Analyse der Nutzungsdauer und Lebenseffektivität von Milchkühen


Diplomarbeit, 2007

127 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Verzeichnis der Tabellen

Verzeichnis der Abbildungen

Verzeichnis der Abkürzungen

1 Einleitung

2 Bedeutung und derzeitige Situation der Nutzungsdauer, Lebensleistung und Lebenseffektivität
2.1 Wirtschaftliche Situation
2.2 Bedeutung von Nutzungsdauer, Lebensleistung und Lebenseffektivität
2.3 Derzeitige Situation und Entwicklung der Nutzungsdauer, Lebensleistung und Lebenseffektivität

3 Einfluss auf die Lebenseffektivität und Nutzungsdauer
3.1 Selektionsentscheidungen
3.2 Milchleistung
3.2.1 Milchleistung und Gesundheit
3.2.2 Milchleistung und Management
3.2.3 Persistenz
3.2.4 Milchleistung in der ersten Laktation
3.2.5 Milcheiweißgehalt
3.3 Exterieur
3.3.1 Beurteilung und Merkmale des Exterieurs
3.3.2 Einfluss und Bedeutung des Exterieurs auf die Nutzungsdauer
3.4 Gesundheitsmerkmale
3.5 Kuhfamilen und Bullenlinien

4 Zuchtziel
4.1 Gewichtung der einzelnen Merkmale in der Zuchtwertschätzung

5 Material und Methode
5.1 Material
5.2 Methode

6 Ergebnisse und Diskussion
6.1 Situationsbeschreibung der analysierten Tiere im Osnabrücker Zuchtgebiet
6.2 Merkmalsbeziehungen zur Lebenseffektivität
6.2.1 Merkmale zum Tier
6.2.2 Exterieur
6.2.3 Jungkuhleistung
6.2.4 Abstammung der Tiere

7 Schlussfolgerungen

8 Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Anhang

Verzeichnis der Tabellen

Tab. 1: Kosten für die Bestandsergänzung

Tab. 2: Reproduktionskosten bei unterschiedlichen Abgangsraten

Tab. 3: Leistungen die für eine hohe Lebensleistung nötig sind

Tab. 4: Zahl der 100.000 kg Kühe

Tab. 5: Zahl und Anteil der Kühe mit über 50.000 kg Lebensleistung

Tab. 6: Überlebensrate der Kühe in verschiedenen Zuchtgebieten

Tab. 7: Bei welcher Milchleistung eine weitere Besamung sinnvoll ist

Tab. 8: Abgangsursachen

Tab. 9: Effekt steigender Milchleistung auf die Stückkosten

Tab. 10: Klassifizierung des Zyklus von Kühen in Abhängigkeit von der Leistungshöhe

Tab. 11: Einfluss von Gesundheitsstörungen auf die Länge des produktiven Lebens

Tab. 12: Höheres Krankheitsrisiko durch negative Energiebilanz

Tab. 13: Leistungsanstieg von der ersten zu folgenden Laktation in Prozent

Tab. 14: Mittlere Erkrankungs- und Abgangsrate (%) von Jungkühen mit unterschiedlichem Eiweißgehalt bei gleicher Milchleistung

Tab. 15: Exterieurmerkmale und Heritabilitäten

Tab. 16: Relativzuchtwerte der Exterieurkomplexe und RZE von Bullen mit extremen Zuchtwerten für direkte Nutzungsdauer

Tab. 17: Genetische Korrelationen zwischen Milchtyp, und spezifischen Krankheiten von Töchtern amerikanischer Vererber in Dänemark

Tabelle 18: Beziehung verschiedener Merkmale zur Nutzungsdauer

Tab. 19: Genetische Vorgaben und relative Gewichtung der 57 Merkmalskomplexe im

Tab. 20: Durchschnittliche Nutzugsdauer bei verschiedenen RZN Werten

Tab. 21: Datenentwicklung nach Ausschluss

Tab. 22: Entwicklung der Leistung nach Abgangsjahren

Tab. 23: Mittelwert, Standardabweichung, Minimum, Maximum der 69 Exterieureinstufung

Tab. 24: Erstkalbealter, Nutzungsdauer, Lebensleistung und 70 durchschnittliche Leistung je Lebenseffektivitätsklasse

Tab. 25: Differenz der Exterieureinstufung von Tieren mit langer 72 Nutzungsdauer im Vergleich zum Durchschnitt

Tab. 26: Differenz der Exterieureinstufung von Tieren mit hoher 73 Lebenseffektivität im Vergleich zum Durchschnitt

Tab. 27: Unterschiede im Exterieur bei ähnlich geringer Leistung in der ersten Laktation und unterschiedlicher Leistung je Lebenstag

Tab. 28: Leistung, Nutzungsdauer und Lebenseffektivität bei 81 überdurchschnittlicher und unterdurchschnittlicher Leistungssteigerung von der ersten Laktation zur Höchstleistung in der dritten Laktation

Tab. 29: Mittelwerte für Nutzungsdauer, Lebenseffektivität und Leistung innerhalb Klassen nach Leistungssteigerung

Tab. 30: Entwicklung des Exterieurs bei unter- und überdurchschnittlicher Leistungsentwicklung

Tab. 31: Vergleich der Vererbung von Laktationskurve und 85 Leistungsentwicklung von den 15 am häufigsten vorkommenden Bullen in der höchsten Lebenseffektivitätsklassen mit der Referenzkurve

Verzeichnis der Abbildungen

Abb. 1: Bedeutung der Nutzungsdauer

Abb. 2: Entwicklung der Leistung

Abb. 3: Bedeutung der Lebensleistung, Leistungen und Kosten

Abb. 4: Bedeutung der Lebensleistung, Herdengesundheit und 10 Managementparameter

Abb. 5: Lebensleistung und Nutzungsdauer der Schwarzbunten Holstein in Westdeutschland

Abb. 6: Lebensleistung und Nutzungsdauer der Rotbunten Holsteins

Abb. 7: Entwicklung der Lebenseffektivität

Abb. 8: Anteil der Kühe in den Laktationen und Leistung

Abb. 9: Zuchtwerttrend RZM der Besamungsbullen Schwarzbunt

Abb. 10: Entwicklung der Milchleistung je Kuh

Abb. 11: Wahrscheinlichkeit des Auftretens verschiedener Gesundheitsstörungen in der dritten Laktation in Abhängigkeit der 30 Tage Milchleistung

Abb. 12: Darstellung verschiedener Laktationsverläufe

Abb. 13: Leistungsentwicklung zu Laktationsbeginn innerhalb Klassen nach Lebenseffektivität

Abb. 14: Altersbedingter Leistungsverlauf der 25 % leistungsstärksten Kühe nach erster, zweiter und dritter Laktation

Abb. 15: Gewichtung der Informationsquellen im RZN

Abb. 16: Entwicklung der Kreuzhöhe von 1990 bis 2003

Abb. 17: Mittelwerte der ersten Laktation innerhalb der Klassen nach 76 Lebenseffektivität

Abb. 18: Beziehung Milchmenge in der ersten Laktation und Lebenseffektivität

Abb. 19: Mittelwerte der 305 Tagesleistung der ersten Laktation innerhalb Klassen nach Nutzungsdauer

Verzeichnis der Abkürzungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Während bei Haustieren wie selbstverständlich zum Teil sehr hohe Altersgrenzen erreicht werden, ist bei landwirtschaftlichen Nutztieren der natürliche Tod aufgrund von wirtschaftlichen Gründen nahezu unbekannt.

Das physiologische Alter, das die heutigen Kühe erreichen könnten, beträgt jedoch durchaus 20- 25 Jahre. Über Einzelfälle von 30 bis zu 40 Jahren wurde berichtet. In der landwirtschaftlichen Praxis erreichen die Kühe dagegen nur noch ein Alter von gut fünf Jahren (Ziegler 2005).

