IRA und Sinn Féin - Politisierung einer Terrororganisation?


Bachelorarbeit, 2008

55 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Einleitung: Der Nordirlandkonflikt
2.1) Vorgeschichte
2.2) 1.Phase des Konfliktes
2.3) 2. Phase des Konfliktes
2.4) Good Friday Abkommen

3. IRA und Sinn Féin 1: Veränderungen zweier Sozialer Bewegungsorganisationen (SBOs)
3.1) Begriffsdefinitionen: Republikanische Bewegung als Soziale Bewegung
3.2) Entwicklung der IRA
3.3) Entwicklung von Sinn Féin

4. IRA und Sinn Féin 2- vom Terror zur Parteipolitik?
4.1) Die Beziehung zwischen der IRA und Sinn Féin mit Zald und Ash
4.2) Modelle außerhalb der Sozialen Bewegungsforschung
4.2.1) Das Modell von Cynthia Irvin: Ideologen, Radikale und Politiker
4.2.2) Das Modell von Leonard Weinberg / Pedahzur
4.3) Abschlussbetrachtung

5. Einfluss der Veränderungen auf den Nordirlandkonflikt

6. Abstract: IRA and Sinn Féin- from terrorism to party politics?

Anhang 1

Anhang 2

Anhang 3

Literaturliste

Internetquellen:

Übersicht über in der Arbeit vorkommende Parteien sowie paramilitärische Organisationen der republikanischen und der loyalistischen Bewegung in Nordirland

Republikanische Bewegung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Vorwort

“So, if politics here was hitherto a horrible warning to others, it now appears to be a shining example of peacemaking and reconciliation.”[1]

“[…] let us now attend to an important case, one in which a number of long-time enemies have made strategic decisions which led them away from terrorist violence and towards peaceful electoral competition. [es folgt der Abschnitt “Sinn Fein and Northern Ireland” des Kapitels “From terrorism to peaceful party competition”][2]

Die obigen Zitate von Jim Fitzpatrick und Leonard Weinberg, bzw. Ami Pedahzur (aus Gründen der Vereinfachung werde ich im weiteren Verlauf lediglich Leonard Weinberg nennen, gemeint sind aber Weinberg und Pedahzur) beschreiben beide das Ende des Nordirlandkonflikts. Fitzpatrick schreibt, dass dieses Ende von der außer-irischen Perspektive als beispielhaft für die Beendigung von lang anhaltenden Konflikten angesehen wird. Eine Ursache für derartig freudige Bekundungen war nicht nur das eigentliche Ende des Konfliktes, sondern auch die aktuelle Zusammenarbeit von dem ehemals verfeindeten DUP Chef Ian Paisley[3] mit Martin McGuinness (Sinn Féin). Auch Weinberg nennt den nordirischen Konfliktausgang beispielhaft und möglicherweise wegweisend für andere Langzeitkonflikte in seiner Untersuchung des Zusammenhanges von terroristischen Organisationen und politischen Parteien. Er weist auf die Veränderung der IRA und Sinn Féin hin und beschreibt sie als eine Entwicklung von einer terroristischen Organisation zu einer politischen Partei, welche wiederum maßgeblich zur Konfliktlösung beigetragen hat. Ob der durch die Zitate beschriebene Zusammenhang tatsächlich besteht soll in dieser Arbeit untersucht werden. Vorher ist es jedoch nötig, beide Organisationen theoretisch zu verorten.

Die IRA und Sinn Féin gehören beide in die republikanische Bewegung Nordirlands, bzw. Irlands. Dass beide Organisationen in Verbindung zueinander stehen kann vorausgesetzt werden. Bittner und Knoll veranschaulichen dies sehr deutlich in einer Darstellung der Struktur der republikanischen Bewegung, in welcher die Ähnlichkeiten des Aufbaus beider Organisationen sehr deutlich wird (diese Darstellung ist im Anhang 1 abgebildet), außerdem schreiben sie:

„Von der gemeinsamen Idee einer vereinigten sozialistischen Republik Irland ausgehend, sind der parteipolitische und der militärische Zweig der republikanischen Bewegung zwar organisatorisch formell streng getrennt. Tatsächlich aber sind die Partei- und IRA-Gremien personell eng verquickt und bestehen nicht selten aus weitgehend denselben Mitgliedern.“[4]

