Philosophie Reflexion von Staat und Politik

Hannah Arendts Begriff des Politischen und die Kritik des Totalitarismus


Hausarbeit, 2009

20 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zentrale Begriffe
2.1 Totalitarismus
2.2 Politik

3. Hannah Arendt
3.1 Kritik des Totalitarismus
3.2 Der Begriff des Politischen

4. Fazit: Die Beziehung zwischen beiden Begriffen

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Konfrontiert man sich dieser Tage mit den Medien, so drängt sich einem unwill-kürlich der Eindruck auf, dass die globalisierte Welt aus den Fugen geraten ist. Vor den, mittlerweile leider zur Routine gewordenen, Berichten über Kriege, Konflikte und Verbrechen rangieren zur Zeit die Nachrichten, welche die aktuelle Welt-Finanzkrise zum Gegenstand haben, oftmals auf Platz eins. Kurz: Negative Nachrichten bestimmen weitestgehend die Berichterstattung und prägen somit auch die Wahrnehmung derjenigen, von denen sie konsumiert werden. Stärker als in „normalen“ Zeiten werden in der Krise die verantwortlichen politischen Akteure, die Politik, das Politische insgesamt auf den Prüfstand gestellt. Die Wertschätzung des Politischen in einer Gesellschaft ist nämlich abhängig von seiner Darstellung und Wahrnehmung. Der Grad an Politikverdrossenheit der Bürger und die Einschätzung der Problemlösungskompetenz der politisch Verantwortlichen sind hierfür die maßgeblichen Indikatoren.

In welchem Zusammenhang steht dies alles mit der Kritik des Totalitarismus und dem Begriff des Politischen von Hannah Arendt? Die totalitären Regime Stalins Hitlers, welche im Mittelpunkt von Hannah Arendts Totalitarismus-Betrachtung stehen, konnten, meines Erachtens nach, nur durch eine Mobilisierung der Massen ermöglicht und aufrecht erhalten werden. Diese Mobilisierung wiederum basierte auf einem Konglomerat, bestehend aus der geschickten Manipulation der Wahrnehmung geschichtlicher, politischer und sozialer Verhältnisse. Wenngleich die damaligen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Rahmen-bedingungen schwerlich mit den heutigen verglichen werden können,[1] so muss doch in Rechnung gestellt werden, dass jegliche Form von Herrschaft auf Gedeih und Verderb an ihre Wahrnehmung durch die Masse gekoppelt zu sein scheint und dass diese sich jederzeit wieder zu Ungunsten des bestehenden Systems ändern kann. Das Politische beeinflusst diese Wahrnehmung wesentlich und ist somit zwangsläufig im positiven wie negativen Sinne für die Genese, den Erhalt und den Fall von Herrschaft jeglicher Art mitverantwortlich.

Die, gemäß Hannah Arendt, jederzeit mögliche Etablierung totaler Herrschaft (vgl. Barley, 1990, S. 27) muss demzufolge verknüpft mit der Darstellung und der Wahrnehmung des Politischen gedacht werden. Hannah Arendt, eine 1906 in Han­nover geborene Jüdin, war eine Denkerin, die diesen Zusammenhang zwischen dem Politischen und totaler Herrschaft aufgearbeitet hat. Zu Beginn des Dritten Reiches im Widerstand tätig, emigrierte sie nach Festnahme und Flucht in die USA. Wesentlich beeinflusst wurde ihr Denken unter anderem von Martin Heidegger und Karl Jaspers. Ihr Werk „Origins of Totalitarianism“, das 1955 unter dem Titel „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ auch in deutsch erschien, machte sie über Nacht weltberühmt (vgl. Wagenknecht, 1995, S. 7 ff.). Da Arendt sich in ihren nachfolgenden Werken, oftmals unter Bezugnahme auf ihre Totalitarismus Erkenntnisse, ausführlich dem Politischen widmete, stellt sich die Frage in welcher Beziehung beide Begriffe, bei Arendt, zueinander stehen.