In den letzten Jahrzehnten schieden die Milchkühe aus gesundheitlichen und leistungsabhängig Gründen sogar immer früher aus den Betrieben aus. Dies führte in der Bevölkerung und insbesondere bei den Verbrauchern zu einem Vertrauensverlust in die moderne Milchviehhaltung.

Eine geringe Nutzungsdauer der Kühe belastet jedoch besonders die Rentabilität der Milchviehbetriebe. Die Gesundheit und Lebensdauer der Milchkühe sind wichtige Einflussfaktoren auf die Wirtschaftlichkeit. Die Aufmerksamkeit der Landwirtschaft an einer Erhöhung der Lebensdauer bzw. Nutzungsdauer der Kühe ist in jüngster Vergangenheit stark gestiegen. Auch in den gesamten deutschen wie internationalen Zuchtprogrammen ist die Notwendigkeit der Zucht auf Nutzungsdauer erkannt worden und scheint in den Zuchtprogrammen der neue Schlüsselbegriff zu sein (Schneider 2003).

Neben der Nutzungsdauer steht aber nach wie vor die Milchleistung der Kühe im besonderen Interesse der Milchviehhalter. Die Milchleistung beeinflusst die Erlöse und die Wirtschaftlichkeit der Milchviehhaltung unmittelbar.

In der Beratung wird neuerdings der Begriff der Lebenseffektivität verwendet. Die Lebenseffektivität beschreibt die Milchleistung je Lebenstag und beinhaltet somit sowohl die Milchleistung als auch die Nutzungsdauer.

In der vorliegenden Arbeit soll die Bedeutung und Situation der Nutzungsdauer und des neuen Parameters Lebenseffektivität in Deutschland dargestellt werden. In einem Literaturteil werden Ursachen und Möglichkeiten zur Verbesserung der Nutzungsdauer und Lebenseffektivität vorgestellt. Anschließend werden anhand einer Datenauswertung von 103.464 Kühen aus dem Osnabrücker Zuchtgebiet Tiere mit einer hohen Lebenseffektivität analysiert. Ziel ist es, diese Kühe zu charakterisieren, vor allem im Hinblick auf das Exterieur und der Leistungsentwicklung. Produktionstechnische und haltungsbedingte Aspekte bleiben hierbei unberücksichtigt. Vielmehr sollen züchterische Möglichkeiten aufgezeigt werden. Weiterhin sollen für den praktischen Landwirt Selektionshilfen dargestellt werden.

Da die Holstein Friesians (Schwarzbunt und Rotbunt) die bedeutendste Rasse in der deutschen Milchviehpopulation darstellt, beziehen sich die Angaben in der Arbeit - wenn nicht anders vermerkt - auf diese Rasse.

2 Bedeutung und derzeitige Situation der Nutzungsdauer, Lebensleistung und Lebenseffektivität

2.1 Wirtschaftliche Situation

Die Milchviehhaltung in Deutschland befindet sich in einer schwierigen Phase. Der Milcherzeugerpreis ist in den letzten Jahren deutlich zurückgegangen und wird selbst unter optimistischen Marktanalysen zufolge in den nächsten Jahren nur geringfügig steigen. Schrittweise Senkungen der Interventionspreise für Butter und Magermilchpulver, die mengenmäßige Begrenzung der Butterinterventionen sowie die Abschaffung der Milchquote lassen sogar einen Preisrückgang erahnen. Auf den Faktormärkten ist dagegen ein gegensätzlicher Trend zu beobachten. Die Kosten für Vorleistungen, Personal-, Gemein- und Futterkosten sind in den letzten Jahren gestiegen (Wangler und Harms 2006 S. 37f). Unter Vollkostenbedingungen erzielen eine Vielzahl von Betrieben in Deutschland kein positives Betriebszweigergebnis (Heidemann 2003, Over 2006 S. 47f).

Um exemplarisch die wirtschaftliche Situation der milchviehhaltenden Betriebe in Westdeutschland kurz zu umschreiben, werden in diesem Kapitel die Betriebsauswertungen der Rinderspezialberatung aus Baden-Württemberg herangezogen. Im jährlich erscheinenden Rinderreport Baden-Württemberg wird besonders auf die Nutzungsdauer und Lebensleistung der Kühe in den Betriebe eingegangen. Die dort ausgewerteten 374 konventionell wirtschaftenden Betriebe mit durchschnittlich 56 Kühe je Betrieb und einer Milchleistung von 7.205 kg ECM/Kuh liegen bezüglich der produktionstechnischen und wirtschaftlichen Ergebnisse deutlich über dem Landesdurchschnitt.

Im Wirtschaftsjahr 2004/2005 konnten in Baden-Württemberg unter Vollkostenbedingungen nur die ausgewerteten Betriebe des oberen Viertels ein positives kalkulatorisches Betriebseinkommen von 0,8 ct/kg Milch erwirtschaften. Der Durchschnitt aller Betriebe erzielte ein negatives Betriebseinkommen von -3,8 ct/kg Milch (Over 2006 S. 47f).

Die Milchviehhalter werden daher gezwungen sein, die Produktionskosten je kg Milch zu senken, um erfolgreich am Markt bestehen zu können.

Verschiedene regionale Betriebszweigauswertungen zeigen, dass vor allem bei den variablen Kosten Einsparpotenziale bestehen. Die erfolgreichen fünfundzwanzig Prozent der Betriebe können mit wesentlich niedrigeren variablen Kosten produzieren als der Durchschnitt (Meyer 2003).

Die größten Reserven bei den variablen Kosten sehen verschiedene Autoren in den Kosten der Bestandsergänzung (Heidemann 2003, Meyer 2003 Lührmann 2005 a). Der Rinderreport Baden-Württemberg 2005 bestätigt, dass die Bestandergänzungskosten nach den Kraftfutterkosten den größten Kostenblock der variablen Kosten darstellen (N.N. 2005 a S. 3) und dort die größten Einsparmöglichkeiten liegen (Meyer 2003).

2.2 Bedeutung von Nutzungsdauer, Lebensleistung und Lebenseffektivität

In Bezug auf die Kosten der Bestandsergänzung wird in der Literatur neben einer Verringerung der Aufzuchtkosten auf die Bedeutung der Parameter Nutzungsdauer, Lebensleistung und Lebenseffektivität hingewiesen.

Bedeutung der Nutzungsdauer

Der Zeitraum vom ersten Abkalben einer Kuh bis zum Abgang des Tieres wird als Nutzungsdauer oder produktives Leben bezeichnet.

Die Bestandsergänzungskosten je Liter Milch ergeben sich aus den Aufzuchtkosten bzw. Zukaufkosten aller im Wirtschaftsjahr eingestallter Färsen, korrigiert um die zur Zucht verkauften Färsen, dividiert durch die abgelieferte Milchmenge. Entscheidend für die Beurteilung der Bestandsergänzung sind allerdings die Kosten der Nettobestandsergänzung. Bei dieser Kennzahl werden von den Bestandsergänzungskosten die Altkuherlöse bzw. Schlachterlöse je Liter Milch subtrahiert. Die Schere zwischen dem Erlös für die Schlachtkuh und den Kosten für die Ersatzfärse sind in den letzten Jahren stark auseinander gegangen. Bei milchtypischen Rassen wie z.B.: Jersey, Holsteins Schwarzbunt oder Rotbunt sind die Kosten für die Nettobestandsergänzung bedingt durch den geringeren Schlachterlös höher wie bei fleischbetonten Rassen wie z.B. Fleckvieh (Lührmann 2005 b).

Ökonomische Berechnungen zeigen, dass mit einer hohen Abgangsrate bzw. niedrigen Nutzungsdauer in einem Betrieb deutlich höhere Nettobestandsergänzungskosten entstehen. Die Abgangsrate ergibt sich aus dem um Zuchtviehverkäufe korrigierten Anteil von Kühen die innerhalb eines Jahres aus dem Betrieb abgegangen sind, dividiert durch den Jahresdurchschnittsbestand an Kühen (Mansfeld 2006).

