Judenfeindschaft in der Frühen Neuzeit

Entwicklungen bis ins 17. Jahrhundert und der Frankfurter Fettmilch-Aufstand


Examensarbeit, 2009
60 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung und Terminologie: Judenfeindschaft oder Antisemitismus?

2. Die Geschichte der Judenfeindschaft
2.1. Die Lage der Juden in der Antike – Toleranz und Abgrenzung
2.2. Juden im Mittelalter – Nachbarschaft und Gottesmord
2.3. Antijüdische Legenden im Spätmittelalter und der Frühen Neuzeit
2.4. Judenfeindschaft zu Beginn der Frühen Neuzeit

3. Die Frankfurter Juden und der Fettmilch-Aufstand
3.1. Die jüdische Gemeinschaft in Frankfurt am Main
3.2. Der Fettmilch-Aufstand in Frankfurt am Main – Vorbedingungen, Ereignisse und jüdische Sicht im Megillas Vintz
3.3. Die Beurteilung des Aufstandes

4. Resümee

5. Literaturnachweis

1. Einleitung und Terminologie: Judenfeindschaft oder Antisemitismus?

Das Thema der Judenfeindschaft hängt eng mit dem Schlagwort des „Antisemitismus“ zusammen. Für jede Antwort auf eine Frage bietet es zwei neue Fragen an. So ist die religiöse oder „Volksbezeichnung“ Jude einerseits nicht nur völlig legitim, sondern dürfte wohl von keinem Juden als abwertend verstanden werden. Andererseits wurden Juden im Laufe der Geschichte mit derart vielen Stigmata besetzt, dass eine unvoreingenommene Benutzung unmöglich ist. Er weckt sofort unterschiedlichste Assoziationen, die im europäischen Kontext indes immer wieder mit Verfolgung und Holocaust im Dritten Reich zusammenhängen. Ohne daher unverhältnismäßig lange über die Wahl der Terminologie zu befinden: Warum trägt diese Arbeit das Wort „Judenfeindschaft“ und nicht etwa „Antisemitismus“ in ihrem Titel? Zumal letzteres seit neuestem wieder häufiger in der öffentlichen Debatte auftaucht, leider auch auftauchen muss. Gerade in Deutschland reagieren glücklicherweise trotz aller Schwierigkeiten durch rechtsextreme Bewegungen Medien und Politik relativ zeitnah, sobald dahingehend verdächtige Äußerungen oder Geschichtsrevisionismus offenbar werden. So laufen derzeit Diskussionen bspw. über die päpstliche Aufhebung der Exkommunikation des britischen Geistlichen Richard Williamson, welcher den Holocaust relativierte. Im gleichen Zuge wird versucht, christliche Bewegungen und Organisationen wie die Pius-Bruderschaft, gar die katholische Kirche selbst, auf ihre „politische“ Haltung hin zu durchleuchten.

