„Warum sollten sich ausgerechnet Geistes- und Sozialwissenschaftler selbstständig machen?
Sind die dafür denn überhaupt geeignet?“ In diesen Fragen spiegelt sich eine Meinung, die in Gesprächen so oder ähnlich häufig geäußert wird und die vermutlich weit verbreitet ist.
Auf die erste Frage liefert die Betrachtung der Entwicklungen am Arbeitsmarkt eine plausible Antwort; die zweite erfordert eine intensivere Auseinandersetzung mit den Ansätzen und Ergebnissen
der Gründungsforschung.
Der Wandel der Arbeitslandschaft und die hohen Arbeitslosenzahlen der vergangenen zwei Jahrzehnte machen es auch für Akademiker zusehends schwieriger, einen sicheren Arbeitsplatz
zu finden. Während unbefristete Beschäftigungsverhältnisse abgebaut oder zeitlich begrenzt werden, nimmt der Anteil an sozial nicht abgesicherter, befristeter Teilzeitbeschäftigung
stetig zu. In Politik und Gesellschaft ist der Ruf nach mehr Eigenverantwortung der Individuen mittlerweile nicht mehr zu überhören. Vor diesem Hintergrund stellt Selbstständigkeit als Form der Erwerbstätigkeit eine sinnvolle berufliche
Alternative dar. Als begünstigend erweist sich für Akademiker der wirtschaftssektorale Wandel, im Zuge dessen die Nachfrage nach Wissen und wissensintensiven Dienstleistungen erheblich gestiegen ist. Sich in diesem Bereich selbstständig
zu machen, bietet für Hochschulabsolventen gute Chancen.
Andererseits ist die berufliche Selbstständigkeit nach wie vor mit einem hohen persönlichen Risiko verbunden, das jedoch
mehr und mehr durch die wachsende Unsicherheit abhängiger Beschäftigungsverhältnisse relativiert wird.
Mit Blick auf Ingenieur- und Wirtschaftswissenschaftler wird gemeinhin davon ausgegangen, dass diese über die nötigen Kompetenzen für eine berufliche Selbstständigkeit verfügen. Bei
Geistes- und Sozialwissenschaftlern ist die öffentliche Meinung erheblich zurückhaltender. Auch die Gründungsforschung widmet dieser Gruppe nur wenig Aufmerksamkeit, da angenommen wird, dass Geistes- und Sozialwissenschaftler im Verhältnis weniger gründen und dass sowohl die Arbeitsmarkteffekte als auch der volkswirtschaftliche Nutzen ihrer Gründungen
aufgrund des hohen Anteils von Klein- und Kleinstgründungen wesentlich geringer ausfallen.
Inhaltsverzeichnis
1. Wandel der Arbeitslandschaft und Entwicklung der beruflichen Selbstständigkeit
1.1. Sektoraler Wandel
1.2. Globalisierung der Arbeitslandschaft
1.3. Wandel der Unternehmensstrukturen
1.4. Spezifische Probleme des deutschen Arbeitsmarktes
1.5. Wandel der Beschäftigungsformen
1.6. Wandel der Normalbiografie
1.7. Geistes- und Sozialwissenschaftler im Kontext einer „Neuen Kultur der Selbstständigkeit“?
2. Stand der Gründungsforschung
2.1. Forschungsansätze und Interdisziplinarität
2.2. Gründungsphasen, Gründungstypen und Gründungsmotivationen
2.3. Zentrale Begriffe und deren Verwendung im Kontext der vorliegenden Arbeit
2.4. Problem der statistischen Erfassung des Gründungsgeschehens
2.5. Forschungsdefizit bei geistes- und sozialwissenschaftlichen Gründungen
2.6. Geistes- und Sozialwissenschaftler als Gründer
2.7. »Gründungserfolg«
3. Leitbegriffe und Konzepte: Kompetenz, Erfahrung und Fähigkeiten
3.1. Kompetenz
3.2. Handlungskompetenz
3.3. Kompetenzkonzept von Erpenbeck und Heyse
3.4. Kritik am Kompetenzbegriff
3.5. Verwendung der Begriffe und Konzepte im Kontext der empirischen Untersuchung
4. Fragestellung und Erläuterung des Untersuchungsvorhabens
4.1. Methodenbegründung
4.2. Vorgehen bei der Datenerhebung
4.3. Vorgehen bei der Datenauswertung
4.4. Kurzportraits der interviewten Gründer
4.4.1. Ferdinand
4.4.2. Karen
4.4.3. Karsten
4.4.4. Maren
4.4.5. Marc
4.4.6. Sven
5. Auswertung der Interviews: Ergebnisdarstellung
5.1. Ferdinand
5.2. Karen
5.3. Karsten
5.4. Maren
5.5. Marc
5.6. Sven
6. Zusammenfassung der Ergebnisse
6.1. Erfahrungen und biografische Besonderheiten
6.2. Werte und Einstellungen
6.3. Fähigkeiten
6.4. Wissen und Kenntnisse
6.5. Kompetenzen
6.5.1. Unterstützungsnetzwerke
6.5.2. Soziales Kapital
6.5.3. Selbstständigkeit als Disposition
6.6. Defizite
6.7. Gründungserfolg
6.8. Hochschulen und Gründungsvorbereitung
7. Fazit und Ausblick
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht, inwiefern Studierende und Absolventen geistes- und sozialwissenschaftlicher Fächer für eine berufliche Selbstständigkeit geeignet sind. Sie analysiert die spezifischen Kompetenzen, Fähigkeiten, Erfahrungen und Werthaltungen dieser Gruppe im Gründungsprozess, identifiziert auftretende Defizite und hinterfragt kritisch die Rolle der akademischen Ausbildung bei der Vorbereitung auf eine unternehmerische Tätigkeit.