In Berechnung von Heidemann (2002) werden Färsenaufzuchtskosten von 1250 Euro und ein Schlachterlös von 350 Euro je Altkuh unterstellt. Heidemann sieht gerade bei einer Reduzierung von Zwangsabgängen infolge von Erkrankungen (geringerer Schlachterlös) und Totalausfällen (kein Erlös) Einsparungspotenziale (vgl. Tabelle 1).

Tabelle 1: Kosten für die Bestandsergänzung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Heidemann (2002)

Lührmann (2005 b) unterstellt die Kosten für die Färsenaufzucht mit 1,50 Euro je Aufzuchtstag (Vollkosten) und den Altkuherlös mit rund 500 Euro je Altkuh. Bei einer Nutzungsdauer von weniger als zwei Jahren ist jedes erzeugte kg Milch mit Nettobestandsergänzungskosten von gut 5,6 Cent belastet. Dagegen sinken diese bei einer Nutzungsdauer von mehr als vier Jahren deutlich unter zwei Cent je kg Milch. Grottensträter (2001) verdeutlicht in Berechnungen mit Annahme von 1.200 Euro Färsenkosten und 400 Euro Schlachtkuherlös die Auswirkungen verschiedener Abgangsraten auf die Kostenbelastung im Betrieb (vgl. Tabelle 2).

Tabelle 2: Reproduktionskosten bei unterschiedlichen Abgangsraten

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Grottensträter (2001)

Auch die Auswertungen aus dem Rinderreport Baden-Württemberg 2005 verdeutlichen, dass eine geringere Abgangsrate im Betrieb zu einem Anstieg des Deckungsbeitrages je Kuh bei ähnlicher Milchleistung führen (vgl. Abbildung 1). Eine lange Nutzungsdauer der Kühe hat somit eine wirtschaftliche Bedeutung für die Milchviehhaltung (Heidemann 2002, Lührmann 2005 b, Over 2006 S.44 ff)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Over (2006 S.47)

Abbildung 1: Bedeutung der Nutzungsdauer

Das physiologische Leistungsmaximum der Kühe wird erst in späteren Laktationen erreicht. Die Ergebnisse der Leistungen in den einzelnen Laktation vom Vereinigten Informationssysteme Tierhaltung (VIT) (VIT 2007 S.24) zeigen, dass der Peak der Leistungsspitze erst mit der dritten bis vierten Laktation erreicht wird (vgl. Abbildung 2). Nach Gravert (1994) liegt das Leistungsoptimum in der fünften Laktation, Papendieck (1943 zitiert in Leiber 2003 S. 12) fand die höchsten Leistungen in der siebten Laktation.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Durch das Erreichen einer höheren Nutzungsdauer steigert sich demnach die durchschnittliche Milchleistung in der Herde (Lührmann 2005 b). Nach einer umfassenden Betrachtung der Nutzungsdauer kommt Schumann (1960 zitiert in Klug et al. 2004 S. 195) zu dem Ergebnis, dass der Rinderhaltung durch das nicht Erreichen des Leistungsmaximums ein großer Schaden entsteht.

Quelle: verändert nach VIT (2007)

Abbildung 2: Entwicklung der Leistung

Weiterhin können mit einer steigenden Nutzungsdauer die Nebenerlöse erhöht werden. Bei einer niedrigeren Remontierungsrate besteht die Möglichkeit, Kälber oder Färsen, die nicht zur eigenen Nachzucht benötigt werden, auf dem Zuchtviehmarkt abzusetzten (Over 2006 S. 45).

Auch die für die Zucht wichtige Selektionsmöglichkeit nimmt zu, wenn nicht alle Tiere aus der eigenen Nachzucht aufgestallt werden müssen. Besonders im Selektionspfad Mutter- Tochter ergeben sich Vorteile. Denn bei einer längeren Nutzungsdauer stehen pro Kuh ein größerer Anteil an weiblichen Nachkommen zur Verfügung (Postler 2002 S. 33).

Postler (2002 S. 34) gibt weiterhin zu bedenken, dass bei einer kurzen Nutzungsdauer eine stärkere Fluktation in der Herde stattfindet. Der Betreuer und die Herde sind hierdurch zusätzlichem Stress ausgesetzt.

Letztendlich könnte sich durch langlebigere und gleichzeitig gesündere Kühe die Akzeptanz der Tierhaltung und Tierzucht in der Bevölkerung verbessern und verloren gegangenes Vertrauen zurück gewonnen werden (Bünger et al. 2003).

Die optimale Länge des produktiven Lebens wird in der Literatur sehr unterschiedlich gesehen. Renkena und Stelwagen (1979 in Klug et al. 2004 S. 196) sehen eine betriebeswirtschaftliche optimale Nutzungsdauer von 10 bis 14 Laktationen. Wolf und Lehmann (1987 in Klug et al. 2004 S. 197) errechneten einen steilen Anstieg im Gewinn je Kuh mit steigender Nutzungsdauer bis zur vierten Laktation. Mit einer weiter steigenden Nutzung flacht die Gewinnkurve ab. Zu ähnlichen Ergebnissen kommt Simianer (2003 in Wangler und Harms 2006), der eine ökonomisch optimale Nutzungsdauer von vier Laktationen errechnete.

Bedeutung der Lebensleistung

Die Kosten für die Aufzucht müssen letztendlich mit der Milch der Tiere zurückverdient werden. Die Lebensleistungen ist ein Produkt aus Milchleistung und Nutzungsdauer bzw. geringen Abgangsraten.

Die Aufzuchtsphase eines Tieres stellt erhebliche Kosten dar. Verschiedene Berechnungen gehen mit Kosten von 1.100 bis 1.790 Euro Kosten je aufgezogener Färse aus (Veauthier 2000 a). Durch eine verkürzte Aufzuchtphase ergeben sich Kostenvorteile. Eine verlängerte Aufzuchtphase erhöht die Aufzuchtkosten. Färsen mit einem Erstkalbealter von 24 bis 26 Monaten weisen weiterhin ein geringeres Abgangsrisiko auf, als Färsen mit einem höheren Erstkalbealter. Die Voraussetzungen für eine lange Nutzungsdauer und wirtschaftliche Milchproduktion werden bereits in einer optimalen Jungviehaufzucht gelegt (Lührmann 2005 b).

Je nach Kostenstruktur und Höhe der Milchleistung des Betriebes beginnt der Verdienst erst in der dritten Laktation. Mit der Milch aus den ersten beiden Laktationen der Kuh werden erst die Aufzucht- und Futterkosten abverdient. Eine Kuh erwirtschaftet demnach einen höheren Gewinn, je höher die Lebensleistung des Tieres ist (Kesting 2005).

Im Rinderreport Baden-Württemberg 2004 wurden erstmals die Nettoabgangsraten und die hieraus kalkulierte Lebensleistung ausgewertet. Aus der Auswertung (Abbildung 4) wird ersichtlich, dass bei steigender Lebensleistung der Herde die Deckungsbeiträge je Kuh deutlich ansteigen (Differenz bis zu drei Cent). 11 Prozent der ausgewerteten Betriebe erreichten mit 5,5 Jahren Nutzungsdauer je Kuh 48.854 kg kalkulierte Lebensleistung. Die durchschnittlich abgelieferte Milchleistung dieser Herden liegt bei knapp 8.000 kg energiekorrigierte Milch (ECM). Also bei sehr guten Milchleistungen, aber nicht unbedingt im absoluten Hochleistungsbereich.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Tierarztkosten dieser Betriebe sind nicht erhöht. Sie haben die geringsten Kälberverluste, die höchsten Abkalberaten und Zuchtvieherlöse. Letzteres zeigt, dass diese Betriebe deutlich mehr Kalbinnen verkaufen und ihre alten Kühe als Leistungsträger im Stall halten (N.N. 2005 a).

Quelle: N.N. (2005 a)

Abbildung 3: Bedeutung der Lebensleistung, Leistungen und Kosten

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: N.N. (2005 a)

Abbildung 4: Bedeutung der Lebensleistung, Herdengesundheit und Managementparameter

In der Literatur werden für eine wirtschaftliche Milchproduktion Lebensleistungen von mindestens 30.000 kg Milch gefordert (Kesting 2005, Ziegler 2005).

