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Das Archivo del Terror in der Vergangenheitsaufarbeitung in Paraguay

Título: Das Archivo del Terror in der Vergangenheitsaufarbeitung in Paraguay

Tesis Doctoral / Disertación , 2007 , 276 Páginas , Calificación: Sehr gut

Autor:in: Mag. Dr. Birgit Hittenberger (Autor)

Historia - América
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Abstract:

Paraguays Geschichte seit der Unabhängigkeit von Spanien ist gekennzeichnet durch eine Abfolge autoritärer Regime unterbrochen durch Phasen demokratischer Herrschaft, die oft mehr durch Unstabilität als durch Ordnung charakterisiert waren. Als letzter Diktator regierte der deutschstämmige Alfredo Stroessner von 1954-89 das Land, der im Kontext des Kalten Krieges eine stabile und langanhaltende Militärherrschaft errichten konnte, in der einerseits das Land einen wirtschaftlichen Aufschwung erfuhr, andererseits Gegner des Regimes brutal unterdrückt wurden.
1992, drei Jahre nach dessen Sturz fand man das Archiv der politischen Polizei Stroessners, das inzwischen als Archivo del Terror bekannt ist. Dieses Aktenmaterial, das u.a. Menschenrechtsverbrechen und die Repressionsmaschinerie des Regimes dokumentiert, brachte einen neuen Wind in die Aufarbeitungsdebatte Paraguays und löste eine heftige Diskussion über begangene Verbrechen und deren Aufklärung aus.
Der zentrale Teil dieser Arbeit widmet sich dem Archivo del Terror, indem anhand einiger exemplarischer Fälle aufgezeigt wird, aus welchem Dokumentationsmaterial das Archiv besteht und welche Schlussfolgerungen über das Regime Stroessners aus dem Inhalt der Aktenbestände gezogen werden können.
Heute öffentlich zugänglich stellt das Archiv ein Unikum in Lateinamerika dar. Es soll als eine Art Gedenkstätte fungieren und bildet einen wichtigen Aspekt des Diskurses über die Stroessner-Diktatur. Hierbei spielt es in der Auseinandersetzung der paraguayischen Bevölkerung mit der Unrechtsvergangenheit des autoritären Regimes in folgenden Bereichen eine Rolle: in der Debatte über die Menschenrechtsverbrechen der Diktatur nach dessen Entdeckung, den damals laufenden Prozessen gegen Menschenrechtsverbrecher der Diktatur, den Entschädigungszahlungen, der Gedächtnisorte und der 2003 gegründeten Wahrheitskommission.
Ausgehend vom Archivo del Terror versucht diese Arbeit zu hinterfragen und zu beantworten, wie in Paraguay mit der Stroessner-Diktatur umgegangen wird und in wie weit es als Motor der Vergangenheitsaufarbeitung fungieren konnte bzw. kann.

Extracto


Inhaltsverzeichnis

Teil I: Paraguays Geschichte seit der Unabhängigkeit (1813): eine lange Tradition von Diktaturen

