„Ich für meinen Teil bin ebenfalls der Meinung, dass unsere Kultur moralisch über den anderen steht, doch nach meiner Meinung spricht diese Überlegenheit nicht dafür, dass es wirklich eine allgemeine menschliche Natur gibt“ (Rorty 2003).
Im Kontext des einführenden Zitates wird zunächst die Theorie des Pragmatismus näher betrachtet. Nachfolgend wird Rortys Argumentation hinsichtlich der Überlegenheit "unserer Menschenrechtskultur" dargestellt und kritisch betrachtet.
Es folgt eine detaillierte Darlegung der chinesischen Menschenrechtskultur. Wo liegen die Unterschiede? Woher rühren selbige? Wie wirken die Unterschiede sich auf das Leben der verschieden Völker aus?
Abschließend gilt es zu klären, ob Rortys Meinung hinsichtlich der Überlegenheit der westlichen Menschenrechtskultur jeglicher Grundlage entbehrt oder doch durchaus gerechtfertigt ist.
Inhaltsverzeichnis
1. Hinführung zum Thema
2. Charakteristika von Rortys Pragmatismus
3. Kritische Auseinandersetzung mit Rortys Menschenrechtskonzeption
3.1. Ausbreitung „unserer Menschenrechtskultur“
3.2. Einstellung der philosophischen Bemühungen
3.3. Wohlstand und die Überlegenheit des Westens
4. China als Gegenmodell
4.1. Chinesische und westliche Tradition im Vergleich
4.2. Kulturelle und historische Bindungen
4.3. Chinesische Bevorzugung von Stabilität und Ökonomie
5. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht kritisch die Menschenrechtskonzeption von Richard Rorty vor dem Hintergrund seiner pragmatistischen Philosophie. Dabei wird insbesondere der Anspruch einer moralischen Überlegenheit westlicher Menschenrechtsvorstellungen infrage gestellt und am Fallbeispiel China auf seine praktische Tauglichkeit und Konsistenz hin geprüft.
- Grundlagen und Charakteristika von Rortys Pragmatismus
- Die Problematik von Rortys Konzept der „Menschenrechtskultur“
- Die Gegenüberstellung westlicher Konzepte mit der chinesischen Tradition
- Analyse der Gewichtung von ökonomischen Rechten gegenüber individuellen Freiheiten
- Überprüfung der universellen Geltungsansprüche durch einen interkulturellen Realitätstest
Auszug aus dem Buch
4.1. Chinesische und westliche Tradition im Vergleich
Ein häufiger Vorwurf an westlicher Menschenrechtskritik in Richtung China ist, dass der Westen politischen und zivilen Menschenrechten mehr Gewicht einräumt als ökonomischen, sozialen und kollektiven Menschenrechten. Diesen wiederum räumt China mehr Bedeutung ein (vgl. Peerenboom 2007: 85; Davis 1995: 7; Angle 2002: 240). Die chinesische Konzeption nur auf Grund ihrer Andersartigkeit als menschenrechtsverletzend darzustellen, weisen mehrere Autoren auf Grund der Komplexität und der in sich vorhandenen Konsistenz der chinesischen Menschenrechtstradition zurück (vgl. Bauer 2003: 252; Angle 2002: 240).
Da nun schon mehrfach die Besonderheit der chinesischen Tradition erwähnt wurde, gilt es nun der Frage nach zu gehen, wie diese Tradition aussieht. Das chinesische Menschenbild geht davon aus, dass es kein den gesellschaftlichen Einflüssen entzogenes menschliches Wesen gibt. Vielmehr ist die menschliche Natur „gesellschaftsbezogen, veränderlich und relational“. Des Weiteren existieren hierarchische Beziehungen, welche „nicht nur Gehorsams- und Dienstpflichten..., sondern gleichzeitig auch Fürsorge- und Schutzpflichten des Höherstehenden“ einschließen. Es wird hierbei davon ausgegangen, dass alle Menschen über die gleichen Potenziale verfügen, welche es im Leben zu aktivieren gilt. Besonders fremd ist der chinesischen Tradition die westliche Dreiteilung von Moral, Sitte und Recht.
Die westliche Menschenrechtstradition versucht dieser Dreiteilung Rechnung zu tragen, indem sie versucht, neben der Sitte und dem Recht auch „die Gebote des individuellen Gewissens ... in der staatlichen Ordnung [umzusetzen]“. In der konfuzianischen, in China immer noch praktizierten Tradition der li und fa, findet sich keine moralisch autonome Persönlichkeit. Die li geben gesellschaftliche Konventionen vor, welche der Ordnung der Gesellschaft und der Erhaltung der Harmonie dienen. Die legalistischen Regeln des fa finden nur Anwendung, wenn die Li-Normen versagt haben. Die präventive Wirkung des fa besteht in der rigorosen Bestrafung von kleinen Verstößen gegen die li. Da die chinesische Tradition keine moralische Autonomie kennt, ist einzig die negative Wirkung einer Handlung auf die Ordnung und Harmonie ausschlaggebend. Individuelle moralische Argumente finden kein Gehör. Durch diese Dominanz des Volkswohls blieb die Entwicklung subjektiver Rechte des Individuums aus. (vgl. Müller 1997: 16ff.)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Hinführung zum Thema: Dieses Kapitel legt die Basis der Arbeit, indem es die Kontroverse um Rortys Menschenrechtsbegriff skizziert und den methodischen Ansatz des kritischen Abgleichs mit der Realität definiert.
