In dieser methodisch ausgerichteten Abschlussarbeit erfolgt am Beispiel der Plattform Kununu eine exemplarische Überprüfung der Potenziale von Arbeitgeberbewertungen und welche Rolle diese in einer digital ausgerichteten, empirischen Arbeitsforschung spielen können. Anknüpfend soll das empirische Dilemma des jüngsten Forschungsdiskurses zur Arbeit in der Plattformökonomie geschildert werden, in dem zwei empirische Lücken exemplarisch herausgearbeitet werden, für deren Bearbeitung Kununus Bewertungsdaten potenziell fruchtbar erscheinen: Arbeitsplatzeigenschaften zu fest eingestellten und dennoch im Feld tätigen und mit Plattformtechnologie arbeitenden Gigworkern, sowie den häufig unter dem Begriff der "venture labour" gefassten Arbeitsplatzeigenschaften von Mitarbeitern in zentralisierten Büros innerhalb Deutschlands.
Im anschließenden, auf Kununu selbst fokussierten Teil, soll im Sinne einer Forschungsfeldanalyse die Funktionsweise der evaluativen Infrastruktur samt den algorithmischen Rahmenbedingungen der Bewertungen offen gelegt werden, ehe im Anschluss relevante Forschungsimpulse zur Datenqualität dieser Bewertungen diskutiert werden. Im methodologischen Teil wird ein mehrstufiges, auf zwei Feinanalysen fokussiertes, interpretatives Auswertungsverfahren im Sinne der qualitativen Inhaltsanalyse nach Udo Kuckartz entworfen, mit dem sich sowohl die Arbeitsplatzeigenschaften von Gigworkern als auch von Coreworkern separat untersuchen und aufgefundene Bewertungsaussagen strukturiert zu Kategorien verdichten lassen.
Im empirischen Teil dieser Arbeit erfolgt dann nach einer kurzen Interpretation des Datenkorpus der Lieferando-Bewertungsdaten eine Abhandlung der aufgefundenen Arbeitsplatzeigenschaften beider Arbeitstypen. Im sechsten Kapitel folgt eine Zusammenfassung der Forschungslimitationen, die in Relation mit der Forschungsfeldanalyse, dem analysierten Datenkorpus, sowie der Ergebnisse der qualitativen Inhaltsanalyse in Kapitel sieben eine Diskussion zur Anknüpfung des Forschungsdiskurses und der Forschungsfrage ermöglicht. Zum Schluss sollen die zentralen Befunde, die Impulse zu beiden Forschungsfragen liefern konnten und weitere Anknüpfungspunkte für Forschungsprozesse in einem Fazit aufgezeigt werden, um Kununu als zukünftigen empirischen Impulsgeber der Plattformarbeitsforschung (de-)legitimieren zu können.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die digitale Plattform als empirische Grundlage
2.1 Arbeit in der Plattformökonomie: Anknüpfungspunkte der Forschungsdebatte
2.1.1 Der Uber-Zentrismus der Gigwork-Forschung
2.1.2 Die Risikoarbeit deutscher Coreworker
3. Kununus evaluative Infrastruktur für Arbeitgeberbewertungen
3.1 Walkthrough-Analyse der algorithmischen Bewertungsstruktur
3.2 Reflektion der Datenqualität nutzerbasierter, öffentlicher Jobbewertungen
4. Methodologie der Analyse
4.1 Datenerhebung und Samplegestaltung
4.2 Arbeitsschritte der qualitativen Inhaltsanalyse
4.3 Drittvariablenkontrolle
5. Lieferando als exemplarisches Fallbeispiel
5.1. Gesamteindrücke des Bewertungssamples
5.2 Bewertungsstruktur der Gigworker
5.3 Bewertungsstruktur der Coreworker
5.4 Exkurs: Weitere Anknüpfungspunkte zur digitalen Arbeitsforschung
5.5 Divergierende Bewertungspraktiken: Ein zusammenfassender Vergleich der Perspektiven
6. Forschungslimitationen und Gütekriterien
7. Potentiale für die Plattformarbeitsforschung: Zwischen Imagination und empirischer Realität
8. Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Bachelorthesis untersucht, inwiefern Online-Bewertungsdaten von der Plattform Kununu einen empirisch wertvollen Beitrag zur Forschung über Arbeit in der Plattformökonomie leisten können. Dabei wird ein explorativer Forschungsansatz gewählt, der die Potenziale öffentlicher Arbeitgeberbewertungen nutzt, um spezifische Arbeitsplatzeigenschaften der oft unterbelichteten Beschäftigungsgruppen zu analysieren.
