Cicero ist einer der bedeutendsten Zeitzeugen des Altertums – unzählige seiner Briefe, Gerichtsreden und philosophischen Werke sind uns erhalten geblieben. Dabei setzt er sich immer wieder mit einer weiteren bedeutenden Persönlichkeit seiner Zeit auseinander: Gaius Julius Caesar.
Was dachte nun Cicero, der Optimat, der den Staat und die Macht der Senatoren mit allen Mitteln erhalten wollte, von Caesar, dem erfolgreichen Feldherrn und späteren Diktator auf Lebenszeit? Inwiefern änderte sich seine Meinung zu Caesar, als dieser als Sieger aus dem Bürgerkrieg hervorging und eine Alleinherrschaft errichtete? Was löste es in ihm aus, als der Diktator zunächst ihn und später Marcus Marcellus begnadigte? Wie dachte er über Caesar, als dieser ermordet worden war und ihm nicht mehr gefährlich werden konnte? Um diese Fragen zu beantworten, werde ich zunächst das Verhältnis von Cicero und Caesar bis zum Jahr 46 darstellen und anschließend das stets schwankende Caesarbild Ciceros anhand der Rede „Pro Marcello“, d.h. zu einem bestimmten Zeitpunkt, analysieren. Anschließend werde ich noch einen kurzen Überblick über Ciceros Reaktionen auf die Ereignisse nach der Rede geben.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das Verhältnis von Cicero und Caesar von 63 bis zu Caesars Alleinherrschaft
2.1 Die Catilinarische Verschwörung
2.2 Caesars Konsulat; Triumvirat
2.3 Verbannung und Rückkehr; Unterordnung unter die Triumvirn
2.4 Bürgerkrieg
2.5 Unter Caesars Diktatur
3. Kontext von „Pro Marcello“
4. Ciceros Caesarbild zum Zeitpunkt seiner Rede „Pro Marcello“
4.1 Brechen des Schweigens
4.2 Begnadigung als größte Tat Caesars
4.3 Kritik an Caesar: Cicero äußert seine Erwartungen
5. Ciceros Caesarbild nach der Rede bis nach Caesars Tod
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Entwicklung des Caesarbildes von Marcus Tullius Cicero, wobei die Rede „Pro Marcello“ als zentraler analytischer Fixpunkt dient, um die Ambivalenz zwischen Anerkennung des Diktators und der Sorge um den Fortbestand der römischen res publica aufzuzeigen.
- Historische Analyse des Verhältnisses von Cicero und Caesar zwischen 63 v. Chr. und 44 v. Chr.
- Untersuchung der politischen Auswirkungen der Begnadigung des M. Marcellus auf Ciceros Haltung.
- Analyse der in der Rede „Pro Marcello“ geäußerten politischen Erwartungen an den Diktator.
- Bewertung von Ciceros Einstellung gegenüber der Alleinherrschaft in seinen späten philosophischen Schriften.
Auszug aus dem Buch
4.3 Kritik an Caesar: Cicero äußert seine Erwartungen
Nachdem Cicero den Grund seiner Hoffnungen dargelegt hat, erklärt er Caesar nun, was es denn ist, was er sich erhofft und wird dabei auch recht deutlich. Diese Ratschläge an Caesar sind das Kernstück der Rede, denn
„Es hieße, die Rede für Marcellus missverstehen, wollte man sie für das nehmen, als was sie sich äußerlich gibt: einen hochtönenden Hymnus auf die Größe des neuen Herrschers. Vielleicht war sie das in der improvisierten Originalfassung; die Buchrede dagegen bringt in genau berechneten Wendungen das große politische Problem des Tages kritisch zur Sprache.“
So wendet sich Cicero ganz klar mit seinen Forderungen an den Diktator: „Alles musst du ganz allein wieder aufrichten, Caesar, was du durch den Sturm des Krieges selbst – eine zwangsläufige Folge – erschüttert und vernichtet derliegen siehst.“ Mit dieser Aussage nimmt Cicero zwar die Schuld von Caesar, dass er im Zuge des Krieges viel zerstört hat, gibt ihm aber andererseits trotzdem die Verantwortung für die Wiedergutmachung. Caesars Aussage, er habe lange genug gelebt, setzt Cicero entgegen, dass er noch nicht einmal den Grundstein für die Vollendung der wichtigsten Werke gelegt habe - denn Cicero misst einen Mann vor allem an seinen Verdiensten für die patria, und diese zu vernachlässigen, war im antiken Denken ein schlimmes Vergehen. Mit den wichtigsten Werken ist die Neuordnung des Staates gemeint, was über die Wiedergutmachung der Kriegsschäden hinausgeht. Er legt Caesar ein ganzes Bündel an ganz konkreten Reformen nahe: „Das Gerichtswesen muss geordnet, Treu und Glauben wiederhergestellt, der Luxus eingedämmt werden, es muss gesorgt werden für die Steigerung der Bevölkerungszahl, alles, was sich in Zerfall und Auflösung befindet, muss durch strenge Gesetze wieder fest verbunden werden.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit führt in die komplexe Beziehung zwischen Cicero und Caesar ein und stellt die methodische Vorgehensweise sowie die Quellenbasis der Untersuchung vor.