Delbert Barley schrieb über sie: „Hannah Arendts Besonderheit und andauernde Aktualität liegen in der Beharrlichkeit, mit der sie selbstverständlich gewordene Begriffe in Frage stellt ... .“. ( Barley, 1990, S. 10). Eben wegen diesem „in Frage stellen“, sollen zunächst unter Rückgriff auf Sekundärliteratur und Fachlexika Definitionen für die beiden Begriffe Totalitarismus und Politik dargestellt werden. Einerseits sollen dadurch Bezugspunkte geschaffen werden, an denen sich die in den nachfolgenden Kapiteln dargelegte politisch-philosophische Betrachtungen Hannah Arendts vergleichend anlegen lassen. Andererseits soll der Blick auf das „spezifisch Abweichende“ im Denken Hannah Arendts ermöglicht werden. Abschließend werden anhand der erarbeiteten Ergebnisse die Haupt-berührungspunkte zwischen dem Totalitarismus und dem Politischen dargestellt.

2. Zentrale Begriffe

2.1 Totalitarismus

Eine theoretisch befriedigende, die historischen Unterschiede nicht verwischende Totalitarismustheorie ist noch nicht gefunden (vgl. Vollnhals, 2006, S. 27). Worauf beruht diese Einschätzung von Clemens Vollnhals? Zunächst einmal bleibt festzu-stellen, dass zumindest bezüglich der begrifflichen Genese Übereinstimmung zu herrschen scheint. Giovani Amendola, der 1923 als erster den Faschismus als „to-talitäres System“ beschrieb und Lelio Basso, dem 1925 die Substantivierung des Adjektives zugeschrieben wird, können als Väter des Begriffs bezeichnet werden. Berühmtheit erlangte das Wort „totalitär“ durch seine Verwendung in Mussolinis Rede vom 22. Juni 1925, die er anlässlich des 4. Kongresses der national-faschistischen Partei hielt ( vgl. Benoist, 2001, S. 96).

Je nach politischem oder ideologischem Betrachtungswinkel variieren Konzep-tualisierung und Kritik des Totalitarismusbegriffs. Clemens Vollnhals führt aus, dass die frühen Auseinandersetzungen mit dem Phänomen Totalitarismus zumeist einen Vergleich bzw. die Gleichsetzung von Faschismus und Bolschewismus zum Gegenstand hatten. Den Betrachtungen gemeinsam war der Verweis auf die Ein-parteienherrschaft und brutale, willkürliche diktatorische Methoden der Machtha-ber. Der Bolschewismus wurde, vor allem von den deutschen Sozialisten, „totaler“ eingestuft als der Faschismus. Waldemar Gurian subsummierte erstmals beide Ismen unter dem Begriff Totalitarismus, unterschied aber bezüglich des Grades an Totalität, da der Faschismus in Italien der Kirche, untypisch für ein totalitäres System, einen Freiraum einräumte. Gurian machte die Massengesellschaft und die Säkularisierung für das Aufkommen totalitärer Systeme verantwortlich.[2] Max Lerner stellte 1935 den totalen Herrschaftsanspruch und die Herrschaftstechniken in den Mittelpunkt einer ersten wissenschaftlich-systematischen Auseinandersetzung mit dem Totalitarismusbegriff.

Der Bewegungscharakter, eine von einem Führer bestimmte Ideologie, die Beseiti-gung der parlamentarischen Demokratie durch eine Terrorherrschaft, die Ver-schmelzung von Partei und Staat, totale Kontrolle über alle Kommunikationsmittel und das Erziehungswesen, das Führerprinzip und der Einsatz von Massenpropa-ganda wurden von ihm als Gemeinsamkeiten der faschistischen und kommunisti-schen Regime herausgearbeitet. Den Nationalsozialismus trennte Lerner nicht vom Faschismus, da er den ideologischen Differenzen, die sich zum Zeitpunkt der Ana­lyse noch nicht in der physischen Judenvernichtung durch die Nationalsozialisten zeigten, nicht das entsprechende Gewicht einräumte. Nach dem Beitritt der Sowjetunion zur Anti-Hitler-Koalition wurden Totalitarismuskonzeptionen verfasst, die den Bolschewismus / Stalinismus in der Betrachtung außen vor ließen. (vgl. Vollnhals, 2006, S. 21 ff.).[3]

