Inwiefern stellt sozialpädagogische Familienhilfe eine wirksame Hilfe zur Erziehung dar?


Bachelorarbeit, 2022

54 Seiten, Note: 2.7

Vanessa Hani (Autor:in)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A. Kapitel
1. Kindeswohlgefährdung
2. Rechtlicher Rahmen
3. Installation von Hilfen nach §27 SGB VIII

B. Kapitel II
4. §31 SGB VIII; Sozialpädagogische Familienhilfe
5. Entwicklung der sozialpädagogischen Familienhilfe in Deutschland
6. Abgrenzung zu anderen Hilfen zur Erziehung (§28-§35 SGB VIII)

C. Kapitel III
7. Ziele einer SPFH
8. Methoden einer SPFH
9. Zwischenfazit: Auf was soll SPFH theoretisch wirken?

D. Kapitel
10. Wirkfaktoren einer SPFH
11. Wirkungsmechanismen einer SPFH

E. Kapitel
12. Zusammenfassung der Ergebnisse
13. Entwicklungspotenziale der SPFH

F. Kapitel
14. Beantwortung der Themenfrage/ Diskussion
15. Perspektivischer Ausblick

Anhang
Literaturverzeichnis
Rechtsquellenverzeichnis
Rechtsprechungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1 “Übersicht aller Hilfen zur Erziehung (§§28-35 SGB VIII) im Vergleich”

Tabelle 2 “Anzahl der beendeten Hilfen zur Erziehung & SPFH zwischen 2018 und 2020 im Vergleich”

Tabelle 3 “Vergleich der Anzahl der Hilfen zur Erziehung & SPFH im Jahre 1995 und 2020”

Abkürzungsverzeichnis

BMFSFJ Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und

Jugend

BGH Bundesgerichtshof

HzE Hilfen zur Erziehung

PSB Personensorgeberechtigte Person

SPFH sozialpädagogische Familienhilfe

“Die Würde des Menschen ist unantastbar.” (Art. 1 Abs. 1 S. 1 GG). Darunter zählt auch die Würde eines jeden Kindes. Inkludiert werden dabei die Pflege, Betreuung, Versorgung, sowie die körperliche, geistige und seelische Unversehrtheit (vgl. §1666 BGB). Sollten die genannten Faktoren doch für eine bedürfnisorientierte und damit moderne Erziehung Voraussetzung und Leitmotiv sein (Tschöpe-Scheffler, 2003. S. 141f.).

Tatsächlich sieht die Realität anders aus:

Die Zahl der Kindeswohlgefährdungen steigt seit 2015 signifikant an. In den letzten Jahren und v.a. seit Beginn der Coronavirus Pandemie, vervielfachen sich die gemeldeten Gefährdungen. 2020 wurden rund 195.000 mögliche Kindeswohlgefährdungen an die Jugendämter in ganz Deutschland gemeldet (Statistisches Bundesamt, 2021a). Im Vergleich: 2015 waren es ca. 130.000 (Statistisches Bundesamt, 2021a). Die Anzahl der Meldungen stieg in diesem Zeitraum um ca. 35% an. Dieser Anstieg lässt sich sowohl durch eine stärkere Finanzierung des Bereiches der Hilfen zur Erziehung, als auch mit einem erhöhten Hilfebedarf der Familien erklären. Des Weiteren ist die steigende Anzahl an Hilfen auf die “Kultur des Hinsehens” zurückzuführen, welche eine verstärkte Wachsamkeit der Bevölkerung meint (Tabel, Fendrich, Pothmann, 2011, S.5).

Von diesen gemeldeten Gefährdungen wurden im Jahre 2020 rund 60.600 als tatsächliche Kindeswohlgefährdungen eingestuft. In weiteren rund 67.000 Fällen kam es zwar zu keiner Kindeswohlgefährdung, dennoch wurde ein Hilfebedarf eruiert, welcher die Installation einer solchen Assistenz zur Folge hatte (Statistisches Bundesamt, 2021a). Der mit Abstand häufigste Grund einer Gefährdung ist die Vernachlässigung. Dies betrifft mit rund 60% mehr als die Hälfte der gemeldeten Fälle (Statistisches Bundesamt, 2021a). Es lässt sich also konkludieren, dass sich die Mehrheit der Meldungen bestätigen ließen und weitere unterstützende Maßnahmen eingesetzt wurden.