Die Haltung der Kirche in der Vergangenheit gegenüber den Juden wird in dieser Arbeit interessanterweise eine zentrale Rolle einnehmen. Mittlerweile werden ja auch junge Muslime zu möglichen antisemitischen Tendenzen befragt, ein Thema das besonders seit dem letzten intensiven Wiederaufflammen des Nahostkonfliktes und dem Einmarsch der israelischen Armee in die Palästinensergebiete wieder von großer Brisanz ist. Für die Ablehnung oder Verachtung „der“ Juden lassen sich jedenfalls mit „Judenfeindschaft“, „Judenhass“ und „Antisemitismus“ mehrere Begriffe anführen. Um zu erklären, weshalb für das Thema dieser Arbeit letzterer gerade nicht verwendet wurde, obwohl – oder besser weil – er doch so tagesaktuell ist, folgt eine Bestimmung zu Inhalt und Geschichte dieses Wortes. So häufig das Schlagwort vom „Antisemitismus“ nach wie vor benutzt wird, so gefährlich ist bspw. laut Marcel Reich-Ranicki gleichzeitig auch dessen „unbedachter, [...] inflationärer Gebrauch“[1], denn er kann zur Aufweichung führen und die aufklärende Funktion eben jener Haltung verhindern, die er zu beschreiben versucht. So gehen auch seine Definitionen mitunter derart weit auseinander, dass keinesfalls von einer einheitlichen Benutzung gesprochen werden kann. Wie bereits Robert Chazan feststellte: „The term ,anti-Semitism’ means many things to many people, [...].“[2] Eberhard Jäckel spricht gar davon, dass der Umstand, es handele sich um eine „sprachlich unzutreffende Bezeichnung für Judenfeindlichkeit“[3], durchaus bekannt sei. Doch da er seinerzeit scheinbar in gestiegenem Maße in aller Munde war, griff er nichtsdestotrotz auf ihn zurück. Scheint die Semantik eines Begriffes im Dunkeln zu liegen, mag ein Blick in seine Entstehungsgeschichte erhellend sein. So ist das Wort „Antisemitismus“ ein Neologismus, der vermutlich im „letzten Drittel des 19. Jahrhunderts“[4] auftauchte. Verwendet wurde er von deutschen Judenfeinden wie dem Journalisten und Schriftsteller Wilhelm Marr offenbar bereits seit 1879[5]. Interessanterweise ist jedoch das Adjektiv „antisemitisch“ schon für das Jahr 1860 beim jüdischen Orientalisten Moritz Steinschneider belegt.[6] Allerdings erhielt es seine Negativkonnotation erst durch Wilhelm Marr und dessen Gleichgesinnte, wobei dieser im Laufe seines Lebens von seinem Judenhass wieder abrückte. Es stellt sich also die Frage, ob im Zusammenhang mit der Geschichte vor dem 19. Jahrhundert der Gebrauch des Wortes „Antisemitismus“ nicht etwa anachronistisch wäre, zumal sein „rassischer“ Hintergrund einen entscheidenden Unterschied zur religiösen Judenfeindschaft in Antike und Mittelalter darstellt. Daraus ergibt sich die neuerliche Fragestellung, ob nämlich „etwas, wovon die Menschen keinen Begriff hatten, dennoch existierte“[7], ob also eine Bezeichnung erst ab dem Datum ihrer Entstehung verwendet werden darf.[8] Der Blick in die Literatur verrät, dass der Begriff „Antisemitismus“ sich bereits nach seinem ersten Auftreten rasch verbreitete, so bei Heinrich Graf Coudenhove-Kalergi, doch sobald Historiker und Autoren sich mit Antike und Mittelalter beschäftigen, greifen sie bis heute häufig auf die Worte „Judenhass“ und „Judenfeindschaft“ zurück. Im Gegensatz zur vornehmlich religiösen Judenfeindschaft im Mittelalter - über Umwege auch in der Antike[9] - begründet sich nämlich der Antisemitismus seit seiner Entstehung im vorletzten Jahrhundert als „rassisch“ intendiert. Dazu findet sich im Antisemiten-Katechismus des Judenfeindes Theodor Fritzsch aus dem Jahre 1887[10] folgende Aussage:

„Es fällt niemandem ein, die Juden ihrer Religion wegen zu bekämpfen. Ihren Gottesdienst trachtet niemand zu stören; er erfreut sich der zärtlichsten Schonung bei allen Klassen – auch bei den Antisemiten. [...] Wie schon der Name sagt, richtet sich der Antisemitismus gegen die ,Semiten’, also gegen eine Rasse, nicht gegen eine Religion.“[11]

Das Wort „Semiten“ enthält den Namen „Sem“. Sem war einer der drei Söhne Noahs und wird zuerst im Alten Testament[12] erwähnt. Dadurch handelt es sich bei ihm um eine historische Persönlichkeit, die für die Vertreter der drei Weltreligionen gleichermaßen bedeutend ist. Nun lässt sich freilich die historische Stichhaltigkeit der Genesis, überhaupt der Bibel, durchaus in Zweifel ziehen. Die freiwillige Benennung der Antisemiten nach einer religiösen Figur bei gleichzeitiger Leugnung jedweder religiösen Feindschaft hingegen scheint doch sehr paradox.[13] Dabei wurde von deren Seite immer wieder versucht, die Leistungen semitischer Völker zu schmälern oder ihre Abstammung zu vertuschen, so bspw. im Falle der astronomisch gebildeten Chaldäer oder der Phönizier, Vermittlern des Wissens um die Schrift des kanaanäischen Alphabets[14] und eines der größten antiken Seefahrervölker.