Ich denke man kann die republikanische Bewegung in Nordirland als Soziale Bewegung bezeichnen. Innerhalb dieser gibt es wiederum zahlreiche Soziale Bewegungsorganisationen (im weiteren Verlauf der Arbeit abgekürzt durch SBO) wie die IRA und Sinn Féin.[5] Die Frage die in dieser Arbeit gestellt werden soll, ist die nach dem Zusammenhang zwischen der Entwicklung der IRA und der von Sinn Féin im Rahmen des Konfliktes. War es tatsächlich die Verwandlung einer Terrororganisation in eine politische Partei? Oder waren beide SBOs gar eine Organisation mit unterschiedlichen Handlungsformen? Dabei werden verschiedene Ansätze, wie die von Weinberg, Irvin, sowie der von Zald und Ash betrachtet und nach ihrer Plausibilität für den konkreten Fall Nordirland überprüft. Inwieweit das dann mit dem Nordirlandkonflikt selbst in Verbindung stand, also ob die Entwicklungen innerhalb der IRA und Sinn Féin tatsächlich den Konflikt maßgeblich beeinflusst haben, oder ob es andersherum war soll abschließend diskutiert werden.

2. Einleitung: Der Nordirlandkonflikt

Bevor eine der Konfliktparteien, nämlich die republikanische, untersucht und das Ende des Konfliktes diskutiert wird, sollen dieser und seine Vorgeschichte kurz umrissen werden. Dabei geht es nicht um eine vollständige Darstellung aller historischen Ereignisse, vielmehr beschränke ich mich auf die wichtigsten Geschehnisse, welche den Nordirlandkonflikt bedingten, sowie auf Schlüsselereignisse in der Zeit der Unruhen.

Ich möchte den Nordirlandkonflikt zunächst in zwei Phasen teilen. Die erste Phase erstreckt sich von 1969- 1994 und ist gezeichnet von militanten Kämpfen zwischen republikanischen und loyalistischen Paramilitärs. Beiden Parteien ging es in dieser Zeit vorrangig um ein kompromissloses Durchsetzen ihrer Ziele. Die zweite Phase von 1994-1998 lässt sich als Phase der Gespräche und Verhandlungen beschreiben. Das Erreichen von Frieden stand in diesen Jahren deutlicher im Mittelpunkt und beide Parteien waren eher bereit Eingeständnissen zu machen und an Gesprächen, bzw. Verhandlungen teilzunehmen.

Die Geschichte des Konfliktes soll nun chronologisch in vier Abschnitten kurz umrissen werden, zunächst die Vorgeschichte von 1916 bis 1969, dann die erste sowie anschließend die zweite Phase und schließlich soll ein Blick auf die Entwicklungen nach dem „Good Friday“- Vertrag geworfen werden.

2.1) Vorgeschichte

Der eigentliche Ursprung des Nordirlandkonfliktes lässt sich bis auf das Jahr 1169 zurückdatieren, dem Beginn der Besetzung Irlands durch die Briten und somit auch dem Beginn des Erstarkens des irisch- katholischen Nationalismus welcher das Ziel verfolgte Unabhängigkeit von Großbritannien zu erlangen. Einen Höhepunkt erreichte das Streben nach Unabhängigkeit 1916 im Osteraufstand. Dieser begann mit dem Ausrufen einer irischen Republik in Dublin, was zu einem einwöchigen Kampf zwischen Republikanern und Briten führte, bei welchem die Aufständischen vernichtend geschlagen wurden. Die Anführer wurden hingerichtet.[6] Die Folgen des Osteraustandes waren keine institutionellen, sondern können wohl eher als emotionale Folgen bezeichnet werden. Es kam zu einer stärkeren Polarisierung zwischen Republikanern und Loyalisten wie die Wahlergebnisse von Sinn Féin die 1918 in der Wählergunst stark gestiegen sind, zeigten. Aus Protestgründen nahmen sie jedoch die ihnen zustehenden Sitze im Parlament nicht ein, sondern gründeten das irische Parlament, den „Dáil Éireann“ und beriefen sich auf die 1916 ausgerufene Republik. Schließlich entwickelte sich der 1916 begonnene aktive Protest zum Irischen Unabhängigkeitskrieg, welcher, da er von der IRA geführt wurde auch Krieg der IRA genannt wird[7]. Der Krieg endet 1921 mit Gesprächen zwischen der britischen Regierung und den Republikanern, welche schließlich in dem 1922 angenommenen Anglo-Irischen Vertrag mündeten. Dieser zementierte die bereits 1920 im Government of Ireland Act beschlossene Teilung Irlands. Künftig sollte es also den Staat Irland geben, welcher einen mit Kanada vergleichbaren politischen Status bekommen sollte und Nordirland, welches weiterhin unter britischer Herrschaft steht. Irland hat schließlich im Verlaufe des auf den Anglo-Irischen Vertrag folgenden Bürgerkrieges vollständige Unabhängigkeit von Großbritannien erlangt.

