Die Forschungsfrage in dieser Arbeit lässt sich wie folgt formulieren: Welche Motive tauchen in der Darstellung Afrikas in den latein-christlichen Quellen Europas im Spätmittelalter auf? Und werden Motive, die sich nachweisen lassen, stringent das Spätmittelalter hindurch verwendet? Es können im Rahmen dieser Masterarbeit nicht alle Motive aufgezeigt und anhand des Quellenmaterials untersucht werden. Im Vordergrund sollen daher jene stehen, die am präsentesten sind; weniger prominente Motive werden an gegebener Stelle kurz angeführt, aber nicht ausführlich behandelt.
Für die Untersuchung müssen zunächst grundlegende Begriffe definiert werden, auch wenn sie vielleicht zunächst eindeutig erscheinen mögen. Der Europabegriff, der in der folgenden Arbeit verwendet wird, ist nicht analog zu dem uns heute bekannten Europa zu verstehen. Gemeint ist vielmehr das Kollektiv der Latein-Christen im Raum des heutigen Europas. Dieses Kollektiv ist zwar in verschiedene Reiche und Herrschaftsgebiete unterteilt, kann jedoch aufgrund der religiösen Homogenität, des ständigen Austausches und der Verbundenheit mit Rom als ein Kulturraum verstanden werden. Von dieser Annahme geht ein gewisser Verlust der Differenzierung aus, der jedoch im Rahmen der Möglichkeiten dieser Arbeit in Kauf genommen werden muss.
Auch wenn immer wieder sowohl in den Quellen als auch in der Literatur von Afrika die Rede ist, liegt der Fokus der Untersuchung vor allem auf dem Nord-Osten Afrikas. Dies ist vor allem den ausgewählten Quellen geschuldet, da diese primär den Norden und den Osten Afrikas thematisieren, obgleich nicht immer eindeutig ist, welcher Teil in den Quellen beschrieben wird, da die Namen der Regionen sehr divergent genutzt werden. Vor allem in Berichten von Autoren, die bekanntlich die Gegenden, von denen sie berichten, nie bereist haben, ist die Darstellung teilweise konfus und es kommt auch zu einer Vermischung von Elementen verschiedener Regionen. Es könnte argumentiert werden, dass offensichtlich fingierte Berichte aus dem Quellenkorpus gestrichen werden sollten, doch gerade solche Berichte spiegeln die Vorstellungen latein-christlicher Europäer in hohem Maße wider: Sie basieren nicht auf real gemachten Erfahrungen, sondern auf dem vorherrschenden Afrikabild und auf anderen Berichten.
Inhaltsverzeichnis
1) Einleitung
2) Methodisches Vorgehen
2.1) Methodik
2.2) Quellenkorpus
3) Geschichte der Beziehung zwischen Afrika und Europa
3.1) Antike
3.2) Früh- und Hochmittelalter
3.3) Nach den Kreuzzügen
4) Weltbilder im Spätmittelalter
4.1) Entstehung eines Weltbildes
4.2) Das Afrikabild im Spätmittelalter
5) Vorstellungen und Wissen der latein-christlichen Europäer über Afrika im Spätmittelalter
5.1) Geographische Vorstellungen
5.1.1) Aethiopia und Nubien
5.1.2) Der Nil
5.1.3) Die Mondberge
5.1.4) Das Klima
5.2) Adaption antiker Motive
5.2.1) Wundervölker und ‚Fabelrassen‘
5.2.2) Wundersame Tiere
5.2.3) Region der Antipoden
5.3) Biblische Elemente in der Rezeption Afrikas
5.3.1) Trias der Erdteilung an die Söhne Noahs
5.3.2) Suche nach dem irdischen Paradies: hortus delicarum
5.3.3) Die Heiligen Drei Könige
5.4) Ethnologische Motive
5.4.1) Die dunkle Hautfarbe
5.4.2) Eingebranntes Kreuz auf der Stirn
5.4.3) Grad der Zivilisierung der Fremden
5.5) Der Mythos des Priesterkönigs Johannes
6) Fazit
7) Ausblick
8) Quellenkorpus – Tabellarische Übersicht
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Wahrnehmung und das Afrikabild des latein-christlichen Europas im Spätmittelalter. Ziel ist es, die eurozentrischen Narrative und mythologischen Vorstellungen, die Afrika als fernen, exotischen Ort konstruierten, mittels einer imagologischen Quellenanalyse zu dekonstruieren und in den Kontext der globalen Vernetzung dieser Zeit zu setzen.
- Analyse der europäischen Imagologie und Fremdwahrnehmung von Afrika
- Untersuchung von geographischen, ethnologischen und biblischen Motivkomplexen
- Deutung der Rolle von Reiseberichten, Kartographie und Weltbildern
- Erforschung der Konstruktion des "Anderen" und der Rolle des Exotismus
- Einordnung des Mythos vom Priesterkönig Johannes in den politischen und ideologischen Kontext
Auszug aus dem Buch
1) Einleitung
„Of India Tertia [Africa] I will say this, that I have not indeed seen its many marvels, not having been there, but have heard them from trustworthy persons.“ Jordanus de Séverac beschreibt in diesem Ausschnitt seines Werkes Mirabilia descripta (ca. 1330), was er über Afrika zu wissen glaubt. Er präsentiert also, in dem er über Afrika berichtet, welches Afrikabild er hat. Er fasst zudem in seinem Zitat sehr gut das Problem der damaligen Beschreibung Afrikas im Spätmittelalter zusammen.