Carl J. Friedrichs klassisches Totalitarismuskonzept beschreibt Totalitarismus als „Bezeichnung für eine Form der – Herrschaft, die – Gesellschaft und Individuen einer totalen, weder durch – Grundrechte noch – durch Gewaltenteilung be-schränkten Kontrolle unterwerfen will. Idealtypisch charakterisiert den T. (1) eine umfassende, alle Lebensbereiche vereinnahmende Ideologie, (2) ein hierarchisch aufgebauter, auf einen Führer ausgerichteter Staatsapparat, der (3) von einer – Ein-heitspartei beherrscht wird, (4) eine von Staat und Partei gelenkte Wirtschaft, (5) die Steuerung und Zensur der Medien, (6) Militarisierung der Gesellschaft und (7) Ausgrenzung und systematischer Terror gegen angeblich systemzersetzende Kräfte ... .“ (Nohlen/Schultze, 2005, S. 1034 f.).

Diese Definition ermöglicht die Zusammenfassung von Faschismus, Kommunismus und Nationalsozialismus unter dem Totalitarismusbegriff und soll für die nachfolgenden Betrachtungen von Hannah Arendt als Bezugspunkt dienen.

In einem Spannungsverhältnis zu Friedrichs Konzeption, gemäß der die post-stali-nistischen Regime mangels vergleichbarem Terror nur als post-totalitär bezeichnet werden können, stehen die Totalitarismusbetrachtungen jüngeren Datums. Diese gehen von einem Konzept der totalen Kontrolle aus und sprechen dem Massenterror keine konstitutive Bedeutung in der herrschaftstechnischen Umsetzung des neuen Systems zu. Die Konzeption der totalen Kontrolle beinhaltet die Monopolisierung von Entscheidungsmacht in einem Führungszentrum, die unbegrenzte Reichweite der Entscheidungen des politischen Systems sowie die prinzipiell unbegrenzte Intensität der Sanktionen (einschließlich des Terrors), Diese Konzeption erlaubt z. B. die Einstufung der ehemaligen DDR als totalitär (vgl. Vollnhals, 2006, S. 26 f.).

2.2 Politik

Eine Definition wie die Nachfolgende lässt sich bei Hannah Arendt nicht finden. Achim Wagenknecht vermutet, dass ihr derartige Formulierungen schlicht zu trivial gewesen sein könnten. Er selbst definiert das Politische wie folgt:

Das Politische besteht in der Menge aller Vorgänge, bei denen eine Vielheit von Menschen, die je irgend etwas Individuelles wollen, sich an einem Ort versammelt, um miteinander zu sprechen und sich schließlich auf ein Gemeinsames zu einigen (vgl. Wagenknecht, 1995, S. 33). Da Arendts Begriff des Politischen über eine solche Definition nur bedingt greifbar ist, halte ich es für notwendig, zum besseren Verständnisses der nachfolgenden Ausführungen einen kurzen Exkurs über das kantianische Modell politischer Ethik einzuflechten.

Eine praktische Orientierung für politisches Handeln[4] zu geben ist eine Aufgabe der politischen Ethik, die sich aus diesem Grunde mit der Begründung und Formu-lierung moralischer Normen befasst. Politische Ethik entfaltet sich, sofern es mit dem interessengeleiteten Handlungen realer Menschen zu tun hat, erst im wechsel- seitigen und spannungsvollen Verhältnis von Moral und Politik. Von Bedeutung ist heute noch das kantianische Modell politischer Ethik. Es trennt prinzipiell zwischen moralischen Normen und der Faktizität des Handelns. Die Normen sind hierbei regulative Prinzipien für das Handeln. Menschenrechtsnormen sind solche Prinzipien. Sie sollen politisches Handeln leiten, sind aber selbst nicht politisch, sondern naturrechtlich, theologisch oder metaphysisch begründet (vgl. Nohlen, 2004, S. 736 f.).