Bedeutung der Lebenseffektivität

Einzeln betrachtet sind allerdings sowohl die Nutzungsdauer als auch die Lebensleistung der Kühe keine geeigneten Parameter zur Beurteilung des Tiereinsatztes und der Wirtschaftlichkeit (Essl 1982 S. 271, Lührmann 2005 a, Wangler und Harms 2006 S. 12). Eine Kuh A, die eine Lebensleistung von 60.000 kg Milch in sechs Laktationen erbracht hat, war rentabler als eine Kuh B, die eine Lebensleistung von 60.000 kg Milch in neun Laktationen leistete.

Eine lange Nutzungsdauer bzw. hohe Lebensleistung führt allein nicht zu wirtschaftlichen Tieren. Die Tiere müssen auch eine entsprechende durchschnittliche Milchjahresleistung erbringen.

Ein geeigneter Parameter, der die Leistung je Zeiteinheit widerspiegelt, stellt die Lebenseffektivität da. Die Lebenseffektivität zeigt die ermolkene Milchleistung je Lebenstag. Errechnet wird diese Kennziffer aus der Lebensleistung dividiert durch die Lebenstage von Geburt bis Abgang (Lührmann 2005). Im Gegensatz zur Nutzungseffektivität bzw. Leistung je Nutzungstag (Lebensleistung dividiert durch Melktage plus Trockenstehtage) wird bei der Lebenseffektivität die Aufzucht mitberücksichtigt. Wie bereits erläutert dürfen die Kosten für die Aufzucht in einer Wirtschaftlichkeitsbetrachtung einer Kuh nicht unberücksichtigt bleiben, denn die Gewinnphase beginnt erst wenn die Kuh ihre Aufzuchtkosten amortisiert hat. Wenn sich bei gleicher Leistung die Aufzucht verkürzt d.h. das Erstkalbealter (EKA) verringert, steigt die Lebenseffektivität leicht an (Wangler und Harms 2006 S. 12f).

Weiterhin ist die Leistung je Lebenstag für jedes Einzeltier anhand der Milchleistungsdaten einfach zu ermitteln. Die Nutzungs- und Lebenseffektivität wird bereits bei der Milchleistungsprüfung (MLP) in den Zwischenberichten des Vereinigten Informationssysteme Tierhaltung (VIT) bei der Gesamtleistung der Herde -lebende und in letzten zwölf Monaten gemerzte Tiere- ausgewiesen (Lührmann 2005 a).

Auswertungen von Wangler und Harms (2006 S. 7) sowie Lührmann (2005 a) haben ergeben, dass die Lebenseffektivität bei einer langen Nutzungsdauer tendenziell besser wird.

Eine lange Nutzungsdauer führt aber nicht zwangsläufig zu einer höheren Lebenseffektivität. Eine entsprechende Lebensleistung ist hierzu ebenso erforderlich. Bei einer langen Nutzungsdauer ist die Wahrscheinlichkeit einer hohen Lebenseffektivität aber deutlich höher (vgl. Tabelle 3) (Lührmann 2005 a).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 3: Leistungen die für eine hohe Lebensleistung nötig sind

Quelle: Lührmann (2005 a)

Eine höhere Lebenseffektivität der Kühe führt zu geringeren Bestandsergänzungskosten. Weiterhin wird die Effektivität je Stallplatz deutlich erhöht (Lührmann 2005 a). Ökonomische Berechnungen von Wangler (2007) haben ergeben, dass unter zukünftigen Rahmenbedingungen Kühe erst ab einer Leistung von 15 kg Milch je Lebenstag ein positives kalkulatorisches Betriebszweigergebnis erreichen werden.

2.3 Derzeitige Situation und Entwicklung der Nutzungsdauer, Lebensleistung und Lebenseffektivität

In der Bundesrepublik Deutschland betrug 1970 der Anteil aller MLP angeschlossenen Kühe mit sechs Jahren und älter 37,7 Prozent, 1980 jedoch nur 29,1 Prozent (Essl 1982). Im abgeschlossenen Kontrolljahr 2005/2006 beträgt der Anteil der geprüften Kühe mit sechs Jahren und älter lediglich 15 Prozent (VIT 2007).

In Zusammenarbeit mit dem VIT hat der Deutsche Holstein Verband eine Auswertung über die Entwicklung der Nutzungsdauer von 1993 bis 2003 vorgenommen. Die Daten beruhen auf allen verfügbaren Abgangsdaten von MLP- Kühen der Rasse Holsteins. Die Auswertung erfolgte getrennt von Holsteins in West- und Ostdeutschland sowie von Holsteins der Farbrichtung Rotbunt. In Westdeutschland hat sich das Abgangsalter vom 1994 bis 2003 um 1,5 Monate reduziert. Bei der Nutzungsdauer fällt der Rückgang mit 0,7 Jahren geringer aus, da auch das Erstkalbealter (30,5 Monaten) leicht gesunken ist. Durch das ständig gestiegene Leistungspotenzial der Kühe ist allerdings ein kontinuierlicher Aufwärtstrend in der Entwicklung der Lebensleistung zu verzeichnen (Topf 2004).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Topf (2004)

Abbildung 5: Lebensleistung und Nutzungsdauer der Schwarzbunten Holstein in Westdeutschland

Bei den Rotbunten Holsteins ist in den letzten zehn Jahren die Nutzungsdauer um 5,1 Monate auf 34,6 Monate gestiegen. Die Lebensleistung stieg in den letzten zehn Jahren um 4.580 kg und lag in 2003 bei 19.858 kg Milch.

Diese hohe Lebensleistungssteigerung der Rotbunten Holsteins hängt zum einen mit der niedrigen Ausgangsbasis zusammen, zum anderen aber auch mit dem in den letzten Jahren zum Tragen gekommenen Umzüchtungsprozess in Richtung milchbetonte Rotbunte Holsteins.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Topf (2004)

Abbildung 6: Lebensleistung und Nutzungsdauer der Rotbunten Holsteins

Die Herden in den neuen Bundesländern haben von 1994 bis 2003 im Bereich der Züchtung und Management einen drastischen Umbauprozess erlebt. Dadurch stieg die Nutzungsdauer in den letzten zehn Jahren um 8,6 Monate auf 33,3 Monate (2,5 Laktationen) mit einer Lebensleistung von 20.816 Milch kg im Jahr 2003 (Topf 2004).

Die Tabellen 4 und 5 zeigen, wie sich die Zahl der lebende Dauerleistungskühe seit 1991 entwickelt hat. Die Zahlen basieren auf Abfragen der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Rinderzüchter (ADR).

Erfreulich ist, dass die Zahl der 100.000 Liter Kühe permanent zugenommen hat. Des weiteren wird diese Grenze immer früher überschritten. Mittlerweile gibt es Kühe, die diese Grenze bereits nach vier, fünf oder sechs Laktationen erreichen.

Tabelle 4: Zahl der 100.000 kg Kühe

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Topf (2006)

Tabelle 5: Zahl und Anteil der Kühe mit über 50.000 kg Lebensleistung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Topf (2006)

Von 2004 auf 2005 ist die Zahl der lebenden MLP- Holsteinkühe beider Farbrichtungen mit einer aktuellen Lebensleistung von über 50.000 kg um 14.048 Kühe gestiegen. Insgesamt erreichen in Deutschland 7,1 Prozent der Holstein Kühe eine Lebensleistung von über 50.000 kg. Der Durchschnitt aller Milchrassen liegt bei 5,8 Prozent. Während die ausgewerteten Fleckviehkühe bei einem Wert von 3,1 Proznet liegen und das Braunvieh einen Anteil von 7,3 Prozent erreichen (Topf 2006).