Diese sogenannten “Hilfen zur Erziehung” sind in §27 SGB VIII niedergeschrieben. Laut §27 Abs. 1 SGB VIII hat ein Personensorgeberechtigter “Anspruch auf Hilfe, wenn eine dem Wohl des Kindes (...) entsprechende Erziehung nicht gewährleistet ist und die Hilfe für seine Entwicklung geeignet und notwendig ist.” Diese Voraussetzungen für die Hilfen zur Erziehung wurden im Jahre 2020 von 127.600 Familien erfüllt (Statistisches Bundesamt, 2021b). Insgesamt wurden im Jahre 2020 rund 963.000 installierte Hilfen verzeichnet. Darunter zählen auch bereits laufende Hilfen aus den Vorjahren (Statistisches Bundesamt, 2021b).

Abhängig von den individuellen Bedürfnissen der Familien, werden die passenden Hilfen organisiert und installiert. Zu unterscheiden gelten dabei ambulante und stationäre Hilfen. Zu den bedeutendsten ambulanten Hilfen zur Erziehung zählt dabei die sozialpädagogische Familienhilfe (SPFH) (Frindt, 2010). Im Jahre 2020 war in rund 136.000 Fällen eine sozialpädagogische Familienhilfe installiert. Das macht einen Anteil von 14% der Gesamthilfen aus und stellt somit die zweithäufigste Unterstützungsform dar (Statistisches Bundesamt, 2021b).

Die SPFH hat als Ziel die Handlungsfähigkeit, sowie die Lebensqualität und Entwicklungschancen einer Familie zu erhöhen (vgl. Landesjugendamt Westfalen, 2009). Durch “intensive Betreuung und Begleitung der Familien in ihren Erziehungsaufgaben (...)” sollen diese Ziele erreicht werden (§31 SGB VIII).

Das zentrale Konzept, welches zugleich ein zusammenfassendes Ziel darstellt, ist die “Hilfe zur Selbsthilfe” (§31 SGB VIII). Die Familien sollen demnach befähigt werden, ihr Leben eigenständig zu organisieren. Gleichzeitig muss das Kindeswohl im Zentrum der Erziehung stehen und darf nicht vernachlässigt werden (vgl. Ziegler & Zwick, 2014). Doch genau in diesem Punkt sehen einige Expert*Innen ein Defizit;

Die Einbeziehung der Kinder in die Familienarbeit durch die Familienhilfe ist mangelhaft (vgl. Messmer et al., 2019). Da sich eine SPFH vorrangig an die Eltern wendet, komme die direkte Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen zu kurz (vgl. Messmer et al., 2019, Seithe, 2007). Zwar profitieren diese von der veränderten Familienstruktur, dennoch würde die Sichtweise der Kinder in der Konfliktbewältigung vernachlässigt (vgl. Beckmann, Otto, Schaarschuch, Schrödter, 2006). Ein weiteres Defizit leite sich aus der Beziehungsarbeit ab; diese ist essentiell für den Erfolg einer solchen Hilfe. Dennoch führt diese Verbindung zwischen Klient*In und Helfer*In teils dazu, dass die Konfliktbesprechung zugunsten dieser guten Beziehung vernachlässigt wird (vgl. Messmer et al., 2019, Landesjugendamt Westfalen, 2009, Seithe, 2007).

In Anbetracht dieser kritischen Äußerungen und im Hinblick auf die steigenden Fallzahlen der SPFH stellt sich eine bedeutsame Frage, die gleichzeitig das Thema dieser Arbeit ist:

Hilfe zur Erziehung!?- Inwiefern stellt einesozialpädagogische Familienhilfe eine wirksame Hilfe zur Erziehung dar?