1. Paraguays Weg zur Unabhängigkeit

2. Die Regierung der Diktatoren

2.1. Dr. Francia

2.2. Carlos Antonio López

2.3. Francisco Solano López

3. Der Tripel-Allianz-Krieg (1864-70) – Ende des paraguayischen Sonderweges

4. Der langsame Wiederaufstieg – Die erste Colorado-Ära (1870-1904)

5. Die liberale Ära (1904-1940)

6. Der Chaco-Krieg (1932-35)

7. Die Februarrevolution von 1936

8. Die Morínigo-Ära (1940-48)

9. Die Rückkehr der Colorados an die Macht

10. Die Diktatur Aflredo Stroessners

10.1. Der Aufstieg Alfredo Stroessners

10.2. Die Konsolidierung der Macht

10.3. Stroessners Stützen der Macht – Armee und Colorados

10.3.1. Die Armee

10.3.2. Die Partei

10.4. Die Opposition

10.5. Wirtschaftsentwicklung

10.6. Repression und Menschenrechtsverletzungen

10.7. Merkmale der Stroessner-Herrschaft

10.8. Das Ende der Herrschaft Stroessners

11. Die Demokratisierung Paraguays 1989-2005

Teil II: Geschichte und Gedächtnis

1. Gedächtniskonjunktur

2. Gedächtnistheorien – die sozialen Rahmen der Erinnerung

2.1. Das kollektive Gedächtnis

2.2. Das kommunikative und das kulturelle Gedächtnis

2.3. Erinnerungsbilder und –figuren

2.4. Der "floating gap"

2.5. Funktions- und Speichergedächtnis

3. Psychoanalytische Ansätze der Geschichtswissenschaft

4. Ziele und Strategien der "Vergangenheitsaufarbeitung"

4.1. Zur Begrifflichkeit

4.2. Ziele und Strategien der Vergangenheitsaufarbeitung

Teil III: Das Archivo del Terror

1. Die Entdeckung des Archivs

2. Die anderen Archive

3. Archivierung und Klassifizierung

4. Das Archiv in Zahlen

5. Der Inhalt des Archivs anhand einiger exemplarischer Fälle

5.1. Die Pyragüés

5.2. Die Operation Cóndor

5.2.1. Fälle der Operation Cóndor

5.2.1.1. Der Fall Agustín Goiburú Giménez

5.2.1.2. Die Überstellung von fünf ArgentinierInnen und Uruguayern

5.2.1.3. Gladys Meilinger de Sannemann

5.2.1.4. Andere Dokumente

5.3. Die Unterstützung durch die USA

5.4. Die Ligas Agrarias Cristianas

5.4.1. Der Fall Jejuí

5.4.2. Der Fall Caaguazú

5.5. Die OPM

5.5.1. Der Fall Mario Schaerer Prono

5.5.2. Widersprüchlichkeiten des Archivs

5.6. Die Ermordung Somozas in Asunción

5.7. Exkurs: Mythos Martin Bormann in Paraguay

Teil IV. Die Rolle des Archivo del Terror in der Vergangenheitsaufarbeitung

1. Die öffentlich/politische Debatte

1.1. Der mediale Diskurs

1.2. Der politische Diskurs

2. Die juristische Bedeutung des Archivs

2.1. Prozesse gegen Menschenrechtsverbrecher

3. Die Bedeutung des Archivs für die Entschädigungszahlungen

3.1. Entschädigungen – eine neue internationale Moral?

3.2. Entschädigungen in Paraguay – ein erfolgreiches Modell?

4. Das Archiv als Gedenkstätte

4.1. Andere Gedächtnisorte

4.1.1. Testimonio-Literatur

4.1.2. Año de la Memoria Histórica und Museum

4.1.3. Plätze, Straßen u.a.

4.1.4. 3. November, Fecha feliz

5. Die Comisión de Verdad y Justicia

Schlussbetrachtung: Defizitäre Vergangenheitsaufarbeitung trotz Archivo del Terror

Zielsetzung und Themen

Die vorliegende Arbeit untersucht den Umgang der paraguayischen Gesellschaft mit der fast 35-jährigen Militärdiktatur unter Alfredo Stroessner. Im Zentrum steht die Analyse des "Archivo del Terror" als zentraler Faktor der Vergangenheitsaufarbeitung, wobei die Forschungsfrage darauf abzielt, welche Rolle das Archiv in der Aufarbeitungsdebatte einnimmt und ob es effektiv zur gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Regime beitragen konnte.

  • Historische Entwicklung Paraguays seit der Unabhängigkeit
  • Theoretische Grundlagen von Geschichte und Gedächtnis
  • Analyse des "Archivo del Terror" und dessen Inhalts
  • Aufarbeitung der Diktatur in der paraguayischen Gesellschaft
  • Rolle von Wahrheitskommissionen und Entschädigungszahlungen

Auszug aus dem Buch

5.1. Die Pyragüés

Die Dokumente des Archivo del Terror geben ähnlich wie die Stasiakten interessante Einblicke, wie ein autoritäres Regime einen gut strukturierten und perfekt funktionierenden Beschattungsapparat durch Einbindung der Bevölkerung als InformantInnen und DenunziantInnen aufbauen konnte. Diese Bespitzelungsmaschinerie, wie sie in Paraguay während der Diktatur Stroessners umgesetzt wurde, ist keineswegs eine Erfindung und Besonderheit des Rubio, wie der Caudillo von seinen Landsleuten genannt wurde, und Beschattungen wurden schon in der Zeit vor Stroessner in Paraguay durchgeführt, wie das Archivo Pre-Stronista zeigt. Aber durch die Dokumente ist ersichtlich, auf welche Weise das Regime sich der Kollaboration der Bevölkerung bediente, um so kritische Personen und Gruppen besser kontrollieren und damit unterdrücken zu können.

InformantInnen, die sowohl inner- als auch außerhalb Paraguays tätig waren und die der Polizei regelmäßig von den Aktivitäten oppositioneller und verdächtiger Personen oder Organisationen berichteten, wurden Pyragüés genannt (stammt aus dem Guaraní und bedeutet wörtlich behaarter Fuß, also jemand, der leise gehen kann). Die Pyragüés waren keine professionellen GeheimspionInnen, sondern meistens DurchschnittsbürgerInnen, die sich durch den Dienst als InformantIn etwas dazuverdienten oder für ihre Informationen andere Privilegien erhielten. Die Bezeichnung Pyragüé erhielt jemand, der einen Tag lang das Haus einer beschatteten Person beobachtete oder sich in eine Organisation einschleuste und daraufhin der Polizei einen detaillierten Bericht überbrachte, von denen sich Tausende sowohl handgeschriebene als auch später maschinengeschriebene Berichte im Archivo del Terror befinden und meist mit Es mi informe unterzeichnet wurden.