3. Hannah Arendt

3.2 Die Kritik des Totalitarismus

In ihrem Werk, „Elemente und Ursprünge[5] totaler Herrschaft“ setzt sich Hannah Arendt mit dem Phänomen des Totalitarismus auseinander. Die Reaktionen auf Hannah Arendts Werk fielen höchst unterschiedlich aus. Der Hauptvorwurf ent-zündete sich an der, dem Werk unterstellten, mangelnden wissenschaftlichen Ob-jektivität. So wurde es unter anderem als Ergebnis eines emotionalen Schocks be-zeichnet, das nicht zur Verallgemeinerung geeignet sei (vgl. Barley, 1990, S. 27 ff.). Dem entgegen spricht Arendts langjähriger Freund Karl Jaspers von einem Buch, das wegen seiner Großartigkeit keiner weiteren Empfehlung bedarf. (vgl. Arendt, 2008, S. 11). Hannah Arendt erwiderte einem ihrer Kritiker, dass sie von Fakten und Ereignissen anstatt von intellektuellen Affinitäten und Einflüssen ausgehe (vgl. Barley, 1990, S. 28). Diese Erwiderung verdeutlicht einen Charakterzug, der sie Zeit ihres Lebens kennzeichnete; sie praktizierte ein radikal unabhängiges, von jeglicher Schubladen- und Schulzuordnung freies Denken (vgl. Arendt, 2006, S. 9).

Der erste Teil des Buches beschäftigt sich mit dem Antisemitismus. Dieser, so Arendt, sei weder Ausdruck einer kontinuierlichen, seit dem Mittelalter andauern-den Judenverfolgung noch Ergebnis einer Verschwörungstheorie, die eine die Weltherrschaft anstrebende jüdische Geheimgesellschaft zum Gegenstand hat. Die Autorin geht von einem prinzipiellen Unterschied zwischen Judenhass, den es im-mer gab, und einem politisch und ideologisch motivierten Antisemitismus, der erst im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts in Form von Antisemitismus-Parteien auf-kam, aus.

[...]


[1] Exemplarisch sei hier auf den Unterschied zwischen der schwachen Demokratie der Weimarer Republik und der doch relativ gefestigten der Bundesrepublik Deutschland verwiesen.

[2] Gurian, den Arendt als kompromisslosen Realisten beschreibt (vgl. Arendt, 2001, S. 316) schließt den Faschismus aus o. a. Grund aus. Hannah Arendt, die den Faschismus zwar auch nicht den totalen Herrschaftsformen zu rechnet, zielt im Gegensatz zu Gurian hauptsächlich in ihrer Begründung auf die Entfaltung des Terrors gemessen an den Todesopfern ab (vgl. Arendt, 2008, S. 664, Fußnote 11)

[3] Zu vermuten bleibt, dass dies aus politischem Kalkül geschah, um den Verbündeten nicht mit dem Feind in einen Topf zu werfen. Alain de Benoist greift diese Thematik auf und spricht von einem „moralischen Kredit“, den die Sowjetunion aus ihrem Kriegsbündnis mit dem Westen gezogen hat (vgl. Benoist, 2001, S. 81 f.).

[4] Das Handeln ist für Hannah Arendt die politische Tätigkeit schlechthin (vgl. hierzu Kapitel 3.2 dieser Arbeit).

[5] Ursprünge, sind für Hannah Arendt vorbereitende Bedingungen die eine Kette von Ereignis-sen ermöglichen. Sie versteht diese nicht als Kausalfaktoren im strengen Sinne (vgl. Barley, 1990, S. 23, Fußnote 11).

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Philosophie Reflexion von Staat und Politik
Untertitel
Hannah Arendts Begriff des Politischen und die Kritik des Totalitarismus
Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
20
Katalognummer
V126796
ISBN (eBook)
9783640332397
ISBN (Buch)
9783640332380
Dateigröße
484 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Unter Rückgriff auf griechische Vorbilder gewinnt H. Arendt einen emkphatischen Begriff politischen Handelns, der als "Neu-Anfangen-Können", als Freiheit bestimmt wird. Dies wird ebenso treffend und kenntnisreich dargestellt wie auch die zeitkritischen Konsequenzen, die Arendt in Bezug auf die Wesenselemente des Totalitarismus daraus zieht. Insbesondere der Teil über den Totalitarismus ist ausführlich, genau und mit urteilssicheren Seitenbemerkungen versehen. Die Abschlussdiskusion eröffnet weiterführende Perspektiven. (Kommentar des Dozenten)
Schlagworte
Arendt, Hannah, Totalitarismus, Philosophie, Totalitarismuskritik, Gewalt
Arbeit zitieren
Thomas Frank (Autor:in), 2009, Philosophie Reflexion von Staat und Politik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/126796

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