Die Lebenseffektivität ist von 1994 bis 2003 sowohl bei den Schwarzbunten in West- und Ostdeutschland als auch bei den Rotbunten gestiegen. In Westdeutschland stieg die Lebenseffektivität bei den Schwarzbunten bedingt durch die höhere Lebensleistung und einer Verringerung des Erstkalbealters um 0,9 kg Milch je Lebenstag an. Bei den Rotbunten und besonders bei den Schwarzbunten in Ostdeutschland sind die Steigerungsraten der Lebenseffektivität infolge der Steigerung der Nutzungsdauer und Lebensleistung deutlich höher ausgefallen. Im Jahre 2003 lag die Lebenseffektivität bei 9,9 kg Milch je Lebenstag bei den Rotbunten. Bei den Schwarzbunten in Westdeutschland lag die Leistung bei 11,4 kg/Lebenstag und in Ostdeutschland bei 11,1 kg/Lebenstag (Topf 2004).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: verändert nach (Topf 2004)

Abbildung 7: Entwicklung der Lebenseffektivität

Die Abgangsrate der MLP Kühe lag im bundesweiten Schnitt im Jahr 2007 bei 36,3 Prozent (VIT 2007). Heidemann (2003) und Lehnert (2005) berichten, dass in einigen Betrieben die Abgangsraten über 40 Prozent liegen und die eigene Nachzucht nicht ausreicht, um die Herde zu remontieren.

Brade (2005) bestätigt die regionalen Unterschiede in den Abgangsraten.

Tabelle 6: Überlebensrate der Kühe in verschiedenen Zuchtgebieten

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Brade (2005)

Die durchschnittliche Gesamtleistung aller im Prüfungsjahr 2005/2006 gemerzten MLP Kühe liegt bei 22.763 kg Lebensleistung (Vorjahr 21.958 kg). Die Nutzungsdauer liegt derzeit bei 34,3 Monaten (Vorjahr 34 Monate) (VIT 2007).

Beim Altersaufbau aller im VIT 2005/2006 geprüften Schwarzbunten Kühe wird deutlich, dass sich 34,1 Prozent der Milchkühe in der ersten Laktation befinden und sogar 78,7 Prozent in den ersten drei Laktationen. Nur 10,7 Prozent der Kühe verbleiben über die vierte Laktation hinaus noch im Milchviehstall. Bei vielen Kühen kann daher das Leistungspotential nicht voll ausgeschöpft werden (VIT 2007).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: VIT (2007)

Abbildung 8: Anteil der Kühe in den Laktationen und Leistung

Aus züchterischer wie auch aus betriebswirtschaftlicher Sicht wird die aktuelle Situation der Nutzungsdauer, Lebensleistung und Lebenseffektivität als zu gering angesehen (u.a. Kesting 2005, Wangler und Harms 2006 S. 45, VIT 2007 S. 5).

3 Einfluss auf die Lebenseffektivität, Nutzungsdauer

Um die Milchproduktion auch in Zukunft rentabel zu gestalten, sollte die Lebenseffektivität der Kühe bzw. die mit der Lebenseffektivität in Verbindung stehende Nutzungsdauer und Milchleistung/Lebensleistung gesteigert werden (u.a Lührmann 2005 b, Kesting 2005, Wangler und Harms 2006 S. 45). Im Folgenden soll auf bedeutende Einflussmöglichkeiten eingegangen werden.

3.1 Selektionsentscheidungen

Die aktuelle Nutzungsdauer der Milchkühe hängt stark von den Merzungs-entscheidungen der Betriebsleiter ab (Volema 1998 S. 3).

Der Landwirt muss fast täglich entscheiden, ob sich die noch zu erwartende Milchmenge einer Kuh durch ein Ersatztier (Färse) günstiger produzieren lässt. Die Faktoren, die bei dieser Entscheidung eine Rolle spielen, sind sehr komplex. Zu den wichtigsten Kriterien zählt der Zuchtfortschritt und damit die höhere Produktionserwartung des Ersatztieres (Färse) sowie die Leistung der Altkuh innerhalb der Herde bzw. die zu erwartende Leistung der Kuh (Grottensträter 2001). Weiterhin spielt die subjektive Wertschätzung des Pedigrees durch den Betriebsleiter, der Gesundheits- und Fruchtbarkeitsstatus sowie funktionale Merkmale wie Exterieur, Temperament und Melkbarkeit eine Rolle. Von Bedeutung sind weiterhin die ökonomischen Faktoren Schlachtkuhpreis, Färsenpreis bzw. Aufzuchtkosten, die betriebsspezifische Remontierungsrate und der Umfang der weiblichen Nachzucht. Letztendlich hat auch die Erfüllung der Milchquote einen Einfluss (Bünger 1999 S. 5).

Ducrocq et al. (1988 in Bünger 1999 S.7) bezeichnen eine vom Betriebesleiter gewollte Merzung einer gesunden Kuh wegen zu geringer Leistung als freiwillige Merzung. Zwangsmerzungen aufgrund von mangelnder Gesundheit und Fitness werden als unfreiwillige Merzung bezeichnet.

Eine Senkung der unfreiwilligen Merzungen innerhalb des Betriebs führt nach Untersuchung von van Arendonk (1985 in Bünger 1999 S. 6) aber nicht zwangsläufig zu einer Erhöhung des durchschnittlichen Herdenalters. Vielmehr wird der so freigewordene Selektionsspielraum vom Betriebsleiter für eine intensivere Leistungsselektion (freiwillige Merzung) genutzt.

Vollema (1998 S. 3) hält eine klare Trennung zwischen Selektion aufgrund von gesundheitlichen Gründen und der Leistungsselektion für nicht möglich.

Nach seiner Ansicht haben die Betriebsleiter mit leistungsstärkeren Tieren in der Herde mehr Geduld. Sie werden mehrmals bei Krankheit behandelt und öfters besamt als leistungsschwächere Tiere. Wenn Tiere mit geringerer Milchleistung innerhalb der Herde bei gesundheitlichen Problemen viel schneller gemerzt werden findet eine indirekte Leistungsselektion statt.

Wangler und Harms (2006 S.8ff) kritisieren, dass eine Vielzahl von Tieren bereits in der ersten oder zweiten Laktation aufgrund momentaner gesundheitlicher Depressionen gemerzt werden. Obwohl diese Tiere ihre Aufzuchtkosten noch nicht amortisiert haben und das Leistungspotenzial noch nicht ausgeschöpft wurde. Nach Vermutung der Autoren spielt hier auch der physiologischer Effekt eine Rolle. Die Investition der Färse stellt für viele Betriebsleiter untergegangene Kosten da, die kaum abzuschätzen sind. Die Kosten für Medikamente, Sperma und Honorare für den Tierarzt stellen dagegen direkte Kosten da, die die Liquidität sichtbar mindert. Eine frühzeitige Selektion von behandlungswürdigen, leistungsschwächeren Tieren sind die Folge. Um die Wirtschaftlichkeit in der Milchproduktion zu verbessern, fordern Wangler und Harms (2006 S. 46) auf eine Selektion von Kühen in der ersten Laktation zu verzichten.

Grottensträter (2001) berichtet aus seiner Beratungstätigkeit, dass Selektionsentscheidungen häufig subjektiv nach Gefühl getroffen werden. Demnach erfolgt in der Praxis häufig eine Selektion von älteren aber durchaus wirtschaftlichen Tieren, um den eigenen nachströmenden Jungvieh Platz zu verschaffen, an die aus züchterischer Sicht eine hohe Erwartungshaltung gerknüpft ist.

Ökologisch wirtschaftende Betriebe haben im Vergleich zu konventionellen Betrieben neben dem Haltungsmanagement vor allem eine andere Bewirtschaftungsphilosophie. Klenke (1989 in Wangler und Harms 2006 S. 8) ermittelte für Kühe in ökologischer Haltung eine um 10,4 Prozent höhere Nutzungsdauer. In Untersuchungen von Sanftleben (2005 in Wangler und Harms S. 8) wurden in sechs ökologischen Betrieben aus Mecklenburg-Vorpommern eine um 0,6 Jahren höhere Nutzungsdauer gegenüber dem Landesdurchschnitt aller Kühe ermittelt.

