt werden gibt es ebenso, wie nachgespielte und vorgeführte Sequenzen, die auch ihrerseits nochmals mit Einschüben versehen sein können. In allen Einschüben werden dabei fiktionale Inhalte und Zusammenhänge als wahre Begebenheiten dargestellt und um einen historischen Rumpf konstruiert. Jahreszahlen fungieren als Eckdaten der Geschichte, wobei die „Geschichte“ Österreichs mit den Kreuzzügen beginnt und (von dem fiktiven Datum 1. April 2000 abgesehen) vor dem ersten Weltkrieg endet. Jegliche Form von Gewalt wird ausgeblendet. Politische Konflikte werden stets in Form einer Eheschließung gelöst, gemäß dem Motto : „tu felix Austria, nube! In allen Einschüben werden solche simplen Lösungen für alle möglichen politische Konflikte oder Konfliktsituationen präsentiert: Hochzeit, Friedensliebe und Liebe zur Musik.

Im Folgenden sollen nun die „historisierenden“ Einschübe inhaltlich dargestellt, wenn möglich berichtigt und auf ihre Funktion im Rahmen der Handlung hin untersucht werden.

[...]


[1] Die Furche. Nr. 17, 29.4.1981, S. 15

[2] H. Uhl: Zwischen Versöhnung und Verstörung, Eine Kontroverse um Österreichs historische Identität fünfzig Jahre nach dem "Anschluss“.“, Wien 1992, S. 85

[3] G. Bischof: The Americanization, westernization of Austria, New Brunswick, 2004, S. 119

[4] ebd. S.119

[5] ebd. S.123

[6] ebd. S.118

[7] B. Hochholdinger- Reiterer: „Scherz- Sexismus- Sciencefiction. 1. April 2000- ein Staat inszeniert Geschichte; in: Maske und Kothurn, Wien 2003, S. 179

[8] ebd. S.181

[9] Modern Austrian Literature. Journal of the International Arthur Schnitzler Association, Vol. 32, No.4, 1999 (Special Issue: Austria in Film), S.311

[10] B. Hochholdinger- Reiterer: „Scherz- Sexismus- Sciencefiction. 1. April 2000- ein Staat inszeniert Geschichte; in: Maske und Kothurn, Wien 2003, S.180

[11] 1. April 2000, 0:22:05; zitiert wird aus der 101-minütigen Fassung, vom Filmarchiv Austria neu restauriert und auf DVD erschienen, Edition der Standard, 2006

[12] Rebhandl, B.: Österreich. In Scherzhaft; in: Berliner Zeitung, 1.4.2000, S. 13

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Was nicht passt, wird passend gemacht. Zur Konstruktion österreichischer Geschichte im Staatsfilm "1. April 2000"
Hochschule
Universität zu Köln  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
Heimat in der Moderne? Der deutsche Heimatfilm der 1950er Jahre
Note
befriedigend
Autor
Jahr
2007
Seiten
24
Katalognummer
V126748
ISBN (eBook)
9783640327119
ISBN (Buch)
9783640327553
Dateigröße
482 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Konstruktion, Geschichte, Staatsfilm, April
Arbeit zitieren
M.A. Tanja Gawlich (Autor:in), 2007, Was nicht passt, wird passend gemacht. Zur Konstruktion österreichischer Geschichte im Staatsfilm "1. April 2000", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/126748

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