So steht Afrika vor allem für ein Region, bei der man wilde Phantasien imaginiert, um das fehlende Wissen auszugleichen. Das verdeutlicht vor allem die Aussage: „I have not indeed seen its many marvels.“ So war man sich zu der Zeit relativ einig, dass dort vor allem monströse und wunderliche Wesen und Tiere leben. Im nächsten Teilsatz führt Jordanus eine weitere Schwierigkeit an, die viele der Autoren des Spätmittelalters hatten: Die meisten von ihnen, die über diese fremde Region berichteten, waren selbst nie dort gewesen und beriefen sich nicht auf eigene Erfahrung, sondern u. a. auf die Berichte anderer, auf antike Autoren, mündliche Überlieferungen und Angaben der Bibel.
Inwiefern es damit zu einer Vermischung divergenter Motive kam, die ein homogenes Afrikabild verhinderten, wird die folgende Untersuchung zeigen. Die hier plakativ eingeführten Problematiken müssen vor allem bei der Analyse des Afrikabildes genauer betrachtet werden und sind Thema dieser Untersuchung.
Zusammenfassung der Kapitel
1) Einleitung: Die Einleitung beleuchtet anhand des Zitats von Jordanus de Séverac die zentralen Probleme der mittelalterlichen Afrikabeschreibung, insbesondere den Mangel an direkter Erfahrung und die daraus resultierende Vermischung von Fakten, phantastischen Motiven und antiken Überlieferungen.
2) Methodisches Vorgehen: Dieses Kapitel führt in die Imagologie als forschungsleitenden Ansatz ein und erläutert die Auswahl sowie die quellenkritische Einordnung des Quellenkorpus, das verschiedene Gattungen wie Weltkarten, Reiseberichte und Chroniken umfasst.
3) Geschichte der Beziehung zwischen Afrika und Europa: Dieser Abschnitt zeichnet die diachrone Entwicklung der Kontakte von der Antike über das Frühmittelalter bis hin zu den Kreuzzügen nach und widerlegt die Annahme, Afrika sei im Mittelalter isoliert gewesen.
4) Weltbilder im Spätmittelalter: Hier wird die Entstehung spätmittelalterlicher Weltbilder (imago mundi) erläutert, wobei betont wird, wie Informationskanäle wie Bibel und antike Autoren die Wahrnehmung des Unbekannten prägten.
5) Vorstellungen und Wissen der latein-christlichen Europäer über Afrika im Spätmittelalter: Das Hauptkapitel analysiert detailliert spezifische Motive wie Geographie (Nil, Mondberge), die Adaption antiker Fabelwesen, biblische Narrative (Söhne Noahs, Paradies) sowie den Mythos des Priesterkönigs Johannes.
6) Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und hebt hervor, dass kein homogenes Afrikabild existierte, sondern ein komplexes, diachron veränderliches Geflecht aus antiken Topoi und christlicher Deutung, das Afrika als Ort der Imagination bewahrte.
7) Ausblick: Der Ausblick identifiziert das Bedürfnis nach weiteren Forschungen auf Mikroebene sowie eine tiefergehende diachrone Untersuchung, um das Verständnis für die Komplexität dieser Wissensbestände zu vertiefen.
Schlüsselwörter
Afrika, Spätmittelalter, Imagologie, Fremdwahrnehmung, Priesterkönig Johannes, Fabelwesen, Geographie, Nil, Paradies, Noachiden, Christentum, Reiseberichte, Weltkarte, Quellenkorpus, Exotismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das Bild des afrikanischen Kontinents im latein-christlichen Europa des Spätmittelalters, wobei der Fokus auf den zugrunde liegenden Narrativen und mythologischen Vorstellungen liegt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind die geographischen Vorstellungen, antike und biblische Motive (wie die Noachiden oder das Paradies), die Faszination für Fabelwesen und Wundervölker sowie die Figur des Priesterkönigs Johannes.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit fragt, welche Motive in der Darstellung Afrikas in latein-christlichen Quellen auftauchen und ob diese Motive im Verlauf des Spätmittelalters stringent verwendet wurden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird der Forschungsansatz der Imagologie angewandt, bei dem es um das Decodieren von Bildern des "Anderen" in schriftlichen und visuellen Quellen geht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil (Kapitel 5) erfolgt eine detaillierte, motivorientierte Analyse von geografischen, ethnologischen und biblischen Elementen, die das europäische Afrikabild maßgeblich formten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Typische Begriffe sind Imagologie, Afrikabild, Spätmittelalter, Fremdwahrnehmung, Mythenbildung und der Priesterkönig Johannes.
Welche Rolle spielten die Heiligen Drei Könige in der Afrikawahrnehmung?
Die Figur des jüngsten Königs (Kaspar) wurde im Spätmittelalter zunehmend als Repräsentant Afrikas "afrikanisiert", was den Versuch widerspiegelt, den Kontinent in die christliche Heilsgeschichte zu integrieren.
Warum blieb Afrika trotz Informationen oft ein Ort der Imagination?
Da Wissen weitgehend durch antike Autoritäten und Buchwissen statt durch eigene Reiseerfahrung vermittelt wurde, füllten die Europäer "weiße Flecken" auf der Landkarte mit phantastischen Wundererzählungen aus der Literatur.
- Citar trabajo
- Jil Löbbecke (Autor), 2020, Motive des Afrikabildes des latein-christlichen Europas im Spätmittelalter, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1271521