In der Praxis ergeben sich häufig verschiedene Selektionsfragestellungen.

Eine wichtige Frage für den Betriebesleiter ist der Laktationstag, bis zu dem sich ein weitere Besamungsversuch aus ökonomischen Gründen lohnt. Heidemann (2003) berechnete, dass die Rentabilität einer weiteren Besamung von tierindividuellen Faktoren wie der Milchleistung, der Laktation und der Leistung der Herde abhängt. Eine weitere Belegung eines Jungtieres ist demnach durchaus gerechtfertigt, wenn das Jungvieh in einer 8.000 Liter Herde steht, sich am 140. Laktationstag befindet und eine Milchleistung von nur 5900 kg erreicht (vgl. Tabelle 7).

Tabelle 7: Bei welcher Milchleistung eine weitere Besamung sinnvoll ist

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Heidemann (2003)

Heidemann empfiehlt daher, Tiere nicht vorzeitig wegen Nichtträchtigkeit zu merzen. Mit gegebenenfalls tierärztlicher Unterstützung (Hormonbehandlung) und weiteren Besamungsversuchen lässt sich die Abgangsrate aufgrund von schlechter Fruchtbarkeit deutlich senken.

Eine weiter häufig diskutierte Fragestellung ist, bei welchem Leistungsniveau die Selektion von einer unterdurchschnittlichen Kuh oder Färse gerechtfertigt ist. Nach Berechnungen von Grottensträter (2001) ist eine Leistungsselektion erst sinnvoll, wenn die Differenz des Leistungspotenzials zwischen Altkuh und Ersatzkuh bei mindestens 2.000 kg Milch liegt. Eine zu scharfe Leistungsselektion ist demnach nicht gerechtfertigt. Gerade bei Färsen ist eine starke Leistungsselektion kritisch zu beurteilen. Entscheidend bei Färsen ist vor allem ob sich das Tier in den folgenden Laktationen zu einer wirtschaftlichen Milchkuh entwickeln kann (Grottensträter 2001).

Die Festlegung einer Selektionsstrategie für jeden Milchviehbetrieb, die es dem Betriebsleiter ermöglicht, Selektionsgrenzen an Hand seines Produktionsniveaus zu erstellen, erscheint nach Auffassung von Grottensträter (2001) und Wangler und Harms (2006) sinnvoll zu sein. Weiterhin sehen die Autoren die Möglichkeit mit Hilfe von Computerprogrammen die Leistungsselektion zu verbessern. Dabei wird auch die Fragestellung eine Rolle spielen, unter welchen Bedingungen eine erkrankte Kuh für die Milchproduktion noch tragbar ist.

Um die Behandlungswürdigkeit und Selektion von Tieren besser einschätzen zu können, sind vor allem Aufzeichnungen über bisherige Erkrankungen hilfreich. Eine einzeltierbezogene Dokumentation über Behandlungen mit eingesetzten Medikamenten und Erkrankungen ab der Geburt sollte nach Lührmann (2003 b) eine stärkere Berücksichtigung finden.

Dohoo und Martin (1984 in Volema 1998 S. 3f) sehen weiterhin in der Aufzeichnung der Krankheitsgeschichte einer Kuh die besten Möglichkeit, die Abgangsursache zu bestimmen. In Deutschland wird momentan (2007) beim Abgang eines Tieres der nach ADR Schlüssel ausschlaggebende Abgangsgrund erfasst. Diese Methode gibt aber in der Regel den Abgangsgrund nur sehr ungenau wieder. Meist führen mehrere Ursachen zum Abgang eines Tieres (Dohoo und Martin 1984 in Volema 1998 S. 3f).

Tabelle 8 stellt die verschiedenen Merzungs- bzw. Abgangsursachen der im VIT geprüften Tiere dar. Auffällig ist die große Anzahl von Tieren, die unter der Abgangsursache „Sonstige Gründe“ (16,3 Prozent) und „Sonstige Krankheiten“ (8,2 Prozent) angegeben wurde. Hufe (2003) sieht unter der großen Anzahl von Abgängen unter sonstigen Gründen einen nicht haltbaren Zustand.

Tabelle 8: Abgangsursachen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: VIT (2007)

Die am häufigsten als unfreiwillig definierten Abgangsursachen sind Unfruchtbarkeit und Euterkrankheit mit 17,1 bzw. 16,2 Prozent. Die Abgänge aufgrund von Klauen und Gliedmaßenerkrankungen liegen bei 10,8 Prozent.

3.2 Milchleistung

Die Milchleistung hat einen bedeutenden Einfluss auf die Höhe der Lebenseffektivität und Lebensleistung. Aus ökologischer, nährstoffökonomischer und ökonomischer Sicht ist eine hohe Milchleistung von Vorteil und wichtig für die Wettbewerbsfähigkeit (u.a. Koesling 1999 S.93ff, Flachkowsky et al. 2002, Wangler und Harms 2006 S. 45,).

Da nicht alle Kosten proportional mit einer höheren Produktion der Kuh steigen, tritt eine Kostendegression ein. Bei einer höheren Milchleistung werden die anfallenden Kosten z.B. Kosten für Besamung auf die höheren Milcheinnahmen verteilt. Auswertungen von Beratungsbetrieben zeigen eindeutig, dass die variablen Kosten bei einer Steigerung der Milchleistung von 7.500 auf 10.000 Liter je Kuh/Jahr sinken (vgl. Tabelle 9).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 9: Effekt steigender Milchleistung auf die Stückkosten

Quelle: Koesling (1999)

Die sinkenden Futterkosten je produziertem kg Milch entstehen dadurch, dass der anteilige Erhaltungsbedarf einer Kuh je erzeugtem kg Milch immer kleiner wird. Bereits beim Leistungsanstieg von 7.500 bis 10.000 kg beginnen jedoch die ersten Kostenfaktoren anzusteigen (Remontierungskosten). Im sehr hohen Milchleistungsbereich (> 10.000 kg) nimmt der relative Vorteil einer Milchleistungssteigerung ab. Mit steigenden Leistungen ist es notwendig, die Energiekonzentration im Futter anzuheben. Daher werden höhere Konzentratanteile, eine höheren Futterqualität und eventuell die Verwendung von stoffwechselstabilisierenden Komponenten (Propylenglycol, bestimmte Aminosäuren) benötigt. Weiterhin müssen Kühe mit einer höheren Leistung mehr Trockensubstanz aufnehmen. Unterstellt man, dass bei einer Milchleistungssteigerung um 2.000 kg die Lebendmasse einer Kuh um 50 kg steigt, so lässt sich daraus ein steigender Erhaltungsbedarf für diese Kuh ableiten. Nach verschiedenen Rechenmodellen wurde festgestellt, dass trotz dieser Faktoren die Futterkosten je kg Milch auch in einem Bereich über 10.000 kg noch weiter sinken können. Bei den Fest- und Gemeinkosten ist der Einspareffekt prozentual fast doppelt so hoch wie bei den variablen Kosten.

Eine Steigerung der Milchleistung auf 10.000 Liter und darüber hinaus ist damit ökonomisch sinnvoll und verbessert das Betriebsergebnis (Koesling 1999).

Durch diese Kalkulationen der Betriebswerte stand daher in der Vergangenheit besonders die Steigerung der Milchleistung der Herden im Vordergrund (Hufe 2003).

Durch die Zucht lässt sich die Milchleistung gut beeinflussen (Warder 2002). Die Milchmenge (kg) in der ersten Laktation hat eine mittlere Heritabilität von 0,25 (Bereich 0,15 – 0,35). Die Heritabilität des Fettgehalts in Prozent liegt bei 0,5 der des Eiweißgehaltes bei 0,4. Der jährliche Zuchtfortschritt über verschiedene Rassen wird bei mindestens 40 bis 60 kg Milch angegeben (Svalve 1999, Mailänder & Distl 1992). Swalve (1999) gibt an, dass eine immer weitere züchterische Steigerung der Milchleistung möglich ist und ein Selektionsplateau nicht erreicht ist.