Zusammenfassung der Kapitel

Teil I: Paraguays Geschichte seit der Unabhängigkeit (1813): eine lange Tradition von Diktaturen: Dieses Kapitel gibt einen historischen Überblick über Paraguay von der Unabhängigkeit bis zur Diktatur Stroessners, wobei die politische Instabilität und autoritäre Herrschaftsformen im Vordergrund stehen.

Teil II: Geschichte und Gedächtnis: Hier werden theoretische Ansätze zur Vergangenheitsaufarbeitung sowie Theorien zum kollektiven Gedächtnis erörtert, um den Kontext der Erinnerungskultur zu schaffen.

Teil III: Das Archivo del Terror: Das Kapitel widmet sich der Entdeckung, Struktur und dem Inhalt des Archivs sowie exemplarischen Fällen wie der Operation Cóndor und der Überwachung durch die sogenannten Pyragüés.

Teil IV. Die Rolle des Archivo del Terror in der Vergangenheitsaufarbeitung: Dieses Kapitel analysiert, wie das Archiv in der politischen Debatte, in juristischen Prozessen, bei Entschädigungszahlungen und durch die Wahrheitskommission in Paraguay genutzt wird.

Schlüsselwörter

Paraguay, Stroessner-Diktatur, Archivo del Terror, Vergangenheitsaufarbeitung, Gedächtnis, Menschenrechte, Operation Cóndor, Pyragüés, Militärdiktatur, Kommission für Wahrheit und Gerechtigkeit, Erinnerungskultur, Repression, Ligas Agrarias, Opposition, Demokratisierung.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit untersucht den Umgang der paraguayischen Gesellschaft mit der militärischen Vergangenheit unter Alfredo Stroessner und die zentrale Bedeutung des "Archivo del Terror" bei diesem Aufarbeitungsprozess.

Was sind die zentralen Themenfelder?

Die zentralen Felder umfassen die Geschichte Paraguays, Gedächtnistheorien, die detaillierte Analyse des gefundenen Archivs der politischen Polizei sowie die gesellschaftliche und juristische Aufarbeitung der Diktatur.

Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?

Das primäre Ziel ist zu erforschen, welche Rolle das "Archivo del Terror" in der Aufarbeitungsdebatte über die Diktatur in Paraguay einnimmt und wie es als Motor für eine kritische Auseinandersetzung fungiert.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Es handelt sich um eine interdisziplinäre Untersuchung, die Dokumente des Archivs, Zeitungsartikel, wissenschaftliche Literatur sowie eine Vielzahl qualitativer Interviews mit Zeitzeugen und Akteuren kombiniert.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Im Hauptteil liegt der Fokus auf der Diktaturgeschichte, den theoretischen Aspekten der Erinnerung, der konkreten Entdeckung des Archivs sowie der Rolle dieses Archivs bei juristischen Prozessen und der Arbeit der Wahrheitskommission.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Schlüsselwörter wie Paraguay, Archivo del Terror, Stroessner-Diktatur, Vergangenheitsaufarbeitung, Gedächtnis und Operation Cóndor beschreiben den Kern der Arbeit.

Warum ist das "Archivo del Terror" einzigartig?

Es ist das umfassendste und in dieser Form einzige Archiv eines rechten Militärregimes auf dem Kontinent, das detaillierte Beweise für Menschenrechtsverbrechen und die grenzüberschreitende Zusammenarbeit (Operation Cóndor) liefert.

Was ist die Schlussfolgerung bezüglich der Aufarbeitung?

Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass die Aufarbeitung trotz des Archivs defizitär bleibt, da die politische Elite weitgehend unangetastet blieb und das Archiv bisher nur begrenzt zur gesellschaftlichen Bewusstseinsbildung beigetragen hat.

Final del extracto de 276 páginas  - subir

Detalles

Título
Das Archivo del Terror in der Vergangenheitsaufarbeitung in Paraguay
Universidad
University of Vienna  (Geschichte)
Calificación
Sehr gut
Autor
Mag. Dr. Birgit Hittenberger (Autor)
Año de publicación
2007
Páginas
276
No. de catálogo
V128039
ISBN (Ebook)
9783640330072
ISBN (Libro)
9783640331864
Idioma
Alemán
Etiqueta
Archivo Terror Vergangenheitsaufarbeitung Paraguay Sehr
Seguridad del producto
GRIN Publishing Ltd.
Citar trabajo
Mag. Dr. Birgit Hittenberger (Autor), 2007, Das Archivo del Terror in der Vergangenheitsaufarbeitung in Paraguay, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/128039
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