Eine weitere wichtige Folge des Vertrages ist die Spaltung der republikanischen Bewegung, also auch der IRA. Der mit dem Vertrag unzufriedene Teil der IRA kämpfte weiter für ein vereintes, unabhängiges Irland im Bürgerkrieg, angeführt von IRA- Aktivist De Valera. 1923 endete auch dieser Krieg ohne das gewünschte Ergebnis und die IRA existierte seitdem im Untergrund und wurde 1936 zur illegalen Organisation erklärt.

Für den Konflikt entscheidend war der Ausgang des Unabhängigkeitskrieges und die damit beginnende Spaltung Irlands. In der Zeit zwischen 1923 und 1967 gibt es immer wieder Unruhen, Attentate und Bombenanschläge, jedoch entwickeln sich diese noch nicht zu einem andauernden Konflikt. Natürlich spielt diese Zeit dennoch eine wichtige Rolle für den Konflikt, da in jenen Jahren sowohl die zukünftigen IRA/ PIRA und die loyalistischen Aktivisten als auch die katholische und protestantische Bevölkerung Nordirlands geprägt wurden. Für diese Arbeit sind diese Jahre jedoch nicht von zentraler Bedeutung und können daher hier nicht ausführlicher betrachtet werden. Wichtig ist, wie gesagt, der Government of Ireland Act 1920 und der Anglo-Irische Vertrag 1922, da sie die politischen Grundlagen für 1969 legten.

Ein bedeutender Hintergrund für den Ausbruch des Konfliktes Ende der 60er Jahre ist die besondere Rolle der Katholiken in Nordirland. Diese bildeten in Nordirland eine Minderheit und wurden sowohl politisch als auch sozial stark diskriminiert. Auf ihrer Homepage schreiben Sinn Féin u.a. ihre Sicht auf die Geschichte des Konfliktes, ein Zitat daraus macht die republikanische Sicht auf die Situation vor 1967 deutlich:

„Within the Six-County statelet the British government fostered political division between Irish Catholics and Irish Protestants through a system of political, social and economic privilege. The in-built manufactured unionist majority meant continuous government by the Unionist party. […]

For nationalists, life under Stormont (Regierungssitz in Belfast/Nordirland, M.O.) rule meant institutionalised discrimination, electoral gerrymandering and human rights abuses and sectarian pogroms instanced by a sectarian state.”[8]

Nur unter diesen Vorraussetzungen lassen sich die Ereignisse der späten 60er Jahre erklären.

2.2) 1.Phase des Konfliktes

„Eine Gesellschaft der Unterdrückung, Benachteiligung, des Rassenhasses, wie auch ein Staat der seiner größten Minderheit selbstverständliche Rechte wie ein Wahlrecht nach dem Grundsatz „one man one vote“ verweigert, waren die Ausgangslage der Bürgerrechtsbewegung der 60er am äußersten Rande von Europa.“[9]

Das Zitat von der Sinn Féin Homepage und das von Bittner verdeutlichen den Hintergrund, der Ende der 60er Jahre entstehenden Bürgerrechtsbewegungen in Nordirland. Demonstranten protestierten öffentlich mit dem Ziel, Gleichberechtigung für Katholiken in gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Bereichen zu erlangen. Da die Jahre zwischen 1923 und 1967 jedoch nicht friedlich waren, sondern auf Grund von immer wieder auftretenden Anschlägen und Unruhen, war die politische Atmosphäre in Nordirland Ende der 60er Jahre deutlich angespannt und die zunächst friedlichen Proteste wurden zunehmend gewaltsamer. Es waren loyalistische Protestanten, welche aggressiv auf katholische Protestmärsche reagierten woraus sich dann schließlich gewaltsame Unruhen bzw. sogar Straßenschlachten entwickelten. Richard English weist in seiner Untersuchung der Geschichte der IRA jedoch darauf hin, dass es deutliche Anzeichen dafür gab, dass die IRA in den 60er Jahren militärisch aufrüstete und das jenes Wissen durchaus der Öffentlichkeit zugänglich war und entsprechend protestantische Gemüter beeinflusste. Einen ersten Höhepunkt erreichten die Ausschreitungen rund um die Bürgerrechtsbewegungen 1969, als die Regierung Nordirlands bei Großbritannien um Hilfe bat und diese daraufhin britische Soldaten nach Belfast sandten. In den Wohnvierteln Belfasts kam es zu immer aggressiveren Auseinandersetzungen. Da die nordirische Polizei, die RUC, unter dem Verdacht stand voreingenommen zu sein und auf der Seite der Loyalisten zu kämpfen, erhält die IRA bzw., nach der Teilung 1969, die PIRA einen hohen Zulauf an Freiwilligen, welche sich und ihr Wohnviertel verteidigen wollten.

