„Aufgabe einer Gerechtigkeitstheorie ist es, die Verteilungsprinzipien zu formulieren, die eine gerechte Verteilung ermöglichen, und eine Rechtfertigung dieser Grundsätze zu entwickeln“ (Kersting 1993, S.28).
Aber was ist Gerechtigkeit und wie können Theorien darüber praktisch angewendet werden? Der Begriff der Gerechtigkeit ist einer der umstrittensten der praktischen Philosophie, wobei Einigkeit darüber herrscht, dass er intersubjektiv, also dem Bewusstsein verschiedener Personen gemeinsam, aufzufassen ist. Durch diese Tatsache behandeln alle wissenschaftlichen Disziplinen, die sich mit dem Zusammenleben von Individuen beschäftigen, das Thema Gerechtigkeit. Dabei stehen verschiedene Sachverhalte im Mittelpunkt der Betrachtung, die als gerecht oder ungerecht beurteilt werden können: einzelne Handlungen, Handlungszusammenhänge, Haltungen, Personen, Regeln oder auch Institutionen (vgl. Mazouz 2006: 371).
Eine mögliche Beschreibung des Begriffes Gerechtigkeit ist die Theorie von John Rawls „Gerechtigkeit als Fairness“ (Rawls 1975: 19). Diese Theorie wird in dem ersten Kapitel vorgestellt und in einem Fazit auch kritisch hinterfragt. In einem zweiten Kapitel wird die aktuelle Situation von Schülern mit Migrationshintergrund dargestellt. Dazu werden zunächst rechtliche und strukturelle Grundlagen beschrieben und anschließend anhand von aktuellen Forschungsberichten aus Deutschland die Situation genauer abgebildet. Diese sind jedoch nur beispielhaft und erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Das dritte Kapitel wird sich zunächst mit der Frage beschäftigen, ob das deutsche Bildungssystem in Anlehnung an die Gerechtigkeitstheorie von Rawls gerecht oder ungerecht in Bezug auf Schüler mit Migrationshintergrund ist. Dabei wird das Bildungssystem im engeren Sinne gesehen und mit dem Schulsystem gleichgesetzt. Der Vorschulbereich sowie die beruflichen Weiter- und Fortbildungen werden dabei nicht berücksichtigt. Bestätigt sich meine These, dass das deutsche Schulsystem in Bezug auf Migranten ungerecht ist, so wird weiterhin ein Bildungssystem konstruiert, wie es nach der Theorie „Gerechtigkeit als Fairness“ gestaltet müsste.
Inhaltsverzeichnis
1 GERECHTIGKEIT ALS FAIRNESS NACH JOHN RAWLS
1.1 DER URZUSTAND
1.2 DIE GRUNDPRINZIPIEN
1.2.1 Das Freiheitsprinzip
1.2.2 Das Differenzprinzip
1.3 FAZIT
2 DIE BILDUNGSSITUATION VON SCHÜLERN MIT MIGRATIONSHINTERGRUND
2.1 DAS RECHT AUF BILDUNG
2.2 SELEKTION DURCH STRUKTURELLE RAHMENBEDINGUNGEN
2.2.1 Die Struktur des deutschen Schulsystems
2.2.2 Bedeutung der Strukturen für Migranten
2.3 AKTUELLE FORSCHUNGSERGEBNISSE
2.3.1 Bildungsbericht 2008
2.3.2 Zwölfter Kinder- und Jugendbericht
2.3.3 Dritter Armuts- und Reichtumsbericht
2.4 FAZIT
3 DIE SITUATION DER SCHÜLER MIT MIGRATIONSHINTERGRUND IN DER DISKUSSION MIT DER GERECHTIGKEITSTHEORIE VON JOHN RAWLS
3.1 IST DAS DEUTSCHE SCHULSYSTEM NACH DER THEORIE VON RAWLS GERECHT?
3.2 AUFBAU EINES GERECHTEN SCHULSYSTEMS IN ANLEHNUNG AN DIE GERECHTIGKEITSTHEORIE VON RAWLS
3.3 FAZIT
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Bildungssituation von Schülern mit Migrationshintergrund in Deutschland auf Basis der Gerechtigkeitstheorie von John Rawls. Ziel ist es, die strukturelle Bildungsungerechtigkeit im deutschen Schulsystem kritisch zu analysieren und mögliche Reformansätze im Sinne des Konzepts „Gerechtigkeit als Fairness“ zu diskutieren.
- Grundlagen der Gerechtigkeitstheorie nach John Rawls
- Strukturelle Barrieren im deutschen Schulsystem
- Empirische Analyse der Bildungschancen von Schülern mit Migrationshintergrund
- Diskussion von Bildungsungerechtigkeit im interkulturellen Kontext
- Entwurf eines gerechten Schulmodells
Auszug aus dem Buch
2.2 Selektion durch strukturelle Rahmenbedingungen
Der Aufbau des deutschen Bildungs- bzw. Schulsystems stellt bereits die Grundlage für eine Segregation dar, indem leistungsschwächeren Schülern (meist aufgrund von Sprachdefiziten auch Migranten) bereits früh die Möglichkeit der Förderung entzogen wird (vgl. Auernheimer 2007: 85).