Für den weiteren Verlauf dieser Arbeit ist es wichtig zu erwähnen, dass sich die Aussagen und Untersuchungen nur auf Deutschland beziehen. Das liegt daran, dass das System der SPFH in Deutschland wenig mit denen in anderen Ländern vergleichbar ist und eine Operationalisierung den Rahmen dieser Untersuchung nicht gerecht werden würde.

Allgemein ist wenig zu der Wirksamkeit dieser Hilfe bekannt, weswegen weiterführende Untersuchungen in diesem Bereich notwendig sind. Das Ziel dieser Untersuchung ist es, diese Lücke zu verdeutlichen und dennoch festzustellen, unter welchen Faktoren eine sozialpädagogische Familienhilfe eine geeignete Hilfe zur Erziehung darstellen kann. In dieser Arbeit soll also geklärt werden, wie SPFH wirken soll, wann sie (am besten) wirkt und auf welche Faktoren die Hilfe wirkt.

Um dieses Ziel zu erreichen, werden imKapitel Idieser Arbeit die Hintergründe einer sozialpädagogischen Familienhilfe erklärt. Dazu zählen sowohl der Begriff einer Kindeswohlgefährdung, als auch der rechtliche Rahmen. Besonderer Fokus wird dabei auf die §8a und §27 des SGB VIII und §1666 BGB gelegt, da diese für die Arbeit des Jugendamtes und den Einsatz einer Hilfe zur Erziehung essentiell sind. Ebenso wird das Verfahren der Installation einer Hilfe nach §27 SGB VIII erläutert.

InKapitel IIwird die Frage aufgeworfen und beantwortet, was genau eine sozialpädagogische Familienhilfe ist und wie diese entstanden ist. Am Ende dieses Kapitels soll die SPFH mit anderen Maßnahmen der Hilfen zur Erziehung (§§28-35 SGB VIII) verglichen werden.

InKapitel IIIdieser Arbeit werden theoretische Überlegungen zu den Wirkungsweisen einer SPFH aufgestellt. Im Fokus stehen dabei die Ziele und Aufgaben einer SPFH aber auch die Methoden, welche für die Erreichung der Ziele wesenhaft sind. Dabei wird die Systemtheorie nach Luhmann (1995) erläutert. Am Ende folgt ein Zwischenfazit, welches die Frage beantwortet, wie SPFH theoretisch wirken soll.

InKapitel IVwerden nun passende empirische Ergebnisse dargestellt. Es werden die Wirkfaktoren und die Wirkmechanismen einer SPFH, durch die Ergebnisse verschiedener empirischer Untersuchungen belegt. Dabei werden diverse Projekte betrachtet, welche die Arbeit der SPFH u.a. durch Fragebögen und Interviews auswerten. Zu diesen Projekten zählt die Untersuchung des BMFSFJ der “Effekte erzieherischer Hilfen” aus dem Jahre 2002, sowie der “Abschlussbericht der SPFH in Bayern” von Blüml et al. (1994) und das “Handbuch SPFH” (Helming et al., 1998), welches die zentralen Aufgaben, Ziele und Wirkfaktoren der SPFH zusammenfasst. Diese Literatur ist relevant, da sie als eine der wenigen Aussagen über die Wirksamkeit der SPFH trifft.

Eine Zusammenfassung der Ergebnisse dieser Arbeit findet inKapitel Vstatt. Im abschließendenKapitel VIsoll die Leitfrage, über die Wirkung von sozialpädagogischer Familienhilfe diskutiert und ein abschließendes Fazit gezogen werden. Ebenso wird ein perspektivischer Ausblick gewagt, welcher besonders die möglichen Langzeitwirkungen von SPFH fokussiert.

A. Kapitel I

1. Kindeswohlgefährdung

Im Jahre 2020 wurden 194.475 mögliche Kindeswohlgefährdungen andie Jugendämter Deutschlands gemeldet. Zum Vergleich: Die Landeshauptstadt Potsdam zählte 2019 ca. 180.334 Einwohner (vgl. Statista, 2022). Somit übersteigt die Anzahl möglicher Kindeswohlgefährdungen in Deutschland 2020, die Einwohnerzahl Potsdams im Jahre 2019.