In der Rinderzucht erfolgte daher lange Jahre fast ausschließlich eine Selektion auf die Produktionsmerkmale (Krogmeier 2001).

Hufe (2003) gibt zu bedenken, dass durch die Beratung der Zucht und Landeskontrollverbände die Steigerung die Milchleistung intensiv begleitet, gefördert und dokumentiert wurde. Die Höchstleistungen werden analysiert und als das Erstrebenswerte in den Vordergrund gestellt. Der Autor sieht darin einen physiologischen Effekt. Denn für viele Betriebsleiter besteht die einzige Möglichkeit, seine Leistungsfähigkeit gegenüber Berufskollegen öffentlich zu machen, in einer Platzierung in den Top- Listen nach Leistung.

Für den realisierten Zuchtfortschritt sind die eingesetzten Vatertiere von zentraler Bedeutung. In Abbildung 9 ist der genetische Trend für die Milch (RZM) der Geburtsjahrgänge 1991 bis 2001 der schwarzbunten Besamungsbullen in Deutschland dargestellt. Zu beachten bleibt, dass ca. fünf Jahre erforderlich sind, bis ein gesichertes Zuchtwertschätzergebnis für ein Vatertier vorliegt (VIT 2006).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: VIT (2006)

Abbildung 9: Zuchtwerttrend RZM der Besamungsbullen Schwarzbunt

Neben der Genetik wurden in den letzten Jahrzehnten die Haltungs- und Managementbedingungen in den Betrieben verbessert (Zieger 2005). Die Milchleistung der Kuh konnte somit in den letzten 50 Jahren deutlich gesteigert werden. In Deutschland stieg die Milchleistung aller Kühe in den letzten zehn Jahren um über 1.300 kg an (vgl. Abbildung 10) (ADR 2005).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: ADR (2005)

Abbildung 10: Entwicklung der Milchleistung je Kuh

3.2.1 Milchleistung und Gesundheit

Die enorme Leistungssteigerung der Tiere ging aber auf Kosten der Gesundheit. Im Laufe der letzten 50 bis 60 Jahre haben die Eutererkrankungen um 600 Prozent und die Klauen- und Gliedmaßenerkrankungen um 300 Prozent zugenommen (Postler 2002 S. 35).

Verschiedene Auswertungen in der Literatur zeigen einen Zusammenhang zwischen der Höhe der Milchleistung und Schwierigkeiten mit dem Reproduktionsgeschehen. Mit dem Anstieg der Milchleistung von 1968 bis 1993 ermittelte Wilke (1994) im Gebiet der Osnabrücker Herdbuch Genossenschaft einen Anstieg der Zwischenkalbezeit von 371 auf 404 Tage. Silvia (1998 in Flachkowsky et al. 2002) berichtete über einen Anstieg des Besamungsindex von 1.62 auf 2.92 bei ansteigender Milchleistung von 1972 bis 1996 im US- Bundesstaat Kentucky. Taylor (2001 in Flachkowsky et al. 2002) wies bei Tieren mit gestörtem Zyklusablauf eine höhere Milchleistung nach (54,7 kg gegenüber 46,4 kg/Tag in den ersten Laktationswochen). Bei hohen Milchleistungen (51,5 kg/Tag) wurden weiterhin mehr Reproduktionsstörungen als bei mittleren Leistungen (37,4 kg/Tag) festgestellt

Tabelle 10: Klassifizierung des Zyklus von Kühen in Abhängigkeit von der Leistungshöhe

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

*(20 bzw. 28 Kühe/ Gruppe, 1.- 20. Laktationswoche)

Quelle: Taylor (2001 in Flachkowsky et al. 2002)

Lucy (2001) untersuchte die Entwicklung von Milchleistung, Besamungsaufwand und Zwischenkalbezeit von 143 Herdbuchbetrieben in North Carolina, USA von 1970 bis 1999. Bis zu einer Milchleistung von 8.000 kg stieg die Zwischenkalbezeit und der Besamungsindex nur gering an. Ab einer Milchleistung von 9.000 kg stieg der Besamungsindex allerdings drastisch von 2,0 auf 3,0 an. Der Autor führt dies auf eine vermutlich stärkere Stoffwechselbelastung der Tiere zurück.

Ergebnisse von Fleischer (2001 in Klug et al. 2004 S. 198 f) verdeutlichen den Antagonismus zwischen der Höhe der Milchleistung und verschiedenen Gesundheits- und Reproduktionsstörungen. Die Wahrscheinlichkeit des Auftretens von verschiedenen Krankheiten in der 3. Laktation nimmt bei einer höheren Milchleistung proportional zu (vgl. Abbildung 11).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Fleischer et al. (2001)

Abbildung 11: Wahrscheinlichkeit des Auftretens verschiedener Gesundheitsstörungen in der dritten Laktation in Abhängigkeit der 30 Tage Milchleistung

Mit dem Auftreten dieser Krankheiten steigt das Merzungsrisiko. In einer Analyse von 3.589 Holstein Kühen im Zeitraum 1986 bis 1990 untersuchten Beaudeau et al. (1995 S.113) den Einfluss ausgewählter gesundheitlicher Störungen auf die Länge des produktiven Lebens (vgl. Tabelle 11).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 11: Einfluss von Gesundheitsstörungen auf die Länge des produktiven Lebens

Quelle: Beaudeau et al. (1995)

Gröhn (1998) analysierte, dass vor allem stoffwechselgestörte Kühe ein erhöhtes Merzungsrisiko aufweisen. Auch Klug et al. (2004 S. 214) und Staufenbiel (2002) bestätigen die Auswirkungen von Stoffwechselkrankheiten, insbesondere der Ketose und dem Fettmobilisationssyndrom auf den Gesundheitsstatus und der Nutzungsdauer der Kuh.

Nach Angaben der ADR liegt der Abgangsgrund Stoffwechselkrankheit bei 4,8 Prozent (vgl. Tabelle 8). Subklinische Stoffwechselprobleme werden allerdings von den Landwirten meist nicht eindeutig diagnostiziert. Stoffwechselstörungen sind zudem häufig mit Begleit- oder Folgeerkrankungen verbunden, so dass eine Vielzahl von Stoffwechselerkrankungen durch andere Abgangsursachen überdeckt werden (Lührmann 2005 b).

Auswertungen von 4.243 Kühen in Mecklenburg-Vorpommern von 2000 bis 2004 zeigen, dass 68 Prozent der Erkrankungen in den ersten 100. Laktationstagen auftraten (Wangler und Harms 2006 S. 28f). Slanina und Hilka (1990 in Klug et al. 2004 S. 204) ermittelten ebenfalls, dass 75 Prozent aller Störungen und Gesamtverluste in dem Zeitraum 60 Tage vor bis 90 Tage nach der Kalbung auftreten. Der Zeitraum um die Kalbung wird auch als Problemzone oder kritische biologische Phase bezeichnet. Viele Erkrankungen in diesem Zeitraum hängen voneinander ab. Zu 80 Prozent ist das Euter und der Geschlechtsapparat an allen Störungen beteiligt. Ausgangs- und Endpunkt dieser Probleme ist oft der Stoffwechsel. Wobei die Energiebilanz der Kühe hier die Schlüsselrolle spielt (vgl. Tabelle 12) (Zieger 2005). In einer Reihe von Untersuchungen (u.a. Lotthamnner 1990 in Klug et al. 2004 S. 213) konnte nachgewiesen werden, dass eine Energieunterversorgung in der Frühlaktation auf das spätere Fruchtbarkeitsgeschehen einen entscheidenden Anteil hat.

