Im Zusammenhang mit der EU-Agrarpolitik war in der Vergangenheit von "Butterbergen und Milchseen" die Rede. In dieser Arbeit wird nachvollzogen inwieweit sich trotz des suboptimalen Resultat alle Akteure rational verhalten.
Theoretische Grundlage für die Argumentation stellt der rationale Institutionalismus dar. In der Folge werden die verschiedenen Ebenen die für EU-Entscheidungen relevant sind betrachtet.
Zunächst wird gezeigt wie es dem Deutschen Bauernverband (DBV) gelingt als Alleinvertreter der deutschen Bauern wahrgenommen zu werden. Es folgt eine Betrachtung die zeigt wie allein durch rationales Verhalten aller beteiligten Akteure auf Bundesebene, die Agrarinteressen überrepräsentiert werden. Abschließend wird dargestellt wie es dem DBV. bzw der deutschen Politik gelingen kann auf EU-Ebene die Fortsetzung einer "subventionierten Unvernunft" durchzusetzen. Falls trotzdem Reformen zu Stande kommen, sind selbige selten mehr als "alter Wein in neuen Schläuchen".
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung und Erläuterung des Aufbaus
2. Theorie: rationaler (utilitaristischer) Institutionalismus
3. Die Einflussnahme des DBV auf die EU-Agrarpolitik
3.1 Der Deutsche Bauernverband als Vertreter der Bauerninteressen
3.2 Gründe für die Überrepräsentation der DBV-Interessen durch die deutsche Politik
3.3 Ausbleiben von radikalen Reformen auf EU-Ebene trotz „subventionierter Unvernunft“
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, wie scheinbar irrationale Auswüchse der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) durch das rationale Handeln politischer Institutionen und Interessenverbände, insbesondere des Deutschen Bauernverbandes (DBV), entstehen und fortbestehen. Das zentrale Ziel ist es, die Mechanismen der Einflussnahme und die daraus resultierende Überrepräsentation agrarischer Partikularinteressen vor dem Hintergrund des rationalen Institutionalismus zu erklären.
- Rolle und Strategien des Deutschen Bauernverbandes
- Rationaler Institutionalismus in der Agrarpolitik
- Einflussnahme auf nationale und EU-politische Entscheidungsprozesse
- Logik der Interessenvertretung und Mitgliederinteressen
- Ursachen für die Reformträgheit der EU-Agrarpolitik
Auszug aus dem Buch
3.1 Der Deutsche Bauernverband als Vertreter der Bauerninteressen
Die starke Stellung des DBV im deutschen Verbandssystem hat mehrere Gründe. Zum einen ist die Bundesrepublik Deutschland der drittgrößte Agrarproduzent in der EU (vgl. DBV 2007: 145). Zudem verfügt der DBV mit einem Organisationsgrad von über 90 % nahezu über ein „Repräsentationsmonopol“ (Heinze 2003; Maisack 1995: 10), bei der Vertretung deutscher Bauerninteressen. Ebenso stärkt die hierarchische Organisation des DBV die „günstige Position im Verbandssystem…“ (Heinze 1992: 78), bei einer auf Grund ihrer diffusen Interessen schwachen Verbrauchervertretung als Gegenspieler. Auch die Überrepräsentation der Interessen der Großbauern zu Lasten der kleineren landwirtschaftlichen Betriebe mag dieser starken Stellung nichts anhaben (vgl. Ribbe 2001: 32). Diese starke Position nutzt der DBV an mehreren Verbindungspunkten mit der Politik.
Besonders häufig betreibt der DBV Lobbyarbeit, indem der Verband Abgeordnete beeinflusst, Parteien personell durchdringt und bei politischen Beratungen Expertise bereitstellt (vgl. Alemann 1996: 36). Neben der beschriebenen starken Position im Verbandssystem, bedient sich der DBV bekannten Druckmitteln von Verbänden. Als „entscheidende(s) Druckmittel“(Heinze 1992: 83) gilt die Drohung mit den Wählerstimmen von Mitgliedern und Solidierenden (vgl. Alemann 1996: 36). Zudem gelten Demonstrationen und Boykotte als effektive Druckmittel. Zuletzt gilt es noch die medialen Anstrengungen des DBV zu erwähnen. Neben eigenen Veröffentlichungen, wie dem jährlich erscheinenden „Situationsbericht“, sucht der DBV auch gezielt journalistische Fürsprecher. Durch das aktive Vorgehen des DBV werden immer wieder berechtigte Vorwürfe laut, dass die „Agrarlobby…“ massiv ihren Einfluss „um Pfründe zu wahren und gegen eine Agrarwende anzukämpfen“(Ribbe 2001: 30).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung und Erläuterung des Aufbaus: Das Kapitel führt in die Problematik der GAP ein und erläutert die theoretische Herangehensweise sowie den strukturellen Aufbau der Untersuchung.