Im Vergleich zu 2013 (insgesamt 115.687 mögliche Kindeswohlgefährdungen) lässt sich ein Anstieg an möglichen Kindeswohlgefährdungen um rund 68% verzeichnen.

8.075 der Meldungen beziehen sich alleine auf das Land Brandenburg. Bei rund 31% der Meldungen wurde eine tatsächliche Kindeswohlgefährdung, durch die Sozialarbeiter*Innen der Jugendämter, festgestellt. Im Land Brandenburg bestätigten sich rund 38% aller Meldungen (vgl. Statistisches Bundesamt, 2021a). Im Vergleich zu 2013 ist das ein Anstieg bestätigter Meldungen um rund 57%.

Doch was genau ist eine Kindeswohlgefährdung?

Das Kindeswohl ist, trotz diverser literarischer Versuche, ein unbestimmter Rechtsbegriff (vgl. Alle, 2020). Zwar bilden §8a SGB VIII und §1666 Abs. 1 BGB Grundpfeiler für das Handeln des Jugendamtes und zeigen außerdem Handlungsmöglichkeiten bei einer solchen Gefährdung auf aber wird der Begriff des Kindeswohls dennoch nicht klar definiert. Lediglich §1666 Abs. 1 BGB nennt drei Arten des Kindeswohls: geistiges-, körperliches- und seelisches Kindeswohl. Der Paragraph beschreibt das Verhalten der Eltern als unzureichend, diese Gefahr abzuwenden (§1666 Abs. 1 BGB). Schlussfolgernd sieht das Kindeswohl eine volle Handlungsfähigkeit der Eltern vor.

Laut Bundesgerichtshof (BGH) liegt eine Kindeswohlgefährdung dann vor, wenn:

“eine gegenwärtige oder zumindest unmittelbar bevorstehende Gefahr für die Kindesentwicklung abzusehen ist, die bei ihrer Fortdauer eine erhebliche Schädigung des körperlichen, geistigen oder seelischen Wohls des Kindes mit ziemlicher Sicherheit voraussehen lässt” (Bundesgerichtshof, Beschluss v. 23.11.2016- XII ZB 149/16).

Aus dieser Definition lassen sich die Grundpfeiler des Kindeswohls ableiten. Zu diesen zählen die Bedürfnisse des Kindes, die Lebenslage der Familie und auch Kinderrechte (Alle, 2020, S. 12). Hinzukommen nach Blank-Mathieu (1999) auch die rechtzeitige Reaktion auf Probleme (des Kindes), um so weitere Schäden zu minimieren bzw. zu verhindern. Die Aufgabe der Eltern ist dabei die “Heranbildung eines eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Menschens” unter Achtung seiner Würde und Bedürfnisse (vgl. Henning- Bormes, 2015).

Des Weiteren ist es notwendig festzuhalten, dass die Kindeswohlgefährdung keine reine Situation, sondern vielmehr einen Prozess beschreibt (vgl. Alle, 2020). Dabei entstehen die gefährdenden Faktoren über einen (längeren) Zeitraum und bleiben bestehen. Es lassen sich zwar keine konkreten Auslöser für Kindeswohlgefährdungen ermitteln, dennoch ist anzumerken, dass bestimmte Familienkonstellationen und Gruppen häufiger in den Statistiken zu Kindeswohlgefährdungen und Hilfen zur Erziehung vertreten sind, als andere (vgl. Fendrich et al., 2018). Auch geht den Gefährdungen häufig eine Krise voraus, welche die konkreten Gefährdungssituationen auslöst oder gar verstärkt (vgl. Fendrich et al., 2018). Doch dazu im späteren Verlauf mehr.

An dieser Stelle muss die Frage beantwortet werden, wie Kindeswohlgefährdungsmitteilungen überhaupt zustande kommen.