„The experiences of ’69 remained etched in the memory and in the folklore. That was the year when hundreds of Catholics fled in fear from their Belfast homes as whole streets of houses were burned by frenzied loyalist mobs. […] leaders of the Republican Movement who grew out of that period vowing never again to return to that sense of defencelessness and to that situation of unionist domination.”[10]

Der Beginn des Konfliktes bringt also auch die Spaltung der radikaleren PIRA von der IRA (später Original IRA – OIRA genannt) mit sich. Die Fronten verhärten sich zunehmend und auch die Straßenschlachten eskalieren mehr und mehr. 1971 wird mit der Verabschiedung der „Special Powers Act“ Regelung ein weiterer Meilenstein gelegt, welcher Inhaftierungen ohne Gerichtsverfahren ermöglichte und innerhalb kürzester Zeit zu unzähligen Verhaftungen und Wohnungsdurchsuchungen von Katholiken führte. Der Bloody Sunday 1972 war schließlich ein letztes Konfliktbestimmendes und wegweisendes Ereignis. Britische Soldaten erschossen 13 Katholiken bei einer Demonstration und lösten damit eine noch größere Welle des Protestes und der Gegengewalt aus. Es folgten Jahre der Gewalt und Gegengewalt, Jahre von Bombenkampagnen und Mordanschlägen von loyalistischen und republikanischen Paramilitärs. Dabei kämpften die Republikaner nicht mehr nur um Gleichberechtigung der Katholiken in Nordirland, sondern für ein vereintes 32- Staaten Irland, welches unabhängig von Großbritannien ist. Loyalisten hingegen waren bemüht ihre Position in Nordirland zu sichern. Ende der 70er Jahre beginnt der Kampf inhaftierter Republikaner für den Status des politischen Gefangenen. Dabei kommt es bei Hungerstreiks zu einigen Todesfällen und Verstorbene, wie der IRA Aktivist Bobby Sands, werden zu Märtyrern. Politische Versuche den Konflikt friedlich zu lösen scheiterten in den 70er und 80er Jahren, da weder Republikaner, noch Loyalisten zu Kompromissen bereit waren. Erst Anfang der 90er Jahre kommt es zu ersten Gesprächen, welche schließlich zu den Verhandlungen zwischen 1994 und 1998 führten.

2.3) 2. Phase des Konfliktes

Die Phase zwischen 1994 und 1998 kann als Phase der Friedensverhandlungen bezeichnet werden. 1994 erklärt die IRA den Waffenstillstand, zwei Monate später folgen die loyalistischen Paramilitärs. Damit wird der Friedensprozess eingeleitet, allerdings gingen diesem Gespräche zwischen Irland und Großbritannien und schließlich auch zwischen moderaten republikanischen und loyalistischen Parteien mit England voran. Hervorgetreten sind hier vor allem John Hume (SDLP) und David Trimble (UUP). Parteien mit offensichtlicher Verbindung zu aktiven Paramilitärs waren nicht bei den Gesprächen zugelassen. Dennoch gab es Gespräche zwischen der SDLP und Sinn Féin, initiiert von Hume, welcher das Ziel verfolgte, eine Konfliktlösung zu erreichen, die sowohl die republikanische, als auch die loyalistische Seite berücksichtigt, um nachhaltigen Frieden in Nordirland herzustellen. Gleichsam war Hume bemüht Großbritannien zu bewegen, Sinn Féin zu den Gesprächen zuzulassen.

Nach dem Gewaltverzicht der IRA wurde es Sinn Féin gestattet an den Friedensverhandlungen teilzunehmen. Das auf den Waffenstillstand folgende Thema der Entwaffnung der IRA sorgte für weitere Schwierigkeiten und enorme Differenzen unter den Verhandlungspartnern. Schließlich einigte man sich auf die Mitchell- Prinzipien, welche von den verhandelnden Parteien lediglich eine Gewaltverzichtserklärung verlangten. Gespräche bezüglich der Entwaffnung der Paramilitärs wurden verschoben. 1997 wurden die Verhandlungen durch eine Verletzung des Waffenstillstandes beider Seiten gestört. Dies hatte zur Folge, dass die Gespräche zunächst ohne Sinn Féin und die Ulster Democratic Party fortgesetzt wurden. Wenig später erklärte die IRA erneut einen Waffenstillstand, welcher nicht mehr gebrochen wurde und Sinn Féin war erneut Verhandlungspartner. Schließlich wurde 1998 das Good Friday Abkommen (auch Belfast Abkommen genannt) unterschrieben, welches im nächsten Kapitel kurz erläutert wird.

