Das Germanenbild Gustaf Kossinnas

Und dessen Wirkung auf die deutsche Bevölkerung


Seminararbeit, 2006

18 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Kapitel 1 – Hintergründe
1.1 Politischer Kontext
1.2 Kossinnas Hintergrund und Bewertung durch die gegenwärtigen Forschungslage

Kapitel 2 – Kossinnas Germanenbild
2.1 Abstammung und Darstellung der Germanen
2.2 Germanisches Wesen
2.3 Kossinnas ‚Manifest’

Kapitel 3 – Auswirkungen
3.1 Wirkung auf die nationalsozialistische Rassenlehre
3.2 Kossinnas heutige Bewertung

Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Vorwort

Die vorliegende Hausarbeit befasst sich mit dem von Gustav Kossinna zu Beginn des 20. Jahrhunderts entworfenen Bild der germanischen Abstammung der Deutschen und dessen Wirkung auf die deutsche Bevölkerung. Dabei wird besonders auf Kossinnas Werke „Die deutsche Vorgeschichte, eine hervorragend nationale Wissenschaft“[1], „Altgermanische Kulturhöhe“[2] und „Ursprung und Verbreitung der Germanen in vor- und frühgeschichtlicher Zeit“[3] eingegangen. Kossinnas Bemühungen und seine Ergebnisse sollen in dem zeitgeschichtlichen Kontext der politischen Nationalisierung dargestellt und die Auswirkungen auf das Germanenbild der Deutschen untersucht werden.

Die Untersuchung seiner Methoden auf ihre Wissenschaftlichkeit sowie Erläuterungen zur archäologischen Thematik sollen nur dort wo unbedingt notwendig in Form kurzer Exkurse angerissen werden. Ebenso wird Kossinnas Leben und beruflicher Werdegang nur in einer kurzen Übersicht wiedergegeben um eine Zuordnung zu dem allgemeinen Zeitgeist möglich zu machen.

Kossinna und seine Arbeit sind besonders für die Vor- und Frühgeschichte von politischer Brisanz, da er zu dem kleinen Kreis der führenden Prähistoriker zu Beginn des 20. Jh. gehörte, diese noch junge Wissenschaft jedoch durch seine Werke und diverse Vorträge besonders im Laufe des 1. Weltkrieges instrumentalisierte und politisierte. Obwohl seine Verbindungen zu den entstehenden antisemitisch und völkisch ausgerichteten Verbänden häufig nur schwer zu rekonstruieren sind[4], wurden seine, sich immer mehr auf die Überlegenheit der nordischen Rasse beziehenden Theorien von den nationalorientierten Gesellschaften der Zwischenweltkriegszeit übernommen und bildeten mit einen Grundstein für die Rassenideologie der Nationalsozialisten. Obwohl Kossinna die Machtergreifung der Nationalsozialisten nicht mehr erlebte, hatte er die gesamte vor- und frühgeschichtliche Archäologie in Verruf gebracht, welche bis heute dieses Thema noch nicht vollkommen aufgearbeitet hat[5]. Die Analyse seiner, vordergründig durch wissenschaftliche Arbeit gesicherten Erkenntnisse über die germanischen Wurzeln der Deutschen und deren „heldenhaftes“[6] Wesen ist daher eine interessante Fragestellung, der diese Arbeit nachgehen soll.

Kapitel 1 – Hintergründe

1.1 Politischer Kontext

Die Zeit von Kossinnas Wirken war geprägt von der Suche nach einer eigenen in der Vergangenheit verwurzelten Identität.

Schwerwiegende Ereignisse wie die Reformation 1517, der 30jährige Krieg von 1618 bis 1648 sowie die Napoleonischen Kriege 1792 bis 1815 führten zu einer Zersplitterung der Gesellschaft im Deutschen Reich. Die Besetzung des Rheinlandes und der Pfalz durch französische Truppen und letztendlich die Abdankung des deutschen Kaisers Franz II. und das damit verbundene Ende des Heiligen römischen Reiches deutscher Nation im Jahre 1806 zerstörten den letzten Rest eines nationalen Selbstbewusstseins. Erst mit den Siegen in den preußischen Einigungskriegen von 1864 gegen Dänemark und 1866 gegen Österreich sowie dem Deutsch-Französischem Krieg von 1870/1871, der die Ausrufung des Deutschen Kaiserreiches am 18. Januar 1871 in Versailles zur Folge hatte, entstand für die Bevölkerung die Möglichkeit, ein nationales Identitätsgefühl in Bezug auf das Deutsche Reich zu entwickeln, so dass zuvor nach anderen, in der Vergangenheit liegenden Motiven für eine gemeinsame Identifikation gesucht werden musste[7].