Jeder Gefährdungsüberprüfung liegt eine Kindeswohlgefährdungsmeldung zugrunde. Das bedeutet, dass eine Person eine mögliche Kindeswohlgefährdung an das zuständige Jugendamt gemeldet hat. Diese Person kann der Lehrende, der KiTa Mitarbeitende oder auch der Arzt oder die Ärztin des Kindes sein. Genauso können Privatpersonen ihre Vermutungen an das Jugendamt melden. Die Meldung kann telefonisch (z.B. über ein Kinderschutztelefon) oder schriftlich durch einen Meldebogen erfolgen. Die Meldung kann auch anonym getätigt werden. Wichtig ist, dass die genauen Beobachtungen geschildert werden, die eine Kindeswohlgefährdung vermuten lassen (vgl. Alle, 2020 & §8a SGB VIII).

Ist die Meldung getätigt worden und bei dem zuständigen Jugendamt angekommen, greift §8a SGB VIII.

Es gilt daher als erstes, die Meldung zu überprüfen und im Zusammenwirken mehrerer Fachkräfte einzuschätzen (vgl. §8a SGB VIII). Es wird dabei beurteilt, ob durch die beschriebene Situation eine Gefährdung des Kindeswohls vorliegt oder nicht. Anschließend findet ein Erstkontakt mit den Betroffenen (z.B. Einladung zu einem Gespräch oder ein Hausbesuch) statt, wo die Meldung zusammen besprochen wird. Es folgt nach diesem Erstkontakt die Eruierung weiterer passender Maßnahmen oder die Einstellung des Kinderschutzverfahrens (vgl. Alle, 2020).

Zusammenfassend lässt sich an diesem Punkt festhalten, dass eine Kindeswohlgefährdung dann vorliegt, wenn eine Gefahr für die Kindesentwicklung vorhanden ist, die bei Fortdauer eine Schädigung des Kindeswohls zur Folge hat und die Eltern nicht in der Lage oder gewillt sind diese Gefahr abzuwenden (vgl. BGH Beschluss v. 23.11.2016- XII ZB 149/16). Das Kindeswohl ist gewährleistet, wenn die Bedürfnisse und die Kinderrechte gewahrt werden und die Lebenslage der Familie keine Gefährdung für das Kind und dessen Entwicklung darstellt (vgl. Alle, 2020). Das Jugendamt erlangt Kenntnis über eine mögliche Gefährdung im Rahmen von Gefährdungsmeldungen durch aufmerksame Bürger*Innen (vgl. Alle, 2020 & §8a SGB VIII).

2. Rechtlicher Rahmen

Das Ziel dieses Abschnittes ist, ein Überblick über den rechtlichen Rahmen einer Kindeswohlgefährdung und den Hilfen zur Erziehung zu geben. Neben den bereits genannten Paragraphen §8a SGB VIII und §1666 BGB kommen noch das Bundeskinderschutzgesetz (KKG) und Art. 6 GG hinzu. Aufgrund seiner besonderen Bedeutung wird der §27 SGB VIII in einem gesonderten Abschnitt beschrieben.

Der§8a SGB VIIIbeschreibt das Vorgehen bei Kenntnis einer Kindeswohlgefährdung. Darunter fallen die Anrufung des Familiengerichts, die Inobhutnahme oder die Einschaltung weiterer Leistungsträger (vgl. §8a SGB VIII).

§1666 BGBfokussiert sich auf die Maßnahmen des Familiengerichts bei einer Kindeswohlgefährdung. Der Paragraph stellt somit auch Handlungsabläufe zur Verfügung. Er regelt das familiengerichtliche Eingreifen bei Kindeswohlgefährdungen (vgl. §1666 BGB).

Besonderen Stellenwert nimmtArtikel 6 des Grundgesetzesein, da dieser die Bedeutung von Familie hervorhebt. “Ehe und Familie stehen unter besonderem Schutze der staatlichen Ordnung” (Art. 6 Abs. 1 GG). Somit wird deutlich, dass ein staatlicher Eingriff in die Familie nur unter speziellen Umständen möglich und gerechtfertigt ist. Im zweiten Absatz wird die Pflege und Erziehung der Kinder als “natürliches Recht der Eltern” beschrieben. Die Einbeziehung der Eltern ist somit notwendig und wichtig für “die Stärkung der Elternschaft, als auch deren Verantwortung” (Alle, 2020, S.14 & Art. 6 GG).

