Leben, Werk und Wirkung eines Anonymus – Bassist James Jamerson


Hausarbeit, 2007
15 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Leben und Musik James Jamersons

3. Stil und Sound

4. Resümee

5. Quellen und Sekundärliteratur

1. Einleitung

Im Jahr 1989 wurde eine Bassschule veröffentlicht, die Leben und musikalisches Schaffen eines Bassisten ins Licht der Öffentlichkeit rückte, der bis dahin der überragenden Mehrheit selbst seiner „Kollegen“ völlig unbekannt war. Wenn es hier heißt unbekannt, so ist damit seine Identität, sein Name gemeint. Sein Bassspiel allerdings dürfte so ziemlich jeder Musikrezipient der westlichen Kulturhemisphäre schon einmal gehört haben, denn er goss seinen Groove für die Plattenfirma Motown in mehr als dreißig Nummer 1 Hits der Pop-Charts und mehr als siebzig der R&B-Charts in den USA[1]. Den Praxisteil eben erwähnter Bassschule eröffnet Paul McCartney mit den Worten:

„I’m very honored to have been asked to MC the introduction to this James Jamerson memorial tape. I’m honored for a couple of reasons: mainly because his style of bass playing for Motown was one of my major influences when I was learning electric bass, and I know that a lot of the people who are playing and demonstrating his technique on this tape have also been influenced by him.”[2]

Die „people“, namentlich Bassisten, von denen Paul McCartney an dieser Stelle spricht, sind ebenso wie er selber Größen auf ihren Instrumenten, deren Namen auch Außenstehenden ein Begriff sind, bzw. die zu ihren Zeiten Personen erhöhter öffentlicher Aufmerksamkeit waren, wie John Entwistle („The Who“) und die mit ihren virtuosen Techniken Grenzen verschoben haben, wie bspw. Marcus Miller, Anthony Jackson oder Francis Rocco Prestia („Tower of Power“). Es stellt sich also die Frage, warum sie diesem Bassisten, der auch heute noch für viele ein unbeschriebenes Blatt ist, ihre Achtung zollen, indem sie ihr Können in eine Linie mit seinem Einfluss stellen. Die nächste Frage ist, warum James Jamerson von seinen ersten Aufnahmen 1959 bis zum Erscheinen seiner Biografie 1989 und des gleichnamigen Films über seine Mitmusiker bei Motown im Jahr 2002 geradezu namenlos war. Das gleiche gilt übrigens für die meisten seiner damaligen Kollegen bis heute, auch wenn sie für das Label weniger unersetzbar waren, wie sich noch zeigen wird.

Der erste Teil dieser Hausarbeit wird sich mit der wechselvollen Biografie dieses R&B-Ausnahmemusikers beschäftigen, seinem atemlosen Aufstieg folgte ein langsamer und schmerzhafter Abstieg. Was von Dauer ist, sind die unzähligen Motown-Hits, an deren Erfolg er beteiligt war. Der Begriff „Zeitlosigkeit“ mag heutzutage in einer Welt milliardenschwerer Musikindustrie und Millionen verfügbarer Songs als komprimierte Daten im Internet eine bislang nie da gewesene Inflation haben. Die in einem kleinen Studiokeller in Detroit Ende der 50er bis Anfang der 70er Jahre geborene Musik hat ihre Wirkung, ihre emotionale Botschaft dennoch nicht verloren. Im zweiten Teil der Arbeit folgt eine Untersuchung Jamersons individuellen Stils, der auf eindrucksvolle Weise die Basslinien der Motownsongs mit Hilfe des Jazz aus ihrem Grundton-Quinte-Korsett befreite und sie zu lebendigen Melodien ausformte. Die Eigenarten seiner Stilistik werden anhand von Notenbeispielen veranschaulicht.

2. Leben und Musik James Jamersons

Die Lebensgeschichte Jamersons beginnt mit einem kuriosen Geburtsdatum. Jahrelang galt der 29. Januar 1938 als Tag seiner Geburt, auch seiner eigenen Auffassung nach, doch bemerkte er in den späten 70er Jahren, nachdem er seine Geburtsurkunde gesehen hatte, dass er bereits zwei Jahre früher, also am 29. Januar 1936 geboren wurde. Wie dieses Missverständnis überhaupt erst entstehen konnte, wird wohl in alle Zukunft ein Rätsel bleiben. In Charleston, South Carolina, also im Süden der USA, aufgewachsen, kam er über seine Großmutter und seine Tante mit Musik in Kontakt. Aber der Einfluss beider kann mit dem Zeitpunkt, als er anfing sich selbst das Klavierspiel beizubringen, als eher marginal eingeschätzt werden. Seine späteren Mitmusiker bemerkten an ihm absolutes Gehör.[3] Über den Rahmen von Auftritten in der Kirche geht diese Zeit aber nicht hinaus. Kurz vor seinem zehnten Geburtstag hatte er einen schweren Fahrradunfall, infolgedessen er beinahe seine Füße verlor. Sie konnten zwar auf chirurgischem Wege gerettet werden, doch blieben seine körperlichen Fähigkeiten damit eingeschränkter als bei seinen Altersgenossen, er schämte sich für seine missförmigen Füße und musste zeitlebens orthopädische Schuhe tragen. Seine späteren Weggefährten und Angehörigen berichteten von seinem mitunter aufbrausenden Charakter, seiner Isolation und seiner Clownerie.[4] Möglicherweise liegt in dieser Kindheitserfahrung eine der Ursachen für seine erst Jahre später beginnende Selbstzerstörung. Vielleicht liegt hier aber auch der Urgrund für den Ehrgeiz auf seinem Instrument. Als weiterer Punkt vermutet man, dass ihn auch der Eindruck, er habe für einen Afroamerikaner eine zu helle Hautfarbe, zu einem Einzelgänger werden ließ.[5]

