In folgender Hausarbeit soll genauer herausgearbeitet werden, unter welchen Funktionen und Wahrnehmungen das Hotel gesehen werden kann. Ein Hotel ist nüchtern betrachtet ein Betrieb zur Beherbergung und Verpflegung von Gästen. Das Hotel ist aber auch eine Räumlichkeit, die um einiges komplexer ist, als seine sachliche Definition. Das Hotel ist ein „socia-historical phenomenon [...], one of the key witnesses to, as well as the product of, major power shifts in Western society in the late nineteenth and early twentieth century […] from sedentary to a travelling society” . In anderen Worten, Hotels spiegeln den Grad geographischer und sozialer Mobilität wider, welcher während der Jahrhundertwende möglich wurde.
Architektonisch reflektieren Hotels die veränderte Einstellung gegenüber Räumlichkeit und der sozialen Funktion von Raum, beginnend im 19. Jahrhundert. Das Verständnis von Öffentlichkeit und Privatheit änderte sich genauso, wie das Verhältnis von Anonymität und Intimität und dem Sehen und Gesehen werden.
Für Autoren ist das Hotel ein perfekter Schauplatz zum Experimentieren. Es liefert ausreichend Material für Studien zwischen dem Individuum und der Gesellschaft, denn es ist ein Raum, in dem sich Menschen zufällig begegnen und sich ihre Geschichten miteinander verbinden. Zwischenmenschliche Beziehungen können hier auf ergreifende Weise entstehen. In Joseph Roths Roman ‚Hotel Savoy’ wird besonders deutlich, welche verschiedenen Bedeutungen das Hotel hat. Für die einen ist es ein Stück Heimat, für andere nur eine Durchgangsstation. Mit dem Hotel werden Hoffnungen verbunden, es ist ein Erwartungsraum, andererseits auch ein Ort des Untergangs. Diese und andere Aspekte werden im Hauptteil betrachtet, nachdem zunächst im folgenden Kapitel das Hotel Savoy als solches beschrieben werden soll.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das Hotel Savoy
3. Raummomente im Hotel Savoy
3.1. Begegnungen im Hotel
3.2. Das Hotel als Heimat
3.3. Hierarchisierung der Räume
3.4. Öffentlichkeit versus Geheimnis
3.5. Das Hotel als Erwartungsraum
3.6. Das Hotel als Untergangsort
3.7. Das Hotel als Welt-Raum
4. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die vielfältigen Funktionen und Wahrnehmungen des Hotel Savoy in Joseph Roths gleichnamigem Roman von 1924. Dabei steht die zentrale Forschungsfrage im Mittelpunkt, wie das Hotel als räumlicher Schauplatz die sozialen Strukturen, die Identitätskrisen der Nachkriegsgeneration und die existenzielle Verfassung der Protagonisten widerspiegelt und beeinflusst.
- Analyse des Hotels als Mikrokosmos gesellschaftlicher Hierarchien.
- Untersuchung der Spannung zwischen Öffentlichkeit, Privatsphäre und Entfremdung.
- Betrachtung des Hotels als Ort des Untergangs und der gescheiterten Hoffnungen.
- Erforschung der psychologischen Wirkung der räumlichen Gestaltung auf die Bewohner.
- Deutung des Hotels als "transitionaler Raum" für eine entwurzelte Generation.
Auszug aus dem Buch
3.3. Hierarchisierung der Räume
Als Gabriel Dan im Hotel anlangt, ist er zunächst überrascht von der warmen Begrüßung: „[...] daß der Portier mich grüßt, mich, den armen Wanderer in russischer Bluse, daß ein Boy geschäftig meiner harrt, obwohl ich gar kein Gepäck habe.“ (7) Allerdings muss Dan schnell feststellen, dass nur die Gäste ausreichend umsorgt werden, die das nötige Geld haben und für diverse Angebote zahlen können. Schnell wird ihm die Hierarchie des Hotels klar: unten wohnen die Reichen und oben die Armen.
Am zweiten Tag im Hotel nimmt er die Treppen, statt den Fahrstuhl und stellt fest, dass die unteren Etagen nicht nur komfortabler sind, sondern sich auch buchstäblich in einer anderen Zeitzone befinden, da es um so früher zu sein scheint, je tiefer er kommt:
„Langsam steige ich die Treppe hinunter [...]. Das fünfte Stockwerk sieht genauso wie das sechste aus, man kann sich leicht irren; dort oben und hier hängt eine Normaluhr gegenüber der Treppe, nur gehen die beiden Uhren nicht regelmäßig. Die im sechsten Stockwerk zeigt sieben Uhr und zehn Minuten, hier ist es sieben Uhr, und im vierten Stock sind es zehn Minuten weniger.
Über den Quadersteinen des dritten Stockwerks liegen dunkelrote, grüngesäumte Teppiche, man hört seinen Schritt nicht mehr. Die Zimmernummern sind nicht an die Türen gemalt, sondern auf ovalen Porzellantäfelchen angebracht. Ein Mädchen kommt mit einem Staubwedel und einem Papierkorb, hier scheint man mehr auf Sauberkeit zu achten. Hier wohnen die Reichen, und Kaleguropulos, der Schlaue, läßt absichtlich die Uhren zurückgehn, weil die Reichen Zeit haben.“ (9)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Thematik des Romans ein und stellt das Hotel Savoy als Spiegelbild einer verlorenen Generation sowie als komplexen gesellschaftlichen Mikrokosmos vor.