Das Geschichtsbewusstsein allerdings bezog sich zu dieser Zeit noch immer auf die Antike, wie das „griechisch-humanistische Bildungsideal“[8], und die germanische Vergangenheit wurde der allgemeinen Meinung nach als „zweitausendjährige[r] Kulturrückstand der Deutschen“[9] bezeichnet.

In Frankreich dagegen hatte bereits im Laufe des 18. Jh. eine allgemeine „Keltomanie“[10] eingesetzt, welche den Kelten eine bronzezeitliche Hochkultur zuschrieb, die von den „kulturvernichtenden“[11] Germanen zerstört wurde. Diese Besinnung auf die keltische Herkunft wurde auch in der französischen Revolution aufgegriffen, wo sich der dritte Stand z.T. als unterdrückte keltische Bevölkerung gegen „eine fränkische Herrenschicht“, damit also gegen germanische Fremdherrschaft, auflehnte[12].

Diese „Keltomanie“ in Frankreich, die auch auf süddeutsche und schweizerische Gebiete übergriff[13] und die damit einhergehende Abwertung der als barbarisch angesehenen Germanen waren ein wesentlicher Grund, weshalb man in Deutschland begann, sich gerade auf dieses vermeintliche germanische Kulturerbe zurückzubesinnen und damit eine Abgrenzung zu dem keltischen Frankreich zu schaffen.

Hauptsächlich Gelehrte begannen sich mit germanischer Vergangenheit zu beschäftigen und die Deutschen an ihre germanische Abstammung zu erinnern, um dem durch Napoleon erniedrigten deutschen Volk einen historisch begründeten gemeinsamen Halt zu geben. Relativ früh begannen 1819 die Arbeiten an der ‚Monumenta Germaniae Historica’, der Sammlung aller, für das Deutsche Reich relevanten schriftlichen Quellen[14]. Von 1830 bis 1842 wurde die ‚Walhalla’ in Regensburg als Ehrendenkmal, im Grundgedanken jedoch nicht allein für Deutsche, sondern für verdiente Deutschsprachige[15], errichtet und 1841 das ‚Hermannsdenkmal’ bei Detmold, welches aufgrund der, nur spärlich von Seiten der Bevölkerung fließenden Spenden erst wesentlich später als eigentlich geplant begonnen werden konnte[16]. Mit Richard Wagners 1876 erstmals zusammenhängend aufgeführten ‚Ring’, welcher schon damals als „nationale Tat“[17] gefeiert wurde, begann das Interesse an dem germanischen Erbe auch in der breiteren Bevölkerung zu entstehen, wenn auch nur im literatur- und sprachwissenschaftlichen Bereich.

Die moralischen Werte und glorreichen Traditionen der Vergangenheit sollten in den politisch schwierigen Zeiten Hoffnung und Zuversicht geben und dem, aufgrund der rasanten Industrialisierung und dem damit teils einhergehenden Zerfall des alten Stände- und Wertesystems, orientierungslos gewordenen Bürgertum eine neue Ideologie in der „edlen Größe des Germanentums“[18] geben. Gleichzeitig sollte das völkische Konzept von der gemeinsamen germanischen Abstammung ein Identitäts- und Zusammengehörigkeitsgefühl vermitteln, welches als Abgrenzung gegen die gemeinsamen Feinde von Außen, wie z.B. die sich auf ihre keltischen Wurzeln berufenden Franzosen, diente[19].

1.2 Kossinnas Hintergrund und Bewertung durch die gegenwärtigen Forschungslage

Gustaf Kossinna wurde 1856 in Tilsit, Ostpreußen als Sohn eines Gymnasialprofessors geboren. Er studierte ab 1876 in Göttingen, Leipzig, Berlin und Straßburg klassische und germanische Philologie, deutsche Geschichte und Geographie und veröffentlichte 1881 seine, noch rein philologische Dissertation, widmete sich aber bereits während des Studiums der vorgeschichtlichen Archäologie und der Anthropologie. Als Autodidakt musste er sich mit Aushilfsarbeiten in Bibliotheken zufrieden geben bis er 1902 aufgrund seiner Aufsehen erregenden Vorträge, besonders seines ersten Auftrittes vor der ‚Deutschen Gesellschaft für Anthropologie’ mit dem Titel „Die vorgeschichtliche Ausbreitung der Germanen in Deutschland“[20] und den daraus resultierenden Monographien über germanische Herkunft und germanisches Kulturleben eine außerordentliche Professur für ‚Deutsche Archäologie’ an der Berliner Universität erhielt.

