Im Zentrum des Interesses der vorliegenden Seminararbeit steht der Schwarze Markt und andere Kriminalitätsformen der Nachkriegszeit als Phänomen der »Kriminalität des Zusammenbruchs« , die sich durch einen rasanten Anstieg der Alltagskriminalität, besonders in den Dimensionen der Schwarzhandels- und Eigentumsdelikte, niederschlug. In der geschichtswissenschaftlichen Forschung wurde der Schwarzmarkt der Nachkriegszeit häufig als Teilaspekt oder Randobjekt thematisiert, selten allerdings als eigenständiger Forschungsgegenstand wahrgenommen. In der jüngsten Zeit gewann die Materie um Kriminalität und Schwarzmarkt zunehmend an Bedeutung und wurde in den kontemporären Kriminalitätsdiskurs eingegliedert und mit alltagsgeschichtlichen Fragestellungen assoziiert.
Der Fokus dieser Untersuchung liegt auf der Forschungsfrage, inwiefern man den Schwarzmarkt in der deutschen Zusammenbruchgesellschaft von 1945-1948 in den Westzonen als Bindeglied zwischen Kriminalität und Überleben bezeichnen kann.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Ernährungssituation im Nachkriegsdeutschland
3. Leben unter dem Existenzminimum – soziale Auswirkungen
4. Schwarzmarkt – eine Institution zwischen Leben und Tod?
4.1 Ursachen und Quellen
4.2 Teilnehmer und Konventionen
4.3 Preisbildung und Leitwährung
5. Bekämpfung der Kriminalität
5.1 Maßnahmen und Mittel
5.2. Währungsreform
6. Fazit und Schlussbemerkungen
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Rolle des Schwarzmarktes in der deutschen Nachkriegsgesellschaft zwischen 1945 und 1948 und analysiert, inwiefern dieser als notwendiges Bindeglied zwischen kriminellem Handeln und dem existenziellen Überleben der Bevölkerung fungierte.
- Ursachen der Ernährungskrise und des Mangels an Grundversorgung.
- Soziale Auswirkungen von Hunger auf das Individuum und die Gemeinschaft.
- Strukturen, Regeln und Handelskonventionen des Schwarzmarktes.
- Effektivität der polizeilichen Bekämpfung von Kriminalitätsformen.
- Einfluss der Währungsreform auf das Ende des florierenden Schwarzhandels.
Auszug aus dem Buch
4.2 Teilnehmer und Konventionen
Wenn man sich die Frage nach der Beteiligung der Öffentlichkeit am Schwarzmarkt stellt, so kommt man zu dem Entschluss, dass die Schwarzmarktkriminalität als gesamtgesellschaftliches Phänomen betrachtet werden muss, dass die gesamten Bevölkerungsschichten durchzog und für jeden als strafbar galt. Selbst Staatsanwälte, Geistliche oder Polizisten nahmen am Schwarzmarktgeschäft teil und steckten oft einen Teil der Beute bei Beschlagnahmungen oder Razzien für sich ein. Sie alle kannten die Konsequenzen ihrer kriminellen Machenschaften im Fall einer Ergreifung, sahen aber wegen der »lebenserhaltenden Moral der 1000 Kalorien« darüber hinweg. Teilweise wurde es durch die Not von der Bevölkerungsmasse im Sinne des Überlebensgedanken entschuldigt, während Besatzungsmachtangehörige und andere Schieber mit dem Ziel der Gewinnmaximierung diese Nachsicht nicht zuteilwurde. Denn obwohl die Besatzungssoldaten bis 1947 dem Fraternisierungsverbot unterlagen, dass jeglichen Kontakt mit der deutschen Bevölkerung über ihre Pflichten hinaus verwehrte, sprachen Sieger und Besiegte miteinander und schlossen Tauschhandel ab.