In den Gesprächen, welche Anfang der 90er Jahre begannen und ’98 im Good Friday Abkommen mündeten, wurde der Status von Nordirland diskutiert. Es musste ein Kompromiss gefunden werden zwischen den republikanischen Forderungen nach einem vereinten Irland und den loyalistischen Forderungen nach einer gültigen Grenze zwischen Irland und Nordirland und der Zugehörigkeit von Nordirland zu Großbritannien. Auf dem Weg dahin wurden verschiedene Abkommen und Übereinkünfte getroffen[11], welche bis 1997 stets begleitet waren vom bewaffneten Kampf der republikanischen und loyalistischen Paramilitärs.

2.4) Good Friday Abkommen

„The ’Agreement Reached in the Multi-Party Negotiations’ – the Belfast Agreement, or Good Friday Agreement- was presented by its participant- creators as offering ’a truly historic opportunity for a new beginning’ in Northern Ireland.”[12]

“The Good Friday Agreement is the essential compromise for this phase of the peace process.”[13]

Wie bereits in Kapitel 2.3 erwähnt, war man in den Verhandlungen darum bemüht, einen Kompromiss zu finden, welcher langfristig Frieden in Nordirland sicherte, welcher also sowohl die republikanische als auch die loyalistische Seite Ernst nimmt. Dieser wurde durch das Good Friday Abkommen zunächst erreicht. Entscheidend dafür waren nicht nur die Inhalte des Abkommens, sondern auch die Bedingung, dass sowohl die irische als auch die nordirische Bevölkerung per Referendum dem Good Friday Abkommen zustimmen, oder es ablehnen konnten. Die Entscheidung des Volkes war dann bindend. Diese Bedingung nahm Loyalisten und Republikanern im Fall einer für sie negativ ausfallenden Entscheidung die Grundlage für weitere Proteste und Blockaden, da das Volk sich geäußert hatte. Die Abstimmung selbst war sehr aussagekräftig: in der Republik Irland stimmten 94%, in Nordirland 71% für das Good Friday Abkommen und damit für ein Verbleiben Nordirlands im Vereinten Königreich. Inhaltlich sicherte das Abkommen politische Zusammenarbeit auf drei Ebenen und versuchte damit den unterschiedlichen Forderungen gerecht zu werden. So gab es das nordirische Parlament, bestehend aus einem Ersten Minister (protestantisch) und einem stellvertretenden Ersten Minister (katholisch). Die protestantische und die katholische Gruppe der Parlamentarier mussten Konsensentscheidungen treffen. Als zweite Instanz sollte es den Nord- Süd- Ministerrat, nach dem Vorbild des europäischen Ministerrates geben. Schließlich gab es noch den Rat der Britisch- Irischen Inseln, welcher die Ost-West Zusammenarbeit verbessern sollte. Sowohl Republikaner als auch Loyalisten konnten sich mit dem Abkommen, als einen Schritt auf dem Weg in die richtige Richtung arrangieren. In den folgenden Jahren galt es das Problem der Entwaffnung der IRA zu lösen und ein funktionierendes irisches Parlament zu bilden. Beide Probleme erwiesen sich als äußert schwer lösbar. Es gab viele Rückschritte und Großbritannien musste immer wieder die Regierung übernehmen aufgrund von Uneinigkeiten unter den protestantischen und katholischen Parlamentariern. Heute gibt es ein funktionierendes nordirisches Parlament mit Ian Paisley (DUP) als Ersten Minister und Martin McGuiness (Sinn Féin) als stellvertretenden Ersten Minister. Wie die Stimmung im loyalistischen und republikanischen Lager jedoch noch immer ist und ob der Konflikt tatsächlich gelöst wurde, zeigen folgende Zitate aus den Wahlprogrammen der DUP und von Sinn Féin 2007:

Manifesto 2007 DUP:

“Unionist confidence is at its highest level in a generation. Republicans are under pressure like never before, having being forced to abandon fundamental principles and long held beliefs.”[14]

“In 2002 with the UUP as the largest party 34.5% of unionists believed there would be a united Ireland by 2020, now with the DUP in the lead position, over 82% believe there will not.”[15]

Manifesto 2007 Sinn Féin:

“Republicans are ready for the next step. We are ready for government. It is time that British Ministers were sent home for good.”[16]

“Enormous progress has been made but Sinn Fein will not rest until we have established a United Ireland of Equals.”[17]

Wenn jene Zitate auch verdeutlichen, dass der Konflikt auf der ideellen Ebene noch lange nicht gelöst ist, zeigt die aktuelle Regierungssituation doch, dass enorme Fortschritte gemacht wurden, dass Sinn Féin- in der Literatur oft einfach als politischer Flügel der IRA bezeichnet- am Regierungsgeschäft teilnimmt und sie in der Lage sind Konsensentscheidungen mit Loyalisten zu treffen. Wie es auf Seiten der Republikaner soweit kommen konnte, dass der militärische Kampf durch einen politischen Kampf ersetzt wurde, darum soll es in den nächsten beiden Kapiteln gehen.