DasBundeskinderschutzgesetz (KKG)stellt die Rahmenbedingungen für den Schutz der Kinder, sowie Maßnahmen und frühe Hilfen in den Vordergrund. Es setzt somit “verbindliche Standards für die Qualitätsentwicklung” (Alle, 2020, S. 18).

Ergänzend dazu sieht dasBundes- Kinder- und Jugendhilfegesetzdie Ausweitung der Regeln zum Schutz der Kinder vor. Darunter fällt z.B. die Meldepflicht.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass es diverse Gesetze und Paragraphen gibt, die sich dem Schutz von Kindern, Jugendlichen und der Familie verschreiben. Die Handlungen des Jugendamtes und deren Mitarbeiter*Innen werden durch §8a SGB VIII legitimiert. Eine Anrufung des Familiengerichts, für explizite Maßnahmen (z. B. Entzug des Sorgerechts) ist jederzeit bei Geeignetheit der Maßnahme möglich (vgl. §1666 BGB). Somit ist es dem Staat auch möglich, die Eltern von ihrem “natürlichen Recht” der Pflege und Erziehung ihrer Kinder, zum Schutze dieser Kinder, zu entbinden (vgl. §1666 BGB). Durch die “Kultur des Hinsehens” wird in den vergangenen Jahren eine verstärkte Kinderschutzdebatte geführt, welche u.a. die Einführung des Bundeskinderschutzgesetzes zur Folge hatte (Tabel, Fendrich, Pothmann, 2011, S.5).

Konkrete Maßnahmen zum Schutze der Kinder werden in Form von Hilfen zur Erziehung gewährt, welche im Folgenden ausführlich beschrieben werden.

3. Installation von Hilfen zur Erziehung nach §27 SGB VIII

Wie bereits erwähnt ist eine (drohende) Kindeswohlgefährdung Anlass für die Installation einer Hilfe zur Erziehung (HzE). Dies geschieht auf Grundlage des §27 SGB VIII, denn hieraus leitet sich der Leistungsanspruch für eine konkrete Maßnahme ab. Dort heißt es:

“(...) wenn eine dem Wohl des Kindes oder des Jugendlichen entsprechende Erziehung nicht gewährleistet ist und die Hilfe für seine Entwicklung geeignet und notwendig ist”, dann haben die personensorgeberechtigten Personen (PSB) Anspruch auf Hilfe (§27 Abs. 1 SGB VIII).

Grundsätzlich muss bei der Anwendung dieses Paragraphen und somit bei der Installation von Hilfen der sog. Verhältnismäßigkeitsgrundsatz beachtet werden. Dieser besagt, dass bei einer Maßnahme immer der legitime Zweck, die Erforderlichkeit, die Geeignetheit und die Angemessenheit berücksichtigt werden muss. Des Weiteren darf kein milderes Mittel zur Verfügung stehen, welches ebenfalls zur Zweckerfüllung dient (vgl. Voßkuhle, 2007). Die konkreten Maßnahmen sind somit immer vom Einzelfall abhängig und müssen regelmäßig überprüft werden.

Nach dem ersten Gespräch mit den PSB und Betroffenen, wird eine geeignete Unterstützung eruiert. Anschließend werden passende Träger ermittelt, um diese um die Übernahme der Familie zu bitten. Nun beginnt der eigentliche Hilfeprozess. Nennenswert ist, dass dieser Verlauf in einem Hilfe- oder Schutzplanverfahren läuft. Dies ist abhängig von dem Unterstützungsgrund. Liegt eine Kindeswohlgefährdung vor, dann ist die Hilfe verpflichtend und wird alle drei Monate im Rahmen eines Schutzplangespräches überprüft (vgl. Alle, 2020).