2. Charakteristika von Rortys Pragmatismus: Hier werden die wesentlichen Merkmale von Rortys Denken erläutert, insbesondere seine Ablehnung universeller Wahrheiten und sein Fokus auf den pragmatischen Nutzen innerhalb von Kulturen.
3. Kritische Auseinandersetzung mit Rortys Menschenrechtskonzeption: Dieser Abschnitt analysiert Kettners Dreiteilung von Rortys Ansatz und hinterfragt die Konsistenz der Forderung nach einer „Menschenrechtskultur“ ohne philosophische Begründung.
3.1. Ausbreitung „unserer Menschenrechtskultur“: Untersucht wird Rortys Argumentation, warum moralische Überlegenheit nicht auf einer allgemeinen menschlichen Natur, sondern auf historisch gewachsener Praxis beruht.
3.2. Einstellung der philosophischen Bemühungen: Beleuchtet wird Rortys Skepsis gegenüber metaphysischen Begründungen und seine Bevorzugung einer „Gefühlserziehung“ gegenüber einer rationalen Argumentation.
3.3. Wohlstand und die Überlegenheit des Westens: Dieses Kapitel prüft Rortys Behauptung, dass wirtschaftlicher Wohlstand eine notwendige Bedingung für den moralischen Fortschritt und die Entwicklung von Menschenrechten sei.
4. China als Gegenmodell: Hier wird der theoretische Rahmen der Arbeit auf die chinesische Realität angewendet, um die Spannungsfelder zwischen westlichem Liberalismus und chinesischem Menschenrechtsverständnis aufzuzeigen.
4.1. Chinesische und westliche Tradition im Vergleich: Es findet ein Vergleich der unterschiedlichen Konzepte von Moral, Sitte und Recht zwischen der chinesischen Tradition und westlichen Menschenrechtsvorstellungen statt.
4.2. Kulturelle und historische Bindungen: Untersucht werden die spezifischen historischen und kulturellen Prägungen, die das chinesische Verständnis von sozialen und ökonomischen Rechten begründen.
4.3. Chinesische Bevorzugung von Stabilität und Ökonomie: Dieses Kapitel analysiert die Priorisierung kollektiver Stabilität durch die chinesische Regierung gegenüber individuellen Freiheitsrechten.
5. Schlussbetrachtung: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und kommt zu dem Schluss, dass Rortys Konzeption an der Realität scheitert, da sie alternative Modelle ignoriert.
Schlüsselwörter
Richard Rorty, Pragmatismus, Menschenrechte, Menschenrechtskultur, China, Universalismus, Kulturrelativismus, Moral, Politik, westliche Tradition, Konfuzianismus, politische Stabilität, ökonomische Menschenrechte, interkultureller Dialog, moralische Überlegenheit
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der kritischen Analyse der Menschenrechtskonzeption des Philosophen Richard Rorty und deren Anwendbarkeit im interkulturellen Kontext, insbesondere im Hinblick auf China.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind die Charakteristika des pragmatistischen Denkens, die theoretischen Widersprüche innerhalb der Menschenrechtsrhetorik und der Vergleich zwischen westlich-liberalen Werten und ostasiatischen Traditionen.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Das Ziel ist ein „Realitätstest“ von Rortys Behauptung, dass westliche Menschenrechtsvorstellungen moralisch überlegen seien, indem untersucht wird, ob dieser Ansatz auch bei unterschiedlichen kulturellen Voraussetzungen standhält.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt eine kritische Literaturanalyse und einen komparativen Ansatz, bei dem theoretische Konzepte (Rorty) mit empirischen Beobachtungen und anderen theoretischen Gegenpositionen zur chinesischen Gesellschaft abgeglichen werden.
Was bildet den Schwerpunkt des Hauptteils?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Kritik an Rortys philosophischen Annahmen und eine Anwendung auf das Fallbeispiel China, wobei soziale, ökonomische und politische Bindungen gegenübergestellt werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Neben Rortys Pragmatismus stehen Begriffe wie kulturelle Identität, Universalität, Menschenrechtskultur und der Konflikt zwischen individuellen Freiheitsrechten und kollektiver Stabilität im Zentrum.
Warum hält Rorty philosophische Begründungen für Menschenrechte für bedeutungslos?
Rorty argumentiert, dass solche Begründungen historisch nicht konsistent oder nützlich sind; er ersetzt sie durch das Konzept einer „Gefühlserziehung“, um Mitgefühl innerhalb einer Gemeinschaft zu fördern.
Wie bewertet die Arbeit Rortys Ansatz im Hinblick auf China?
Die Arbeit kommt zu dem Ergebnis, dass Rortys Ansatz in diesem Fall scheitert, da er die Bedeutung historisch gewachsener, anderer legitimer Rechtstraditionen ignoriert und den Dialog durch ein „unreflektiertes westliches Optimismusmodell“ erschwert.
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- Arne Michel Mittasch (Author), 2009, Rortys Menschenrechtskonzeption und das Gegenmodell China, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/127985