2. Theorie: rationaler (utilitaristischer) Institutionalismus: Hier werden die theoretischen Grundlagen des rationalen Institutionalismus dargelegt, um das Verhalten von Akteuren in Institutionen bei der Verfolgung eigennütziger Ziele zu analysieren.
3. Die Einflussnahme des DBV auf die EU-Agrarpolitik: Dieses Hauptkapitel analysiert detailliert die Machtstruktur des DBV, die Gründe für seine bevorzugte politische Stellung und die daraus resultierende Stagnation von Agrarreformen.
3.1 Der Deutsche Bauernverband als Vertreter der Bauerninteressen: Fokus auf die organisatorischen Stärken, die Lobbyarbeit und die Druckmittel, mit denen der DBV seine Interessen in der deutschen Politik durchsetzt.
3.2 Gründe für die Überrepräsentation der DBV-Interessen durch die deutsche Politik: Untersuchung der politisch-strategischen Anreizstrukturen, die es der Politik ermöglichen, Partikularinteressen des Agrarsektors entgegen dem Gemeinwohl zu priorisieren.
3.3 Ausbleiben von radikalen Reformen auf EU-Ebene trotz „subventionierter Unvernunft“: Analyse der institutionellen Hemmnisse auf EU-Ebene, die trotz ökologischer und ökonomischer Unvernunft zu einem Stillstand bei Reformen führen.
4. Fazit: Zusammenfassung der Ergebnisse, die bestätigt, dass das Handeln von DBV und deutscher Politik aus Sicht der rationalen Wahltheorie konsistent, jedoch aus Sicht des Gemeinwohls als subventionierte Unvernunft zu werten ist.
Schlüsselwörter
Gemeinsame Agrarpolitik, GAP, Deutscher Bauernverband, DBV, rationaler Institutionalismus, Interessenvertretung, Lobbyismus, Agrarsubventionen, Partikularinteressen, Politikversagen, Reformträgheit, EU-Agrarpolitik, Agrarlobby, Institutionenökonomie, Politische Ökonomie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die scheinbaren Widersprüche zwischen rationalem politischem Handeln und dem Gemeinwohl am Beispiel der europäischen Agrarsubventionen und der Rolle des Deutschen Bauernverbandes.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die Interessenvertretung durch Verbände, die Einflussnahme auf Entscheidungsprozesse und die institutionellen Rahmenbedingungen der europäischen Agrarpolitik.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie durch institutionelle Anreize und das gezielte Handeln von Akteuren wie dem DBV Ergebnisse entstehen, die zwar rational im Sinne der Akteure sind, aber gesellschaftlich als ineffizient gelten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf dem theoretischen Rahmen des rationalen (utilitaristischen) Institutionalismus, um politisches Verhalten und Entscheidungsprozesse zu systematisieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Analyse der Macht des DBV, die Untersuchung der Motivationen der deutschen Politik zur Unterstützung dieser Interessen und die Erklärung der EU-weiten Reformblockaden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Gemeinsame Agrarpolitik, Lobbyismus, Partikularinteressen, rationaler Institutionalismus und institutionelle Hemmnisse.
Warum wird die Agrarpolitik als „subventionierte Unvernunft“ bezeichnet?
Der Begriff beschreibt den Zustand, in dem massives Kapital in Strukturen fließt, die ökonomisch oder ökologisch nicht nachhaltig sind, aber durch politische Interessenlagen dauerhaft zementiert werden.
Welche Rolle spielt die EU-Ebene bei der Blockade von Reformen?
Die Arbeit erläutert, dass durch das Einstimmigkeitsprinzip und komplexe Interessenkonflikte im EU-Rat notwendige Reformen effektiv durch einzelne Akteure mit starker Lobby im Rücken verhindert werden können.
- Citation du texte
- Arne Michel Mittasch (Auteur), 2008, Die Rationalität subventionierter Unvernunft , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/127986