- Wandel der Arbeitslandschaft und die Auswirkungen auf Akademiker.
- Stand der Gründungsforschung mit Fokus auf geisteswissenschaftliche Disziplinen.
- Qualitative Analyse von Biografien und Gründungsmotivationen (Grounded Theory).
- Bedeutung von Kompetenzkonzepten (Erpenbeck und Heyse) für Existenzgründungen.
- Empirische Untersuchung von Hindernissen, Erfolgsfaktoren und Unterstützungsnetzwerken.
Auszug aus dem Buch
2. Stand der Gründungsforschung
Die Gründungsforschung ist eine junge, dynamische, interdisziplinäre und in Deutschland bisher noch wenig fundierte Forschungsrichtung, die eine Schnittstelle zwischen verschiedenen Fachrichtungen bildet (vgl. Kuss, 2003, 8). Am weitesten reichen dabei die ökonomischen sowie die sozialwissenschaftlichen Forschungsansätze (vgl. Brüderl/Preisendörfer/Ziegler, 1996, 41f).
Soziologisch ist dieses Feld dennoch bisher sehr wenig erschlossen, wovon die geringe Anzahl soziologischer Lehrstühle in Deutschland zeugt, die sich explizit mit dem Thema Existenzgründung befassen (vgl. Schmude, 1999, 21; Klandt/Knaup, 2003; Klandt/Koch/Knaup, 2005). Insgesamt wird in der Gründungsforschung ein Theoriedefizit beklagt, das sich über die verschiedenen Fachgebiete dieses interdisziplinären Forschungsfeldes erstreckt (vgl. Frank, 2003, 91).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Wandel der Arbeitslandschaft und Entwicklung der beruflichen Selbstständigkeit: Beschreibt den Strukturwandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft und die daraus resultierenden neuen Erwerbsformen für Akademiker.
2. Stand der Gründungsforschung: Beleuchtet den aktuellen Forschungsstand, identifiziert Forschungslücken hinsichtlich geisteswissenschaftlicher Gründungen und definiert zentrale Begriffe.
3. Leitbegriffe und Konzepte: Kompetenz, Erfahrung und Fähigkeiten: Erläutert die theoretischen Grundlagen der Kompetenzentwicklung und stellt das Modell von Erpenbeck und Heyse vor.
4. Fragestellung und Erläuterung des Untersuchungsvorhabens: Begründet das methodische Vorgehen mittels qualitativer Leitfadeninterviews nach der Grounded Theory und stellt die Probanden vor.
5. Auswertung der Interviews: Ergebnisdarstellung: Präsentiert detaillierte Kurzportraits und die personenbezogene Analyse der befragten Gründer.
6. Zusammenfassung der Ergebnisse: Führt die Einzelergebnisse zu übergreifenden Erkenntnissen über Erfahrungen, Werte, Fähigkeiten und Kompetenzen der Gründenden zusammen.
7. Fazit und Ausblick: Fasst die zentralen Erkenntnisse der Arbeit zusammen und gibt Anregungen für zukünftige Forschung sowie die akademische Ausbildung.
Schlüsselwörter
Existenzgründung, Geisteswissenschaften, Sozialwissenschaften, Selbstständigkeit, Kompetenz, Gründungserfolg, Erpenbeck, Grounded Theory, berufliche Selbstbestimmung, Wissensgesellschaft, unternehmerische Fähigkeiten, Arbeitsmarkt, Gründungsforschung, Qualifikation, Freiberuflichkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der beruflichen Selbstständigkeit von Absolventen geistes- und sozialwissenschaftlicher Studiengänge und analysiert deren Eignung und Vorgehensweise bei Existenzgründungen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder umfassen den Strukturwandel der Arbeitswelt, die wissenschaftliche Gründungsforschung, Kompetenzmodelle sowie die praktische Umsetzung von Gründungsvorhaben durch Geistes- und Sozialwissenschaftler.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, spezifische Stärken, Schwächen und Anforderungen dieser speziellen Gründergruppe zu identifizieren und die subjektiven Erfahrungen der Gründer wissenschaftlich einzuordnen.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Die Autorin/Der Autor nutzt eine qualitativ-empirische Untersuchung, die sich methodisch an der Grounded Theory orientiert, um sechs Einzelfälle narrativ auszuwerten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in einen theoretischen Teil zur Kompetenzforschung und einen empirischen Teil, der die Interviews auswertet und vergleichende Analysen zu Erfahrungen, Werten und Fähigkeiten durchführt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird wesentlich durch Begriffe wie Existenzgründung, Kompetenz, Selbstständigkeit und Geisteswissenschaften sowie das spezifische Erpenbeck-Kompetenzmodell geprägt.
Warum wird die Rolle der Hochschulen kritisiert?
Die Arbeit kritisiert, dass Hochschulen oft zu wenig auf die berufliche Realität außerhalb des öffentlichen Dienstes vorbereiten und eine gezielte Förderung der für die Selbstständigkeit nötigen Kompetenzen vernachlässigen.
Welchen Stellenwert haben Unterstützungsnetzwerke für die Gründer?
Netzwerke werden als zentraler Erfolgsfaktor identifiziert, die helfen, Wissens- und Kompetenzdefizite zu kompensieren und emotionale Stabilität bei den oft herausfordernden Gründungsprozessen zu gewährleisten.
- Quote paper
- Thomas Schröder (Author), 2007, Geistes- & Sozialwissenschaftler als Gründer und Entrepreneure, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/127989