Der Begriff der Aura nimmt in Walter Benjamins Werk eine besondere Stellung ein, die gemäß kunsthistorischer Fragestellungen sowie ihrer kultur- und medientheoretischen Implikaturen zu problematisieren ist. Daher soll anhand einer kurzen Rekapitulation der Diskussion um den Begriff der Aura das kulturtheoretische Problemfeld angesprochen werden. Benjamins Betrachtung der Geschichte der Fotografie wird als Folie der Erörterung seines Kulturkonzept sowie seiner historisch-materialistischen Betrachtungsweise herangezogen. Dabei ist der Begriff der Aura trotz der konsistenten Formulierung der "fernen Nähe" immer wieder unterschiedlichen Bestimmungen unterworfen, die anhand einer Analyse von Sol LeWitts "Serial Project No.1 (ABCD)" (1966) angezeigt werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Benjamin als Kulturtheoretiker und historischer Materialist
2.1. Der Medienwechsel des 19. Jahrhunderts
2.2. Kult und Kultur, Zivilisation und Fortschritt
2.3. Historischer Materialismus
2.4. Massen
3. Verlust der Aura als historische Chance
3.1. Nahe Ferne – ferne Nähe: Kleine Geschichte der Photographie
3.2. Originalität und Emanzipation: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit
3.3. Zertrümmerung der Aura im Chockerlebnis: Über einige Motive bei Baudelaire
4. Kunstreproduzierende Fotografie und auf Reproduzierbarkeit angelegte Kunstwerke
4.1. Sol LeWitt, Serial Project No. 1 (ABCD), 1966
4.2. Einige Anmerkungen zum Minimalismus
4.3. Auf Reproduzierbarkeit angelegte Artefakte
4.4. Kunstreproduzierende Fotografie
5. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die von Walter Benjamin aufgeworfenen kunsthistorischen, medien- und kulturtheoretischen Fragestellungen, insbesondere im Hinblick auf den Begriff der Aura und deren Veränderung durch technische Reproduzierbarkeit. Ziel ist es, diese theoretischen Konzepte auf ein zeitgenössisches Fallbeispiel, das Werk Serial Project No. 1 (ABCD) von Sol LeWitt, anzuwenden, um die Relevanz von Benjamins Thesen für die Analyse von auf Reproduzierbarkeit angelegter Kunst zu verdeutlichen.
- Die Entwicklung des Aura-Begriffs im Werk Walter Benjamins.
- Die Auswirkungen technischer Reproduktionsmedien auf die Kunstwahrnehmung.
- Das Spannungsfeld zwischen Kultwert und Ausstellungswert von Kunstwerken.
- Die Anwendung historisch-materialistischer Analysemethoden auf minimalistische Kunst.
Auszug aus dem Buch
3.1. Nahe Ferne – ferne Nähe: Kleine Geschichte der Photographie
Der Begriff der Aura stellt in Benjamins Werk einen der aenigmatischsten Termini dar. Wie bereits erwähnt worden ist, hat Benjamin die Aura im Fotografieaufsatz als etwas den frühen Portraitfotografien anhaftendes oder innewohnendes konzipiert. Eng mit dem Aurabegriff verwoben ist Benjamins Diskussion von Originalität hinsichtlich der modernen (Re-)Produktionsverhältnisse und ihren kulturellen Auswirkungen. Zunächst unterstreicht Benjamin, dass Kunstwerke als Originale ein einmaliges Vorkommen aufweisen. Dieses konnte durch manuelle Reproduktionen zwar umgangen werden, untergraben wird es jedoch durch technische Reproduktionen, indem die physische Präsenz, das „Hier und Jetzt“ des Originals, das seine Echtheit ausmacht, entwertet wird. Die Idee der Echtheit steht dabei im Zusammenhang mit der kulturellen Tradiertheit des Artefakts. „Die Echtheit einer Sache ist der Inbegriff alles von Ursprung her an ihr Tradierbaren, von ihrer materiellen Dauer bis zu ihrer geschichtlichen Zeugenschaft.“ Letztlich summiert Benjamin die damit verbundene Ausfallserscheinung im Begriff der Aura: „was im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit des Kunstwerks verkümmert, das ist seine Aura.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung stellt die Forschungsfrage nach den Implikaturen von Benjamins Aura-Konzept für die Kunstgeschichte dar und führt Sol LeWitts Serial Project No. 1 als Fallbeispiel ein.