Bereits von Anbeginn seiner Forschungen postulierte Kossinna eine „germanische Archäologie“[21], da er die klassische Archäologie, als allein auf die mediterrane Antike bezogen, geringschätzte. Ebenso sah er untragbare Defizite in der Beachtung der ‚deutschen Vergangenheit’ durch Museen und höhere Schulformen und besonders durch die Berliner Akademie der Wissenschaften[22]. Dabei berief er sich auf ein Zitat des deutschen Kaisers Wilhelm II., der 1890 die Notwendigkeit von hohem nationalen Gehalt in der Bildung mit dem Ausspruch vertrat, man solle „nationale junge Deutsche erziehen und nicht junge Griechen oder Römer“[23]. Doch auch die kaiserliche Parteinahme verhinderte nicht, dass Kossinna weiterhin einem hohen Maße von Kritik ausgesetzt war, die sich in erster Linie nicht gegen seinen, auch in anderen Ländern durchaus gängigen nationalen Grundgedanken[24] richteten, sondern gegen seine unwissenschaftlichen Methoden und seinen „engen germanozentrischen Horizont“[25]. Diese Anfeindungen, auch aus den eigenen Reihen der Prähistoriker, führten nur zu einer noch stärkeren Nationalisierung seiner Forschungen und heftigen Beleidigungen und Abwertungen aller, die sich nicht um das ‚deutsche Erbe’ verdient machten. Besonders in seinem wichtigsten Werk[26] ruft er „so laut ich das hier vermag, das Ehr- und Vaterlandsgefühl derjenigen an“[27], die das ‚südländisch Fremde’ der deutschen Vorgeschichte vorziehen, welche sich als, dem Deutschtum den Weg weisenden Wissenschaft um die Stellung Deutschlands verdient macht[28].

[...]


[1] Kossinna, Gustaf, Die deutsche Vorgeschichte, eine hervorragend nationale Wissenschaft (7. Auflage. Leipzig 1936).

[2] Kossinna, Gustaf, Altgermanische Kulturhöhe (2. Auflage. Leipzig 1930).

[3] Kossinna, Gustaf, Ursprung und Verbreitung der Germanen in vor- und frühgeschichtlicher Zeit (2. Auflage. Leipzig 1934).

[4] Grünert, Heinz, Gustaf Kossinna – ein Wegbereiter der nationalsozialistischen Ideologie, in: Leube, Achim (Hrsg.), Prähistorie und Nationalsozialismus (Heidelberg 2002). S. 311 ff.

[5] Kossack, Georg, Prähistorische Archäologie in Deutschland im Wandel der geistigen und politischen Situation (München 1999). S. 40.

[6] Kossinna, Altgermanische Kulturhöhe. S. 65.

[7] Geary, Patrick, Europäische Völker im Mittelalter (Frankfurt/Main 2002). S. 33.

[8] Smolla, Günter, Archäologie und Nationalbewusstsein, aus: http://www.dhm.de/ausstellungen/walhall/art2.htm

[9] Kossinna, Altgermanische Kulturhöhe, S. 9.

[10] Kossinna, Die deutsche Vorgeschichte, S. 53 ff.

[11] Ebd.

[12] Smolla, Archäologie und Nationalbewusstsein. Ebenso Zitat.

[13] Smolla, Archäologie und Nationalbewusstsein. Ebenso Zitat.

[14] Geary, Europäische Völker im Mittelalter. S. 37 f.

[15] Informationsseite der Walhalla Regensburg, aus: http://www.walhalla-regensburg.de/deutsch/index.shtml

[16] Gutberlet, Bernd Ingmar, Die 50 populärsten Irrtümer der deutschen Geschichte (Hamburg 2002). S. 17.

[17] Kossack, Prähistorische Archäologie in Deutschland. S. 39.

[18] Ebd.

[19] Geary, Europäische Völker im Mittelalter. S. 35.

[20] Grünert, Heinz, Gustaf Kossinna. Vom Germanisten zum Prähistoriker. (Rahden/Westfalen 2002). S. 66 ff.

[21] Kossinna, Die deutsche Vorgeschichte. S. 266.

[22] Ebd. S. 206 ff.

[23] Grünert, Gustaf Kossinna. S. 164.

[24] Smolla, Archäologie und Nationalbewusstsein.

[25] Grünert, Gustaf Kossinna. S. 120.

[26] Kossinna, Die deutsche Vorgeschichte.

[27] Ebd. S. 267.

[28] Ebd. S. 266.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Das Germanenbild Gustaf Kossinnas
Untertitel
Und dessen Wirkung auf die deutsche Bevölkerung
Hochschule
Universität zu Köln  (Historisches Seminar der Universität zu Köln)
Note
2,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
18
Katalognummer
V127538
ISBN (eBook)
9783640340170
ISBN (Buch)
9783640338740
Dateigröße
442 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Germanenbild, Gustaf, Kossinnas, Wirkung, Bevölkerung
Arbeit zitieren
Matthias Toplak (Autor), 2006, Das Germanenbild Gustaf Kossinnas, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/127538

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