Supervision ist eine Beratungsmethode zur Reflexion der beruflichen Arbeit. Supervision ist damit aber auch ein Interaktionsprozess, in dem SupervisorIn und SupervisandInnen im Kontext ihrer Arbeit aufeinander treffen und dies passiert nicht losgelöst von gesellschaftlichen und kulturellen Normen und Werten, bzw. auch nicht losgelöst von der Organisation, aus denen SupervisandInnen und SupervisorInnen kommen. Tatsache ist, dass wir in allen Situationen des Lebens einander nicht nur als Menschen in einer spezifischen Situation (z.B. Supervision) und Funktion gegenübertreten, sondern immer auch als Mann oder Frau. Und hier passieren bewusst und vor allem unbewusst Zuschreibungen, Erwartungen und Bewertungen.
Ein gendersensibler Supervisionsansatz berücksichtigt Gender als wichtige Kategorie im Supervisionsprozess. Der Konstruktivismus ist die handlungsleitende Theorie - Geschlechterrollen werden als sozial konstruiert gesehen. Der Supervisionsprozess dient auch dazu, Geschlechterdifferenzen wahrzunehmen, zu analysieren und für den Supervisionsprozess nützlich zu machen bzw. angemessen zu intervenieren. Ziel einer „gendersensiblen“ Supervision soll auch sein, einen Beitrag zu mehr Geschlechtergerechtigkeit zu leisten. SupervisorInnen benötigen daher auch theoretisches und praktisches Wissen zu Gender bzw. eine kontinuierliche Auseinandersetzung mit dem Thema Gender, haben eine Sensibilität für Geschlechterfragen, verwenden eine geschlechtergerechte Sprache, setzen Interventionen und Methoden gendersensibel ein, setzen sich mit ihrer eigenen Geschlechteridentität auseinander und evaluieren den Supervisionsprozess auch in Bezug auf die Kategorie Gender.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Gender und Supervision
2.1 Definition von Supervision
2.2 Wie kommt Gender in die Supervision
2.2.1 Supervision als Interaktionsprozess
2.2.2 Gender und Organisationen
2.2.3 Gender und Inhalte der Supervision
2.2.4 Gender und SupervisorInnen
2.2.5 Supervisionstheorie bzw. Supervisionsforschung
2.3 Zusammenfassung
3 Von der Theorie zur Praxis
3.1 Fallbeispiele
3.1.1 Supervision in einem Architekturbüro
3.1.1.1 Motivation für Erstkontakt
3.1.1.2 Arbeitsvereinbarung und Inhalt/Vertrag
3.1.1.3 Verlauf der Supervision
3.1.1.4 Meine Erkenntnisse aus dem Supervisionsprozess
3.1.1.5 Relevante Interventionen
3.1.2 Supervision in einer Beratungsstelle
3.1.2.1 Motivation für Erstkontakt
3.1.2.2 Arbeitsvereinbarung und Inhalt/Vertrag
3.1.2.3 Verlauf der Supervision
3.1.2.4 Abschluss
3.1.2.5 Meine Erkenntnisse aus dem Supervisionsprozess
3.1.2.6 Relevante Interventionen
3.2 Erkenntnisse und Schlussfolgerungen für die Genderkompetenz von SupervisorInnen
4 Ein Gendersensibler Supervisionsansatz und Genderkompetenzen von SupervisorInnen
4.1 Supervision als Interaktionsprozess
4.2 Gender und Organisation
4.3 Gender und Inhalte der Supervision
4.4 Gender und SupervisorInnen
4.5 Supervisionstheorie bzw. Supervisionsforschung
4.6 Zusammenfassung
4.6.1 Gendersensibler Supervisionsansatz
4.6.2 Genderkompetenzen von SupervisorInnen
5 Resümee
6 Literaturliste
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Ziel der Arbeit ist es, die Bedeutung der Kategorie Gender im Supervisionsprozess zu verdeutlichen und auf Basis theoretischer Erkenntnisse sowie praktischer Fallbeispiele ein gendersensibles Supervisionskonzept zu entwickeln, das SupervisorInnen dabei unterstützt, Geschlechtergerechtigkeit zu fördern und unbewusste Rollenstereotypen zu reflektieren.
- Grundlagen zur Bedeutung von Gender in der Supervision
- Analyse von Supervision als Interaktionsprozess unter Gender-Aspekten
- Praktische Fallbeispiele zur Relevanz von Gender in der Beratung
- Ableitung notwendiger Genderkompetenzen für SupervisorInnen
- Hinterfragung von Organisationsstrukturen hinsichtlich Geschlechterrollen
Auszug aus dem Buch
3.1.1.3 Verlauf der Supervision
Am ersten Nachmittag wurde nochmals mit dem gesamten Team ein Supervisionsauftrag erarbeitet. Es wurden Erwartungen und Ziele abgeklärt. Das Team wurde von einem Architekten, Eigentümer und gleichzeitig Geschäftsführer, geleitet. Weiters komplettierten eine Assistentin, 2 junge Architektinnen, die bereits einige Jahre im Betrieb waren, 1 junger Architekt, der ebenfalls einige Jahre im Betrieb war, und ein älterer Architekt, der ganz kurz im Team war, die Organisation. Als wichtigste gemeinsame Erwartung an die beiden Nachmittage wurde die Büroorganisation formuliert.