2. Das Verhältnis von Cicero und Caesar von 63 bis zu Caesars Alleinherrschaft: Dieses Kapitel zeichnet den chronologischen Verlauf der politischen Auseinandersetzungen nach, von der Catilinarischen Verschwörung über die Zeit des Triumvirats bis hin zum Bürgerkrieg.
3. Kontext von „Pro Marcello“: Hier wird der historische Hintergrund der Begnadigung des M. Marcellus erläutert und deren Bedeutung für den politischen Wiederaufbau durch Caesar hervorgehoben.
4. Ciceros Caesarbild zum Zeitpunkt seiner Rede „Pro Marcello“: Dieser Abschnitt analysiert den Inhalt der Rede, Ciceros bewusste Abkehr vom Schweigen und seine spezifischen Reformforderungen an den Diktator.
5. Ciceros Caesarbild nach der Rede bis nach Caesars Tod: Die Analyse zeigt, wie Ciceros Hoffnung nach der Rede in Enttäuschung umschlägt und wie seine späteren philosophischen Werke die zunehmende Distanz zu Caesar widerspiegeln.
6. Fazit: Das Fazit resümiert, dass Cicero Zeit seines Lebens als Idealist handelte, dessen Bemühen um die Wiederherstellung der res publica stets an der politischen Realität und der Alleinherrschaft Caesars scheiterte.
Schlüsselwörter
Cicero, Caesar, Pro Marcello, res publica, Diktatur, Triumvirat, Bürgerkrieg, Politik, Rom, M. Marcellus, Begnadigung, Idealismus, politische Reformen, Macht, Senat.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das sich wandelnde Bild des Gaius Julius Caesar aus der Sicht von Marcus Tullius Cicero, basierend auf seinen Briefen und Reden.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Schwerpunkte liegen auf der politischen Beziehung der beiden Persönlichkeiten, der Bedeutung der Rede „Pro Marcello“ sowie Ciceros politischem Idealismus.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, nachzuzeichnen, wie Cicero seine Haltung zu Caesar zwischen 63 v. Chr. und dem Tod Caesars kontinuierlich anpasste, insbesondere unter dem Einfluss von Krisenereignissen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Es handelt sich um eine quellenkritische historische Analyse, die primär Ciceros Briefe und die sogenannte Marcelliana als Textgrundlage nutzt.
Was steht im Zentrum des Hauptteils der Analyse?
Der Hauptteil konzentriert sich auf die spezifische Analyse der Rede „Pro Marcello“ und die kritischen Erwartungen, die Cicero in diesem Moment an die Reformtätigkeit des Diktators stellte.
Welche Schlüsselbegriffe definieren diese Forschungsarbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie res publica, Diktatur, politische Begnadigung und der innere Konflikt eines Idealisten charakterisiert.
Warum ist die Begnadigung des Marcellus ein Wendepunkt für Cicero?
Die Begnadigung markiert für Cicero den Moment, in dem er erneut Hoffnung auf einen konstruktiven Wiederaufbau der Republik durch Caesar fasste und sein öffentliches Schweigen brach.
Wie bewertet die Autorin Ciceros Haltung nach Caesars Tod?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass Cicero auch nach dem Ableben Caesars in einem ambivalenten Zustand verblieb, da das politische Erbe des Diktators die Handlungsspielräume Ciceros weiterhin stark einschränkte.
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- Sonja Kaupp (Author), 2008, Ciceros Caesarbild, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/127747