Die Identitätsproblematik in Azouz Begags „Le Gone du Chaâba“


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

14 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Die Beurs in Frankreich: Begriffklärung, Entwicklung und Identität
1.1 Beur Kultur: Entstehung einer Littérature Beur

2. Begags Le Gone du Chaâba
2.1. Identitätsproblematik in Le Gone du Chaâba

3. Zusammenfassung

4. Bibliographie

Einleitung

Azouz Begag, Autor zahlreicher Romane und Erzählungen, sowohl für Erwachsene als auch für Kinder, ist zweifelsohne einer der bekanntesten Vertreter der Littérature Beur. In vielen seiner Romanen scheint er seine eigenen Erfahrungen als Kind algerischer Eltern, aufgewachsen in einem Bidonville Lyons, verarbeiten zu wollen. So wird sein Werk Le gone du Chaâba auch häufig als autobiographischer Roman klassifiziert.[1] In seinen Werken thematisiert er die verschiedensten Probleme der Einwanderungskinder, wie beispielsweise das Leben im Ghetto, Rassismus, Arbeitslosigkeit, aber ebenso das Thema der Identitätsproblematik, der Transkulturalität und der Selbstfindung.

Dies wird auch in seinem Roman Le Gone du Chaâba deutlich, in welchem der kleine Azouz seine Identität je nach Situation immer neu definieren muss, um zu beiden Kulturen, der französischen, sowie auch der Algerischen dazuzugehören, und so seinen eigenen Platz in der Gesellschaft zu finden. Aber wie genau spiegelt sich diese Identitätsproblematik in Le Gone du Chaâba wieder? Und inwieweit stellt das Werk eine realistische Wiederspiegelung der Identitätsfindung und –bildung eines bi-kulturellen Jugendlichen dar.

1. Die Beurs in Frankreich: Begriffklärung, Entwicklung und Identität

Um ein Verständnis für diese Zerrissenheit Azouz’ zwischen den beiden Kulturen zu entwickeln, ist es wichtig zuallererst einen Blick auf die Entwicklung der Génération Beur[2] in Frankreich zu werfen.

Die Anfänge der dieser Sub-Kultur liegen in den 1970ern. Dabei handelt es sich um eine neue Generation von, in Frankreich geborener Jugendlicher nordafrikanischer Eltern, die sich sowohl mit der französischen als auch mit der maghrebinischen Kultur zu gleichen Teilen identifizierten, also als zweiheimisch oder bi-kulturell bezeichnet werden könnten. Jedoch könnte auch das genaue Gegenteil behauptet werden, das heißt dass diese Jugendlichen der neuen Generation weder zu der einen, noch zu der anderen Kultur gehören. Dies wird auch in Mehdi Charefs Roman Le thé au harem d’Archi Ahmed deutlich, wenn die Identität des Protagonist, Madjid, Sohn algerischer Immigranten, erläutert wird:

„Madjid se rallonge sur son lit, convaincu qu'il n'est ni arabe ni francais depuis bien longtemps. Il est fils d'immigres, paume entre deux cultures, deux histoires, deux langues, deux couleurs de peau, ni blanc ni noir, a s'inventer ses propres racines, ses attaches, se les fabriquer “ [3]

Da die Jugendlichen mit beiden Kulturen konfrontiert werden, können sie dieser Zerrissenheit nicht entkommen. So kommen sie in der Schule mit der französischen Kultur in Kontakt und zuhause mit der Maghrebinischen.

Diese Abgrenzung von beiden Kulturen wird auch durch die Erfindung des Wortes Beur verdeutlicht, welches von den Jugendlichen benutzt wurde um ihre eigene Identität darzustellen; eine andere Identität als die ihrer Eltern oder jene ihrer französischen Mitschüler. Das Wort Beur ist ein Verlan- Ausdruck des Wortes Arabe („rabeu“ - „beur“). Verlan bezeichnet eine Art Slang, bei welchem die erste und die letzte Silbe vertauscht werden. Die Anfänge des Verlan sind in der französischen Unterwelt zu finden, hier wurde es benutzt um kriminelle Aktivitäten verschleiern zu können.[4] In den 70er Jahren gewann dieser Slang allerdings bei den Jugendlichen nordafrikanischer Eltern in den Pariser Banlieues immer mehr an Beliebtheit. So vereint dieser Begriff wiederum beide Kulturen, einerseits wird ein französischstämmiger Slang zur Bildung des Wortes benutzt, andererseits beschreibt das Wort den ethnischen Hintergrund der Jugendlichen. Allerdings wurde das Wort nicht lediglich zur Abgrenzung und Erfindung einer neuen Identität verwendet, sondern ebenso um dem Begriff Arabe, der unter Francofranzosen eine eher negative Konnotation mit sich trug, zu entkommen.