Die negative Energiebilanz ergibt sich aus der begrenzten Fähigkeit der Kuh, in der Frühlaktation die erforderliche Futtermenge aufzunehmen. Bei höheren Tagesleistungen steigt die Futteraufnahme nicht so stark an wie der Energiebedarf. Eine Erhöhung der Energiedichte im Futter ist daher erforderlich. Die negative Energiebilanz in den ersten drei Laktationsmonaten ist jedoch kaum zu vermeiden (Flachkowsky et al. 2003). Aus Sicht der Tierernährung ergeben sich weiterhin bei sehr hohen Tagesmilchleistungen physiologische Grenzen. Folgende Faktoren beeinflussen die Leistungsgrenzen der Milchkuh: Energie und Nährstoffaufnahme bei einer Mindestmenge an Strukturfutter, Verdauungs- und Absorptionsvermögen, Abbau- und Synthesevermögen der Mikroorganismen in den Vormägen, Mobilisationsvermögen von Nährstoffen im Organismus, Synthesekapazität (z.B. Glucose) im Stoffwechsel (vor allem Leber und Milchdrüse), Stabilität und Belastungsvermögen des Skelettsystems, Krankheitsanfällig (Immunsystem) der Hochleistungstiere, Fähigkeit zur Reproduktion (Flachowsky 2003).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 12: Höheres Krankheitsrisiko durch negative Energiebilanz

Quelle: Zieger (2005)

An einer weiteren Erhöhung der Milchleistung der Kühe wird daher vermehrt Kritik geübt. Insbesondere aus tierärztlicher Seite wird von einer zu starken Gewichtung der Milchleistung gewarnt. Einige wenige Veterinäre gehen sogar so weit, bei der Zucht auf Milchleistung Entwicklungen zu erkennen, die gegen den Qualzucht- Paragraphen des Tierschutzgesetztes (§ 11 b) verstoßen (Veauthier 2003).

3.2.2 Milchleistung und Management

Bereits in den dreißiger Jahren stellten verschiedene Autoren fest, dass verschiedene Störungen bei hohen Milchleistungen hauptsächlich auf Fütterungs- und Haltungsfehler zurück zu führen sind (Klug et al. 2004 S. 198). Auch heute ist in der Literatur die enorme Bedeutung des Managements auf die Gesundheit unbestritten (u.a Hufe 2003, Lehnert 2003, Zieger 2005, Kesting 2005, Lührmann 2005). Demnach gibt es keine Anhaltspunkte dafür, dass in einem gut gemanagten 10.000 kg Betrieb die Gesundheit schlechter aussehen muss als in einem Betrieb mit 7.000 kg Durchschnittsleistung (Veauthier 2003). Hufe (2003) stellt an einem Praxisbeispiel eindrucksvoll die Auswirkungen einer verbesserten Fütterung, optimaleren Gestaltung der Haltungsbedingungen und einem intensiveren Tiergesundheitsmanagement dar. Im Zeitraum 1998 bis 2003 wurde auf einem Betrieb in Sachsen mit über 800 Kühen eine Reduzierung der Abgangsrate von 41 Prozent auf unter 29 Prozent bei einer gleichzeitiger Steigerung der Milchleistung um über 2.300 kg (von 7.168 kg auf 9.559 kg) durch eine überwiegende Umstellung der Herdenmanagementmaßnahmen erreicht.

Nach Zieger (2005) gehen die meisten Abgänge auf Kosten des Management zurück. Der Autor geht davon aus, dass 80 Prozent der unfreiwilligen Abgänge durch eine frühzeitige Diagnose und Behandlung vermeidbar gewesen wären.

Gerade in den ersten 100 Laktationstagen der Hochleistugnskuh kommt der Bedeutung des Kuhkomforts (Brandes 2000) und einer leistungsgerechten Nährstoffversorgung bei der Fütterung eine entscheidende Rolle zu. Um das Energiedefizit zu Beginn der Laktation zu begrenzen, werden an die Futteraufnahme und die Rationsgestaltung hohe Anforderungen gestellt (Sanftleben 2000 S. 85).

Durch eine konsequente Umsetzung von relativ einfachen Managementmaßnahmen lässt sich im mittleren Leistungsniveau (bis 9.000 kg) eine geringe Abgangsrate erreichen (Hufe 2003). Für eine weitere Leistungssteigerung sieht Hufe (2003) gegenwärtig ein Qualifikationsproblem der Betriebsleiter/Herdenmanager. Die meisten Betriebe sind nach Ansicht des Autors daher für hohe Milchleistungen nicht genügend vorbereitet.

3.2.3 Persistenz

Eine flache Laktationskurve mit geringeren Tageshöchstleistungen sind einfacher zu managen, als eine Kurve, die nach einer sehr hohen Einsatzleistungen schnell abfällt (N.N. 2005 b).

Die Persistenz beschreibt den Verlauf des Milchleistungsabfall nach dem Maximum in der Laktationskurve. Je stärker der Milchleistungsrückgang ist, desto geringer ist der Persistenz (Togashl et al. 2004).

In der internationalen Literatur konnte sich aber bisher kein einheitliches Persistenzmaß etablieren (Liu et al. 2003). Ein allgemein verwendetes Maß ist der Quotient zwischen den Leistungen in dem zweiten oder dritten hundert Tage Abschnitt zum ersten. Diese Quotienten werden auch als Persistens 2:1 oder 3:1 bezeichnet (Kanzi et al. 1990). Weiterhin finden sich in der Literatur Quotienten aus den Tagesmilchmengen an bestimmten Laktationstagen. Häufig wird hier ein Persistenzwert in Prozent aufgrund der Leistungsermittlung des 280. Laktationstag dividiert durch die Leistungsermittlung zum 60. Laktationstag errechnet (Lin 2005, N.N. 2005 b).

Tiere mit hoher Persistenz sind wünschenswert. Durch eine höhere Milchleistung in der zweiten Laktationshälfte ergeben sich Vorteile.

Eine Kuh B mit einer höheren Persistenz als Kuh A benötigt eine geringere Tageshöchstleistung um die gleiche Laktationsleistung wie Kuh A zu erreichen (vgl. Abbildung 12). Dadurch ergibt sich ein geringerer Nährstoffbedarf zu Laktationsbeginn (N.N. 2005 b). Das Energiedefizit in der Frühlaktation fällt dadurch geringer aus. Eine flache Laktationskurve mit geringeren Höchstleistungen verbessert den Gesundheitsstatus und die Fruchbarkeits- und Euterbelastung (Kandzi et al. 1990, Lin 2005, Krogmeier 2001). Ein wirtschaftlicher Vorteil wird weiterhin in den geringeren Futterkosten gesehen. Bei hohen Tagesmengen in der ersten Laktationshälfte sind höhere Kraftfutteraufwendungen nötig, während bei geringeren Leistungen in der zweiten Laktationshälfte das Grundfutter nicht voll ausgenutzt werden kann (Kandzi et al. 1990). Gerade in Betrieben mit einer Total-Misch-Ration besteht bei einer guten Persistenz eine nicht so starke Verfettung der Tiere im letzten Laktationsdrittel (Neumann 2004).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: N.N. (2005 b)

[...]

Ende der Leseprobe aus 127 Seiten

Details

Titel
Analyse der Nutzungsdauer und Lebenseffektivität von Milchkühen
Hochschule
Fachhochschule Südwestfalen; Abteilung Soest
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
127
Katalognummer
V127273
ISBN (eBook)
9783640819690
ISBN (Buch)
9783640822898
Dateigröße
2616 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Kommentare: Dipl.-Ing. Bernd L. (Unternehmensberater Landwirtschaftskammer Niedersachen) "Ihre Arbeit ist hoch interessant und mit Sicherheit zu recht mit 1,3 benotet worden.Ich werde sicherlich einzelne Aussagen und Daten meinem Vorträgen zudem Thema einbauen." Prof. Dr. W. (Fh Soest) "Die Güte der Arbeit ist gut, so dass sie unter die Leute kommen sollte" Herrn P. (RUW), Herrn B. (LKV) "sehr interessant"
Schlagworte
analyse, nutzungsdauer, lebenseffektivität, milchkühen, Kuh, Rinder, Alter, Remontierung
Arbeit zitieren
Dipl. -Ing (FH) Michael Bergmann (Autor), 2007, Analyse der Nutzungsdauer und Lebenseffektivität von Milchkühen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/127273

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