Das Jahr 1953 brachte zwei für Jamersons Zukunft wesentliche Ereignisse mit sich. Zum einen zog seine Mutter nach Detroit, wohin er ihr ein Jahr später folgte, zum anderen eröffnete der spätere Motown-Gründer Berry Gordy einen Plattenladen. Im Musikraum der Highschool kam er mit dem Kontrabass in Kontakt, wie sich sein Schulfreund und Schlagzeuger Clifford Mack erinnert: „[...] James noticed the upright bass laying on the floor [...]. He picked it up and started strummin’ and he said, ‚I’ll be playing this within six months.’“[6] Von den Legenden, er habe den Kontrabass praktisch mit dem Aufheben des Instrumentes beherrscht, ist freilich wenig zu halten. Nichtsdestotrotz scheint er mit einer beeindruckend schnellen Auffassungsgabe gesegnet durch das Abhören und Nachspielen anderer Bassisten wie Jay Brown oder Paul Chambers und v.a. beim Spielen mit anderen Musikern gelernt zu haben. Die Jazz- und Clubszene in Detroit war vielseitig und so bot sich insbesondere an Wochenenden die Gelegenheit, mit Bands aufzutreten und an Sessions teilzunehmen. Auf diese Weise hatte sich Jamerson bis 1957 einen Namen in der Szene gemacht. In dieser Zeit war seine Frau Annie, sie heirateten kurz vor seinem Highschool-Abschluss, schwanger. Sie sollten noch drei weitere Kinder haben. Jamerson verfolgte seinen Highschool-Abschluss mittlerweile im Vergleich zu seiner musikalischen Umtriebigkeit weniger zielstrebig und musste es auch nicht, denn er war bereits ein gefragter Musiker. Er hatte einen eigenen Stil gefunden, der ihn von den übrigen Bassisten der Stadt abhob. In dieser Zeit mit ihren Club-Gigs kam er, was ihm später zum Verhängnis wurde, öfter mit Alkohol in Kontakt. Doch ereignete sich auch positives, denn ihm wurde im Jahr 1958 die Tür zu seiner Karriere bei Motown geöffnet, indem er von einigen lokalen Musikern eingeladen Berry Gordys Plattenfirma betrat.[7] In kürzester Zeit wurde er zum „Hausbassisten“ von Motown und verdrängte seine Vorgänger aus dem kleinen Studio „A“ von „Hitsville, USA. Einen klareren Indikator für seine spielerischen und musikalischen Fähigkeiten gibt es wohl kaum.[8]

[...]


[1] http://www.arsenalfilm.de/motown/inmusik.htm, 28.08.2007.

[2] Dr. Licks (Allen Slutsky): Standing In the Shadows of Motown. The Life and Music of Legendary Bassist James Jamerson. Milwaukee, WI: 1989, S. 102.

[3] Uriel Jones: “When he came to a asession or a gig, he tuned his instrument up to itself just using his ear-no keyboard or nothin’.” In: Dr. Licks (Allen Slutsky): Standing In the Shadows of Motown. S. 27.

[4] Dr. Licks (Allen Slutsky): Standing In the Shadows of Motown. S. 8.

[5] Ebd., S. 3f.

[6] Dr. Licks (Allen Slutsky): Standing In the Shadows of Motown. S. 5.

[7] Ebd., S. 7ff.

[8] siehe Zitate von Joe Hunter und Popcorn Wylie in: Dr. Licks (Allen Slutsky): Standing In the Shadows of Motown. S. 12.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Leben, Werk und Wirkung eines Anonymus – Bassist James Jamerson
Hochschule
Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden  (Jazz/Rock/Pop)
Veranstaltung
Vorlesung Jazzgeschichte
Autor
Jahr
2007
Seiten
15
Katalognummer
V127175
ISBN (eBook)
9783640339501
ISBN (Buch)
9783640336982
Dateigröße
844 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Leben, Werk, Wirkung, Anonymus, Bassist, James, Jamerson
Arbeit zitieren
Toralf Schrader (Autor), 2007, Leben, Werk und Wirkung eines Anonymus – Bassist James Jamerson , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/127175

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