Allerdings erhielt der Begriff Beur in den 80er Jahren schnell dieselben negativen Konnotationen, indem er immer häufiger in den Medien auftauchte und somit auch Einzug in die französische Gesellschaft erhielt. So ersetzte der Begriff schnell die Benutzung des Wortes Arabe, und wurde mit Worten, wie Armut oder Ghettoisierung gleichgesetzt. Diese negativen Konnotationen, welche die Francofranzosen den maghrebinischen Immigranten und ihren Kindern gegenüber entgegenbrachten, entstanden allerdings erst im Zuge der Massenarbeitslosigkeit der 70er Jahre, welche, die bis zu diesem Zeitpunkt erfolgende ökonomische und politische Integration der Migranten schlagartig beendete.[5] Die Migranten und ihre Kinder waren durch die Arbeitslosigkeit, die offene Diskriminierung und den Rassismus, der ihnen durch diese Situation gegenüber gebracht wurde, gezwungen in immer ärmlicheren Verhältnissen zu leben, welche somit auch immer mehr zu sozialen Problemen führte. So hatten die Migranten, die zuallererst in den 60er Jahren ohne ihre Familien als Arbeiter nach Frankreich gekommen waren und bereits in ärmlichsten Verhältnissen in Vororten, den Banlieues oder Bidonvilles lebten, keine Chance in den 70er Jahren als ihre Familien nachkamen, aus diesem Milieu aufzusteigen. Im Gegenteil, sie wurden sogar, trotz der Wohnungspolitik, welche die Lebensqualität der Familien in den Banlieues und den neuerbauten HLMs verbessern sollte, noch weiter in die Armut gezwungen, da durch die Massenarbeitslosigkeit von den Francofranzosen ein Klassenkampf betrieben wurde und bei Wohnungsvergaben europäische Mieter bevorzugt und Migranten „herausgefiltert“ wurden.[6]

So stieg durch diese Ablehnung und Zurückweisung der Jugendlichen maghrebinischer Herkunft auch die Jugendarbeitslosigkeit und der daraus resultierende Unmut, welcher sich in Gewalt und Kriminalität in den Banlieues und Bidonvilles, in denen die Migranten gezwungen waren zu leben, verwandelte.[7] Die Banlieues, am Stadtrand, außerhalb des Stadtinneren, symbolisieren deutlich diese Ablehnung oder Marginalisierung der Francofranzosen gegenüber der Migranten, die dort leben müssen und dies macht zweifelsohne die Identitätsbildung und Selbstwahrnehmung der Franco-maghrebinischen Jungendlichen nicht einfacher.

Durch diese schlechten Verhältnisse, den Klassenkampf und den immer stärker werdenden Rassismus der Francofranzosen gegen die Maghrebiner, entwickelte sich immer mehr Unmut unter den maghrebinischen Jugendlichen, so dass es bereits 1981 zu Krawallen in den Banlieues und Streiks der Immigranten kam. 1983 erreichte dieser Unmut den Höhepunkt mit dem „Marche pour l’égalité et contre le racisme[8], bei welchem die Jugendlichen mit dem Slogan „Vivre ensemble avec nos différences“ die gleichen Rechte forderten, welche auch ihre Francofranzösischen Altergenossen hatten.[9] Dieser Marche pour l’égalité war für die Franco-maghrebinischen Jugendlichen daher wichtig, weil sie so öffentlich und sichtbar in Erscheinung traten und sich so auch politisch äußerten um ihre Identität zu formen.

Bestärkt durch diesen ersten öffentlichen Auftritt der Jugendlichen, entstand in den nachfolgenden Jahren geradezu eine Beur Kultur, die einen wichtigen Teil zur Identitätsbildung der Jugendlichen beitrug. Ebenso war sie allerdings auch für die Francofranzosen bestimmt, um einen Einblick in das Leben der Einwandererkinder und deren Situation, sowie ein Verständnis für deren Zerrissenheit zu entwickeln.