Bereits bei der Entscheidungsfindung deuteten sich. Konflikte zwischen Älteren (Geschäftsführer plus neu beschäftigter Architekt) und Jüngeren, sowie zwischen (männlicher) Geschäftsführung und weiblichen Beschäftigten, an.
Der Konflikt Ältere (nur Männer) gegen Jüngere wurde bei der Erarbeitung einer möglichen neuen Büroorganisation virulent. Ein älterer Mitarbeiter, der erst seit kurzem in der Organisation war, verbündete sich sehr stark mit dem älteren Geschäftsführer. Beide nahmen sich sehr viel Raum und wollten ihre Meinung gegen die anderen „jüngeren“ MitarbeiterInnen wortstark durchsetzten.
In einer Gruppenarbeit haben alle SupervisandInnen in zwei Gruppen aufgeteilt eine zukünftige Büroorganisation erarbeitet. Dadurch, dass die beiden Älteren (Männer) in einer eigenen Gruppe waren, konnten die anderen, die Jüngeren, in der anderen Gruppe ihre eigenen Vorstellungen entwickeln und bei der Präsentation auch vortragen. Zumindest wurde durch die Methode das scheinbar normale Machtverhältnis außer Kraft gesetzt, und es hatte jede und jeder selbe Partizipationschancen und selbe Chancen, dass ihre/seine Meinungen gehört werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung stellt die Relevanz der Kategorie Geschlecht in der Supervision dar und begründet das Vorhaben, Supervision durch eine gendersensible Perspektive zu erweitern.
2 Gender und Supervision: Dieses Kapitel erläutert theoretische Grundlagen und zeigt auf, warum Gender als soziale Konstruktion auch im Supervisionsprozess, in Organisationen und bei der Arbeit von SupervisorInnen eine entscheidende Rolle spielt.
3 Von der Theorie zur Praxis: Anhand von zwei Fallbeispielen aus der Beratungspraxis wird die praktische Relevanz von Genderaspekten in der Fallarbeit und der Organisationsentwicklung verdeutlicht.
4 Ein Gendersensibler Supervisionsansatz und Genderkompetenzen von SupervisorInnen: Hier werden aufbauend auf den vorangegangenen Erkenntnissen konkrete Kompetenzanforderungen für SupervisorInnen definiert, um eine gendersensible Beratungspraxis zu ermöglichen.
5 Resümee: Das Kapitel fasst die zentralen Ergebnisse zusammen und unterstreicht die Notwendigkeit für SupervisorInnen, Gender ganzheitlich als relevante Kategorie in ihre Arbeit zu integrieren.
6 Literaturliste: Die Literaturliste bietet einen Überblick über die verwendeten Quellen zur Vertiefung der Thematik.
Schlüsselwörter
Gender, Supervision, Gendersensibilität, Geschlechtergerechtigkeit, Interaktionsprozess, Organisationsentwicklung, Gender-Doing, Fallarbeit, Machtverhältnisse, SupervisorInnen, soziale Konstruktion, Genderkompetenz, Diversität, Beratungspraxis, Rollenbilder.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit primär?
Die Arbeit untersucht, wie das Thema Gender als relevante Kategorie in der Supervision integriert werden kann, um eine professionellere und gerechtere Beratungspraxis zu gewährleisten.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themen sind Supervision als Interaktionsprozess, der Einfluss von Gender auf Organisationskulturen, Fallarbeit, Selbstthematisierung und die Notwendigkeit von Genderkompetenzen bei Beratern.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist die Entwicklung eines gendersensiblen Supervisionsansatzes, der SupervisorInnen hilft, Geschlechterdifferenzen wahrzunehmen, zu hinterfragen und konstruktiv in den Beratungsprozess einzubeziehen.
Welche wissenschaftliche Methode liegt der Arbeit zugrunde?
Der Autor verbindet theoretische Auseinandersetzungen mit Erkenntnissen aus der eigenen Beratungspraxis, wobei insbesondere der Konstruktivismus als handlungsleitende Theorie herangezogen wird.
Was steht im Hauptteil der Arbeit im Fokus?
Im Hauptteil werden theoretische Überlegungen mit zwei konkreten Fallbeispielen verknüpft, um die Auswirkungen von Gender-Stereotypen und Strukturen auf den Supervisionsprozess aufzuzeigen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit zeichnet sich durch Begriffe wie Gender-Doing, Gendersensibilität, Machtverhältnisse in Organisationen, professionelle Reflexion und Geschlechtergerechtigkeit aus.
Welche Rolle spielt die Metapher des "Vaters" und der "Töchter" in den Fallbeispielen?
Diese Metapher wird im Teamkontext zur Beschreibung von Abhängigkeitsverhältnissen genutzt, erweist sich jedoch als hinderlich für eine professionelle Arbeitsbeziehung, weshalb eine Distanzierung notwendig ist.
Warum ist eine "gendersensible Organisationsanalyse" für SupervisorInnen wichtig?
Sie ist notwendig, da Organisationen selbst durch Geschlechterrollen geprägt sind; eine Analyse hilft dabei, ungleiche Machtverhältnisse und Implementierungsprozesse wie Gendermainstreaming besser zu verstehen.
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- Mag. Dr. Alfred Fellinger-Fritz (Author), 2005, Der Versuch eines gendersensiblen Supervisionsansatzes, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/127449