Liegt jedoch ein Hilfebedarf vor, beruht die HzE auf Freiwilligkeit und läuft im Rahmen eines Hilfeplans, welcher alle sechs Monate überprüft wird. Dies geschieht durch die Mitarbeiter*Innen des Jugendamtes, der Fachkraft/ Träger der Familie und der Familie selbst. In diesem Gespräch wird das weitere Vorgehen festgelegt und neue Zielvorgaben entwickelt. Auch kann die Beendigung der Hilfe im Rahmen eines solchen Gespräches geschehen (vgl. Alle, 2020).

Der genaue Ablauf einer solchen Installation nach §27 SGB VIII lässt sich in folgendem Schema zusammenfassen (vgl. Alle, 2020, §8a SGB VIII):

Kindeswohlgefährdungsmitteilung oder Hilfesuche durch PSB/Betroffene Einschätzung der Situation im Zusammenwirken mehrerer Fachkräfte des Jugendamtes(§8a SGB VIII)Evaluation der Einschätzung und Besprechung der Situation mit den Betroffenen ineinem Erstgespräch Installation einer geeigneten HzE nach §27 SGB VIII regelmäßige Überprüfung der Zielsetzungen im Hilfeplan-, Schutzplangespräch(alle 6 bzw. 3 Monate)Ende der HzE(eventuell Nachbetreuung)

Für den weiteren Verlauf der Arbeit ist es sinnvoll, eine Differenzierung der Hilfen zur Erziehung vorzunehmen.

Konkret lassen sich die HzE in drei Kategorien unterteilen: ambulante und stationäre Hilfen zur Erziehung, sowie teilstationäre HzE (vgl. BMFSFJ, 2002). Ambulante Hilfen beschreiben aufsuchende Angebote. Stationäre Hilfen finden außerhalb des Elternhauses statt, mit dem Ziel der Rückführung in eine verbesserte Situation. Teilstationäre Hilfen beschreiben eine Mischform der beiden Kategorien. Zumeist finden diese Hilfen zu bestimmten Zeitpunkten außerhalb des Elternhauses statt, jedoch ohne dauerhafte Unterbringung (vgl. Alle, 2020).

Die Frage, die an dieser Stelle aufkommt ist, welche konkreten Maßnahmen das achte Sozialgesetzbuch als Hilfen zur Erziehung vorsieht und wie diese zu differenzieren sind.

Aus Gründen der Übersichtlichkeit findet die Darstellung in tabellarischer Form statt (siehe Tabelle 1). Die beschriebenen Maßnahmen sind zumeist in Verbindung mit §27 SGB VIII einsetzbar, da dieser die Rechtsgrundlage für den Leistungsanspruch darstellt.

Es muss erwähnt werden, dass es auch die Möglichkeit gibt, diese HzE über §35a SGB VIII einzusetzen. Dieser Paragraph richtet sich jedoch an “Kinder oder Jugendliche mit (drohender) seelischer Behinderung” und sieht die Maßnahmen der HzE dann als Maßnahmen der Eingliederungshilfe an (vgl. §35a SGB VIII). Jene Möglichkeit ist für diese Arbeit nicht relevant. Die Hilfen zur Erziehung sind in §28 bis §35 SGB VIII geregelt.

Die nachfolgende Tabelle stellt einen direkten Vergleich der einzelnen HzE dar. Dabei wird die Hilfeform, die Adressat*Innen und die Zielsetzungen verglichen (Tabelle 1).

Die Adressat*Innen können entweder die Kinder / Jugendlichen, die Eltern/PSB oder die Familie als Ganzes sein. Je nach Adressat*In wird auch die Zielsetzung angepasst.

An dieser Tabelle lässt sich die Diversität und Individualität der möglichen Hilfen zur Erziehung erkennen. Die Unterschiede liegen in den Zielsetzungen, die von familienbezogener Betrachtung über kindliche Unterstützung, bis hin zu Unterbringung außerhalb der Familie reichen (vgl. §§34,35 SGB VIII). Grundsätzlich haben die Hilfen gemeinsam, dass der Ausgangszustand verändert und der Familie geholfen werden soll. Dies geschieht über differente Ansätze. So steht bei der SPFH die Familie als Ganzes im Vordergrund, bei der intensiven Einzelbetreuung steht der Jugendliche/Kind im Fokus (vgl. §§31,35 SGB VIII). All diese Hilfen zur Erziehung haben die Entlastung der Familie und die Hilfe in besonderen Umständen/ Situationen gemeinsam.

