Unter den drei Opern, die W.A. Mozart und Lorenzo Da Ponte gemeinsam verfasst haben, lässt
wohl keine der Interpretation soviel Raum wie Don Giovanni. Besonders in der
Romantik wurde das Werk vollkommen neu gedeutet. In dieser Arbeit soll nach
Vorstellung des Werkes auf zwei Analysen aus der Romantik genauer eingegangen
werden: E.T.A. Hoffmanns Novelle Don Juan. Eine fabelhafte Begebenheit die sich
mit einem reisenden Enthusiasten zugetragen (1813) und das Kapitel Die
unmittelbaren erotischen Stadien oder Das Musikalisch-Erotische aus Sören
Kierkegaards Erstlingswerk Entweder/Oder (1843). Interessant an diesen beiden
Interpretationen ist insbesondere der unterschiedliche Hintergrund der beiden
Autoren und somit auch die verschiedenen Herangehensweisen.
E.T.A. Hoffmann war unter anderem selbst Musiker und Komponist. Seine Deutung
ist in Form einer Erzählung geschrieben und weist den romantisch-verklärenden
Tenor auf, der typisch ist für viele seiner Werke. Mit Sören Kierkegaard begegnen wir
einem Philosophen, der eher für seine kirchenkritischen Schriften bekannt ist und in
musikalischer Sicht höchstens als Liebhaber bezeichnet werden kann. Er verpackt
seine Interpretation in die Darstellung der ästhetischen Lebensanschauung eines
fiktiven Autors. Diese ist, obwohl 30 Jahre jünger als Hoffmanns Novelle, genauso
vom Geist der Romantik durchdrungen. Für beide Werke lässt sich eine enorme
Wirkungsgeschichte, sowohl in der Literatur wie auch auf der Theaterbühne,
nachweisen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Il dissoluto punito ossia Il Don Giovanni
2.1 Das Libretto
2.2 Die Komposition
2.3 Die Wiener Fassung
3. Die romantische Interpretation des Don Giovanni
3.1 E.T.A. Hoffmann – Don Giovanni als tragischer Held
3.2 Sören Kierkegaard – Don Giovanni als Inbegriff der sinnlichen Genialität
3.3 Das Christentum als gemeinsame Basis beider Interpretationen
4. Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die romantische Rezeption von Mozarts Oper "Don Giovanni" anhand zweier bedeutender literarischer Analysen aus dem 19. Jahrhundert. Im Zentrum steht dabei die Forschungsfrage, wie E.T.A. Hoffmann und Sören Kierkegaard das Werk durch ihre spezifischen Interpretationsansätze maßgeblich prägten und das Bild des "Don Juan" als tragische oder sinnlich-geniale Figur dauerhaft beeinflussten.
- Entstehungskontext und dramaturgische Besonderheiten von Mozarts "Don Giovanni".
- Gegenüberstellung der Interpretationen von E.T.A. Hoffmann und Sören Kierkegaard.
- Die Rolle des Christentums als verbindendes Element der romantischen Deutungen.
- Einfluss dieser literarischen Lesarten auf die Rezeptions- und Aufführungsgeschichte des Werkes.
Auszug aus dem Buch
3.1 E.T.A. Hoffmann – Don Giovanni als tragischer Held
In der Romantik wurde die Musik „nicht mehr nur als Unterhaltungsmusik oder zu einem bestimmten Zweck innerhalb eines gesellschaftlichen Ereignisses, sondern um ihrer selbst Willen komponiert und interpretiert“ und somit zur reinen Ausdrucksmöglichkeit der Gefühle des Komponisten. Sie fungierte als eine Fluchtwelt vor dem grauen Dasein im Schatten der Industrialisierung, als Inbegriff der, laut Hoffmann, das Wesen der Romantik ausmachenden „unendlichen Sehnsucht“, als „katalysatorisch wirkende[s] meditative[s] und zur seelischen Befriedigung optimal taugliche[s] psychotherapeutische[s] Medium“. Die Romantiker waren auf der Suche nach dem wahren Künstlerideals, nach seelenverwandten Genies, denn „[n]ur der Dichter versteht den Dichter; nur ein romantisches Gemüt kann eingehen in das Romantische; nur der poetisch exaltierte Geist, der mitten im Tempel die Weihe empfing, das verstehen, was der Geweihte in der Begeisterung ausspricht.“ Schon in der Tatsache, dass Ernst Theodor Wilhelm Hoffmann den Wilhelm in seinem Namen zu Mozarts Ehren durch Amadeus ersetzte, bezeugt seine Verbundenheit zu diesem Komponisten. In ihm sah er ein verwandtes Genie und Vorbild, im Don Giovanni die „Oper aller Opern“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung stellt die Bedeutung von "Don Giovanni" für die Romantik dar und führt in die zwei zu untersuchenden Analysen von Hoffmann und Kierkegaard ein.