Die Ablehnung der Juden veränderte sich in ihren Begründungen im Laufe der Zeit. Trotz - oder besser in - dieser Wandlung lässt sich auch eine Kontinuität der Judenfeindschaft erkennen, die bis heute anhält, da sie sich vielerorts als politisch-moralisch motiviert und gegen die israelische Palästinenserpolitik gerichtet gibt, sich dabei allerdings leider doch nur althergebrachter geistiger Infrastrukturen des Antisemitismus zu bedienen droht oder diese unbewusst nährt. So stand im Vorfeld der Themenwahl für diese Arbeit der Wunsch, über den Blick in die Geschichte einige Wegmarken zum modernen Antisemitismus zu erkennen. Der Frankfurter Fettmilch-Aufstand ist eine dieser Wegmarken, dabei umso erstaunlicher, weil die vertriebenen Juden in ihre Heimatstadt zurückkehren durften. Das Wort Pogrom klingt in diesem Zusammenhang unheilvoll vertraut. Doch wie konnte es zum Überfall auf die jüdischen Nachbarn kommen? Um die Ereignisse der Jahre 1612 bis 1616 als judenfeindliches Ereignis besser verstehen zu können und den Hintergrund für die Situation der Juden in der Frühen Neuzeit nachvollziehen zu können, holen wir weit aus. Die Untersuchung der Hintergründe des Judenhasses wird von Interesse sein, sie wird neben dem konkreten Frankfurter Ereignis einen Großteil der Arbeit in Anspruch nehmen.

[...]


[1] Marcel Reich-Ranicki: Das Beste, was wir leisten können. Walser, Bubis, Dohnanyi und der Antisemitismus. In: Die Walser-Bubis-Debatte. Eine Dokumentation. Hrsg. von Frank Schirrmacher. Frankfurt am Main: 1999, S. 321 – 325, hier S. 323. Ursprünglich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 2.12.1998.

[2] Robert Chazan: Medieval Anti-Semitism. In: History and Hate. The Dimensions of Anti-Semitism. Hrsg. von David Verger. Philadelphia, New York, Jerusalem: 1986, S. 49 – 66, hier S. 49.

[3] Eberhard Jäckel: Hitler Weltanschauung. Entwurf einer Herrschaft. Stuttgart: 19832, S. 167, Anm. 3.

[4] Reinhard Rürup, Thomas Nipperdey: Antisemitismus. In: Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland. Hrsg. von Otto Brunner, Werner Conze, Reinhart Koselleck. Bd. 1. Stuttgart: 1972, S. 129 – 153, hier S. 129.

[5] http://www.zentrum-david.ch/index2(26).htm – 05.03.2009.

[6] Ismar Ellbogen: Ein Jahrhundert jüdischen Lebens. Die Geschichte des neuzeitlichen Judentums. Hrsg. von Ellen Littmann. Frankfurt am Main: 1967, S. 635, Anm. 1.

[7] Wolfgang Schmale: Europäische Geschichte. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft. 1998, 46, S. 389 – 405. Hier S. 396.

[8] Georg Christoph Berger Waldenegg: Antisemitismus: „Eine gefährliche Vokabel?“. Diagnose eines Wortes: Wien, Köln, Weimar: 2003, S. 43.

[9] Da sich die Juden als „auserwähltes Volk“ des Alten Testaments mit ihrer monotheistischen Religion nicht in den Polytheismus der römischen und griechischen Götterwelt einpassen konnten und wollten.

[10] Das Buch wurde 1907 in überarbeiteter Fassung als Handbuch der Judenfrage herausgegeben und bis 1945 insgesamt 49 mal aufgelegt. Thomas Fritzsch verwendete ursprünglich das Pseudonym „Thomas Frey“.

[11] Antisemiten-Katechismus . Herrmann Beyer Verlag: 1887. Zitiert nach: Heinrich Graf Coudenhove-Kalergi: Antisemitismus von den Zeiten der Bibel bis Ende des 19. Jahrhunderts. Fortgeführt von Richard Graf Coudenhove-Kalergi, dem Sohn des Autors und Begründer der Paneuropa-Bewegung. Hrsg. von Peter Landesmann. Wien, München: 1992, S.57.

[12] Im 1. Buch Mose, 9. Kapitel, Vers 18.

[13] Vgl.: Heinrich Graf Coudenhove-Kalergi: Antisemitismus von den Zeiten der Bibel bis Ende des 19. Jahrhunderts. S. 62f.

[14] Ebd., S. 75.

Ende der Leseprobe aus 60 Seiten

Details

Titel
Judenfeindschaft in der Frühen Neuzeit
Untertitel
Entwicklungen bis ins 17. Jahrhundert und der Frankfurter Fettmilch-Aufstand
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Geschichte - Geschichte der Frühen Neuzeit)
Autor
Jahr
2009
Seiten
60
Katalognummer
V127171
ISBN (eBook)
9783640336456
ISBN (Buch)
9783640336692
Dateigröße
658 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Judenfeindschaft, Frühen, Neuzeit, Entwicklungen, Jahrhundert, Frankfurter, Fettmilch-Aufstand
Arbeit zitieren
Toralf Schrader (Autor), 2009, Judenfeindschaft in der Frühen Neuzeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/127171

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