2. Das Hotel Savoy: In diesem Kapitel wird das Hotel als architektonische und soziale Räumlichkeit beschrieben, wobei der Fokus auf dem Kontrast zwischen modernem Komfort und der prekären Lage seiner Gäste liegt.
3. Raummomente im Hotel Savoy: Dieses Kapitel bildet den Hauptteil und analysiert in sieben Unterpunkten die verschiedenen symbolischen und funktionalen Facetten des Hotels, von der Begegnung über die Hierarchisierung bis hin zur existentiellen Bedeutung als Untergangsort.
3.1. Begegnungen im Hotel: Es wird erörtert, wie das Hotel als Schauplatz für zufällige Kontakte dient, die trotz ihrer Vielzahl oft oberflächlich bleiben und die Einsamkeit der Protagonisten nicht mindern.
3.2. Das Hotel als Heimat: Dieses Kapitel beleuchtet das Spannungsfeld zwischen der Suche nach Geborgenheit im Hotelzimmer und der unentrinnbaren Fremdheit, die für entwurzelte Charaktere charakteristisch ist.
3.3. Hierarchisierung der Räume: Hier wird dargelegt, wie die vertikale Schichtung des Hotels die soziale Ungerechtigkeit der kapitalistischen Gesellschaft und die Machtverhältnisse zwischen armen und wohlhabenden Gästen abbildet.
3.4. Öffentlichkeit versus Geheimnis: Es wird untersucht, wie die Spannung zwischen dem öffentlichen Foyer und dem privaten Hotelzimmer sowie die Rolle des mysteriösen Direktors die Wahrnehmung der Gäste beeinflussen.
3.5. Das Hotel als Erwartungsraum: Dieses Kapitel zeigt auf, wie das Hotel als Ort der Hoffnung fungiert, an dem die Bewohner auf eine Verbesserung ihrer Lebensumstände warten, ohne selbst aktiv zu werden.
3.6. Das Hotel als Untergangsort: Es wird analysiert, warum das Hotel für viele Bewohner zur Falle wird, in der das Schicksal des Abstiegs bereits vorbestimmt ist, was schließlich im Brand gipfelt.
3.7. Das Hotel als Welt-Raum: Abschließend wird das Hotel als komprimierte Welt begriffen, in der internationale Gäste ihre individuelle Geschichte mit der globalen gesellschaftlichen Realität verknüpfen.
4. Zusammenfassung: Das Fazit fasst die Ergebnisse der Arbeit zusammen und bestätigt das Hotel als „Puppenhaus“ sowie als „Simultanbühne“ der Probleme der Zeit.
Schlüsselwörter
Joseph Roth, Hotel Savoy, Raummomente, soziale Hierarchie, Entwurzelung, Heimkehr, Nachkriegsgeneration, Kapitalismus, Anonymität, Hotel, Literaturwissenschaft, Moderne, Heimatlosigkeit, Privatsphäre, Untergang.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht die räumliche Dimension und die symbolische Bedeutung des Hotels in Joseph Roths Roman „Hotel Savoy“ und analysiert, wie der Raum das Schicksal der Romanfiguren prägt.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Arbeit behandelt Themen wie soziale Hierarchien, die Erfahrung von Heimatlosigkeit, das Spannungsfeld zwischen Öffentlichkeit und Privatsphäre sowie den Niedergang einer ganzen Generation.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, herauszuarbeiten, welche Funktionen das Hotel als Schauplatz erfüllt und wie verschiedene „Raummomente“ die gesellschaftliche Realität und die Identitätskrise der Protagonisten widerspiegeln.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Primärtext eng mit Forschungsliteratur zu Joseph Roth, Raumtheorie und zeitgeschichtlichem Kontext verknüpft.
Was wird im Hauptteil des Dokuments behandelt?
Im Hauptteil wird das Hotel systematisch in Kategorien wie Begegnungsraum, Heimat, Untergangsort und Hierarchiesystem unterteilt und anhand von Textbelegen untersucht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Entwurzelung, soziale Hierarchisierung, Anonymität, der „soziale Mikrokosmos“ sowie der Charakter des Hotels als „transitionaler Raum“.
Warum spielt die vertikale Anordnung (Etagen) im Hotel eine so große Rolle?
Die Etagen fungieren als physische Manifestation der sozialen Schichtung, wobei die Komfortunterschiede und die Macht des Liftboys Ignatz die kapitalistische Klassengesellschaft im Kleinen zeigen.
Wie ist die Figur des Hoteldirektors Kaleguropulos zu deuten?
Kaleguropulos wird als mysteriöse, unsichtbare Autoritätsfigur interpretiert, die als Verkörperung einer trügerischen Ordnung dient, bis sich am Ende herausstellt, dass er selbst eine Sklavenfigur ist.
Warum verlässt Gabriel Dan die Stadt erst, als das Hotel brennt?
Das Feuer fungiert als Zäsur, die das Hotel als „unentrinnbares Fatum“ zerstört und Dan die notwendige Befreiung ermöglicht, um seine eigentliche Reise Richtung Westen fortzusetzen.
- Quote paper
- Antje Schoene (Author), 2009, Raummomente in Joseph Roths ‚Hotel Savoy’, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/127660