2. Benjamin als Kulturtheoretiker und historischer Materialist: Dieses Kapitel erläutert Benjamins materialistische Methode und die Bedeutung des Medienwandels im 19. Jahrhundert für das Verständnis von Kunst und Kultur.
3. Verlust der Aura als historische Chance: Hier wird der Aura-Begriff detailliert analysiert und die Rolle der Fotografie sowie die Veränderung der Wahrnehmung im Kontext der Chockwirkung diskutiert.
4. Kunstreproduzierende Fotografie und auf Reproduzierbarkeit angelegte Kunstwerke: Dieses Kapitel verknüpft die Theorie mit der Analyse von Sol LeWitts Werk und untersucht die konzeptuelle Serialität als Form der technischen Reproduzierbarkeit.
5. Schlussbetrachtung: Die Arbeit resümiert, dass die Aura aufgrund ihrer Vielschichtigkeit ein schwer zu fassender, beinahe mythischer Begriff bleibt, dessen Bedeutung jedoch für die Analyse kultureller Diskurse unerlässlich ist.
Schlüsselwörter
Walter Benjamin, Aura, technische Reproduzierbarkeit, Kunstgeschichte, Fotografie, historischer Materialismus, Sol LeWitt, Minimalismus, Serialität, Chockwirkung, Kultwert, Ausstellungswert, Kulturtheorie, Medienwandel, Konzeptkunst.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert Walter Benjamins kunsthistorische und medientheoretische Begriffe, insbesondere das Konzept der Aura, und dessen Veränderung durch technische Reproduktionsmedien.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zu den zentralen Themen gehören die Geschichte der Fotografie, die Entwicklung kultureller Wahrnehmungsweisen sowie die kritische Auseinandersetzung mit dem Begriff der Reproduzierbarkeit.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, Benjamins Aura-Konzept auf das zeitgenössische Werk von Sol LeWitt anzuwenden, um zu zeigen, wie sich Kunst im Zeitalter der konzeptuellen Reproduzierbarkeit transformiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit nutzt die historisch-materialistische Betrachtungsweise von Walter Benjamin als theoretischen Rahmen, um Kunstwerke als soziale und geschichtliche Objekte zu analysieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden Benjamins Schriften wie der Kunstwerkaufsatz und die Kleine Geschichte der Photographie theoretisch fundiert und anschließend auf LeWitts Serial Project No. 1 (ABCD) übertragen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Schlüsselwörter sind unter anderem Aura, technische Reproduzierbarkeit, Historischer Materialismus, Serialität und Minimalismus.
Inwiefern beeinflusst die Fotografie die künstlerische Wahrnehmung bei Benjamin?
Benjamin sieht in der Fotografie ein Medium, das den Kultwert des Kunstwerks entwertet und eine neue Form der Wahrnehmung ermöglicht, die eher auf Ausstellungswert und Zerstreuung beruht.
Warum eignet sich Sol LeWitts Serial Project No. 1 besonders für diese Analyse?
Das Werk eignet sich, da es die konzeptuelle Wiederholbarkeit zur Basis macht und somit als Paradebeispiel für eine auf Reproduzierbarkeit angelegte Kunst dient.
Wie unterscheidet sich LeWitts Ansatz laut der Arbeit vom traditionellen Kunstbegriff?
LeWitt betont den konzeptuellen Plan vor der Ausführung, wodurch das Genie-Konzept und die traditionelle Auratisierung durch eine mechanisch-industrielle Fertigung ersetzt werden.
- Quote paper
- Nils Wiegand (Author), 2009, Walter Benjamin und die Aura, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/127537