3. IRA und Sinn Féin 1: Veränderungen zweier Sozialer Bewegungsorganisationen (SBOs)

In diesem Kapitel soll die Grundlage für die Antwort auf die Frage nach dem Entwicklungszusammenhang zwischen der IRA und Sinn Féin gelegt werden. Meine These ist es, dass die IRA und Sinn Féin Organisationen einer Sozialen Bewegung sind, namentlich der Republikanischen Bewegung. In dieser hängen sie sehr eng zusammen, was im Abschnitt 3.3 noch gezeigt werden wird. Sie verfolgen das gemeinsame Ziel der Vereinigung der Republik Irland mit Nordirland und der Unabhängigkeit dieser vereinten Republik Irland von Großbritannien. Ihre Mittel unterschieden sich deutlich und ihre öffentliche Relevanz war zu verschiedenen Zeiten ebenfalls sehr unterschiedlich. In diesem Kapitel soll zunächst definiert werden, warum man die Republikanische Bewegung als Soziale Bewegung bezeichnen kann und warum dies auch Sinn macht. Dies ist bedeutend für die Analyse der IRA und Sinn Féin, da sie in der Republikanischen Bewegung verortet sind. Anschließend sollen die Entwicklungen innerhalb der IRA und Sinn Féin voneinander gesondert im Rahmen der Bewegungsforschung untersucht werden.

3.1) Begriffsdefinitionen: Republikanische Bewegung als Soziale Bewegung

Der Begriff der sozialen Bewegung ist wie Raschke es ausdrückt „ein »weicher« Gegenstand“[18]. Es gibt daher keine allein gültige Definition, sondern verschiedene Erklärungsansätze unterschiedlicher Autoren[19]. Dennoch gibt es Punkte, welche allen Definitionen gemein sind. Zirakzadeh nennt das auch „the minimum definition of a social movement“[20]. Diese gemeinsamen Grundlagen beziehen sich auf die Menschen in der Sozialen Bewegung und auf ihre Ziele. Die beteiligten Menschen in der Sozialen Bewegung müssen nur eine Gemeinsamkeit haben und zwar müssen ihr Ziel, bzw. ihre Wertvorstellungen, welche diesem Ziel zu Grunde liegen, übereinstimmen. Das Ziel ist in jedem Fall das Erreichen eines sozialen Wandels, wobei man unterscheiden kann, ob dieser soziale Wandel herbeigeführt, verhindert, oder rückgängig gemacht werden soll[21]. Natürlich muss sozialer Wandel zusätzlich spezifiziert werden, denn wie umfassend dieser Wandel von der jeweiligen Sozialen Bewegung gewünscht ist, kann ebenfalls stark variieren. Bei der Einordnung der Republikanischen Bewegung, bzw. der IRA und Sinn Féin als SBO, beziehe ich mich vor allem auf die Definitionen Zirakzadehs und Raschkes. Daher sollen ihre Theorien an dieser Stelle in Kürze zusammengefasst werden, bzw. die Zusätze, welche sie zu den bereits genannten Kriterien machen, vorgestellt werden.

Zirakzadeh[22] spezifiziert die Merkmale der für die Sozialen Bewegungen entscheidenden Personen. Er nennt sie „nonelite“[23] und betont damit die Irrelevanz des sozialen Hintergrunds als Entscheidungskriterium für die Zugehörigkeit zur unterstützenden Menge. Er schreibt, nonelite sind Menschen, die bisher politisch keine Bedeutung hatten, bzw. stark benachteiligt wurden, er nennt sie auch: „nonpowerful“, „nonwealthy“ und „nonfamous“[24]. Weiterhin sagt Zirakzadeh, dass Soziale Bewegungen an bestimmten Orten, bzw. unter bestimmten Umständen agieren, d.h. es gibt eindeutig bestimmbare Aktionsziele. Schließlich schreibt er, dass die Mittel der Sozialen Bewegung oft an der Grenze zur Legalität verlaufen und ihre Aktionen durchaus sozial fragwürdig sein können.