1.1. Beur Kultur: Entstehung einer Littérature Beur

Nach dem Marche pour l’égalité wurden schnell auch andere Möglichkeiten benutzt um die Situation der Beurs öffentlich zu machen und der Gesellschaft vor Augen zu halten. So wurde beispielweise die Musik, sowie Hip Hop und Rap benutzt um Antirassismus und Zusammenhalt zu verbreiten.[10] Diese Form der Musik, welche zu dieser Zeit aus Amerika nach Europa herüberschwappte, wurde erst nach einiger Zeit von den Jugendlichen in den Vororten angenommen, hauptsächlich um auf ihren Alltag in den Banlieues, welcher von Rassismus, Kriminalität und Ungleichberechtigungen geprägt war, aufmerksam zu machen.

Eine der wichtigsten Formen dieser Verbreitung stellt allerdings die Littérature Beur da, welche in den 1980er Jahren ihre Blütezeit, mit fünf bis sechs Werken dieser Art pro Jahr, erlebte.[11] Die Autoren der Littérature Beur schilderten oft Erlebnisse in Anlehnung an ihre eigenen Erfahrungen und die Probleme sich in der französischen Gesellschaft zu integrieren.

Neben zahlreichen anderen wie Mehdi Charef oder Akli Tadjer wurde Azouz Begag zu einem der erfolgreichsten Schriftstellern dieser Bewegung und veröffentlichte mehr als 20 Werke. Begag selbst wurde im Jahr 1957 in Frankreich geboren, nachdem seine Eltern acht Jahre zuvor nach Frankreich emigriert waren. Seine Kindheit verbrachte er in den heruntergekommenen Bidonvilles von Lyon bis er 1966 mit seinen Eltern in eine Sozialwohnung in Croix-Rousse und 1969 in eine Hochhaussiedlung in den Banlieue von Lyon zog. Trotz seiner sozialschwachen Situation gelang ihm der Aufstieg, so dass er nach seiner erfolgreichen schulischen Laufbahn an die Universität in Lyon wechselte und dort 1984 in Wirtschaftswissenschaften und Soziologie promovierte. So wurden auch vor seinen zahlreichen Romanen etliche soziologische Studien veröffentlicht, die sich vor allem mit den Migranten, mit Rassismus und der Frage nach der sozialen Mobilität der Migranten beschäftigt.[12] Von 2005-2007 ist Begag sogar Ministre délégué à la promotion de l’égalité des chances unter Premierminister de Villepin. In dieser Zeit ist Begag genau für diese Angelegenheiten zuständig, welche in seinen Romanen thematisiert werden, die Gleichberechtigung, die Sensibilisierung der französischen Gesellschaft, sowie die Schaffung eines Bewusstseinsprozess um Vorurteile und Diskriminierung zu bekämpfen. Da sich Begag allerdings immer mehr vom damaligen Innenminister, Sarkozy, wegen dessen repressiver Politik nach den Unruhen im Jahre 2005, distanziert, tritt er 2007 aus der Politik zurück.

Zu dieser politischen Mitwirkung, kam es sicherlich nicht zuletzt nur durch seine soziologischen Beiträge, sondern ebenso durch seine Romane, beispielsweise Le Gone du Chaâba, welches in den nächsten Kapiteln näher beleuchtet werden soll.

[...]


[1] Vgl. Heiler, Susanne S.225

[2] Der Begriff Beur, wie er in dieser Ausarbeitung benutzt wird, soll keine negativen Konnotationen mit sich tragen, sondern beschreibt lediglich die maghrebinischen Jugendlichen der 2. oder 3. Generation, so wie es auch von ihnen intendiert war und hier der Einfachheit halber verwendet wird.

[3] Charef, Mehdi S.17

[4] vgl. Hargreaves Alec G. S.29

[5] vgl. Kimminich, Eva S. 506

[6] vgl. ebd S.509

[7] vgl. ebd S.508

[8] Kretzschmar, Sonja S. 117

[9] Lorcerie, Françoise S.35

[10] vgl. Kimminich, Eva S.517

[11] vgl Rothe, Arnold: Ausgabe 3/1996

[12] vgl Lane, Brigitte / Netter, Carola: Presentation d’Azouz Begag

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Die Identitätsproblematik in Azouz Begags „Le Gone du Chaâba“
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Institut für Romanische Sprachen und Literaturen)
Veranstaltung
Erzählte Welt aus Kinderaugen
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
14
Katalognummer
V127119
ISBN (eBook)
9783640335459
ISBN (Buch)
9783640335039
Dateigröße
473 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Identität, Identitätsfindung, Begag, Migration, Bi-Kulturalität, Migranten, Frankreich, Bidonville, Littérature Beur
Arbeit zitieren
Anja Benthin (Autor), 2008, Die Identitätsproblematik in Azouz Begags „Le Gone du Chaâba“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/127119

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