Vor allem die verlockenden Schwarzmarktgewinne mit amerikanischen Zigaretten verführten viele Soldaten zum Bruch des Gesetzes, die dafür zumeist für wenige Dollar kostspielige Wertsachen wie Uhren, Schmuck und Brillanten ernteten. Und obwohl bei den Tauschgeschäften beide Seiten profitierten, stilisierte die deutsche Bevölkerung die Besatzungsmächte in ähnlicher Weise wie die unter ihrer Kontrolle stehenden Polizisten aufgrund von Neid und Scham nicht selten zu Dieben, die ihnen die letzten Habseligkeiten aus der Tasche leierten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik der Kriminalität im Nachkriegsdeutschland ein und definiert die Forschungsfrage bezüglich der Rolle des Schwarzmarktes als Überlebenshilfe.
2. Ernährungssituation im Nachkriegsdeutschland: Dieses Kapitel erläutert die katastrophale Versorgungslage nach dem Zweiten Weltkrieg, die durch Zerstörung und Gebietsverluste geprägt war und den Hunger zur zentralen sozialen Belastung machte.
3. Leben unter dem Existenzminimum – soziale Auswirkungen: Hier wird analysiert, wie der massive Nahrungsmittelmangel ethische Normen aufbrach und zu einer Transformation des Sozialverhaltens hin zu Egoismus und alltäglicher Kriminalität führte.
4. Schwarzmarkt – eine Institution zwischen Leben und Tod?: Dieses Kapitel untersucht die Entstehung und Institutionalisierung des Schwarzmarktes als ökonomisches System, das durch extreme Preisunterschiede und den Handel mit Zigaretten als Ersatzwährung geprägt war.
5. Bekämpfung der Kriminalität: Hier werden die Versuche der Besatzungsmächte und der Polizei beschrieben, den Schwarzhandel durch Razzien, Zivilfahndung und schrittweise Legalisierung einzudämmen sowie die Wirkung der Währungsreform auf das System.
6. Fazit und Schlussbemerkungen: Das Fazit fasst die Ambivalenz des Schwarzmarktes als kriminelles Phänomen und notwendige Überlebensbasis zusammen und beantwortet die Forschungsfrage.
Schlüsselwörter
Nachkriegsdeutschland, Schwarzmarkt, Ernährungskrise, Hunger, Kriminalität, Existenzminimum, Währungsreform, Zigarettenwährung, Tauschhandel, Besatzungszonen, Überlebensinstinkt, Illegalität, Schieber, Sozialgeschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Kriminalität und den Schwarzmarkt in den westdeutschen Besatzungszonen zwischen 1945 und 1948 als Resultat der katastrophalen Versorgungslage nach dem Krieg.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Schwerpunkte sind die Ernährungssituation, die sozialen Folgen des Hungers, die Organisation des Schwarzhandels und die Auswirkungen der Währungsreform.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, zu klären, inwiefern der Schwarzmarkt als Bindeglied zwischen krimineller Handlungsweise und der notwendigen Sicherung des Überlebens während der Nachkriegsjahre betrachtet werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Es handelt sich um eine geschichtswissenschaftliche Seminararbeit, die auf einer breiten Auswertung einschlägiger Fachliteratur basiert, um die historischen Zusammenhänge zu erörtern.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Entstehung des Lebensmittelmangels, der psychologischen und sozialen Auswirkung auf die Bevölkerung, den Konventionen des Schwarzhandels und den polizeilichen Bekämpfungsstrategien.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem die Notzeit, Hunger und Politik, der Schwarzhandel, die Tauschwirtschaft, die Zigarettenwährung und die Kriminalität des Zusammenbruchs.
Warum wird der Schwarzmarkt als eine "Institution" bezeichnet?
Der Schwarzmarkt entwickelte sich von spontanen Treffen zu einem festen, stadtweit organisierten System mit eigenen Regeln, Konventionen und Teilnehmerkreisen, das vom Großteil der Bevölkerung genutzt wurde.
Welche Rolle spielte die Währungsreform für den Schwarzmarkt?
Die Währungsreform von 1948 führte zu einer Stabilisierung des Geldes und einem verbesserten Warenangebot, wodurch die Bedingungen, die den Schwarzmarkt erst nähren ließen, entfielen und dieser schrittweise an Bedeutung verlor.
- Quote paper
- Anonym (Author), 2019, Schwarzmarkt im Nachkriegsdeutschland (1945-1948). Bekämpfung der Kriminalität, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1272355