Raschke[25] definiert die eingangs bereits benannten allgemeinen Merkmale weiter aus. Innerhalb der Sozialen Bewegung gibt es laut Raschke eine hohe symbolische Integration, welche zu einer wahrnehmbaren Wir-Sie- Dichotomie führt. Sie ersetzt das offizielle und schriftliche Erfassen ihrer Mitglieder und ermöglicht es Menschen, sich durch die jeweiligen Symbole mit der Bewegung zu identifizieren. Ein weiteres Merkmal ist laut Raschke, die mobilisierende Wirkung der Bewegung. Diese liegt begründet in der Notwendigkeit der Unterstützung von Dritten für die Bewegung. Das Vorhandensein einer gewissen Kontinuität grenzt die Soziale Bewegung, nach Raschke, von „kollektiven Episoden“[26] ab. Die Kontinuität wiederum wird natürlich bestimmt von der Schnelligkeit des Erreichens, bzw. Nichterreichens des jeweiligen Organisationszieles.

Schließlich führt Raschke die geringe Organisationsstruktur von Sozialen Bewegungen als bestimmendes Merkmal an. Er weist allerdings auch darauf hin, dass es durchaus Organisation und sogar klassische Arbeitsteilung gibt, diese ist aber verhältnismäßig sehr gering und die Rollenverteilung innerhalb der Bewegung ist keinesfalls starr und fest definiert.

Wendet man nun jene Definitionen auf die Republikanische Bewegung in Nordirland an, kommt man zu dem Ergebnis, dass sie als eine Soziale Bewegung bezeichnet werden kann. Der irische Republikanismus war spätestens seit dem Osteraufstand 1916 sowohl in Irland als auch in Nordirland von großer Bedeutung, und ist es noch heute. Die Vorraussetzung der Kontinuität ist also bereits erfüllt. Das Ziel des irischen Republikanismus ist eine von Großbritannien vollständig unabhängige, vereinte Republik Irland (also Irland und Nordirland). Diese irische Gesellschaft soll sich entsprechend frei von Großbritannien organisieren und es soll besonders darauf geachtet werden, das irische Erbe- die gälische Vergangenheit- zu pflegen und für dessen Erhalt zu sorgen. Es wird also ein sehr umfassender sozialer Wandel von den Republikanern gefordert. Grundsätzlich gibt es keine Einschränkungen bezüglich der Zugehörigkeit zum Republikanismus, dennoch ist das Attribut katholisch nicht von Republikanern zu trennen. Dies hängt damit zusammen, dass Irland historisch betrachtet immer mehrheitlich katholisch war. Es gibt durchaus irische Katholiken die keine Republikaner sind, allerdings sind Republikaner doch stets Katholiken (inwieweit sie den katholischen Glauben tatsächlich praktizieren ist wiederum eine Frage, die im Rahmen dieser Arbeit nicht beantwortet werden kann). Das oben genannte gemeinsame Ziel verbindet also Republikaner verschiedenster Herkunft. Eine weitere Gemeinsamkeit die jene Republikaner verbindet, ist das Wahrnehmen ihrer politischen Benachteiligung (dies begann bereits vor der Teilung der Insel und bezieht sich danach besonders auf die Katholiken in Nordirland, da sie dort stark benachteiligt waren), was wiederum Zirakzadehs Definition der nonelite entspricht. Dass die Mittel der Republikanischen Bewegung manchmal an der Grenze zur Legalität verlaufen, zeigte bereits das Ausrufen der irischen Republik 1916 beim Osteraufstand oder auch die Bildung von paramilitärischen SBOs wie der IRA. Der Wirkungsraum der Republikaner erstreckt sich auf die Republik Irland und Nordirland sowie Großbritannien (insbesondere England), außerdem Amerika, da es dort eine starke irische Fraktion gibt. Ihr Wirkungsgrad dehnte sich nur sehr selten auf weitere Länder aus.