Tabelle 1. Übersicht aller Hilfen zur Erziehung (§§28-35 SGB VIII) im Vergleich.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

eigene Darstellung nach §§28-35 SGB VIII blau- ambulant, grün- stationär, gelb- teilstationär Eine mögliche HzE ist die Erziehungsberatung, welche den Eltern/ PSB die Möglichkeit eröffnet, individuelle Fragen und/ oder Probleme zu klären und somit auch wertvolle Hilfestellungen zu erhalten (vgl. §28 SGB VIII).

Eine weitere HzE ist die soziale Gruppenarbeit, welche dem Kind in der Überwindung von Entwicklungsschwierigkeiten und Verhaltensauffälligkeiten helfen soll. Dies soll durch den “Kontakt mit anderen Kindern und gruppenpädagogischen Konzepten” geschehen. Das “soziale Lernen in der Gruppe” steht dabei im Fokus (§29 SGB VIII). Der Erziehungsbeistand ist eine weitere Möglichkeit der HzE. Dabei wird das Kind fokussiert, wobei dabei geholfen werden soll, Probleme zu lösen und die Verselbstständigung zu fördern (vgl. §30 SGB VIII).

Dieses Konzept ähnelt der SPFH. Im Unterschied dazu fokussiert diese die Familie als Ganzes. Auch bei dieser HzE wird das soziale Umfeld der Familie einbezogen, wobei durch individuelle Betreuung der Familie die Krise gelöst werden soll (vgl. §31 SGB VIII).

Ähnlich der sozialen Gruppenarbeit verhält sich die Tagesgruppe. Diese soll das Kind schulisch fördern und auch in der Entwicklung durch soziale Gruppenarbeit stützen. Der Unterschied zur sozialen Gruppenarbeit liegt in der schulischen Förderung, welche bei der Tagesgruppe im Fokus steht (vgl. §32 SGB VIII).

Neben diesen Möglichkeiten gibt es auch die Vollzeitpflege. Diese sieht eine “vorübergehende, stationäre Unterbringung des Kindes” vor, um “die Erziehungsbedingungen zu verbessern” (§33 SGB VIII).

Als Gegenstück zu dieser HzE gibt es die Heimunterbringung, welche jedoch keine zeitlich befristete Maßnahme darstellt. Die Heimunterbringung sieht “eine Verbindung von Therapie und Alltag außerhalb des Elternhauses” vor (§34 SGB VIII).

Als letzte HzE ist die intensive Einzelbetreuung möglich. Durch “intensive Unterstützung der Jugendlichen in der Interaktion” soll der Betroffene in der Selbstständigkeit gefördert werden (§35 SGB VIII).

Eine Kombination diverser Maßnahmen ist immer möglich und richtet sich nach dem erzieherischen Bedarf (vgl. Alle, 2020). Generell bleibt festzuhalten, dass bei einem Großteil der HzE die Kinder oder Jugendlichen im Fokus stehen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 54 Seiten

Details

Titel
Inwiefern stellt sozialpädagogische Familienhilfe eine wirksame Hilfe zur Erziehung dar?
Hochschule
Universität Potsdam  (Humanwissenschaftliche Fakultät)
Note
2.7
Autor
Jahr
2022
Seiten
54
Katalognummer
V1277748
ISBN (Buch)
9783346721778
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hilfen zur Erziehung, HzE, Familienhilfe, SPFH, sozialpädagogische Familienhilfe, Wirksamkeit sPFh, Wirksamkeit
Arbeit zitieren
Vanessa Hani (Autor:in), 2022, Inwiefern stellt sozialpädagogische Familienhilfe eine wirksame Hilfe zur Erziehung dar?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1277748

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