- Analyse der Funktionsweisen und algorithmischen Strukturen von Bewertungsplattformen (Kununu).
- Untersuchung der Arbeitsbedingungen von "Gigworkern" (hier Kuriere) im Vergleich zu "Coreworkern" (Büroangestellte) am Fallbeispiel Lieferando.
- Bewertung von Potenziale und Limitationen nutzergenerierter Bewertungsdaten für die soziologische Arbeitsforschung.
- Kritische Reflexion der "Uber-Zentrismus"-Debatte durch eine empirische Fallstudie im deutschen Kontext.
Auszug aus dem Buch
2.1.1 Der Uber-Zentrismus der Gigwork-Forschung
Gerade die Fachdiskussion zur so genannten „gigwork economy“ (vgl. Schmidt, 2016) konnte in den vergangenen Jahren eine besondere Aufmerksamkeit genießen. Im Zentrum stehen ortsgebundene Dienstleistungen (Gigs) wie Personentransporte oder Kurierfahrten, die von soloselbstständigen Arbeitern mit privaten Fahrzeugen und Arbeitsmaterialien über Plattformen an Kunden vermittelt werden. Plattformorganisatoren wie Uber, Lyft oder Deliveroo lassen dabei ihre Arbeiter in einem „business-to-business“ Verhältnis in der Peripherie der Plattform anknüpfen. Dabei kommt der Plattform nach Evans und Gawner (2016) eine Typisierung als „transaction platform“ zugute, in der die primäre Wertschöpfung durch eine Verknüpfung von Angebot und Nachfrage Externer zustande kommt.
Das Angebot derartiger „platform-mediated work“ (Kirchner, Dittmar & Ziegler 2021, i.e.: 9-10) auf digitalen Marktplätzen lockt externe Gigworker meist durch eine attraktiv wirkende Arbeitsautonomie und Flexibilität, während andererseits Ansprüche auf sozialpolitische Schutzmaßnahmen wie den Mindestlohn, Urlaub, einen betriebsinternen Sozial-, Renten-, oder Unfallversicherungsschutz, sowie Optionen einer kollektiven Interessenvertretung zu schwinden drohen (vgl. Schmidt, 2016). Weitere meist negativ diskutierte Charakteristika bestehen aus dem privaten Besitz der benötigten Arbeitsmaterialien, dem Umstand, das volle Risiko der Arbeitsweise zu tragen, einen Entgeltbetrag pro absolvierter Dienstleistung statt regulärem Stundenlohn zu erhalten und zur Gewährleistung eines ausreichenden Qualitätsstandards von den Endkunden per Rankingverfahren bewertet werden zu können (ebds.).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung thematisiert den Wandel moderner Beschäftigungsverhältnisse und die Herausforderungen der empirischen Forschung durch die Intransparenz digitaler Plattformen, wobei Kununu als potenzieller Datenimpulsgeber eingeführt wird.
2. Die digitale Plattform als empirische Grundlage: Dieses Kapitel verortet das Forschungsthema in der Plattformökonomie, diskutiert den "Uber-Zentrismus" der bisherigen Forschung und erläutert die Arbeitsbedingungen von Gigworkern sowie die Rolle der "Coreworker".