Auch ist Raschkes Merkmal der hohen symbolischen Integration im Republikanismus gegeben. Dies hier detailliert zu beschreiben, würde jedoch zu weit führen. Es sei an dieser Stelle nur auf ein sehr auffälliges integratives Element hingewiesen, die gälische Sprache, welche sich schon in der Namensgebung des irischen Parlamentes zeigt[27]. Ihr mobilisierender Charakter wird besonders in ihren SBOs deutlich, darauf wird später jedoch noch etwas genauer eingegangen. Es gibt also innerhalb dieser Sozialen Bewegung verschiedene SBOs, welche mit verschiedenen Mitteln, die Ziele des Republikanismus erreicht sehen wollen. Die Partei Sinn Féin und die paramilitärische Organisation IRA sind zwei solcher SBOs in der Republikanischen Bewegung. Ihre Entwicklung innerhalb des Republikanismus und innerhalb des Nordirlandkonfliktes wird zentral sein in dieser Arbeit. Um dies jedoch verstehen zu können ist es wichtig, sie zunächst zu verorten um die Prozesse richtig einordnen zu können. Auch Raschke weist darauf hin, wenn er schreibt:

„[…] als Bewegungsorganisationen, die auch anderen Gesetzmäßigkeiten gehorchen, sind sie [Parteien, Organisation, usw., M.O.] Teil der Bewegungsanalyse. Eine Bewegungspartei beispielsweise ist nur zu verstehen und in ihren Handlungen, Organisationsstrukturen etc. zu erklären durch den Rückbezug auf die größere Bewegung.“[28]

Um Schlüsse über das Verhältnis und die Entwicklungszusammenhänge der IRA und Sinn Féin ziehen zu können, ist es sinnvoll, beide SBOs zunächst getrennt voneinander zu betrachten und bewegungsanalytisch zu untersuchen. Anschließend sollen Zusammenhänge zwischen den beiden geprüft werden.

[...]


[1] Fitzpatrick (2008).

[2] Weinberg, Pedahzur (2003:107).

[3] Am 04.03.2008 gab Ian Paisley seinen Rücktritt als First Minister und DUP Chef (ab Mai 2008) bekannt. Der Grund für den Rücktritt ist im Augenblick noch Anlass für unterschiedlichste Spekulationen. Sein Nachfolger steht noch nicht fest. Er wird jedoch umgehend aus den Reihen der DUP gewählt werden.

[4] Bittner, Knoll (2001:269)

[5] Wieso die republikanische Bewegung als Soziale Bewegung und die IRA bzw. Sinn Féin als SBO bezeichnet werden, wird in Kapitel 3.1 definiert.

[6]. Wie es dazu kommen konnte, das eine kleine Zahl katholischer Nationalisten es wagte einen Aufstand zu beginnen erklärt Boyce in seinem Text „’A Gallous Story and A Dirty Deed’: Political Martyrdom in Ireland since 1867“. Dort beschreibt er den irisch- katholischen Nationalismus und seine Verherrlichung von Märtyrerei.

[7] Vgl. Bittner (2001:276).

[8] Sinn Féin (2008). Siehe auch Anhang 3.

[9] Bittner (2001:23).

[10] O’ Brien (1993: 20-21).

[11] Solche Abkommen sind zum Beispiel ein weiteres Anglo-Irish Agreement, das Sunningdale Agreement, die Downingstreet- Declaration, die Mitchell- Prinzipien u.a..

[12] English (2003:297).

[13] Ders. (2003:300).

[14] Ulster Democratic Unionist Party (2008:3).

[15] Ders. (2007:2).

[16] Begley (2007:4).

[17] Ders. (2007:3).

[18] Roth (1987:29).

[19] Zirakzadeh fasst das in seinen einleitenden Sätzen des Kapitels „Recent traditions in social-movement theorizing“ sehr eindrücklich zusammen. (Zirakzadeh 1997:3).

[20] Zirakzadeh (1997:227).

[21] Vgl. Roth (1987:21).

[22] Zirakzadehs Definition von Sozialen Bewegungen findet sich detaillierter in seinem Buch „Social Movements in Politics: A comparative Study.“ (1997).

[23] Zirakzadeh (1997:4).

[24] Zirakzadeh (1997:5).

[25] Raschkes Definition von Sozialen Bewegungen findet sich detaillierter in seinem Beitrag „Zum Begriff der Sozialen Bewegung“ im Buch von Roth: „Neue soziale Bewegungen in der Bundesrepublik Deutschland“ (1987).

[26] Roth (1987:21).

[27] Die Tabelle über die Organisationsstruktur von Sinn Féin und IRA im Anhang 1 verdeutlicht dies.

[28] Roth (1987:28).

Ende der Leseprobe aus 55 Seiten

Details

Titel
IRA und Sinn Féin - Politisierung einer Terrororganisation?
Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
55
Katalognummer
V127866
ISBN (eBook)
9783640330058
ISBN (Buch)
9783640331840
Dateigröße
698 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sinn Fein, IRA, Nord Irland, Nord Irland Konflikt, Gewalt in Nord Irland, Katholiken gegen Protestanten Nord Irland
Arbeit zitieren
B.A. Mandy Pydde (Autor), 2008, IRA und Sinn Féin - Politisierung einer Terrororganisation?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/127866

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