Die frühe Trennung der Bildungswege verringert die Chance für Schüler mit ungünstigen Eingangsvoraussetzungen, wozu auch die Kinder mit Migrationshintergrund gezählt werden, Rückstände gegenüber den Altersgleichen aufzuholen. Die Differenzierung in die verschiedenen Schulformen hat negative Auswirkungen auf das Lernverhalten, da gerade förderbedürftige Schüler in „ein ungünstiges Entwicklungsmilieu“ (Auernheimer 2007: 91), wie z.B. die Hauptschule, weitervermittelt werden. Durch diese Trennung werden soziale Zuschreibungen seitens der Gesellschaft verfestigt und von den Schülern internalisiert, was einher geht mit sozialer Segregation (vgl. Auernheimer 2007: 91).
Auernheimer (2007) geht in diesem Zusammenhang auch auf den Einwand ein, dass „jedes Bildungssystem sozial selektiv sei“ (Auernheimer 2007: 91). Dem begegnet er mit den Ergebnissen der PISA-Studien, die zeigen, dass in Deutschland die Kluft zwischen den Leistungsniveaus besonders groß und vor allem eng mit sozialer und ethnischer Herkunft verbunden ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1 GERECHTIGKEIT ALS FAIRNESS NACH JOHN RAWLS: Vorstellung der kontraktualistischen Gerechtigkeitstheorie von Rawls, insbesondere des „Urzustandes“ und der beiden Gerechtigkeitsprinzipien.
2 DIE BILDUNGSSITUATION VON SCHÜLERN MIT MIGRATIONSHINTERGRUND: Detaillierte Betrachtung der strukturellen Bedingungen und empirischen Studien zur Bildungsbeteiligung von Schülern mit Migrationshintergrund in Deutschland.
3 DIE SITUATION DER SCHÜLER MIT MIGRATIONSHINTERGRUND IN DER DISKUSSION MIT DER GERECHTIGKEITSTHEORIE VON JOHN RAWLS: Kritische Evaluation des deutschen Schulsystems anhand von Rawls’ Theorie sowie Konstruktion eines gerechteren Bildungsmodells.
Schlüsselwörter
Bildungsgerechtigkeit, John Rawls, Migrationshintergrund, Schulsystem, Chancengleichheit, Urzustand, Selektion, Segregation, PISA-Studie, Bildungsarmut, Differenzprinzip, Bildungsbericht, Sozialisation, Gerechtigkeit als Fairness, Bildungschancen
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Bildungssituation von Schülern mit Migrationshintergrund in Deutschland und bewertet diese kritisch unter dem Blickwinkel der Gerechtigkeitstheorie „Gerechtigkeit als Fairness“ von John Rawls.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder umfassen die politische Philosophie der Gerechtigkeit, die Analyse des deutschen Schulaufbaus, aktuelle empirische Bildungsberichte sowie die soziologische Debatte über Segregation und Chancengleichheit.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das primäre Ziel besteht darin, aufzuzeigen, dass das deutsche Schulsystem hinsichtlich der gerechten Verteilung von Bildungschancen für Schüler mit Migrationshintergrund erhebliche Mängel aufweist, und ein gerechteres Schulmodell zu skizzieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine theoretisch-analytische Methode, indem sie philosophische Theorien auf reale bildungspolitische Daten und Befunde anwendet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der Rawls’schen Theorie, die Auswertung aktueller Bildungsforschung und die direkte Diskussion der Gerechtigkeitsfrage mit Blick auf die deutsche Schulpraxis.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Begriffe wie Bildungsgerechtigkeit, Migrationshintergrund, Urzustand, Chancengleichheit und Selektion stehen im Zentrum der wissenschaftlichen Argumentation.
Wie bewertet die Autorin den "Schleier des Nichtwissens" in der Schule?
Sie kommt zu dem Schluss, dass der "Schleier des Nichtwissens" im deutschen Schulsystem aufgrund der frühen Leistungsselektion und Notenvergabe in der Grundschule faktisch nicht existiert.
Welche konkreten Reformvorschläge werden genannt?
Die Autorin schlägt unter anderem die Abkehr vom dreigliedrigen Schulsystem hin zu einer Einheitsschule sowie die Einführung von einheitlicher Schulkleidung und kostenfreien Schulmahlzeiten vor, um soziale Statusunterschiede zu minimieren.
- Citation du texte
- Sabrina Wolfframm (Auteur), 2009, Bildungs(un)gerechtigkeit in Deutschland, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/126886