3. Kununus evaluative Infrastruktur für Arbeitgeberbewertungen: Hier wird das Bewertungsinstrument Kununu analysiert, seine algorithmischen Strukturen beleuchtet und eine methodische Reflexion zur Datenqualität der nutzerbasierten Bewertungen vorgenommen.
4. Methodologie der Analyse: Das Kapitel beschreibt das Vorgehen der qualitativen Inhaltsanalyse nach Kuckartz, die Datenerhebung via Webscraping bei Lieferando und die spezifische Samplegestaltung.
5. Lieferando als exemplarisches Fallbeispiel: Der Hauptteil bietet eine detaillierte Analyse der Arbeitsplatzeigenschaften für Kuriere (Gigworker) und Büroangestellte (Coreworker) unter Anwendung der sieben induktiven Kernkategorien.
6. Forschungslimitationen und Gütekriterien: Der Autor thematisiert hier kritisch die Grenzen der Untersuchung, insbesondere in Bezug auf die Repräsentativität und die Verzerrungsrisiken durch Drittvariablen bei der Interpretation.
7. Potentiale für die Plattformarbeitsforschung: Zwischen Imagination und empirischer Realität: Dieses Kapitel diskutiert die Ergebnisse vor dem Hintergrund der Forschungsfragen und bewertet den Nutzen von Kununu-Daten für die soziologische Forschung.
8. Fazit: Das Fazit fasst die zentralen Erkenntnisse zusammen und plädiert für einen Paradigmenwechsel bei der Nutzung neuartiger Datenquellen in der Plattformarbeitsforschung.
Schlüsselwörter
Plattformökonomie, Gigwork, Coreworker, Lieferando, Kununu, Arbeitsplatzeigenschaften, qualitative Inhaltsanalyse, digitale Plattformorganisation, Bewertungsdaten, Arbeitsforschung, Plattformkapitalismus, Risikokapital, Arbeitsmarkt, Arbeitgeberbewertung, Transaktionsplattform.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie Arbeitssituationen innerhalb von Plattformunternehmen durch Online-Bewertungsdaten von der Plattform Kununu abgebildet und erforscht werden können.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die Plattformökonomie, die Untersuchung von Arbeitsplatzeigenschaften bei digitalen Diensten und die Analyse von Arbeitnehmerbewertungen als datengestützte Informationsquelle.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das primäre Ziel ist es zu analysieren, ob und wie Kununu-Daten an blinde Flecken der bisherigen Plattformarbeitsforschung anknüpfen können, um ein präziseres Bild von Arbeitsbedingungen bei Firmen wie Lieferando zu zeichnen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin wendet die qualitative Inhaltsanalyse nach Udo Kuckartz an, um Nutzerbewertungen systematisch in Kernkategorien zu verdichten und auszuwerten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil konzentriert sich auf die spezifischen Arbeitsplatzeigenschaften der Essenslieferanten (Gigworker) und der im Headquarter tätigen Angestellten (Coreworker) bei Lieferando.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem die "plattform-employed labor", "Risikoarbeit", Bewertungskulturen und die algorithmische Infrastruktur von Plattformen.
Was zeichnet die Arbeitsbedingungen der Lieferando-Gigworker laut Analyse aus?
Die Bedingungen sind geprägt durch hohe Flexibilität bei der Schichtplanung, aber auch durch eine Zersplitterung in Arbeitsgruppen, Eigenverantwortung bei der Ausstattung und eine teils dysfunktionale Kommunikation via App.
Welche Rolle spielen Coreworker in der Untersuchung?
Die Coreworker werden als hochqualifizierte Beschäftigte im Headquarter betrachtet, die zwar von einer höheren Autonomie in ihrer Arbeitsgestaltung berichten, aber auch von "Hire-and-Fire"-Politiken und oft intransparenten Beförderungsstrukturen betroffen sind.
- Citar trabajo
- Emilia Ziegler (Autor), 2022, Kununu als empirischer Impulsgeber. Eine exemplarische Untersuchung der Potenziale öffentlicher Arbeitgeberbewertungen für die Plattform-Arbeitsforschung, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1280224