2. Il dissoluto punito ossia Il Don Giovanni: Dieses Kapitel behandelt die Entstehungsgeschichte, das Libretto von Da Ponte, die musikalische Struktur sowie die Unterschiede zwischen der Prager und der Wiener Fassung.
2.1 Das Libretto: Fokus auf der Zusammenarbeit von Mozart und Da Ponte, der Bearbeitung der Vorlage von Bertati und den dramaturgischen Anpassungen.
2.2 Die Komposition: Analyse der musikalischen Besonderheiten, wie der Ouvertüre, der Integration der Nummern in die Handlung und des instrumentalen Aufbaus.
2.3 Die Wiener Fassung: Darstellung der Modifikationen für das Wiener Publikum, inklusive der Streichung des Schlusssextetts und neuer Arien.
3. Die romantische Interpretation des Don Giovanni: Überleitung zur Wirkungsgeschichte des Stoffes und der Einleitung der Romantisierung nach Mozarts Tod.
3.1 E.T.A. Hoffmann – Don Giovanni als tragischer Held: Untersuchung der Novelle "Don Juan" (1813) und der Sichtweise des Ich-Erzählers auf die Oper als Konflikt zwischen Liebesverlangen und -verwehrung.
3.2 Sören Kierkegaard – Don Giovanni als Inbegriff der sinnlichen Genialität: Analyse der Abhandlung in "Entweder/Oder", die Musik als einzig adäquates Medium für die sinnlich-erotische Genialität begreift.
3.3 Das Christentum als gemeinsame Basis beider Interpretationen: Aufzeigen der Parallelen in der Einbettung des Themas in den christlichen Hintergrund trotz unterschiedlicher Herangehensweisen.
4. Schlussbemerkung: Resümee über die anhaltende Wirkung der Hoffmannschen und Kierkegaardschen Deutungen auf die moderne Opernrezeption.
Schlüsselwörter
Don Giovanni, Wolfgang Amadeus Mozart, Lorenzo Da Ponte, E.T.A. Hoffmann, Sören Kierkegaard, Romantik, Operngeschichte, Don Juan-Mythos, Musikanalyse, Libretto, tragischer Held, sinnliche Genialität, Wirkungsgeschichte, Musiktheater, Rezitativ.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die romantische Interpretation und Rezeption von Mozarts Oper "Don Giovanni" durch zwei einflussreiche literarische Texte des 19. Jahrhunderts.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Entstehungs- und Fassungsgeschichte der Oper, die philosophisch-literarische Deutung der Figur des Don Juan sowie der Einfluss dieser Interpretationen auf die Aufführungspraxis.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, den Einfluss von Hoffmann und Kierkegaard auf das moderne Verständnis der Oper aufzuzeigen und zu analysieren, warum ihre Lesarten eine so enorme Breitenwirkung erzielten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine musik- und literaturwissenschaftliche Analyse, die Primärquellen (Libretto, Novellen, philosophische Schriften) sowie musikwissenschaftliche Sekundärliteratur auswertet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Vorstellung der Oper (Libretto, Komposition, Fassungen) und die detaillierte Analyse der Interpretationen durch E.T.A. Hoffmann und Sören Kierkegaard.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind "Don Giovanni", "Romantik", "Hoffmann", "Kierkegaard", "Musiktheater", "Interpretation" und "Wirkungsgeschichte".
Wie unterscheidet sich die Deutung Hoffmanns von der Kierkegaards?
Während Hoffmann Don Juan primär als tragischen Helden im Konflikt zwischen Himmel und Hölle sieht, deutet Kierkegaard ihn als zeitlosen Inbegriff der "sinnlichen Genialität", die nur durch Musik ausgedrückt werden kann.
Welche Rolle spielt das Schlusssextett für die Interpretation?
Die Streichung des Schlusssextetts, besonders in der Wiener Fassung und durch die Romantisierung, änderte die Wahrnehmung des Werkes hin zu einem reinen, düsteren Höllenfahrt-Drama ohne den versöhnlichen Ausklang der Buffa-Tradition.
Inwiefern beeinflussten diese Texte die Theaterwirklichkeit?
Die Lesarten wurden zur "Norminterpretation", was dazu führte, dass selbst Inszenierungen, die sich von der romantischen Tradition lösen wollten, oft unbewusst Hoffmanns Interpretation folgten.
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- Elisabeth Heidecker (Author), 2009, Mozarts 'Don Giovanni' und seine romantische Interpretation am Beispiel Hoffmann und Kierkegaard, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/127678