Was treibt Selbstmordattentäter der Hamas zu ihren Taten? Je nach Standpunkt werden etwa westlicher (Kultur-)Imperialismus, der Islam an sich oder eine auswegslose Situation wirtschaftlichen Elends als Ursachen angesehen. Dabei wird oft vermutet, dass die Täter aus Hass auf die westliche Welt beziehungsweise in vermeintlich göttlichen Mission sich ereifernd, bar jeglicher Rationalität, handeln.
Lawrence Iannaccone untersuchte kirchliche Konfessionen und Sekten in den USA. Er untersuchte, wie radikale Kirchengemeinden und Sekten es schaffen, dem Problem der massiven Kirchenaustritte erfolgreicher zu widerstehen als moderatere Konfessionen. Dazu modellierte er Sekten als „religiöse Clubs“, die kollektive Güter, wie Gemeinschaft und Spiritualität, herstellen. Er zeigte, dass radikale Gemeinden das Problem des Trittbrettfahrens besser lösen, indem sie mögliche säkulare Alternativen zum Engagement der Mitglieder in und für die Sekte einschränken.
Aufbauend auf Iannaccones Analyse der amerikanischen Konfessionen wird in dieser Arbeit die Rekrutierung und Mitgliedschaft in der Hamas im Zeitraum bis 2005 untersucht. Ich stelle die etwas provokative These auf, dass es im Interesse der Hamasführung liegt, die Mitglieder in Elend, Verzweiflung und Ausweglosigkeit leben zu lassen. Unter diesen Bedingungen unterstützen sie am stärksten die Bewegung mit ihrer Ideologie und haben wenig Anreize zum Trittbrettfahren.
Der theoretische Unterbau des hier verfolgten Ansatzes liegt in der Clubtheorie (James Buchannan). Im ersten Teil werden die Charakteristika von kollektiven Gütern und die Clubtheorie in ihren Grundzügen vorgestellt. Weiter erkläre ich Iannaccones Ansatz bei der Untersuchung von amerikanischen Sekten mittels Anwendung der Clubtheorie. Drittens folgt ein historischer Abriss der Entwicklungsgeschichte der Hamas und ihrer Strategien. Abschließend wird das Beschriebene spieltheoretisch modelliert.
In dieser Arbeit beschränke ich mich vollständig auf die Funktions- und Arbeitsweise der Hamas. Dies ist keine politische Arbeit und soll nicht klären, inwieweit die Hamas als Terror- oder Widerstandsbewegung zu verstehen ist.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Kollektive Güter
2.1 allgemeine Charakteristika
2.2 Clubtheorie
3 Iannaccones Ansatz
3.1 Sekten und radikale Kirchen in Amerika
3.2 Grenzen der Strenge
4 Hamas
4.1 Geschichte
4.2 Hamas im Modell
4.3 Anwendung der Spieltheorie
4.4 Zusammenfassung und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Strategien und Ziele der Hamas-Bewegung unter Anwendung rational-choice-theoretischer Ansätze, insbesondere der Clubtheorie und des Konzepts von Lawrence Iannaccone, um zu erklären, wie die Organisation durch die bewusste Schaffung von Ausweglosigkeit und Armut ihr Mitglieder-Commitment sichert.
- Analyse der Hamas als Anbieter kollektiver Güter
- Anwendung von Iannaccones Theorie über radikale religiöse Gruppen
- Untersuchung der Rekrutierungsmechanismen durch Restriktionen
- Spieltheoretische Modellierung des Beitrittsverhaltens
- Bewertung der Auswirkungen von Gewalt auf die Organisation
Auszug aus dem Buch
4.2 Hamas im Modell
Iannaccones Modellierung der radikalen Kirchen und Sekten in den USA als religiöse Firma versuche ich im Folgenden etwas variiert auf die Hamas anzuwenden. Der fundamentale Unterschied zwischen Hamas und radikalen Kirchengemeinschaften zeigt sich in der radikalen Gewaltanwendung bis hin zu Opferung des eigenen Lebens für die Organisation. Iannaccone weist in Markets for Martyrs darauf hin, dass Selbstmordattentäter keineswegs krankhaft besessene, depressive oder irrationale Persönlichkeiten sind, sondern, dass ihr Handeln mit den entsprechenden Analyseeinheiten betrachtet durchaus rational zu erklären ist.
Bis zur ersten Intifada 1987 aber stellte die Hamas ausschließlich karitative und religiöse kollektive Güter zur Verfügung. Diese Güter, gesundheitliche Versorgung, Suppenküchen, Gemeinschaftsgefühl und Spiritualität, waren es, welche die Menschen in die Krankenhäuser, Schulen und Moscheen der Hamas zog. In den Einrichtungen wurde mit dem moralischen Commitment (Indoktrinierung, siehe Kanther) begonnen. Ein effektiver Weg das Trittbrettfahrer-Problem zu lösen, ist das Verbieten von äquivalenten Surrogaten der bereitgestellten Kollektivgüter, wie Iannaccone zeigt. Im Falle der Hamas sind dies eine funktionierende Infrastruktur und Gesellschaftsordnung, welche die allgemeine Krankenversorgung und Befriedigung der übrigen Lebensbedürfnisse ermöglichen, kurz eine allgemeine Verbesserung der humanitären Lage in den palästinensischen Gebieten.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung stellt die Forschungsfrage nach der Rationalität der Hamas-Bewegung vor und führt in die theoretischen Grundlagen der Clubtheorie ein.
2 Kollektive Güter: Dieses Kapitel erläutert die ökonomischen Grundlagen kollektiver Güter sowie die Clubtheorie nach James Buchanan zur Bestimmung optimaler Gruppengrößen.
3 Iannaccones Ansatz: Hier wird untersucht, wie radikale Organisationen durch hohe persönliche Kosten und Strenge das Trittbrettfahrer-Problem erfolgreich überwinden.
4 Hamas: Das Hauptkapitel analysiert die Geschichte, die theoretische Modellierung der Hamas sowie die spieltheoretische Anwendung auf ihr Handeln und fasst die Strategien zusammen.
Schlüsselwörter
Hamas, Rationalität, Clubtheorie, Iannaccone, kollektive Güter, Trittbrettfahrer-Problem, Commitment, Selbstmordattentate, Intifada, Militanz, Palästinensische Gebiete, Spieltheorie, Religiöse Firmen, Radikalisierung, Soziale Infrastruktur
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Strategien und die Organisationsweise der Hamas-Bewegung anhand rationaler ökonomischer Kriterien, anstatt sie rein ideologisch oder emotional zu betrachten.
Welche theoretischen Konzepte bilden das Fundament der Analyse?
Die Untersuchung basiert auf der Theorie kollektiver Güter, der Clubtheorie von James Buchanan sowie dem von Lawrence Iannaccone entwickelten Ansatz zur Erklärung des Erfolgs radikaler religiöser Gruppen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es zu erklären, wie die Hamas durch die bewusste Manipulation von sozialen Rahmenbedingungen und die Unterdrückung von Alternativen ihre Mitglieder bindet und so das Trittbrettfahrer-Problem löst.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Es wird eine rational-choice-theoretische Analyse angewandt, die durch historische Abrisse ergänzt und abschließend in einer spieltheoretischen Modellierung formalisiert wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil umfasst die historische Entwicklung der Hamas, die Anwendung der soziologischen Club-Modelle auf die Organisation und eine spieltheoretische Analyse der Entscheidungsmatrix ihrer Mitglieder.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Hamas, Rationalität, Trittbrettfahrer-Problem, Commitment, Clubtheorie und religiöse kollektive Güter.
Welche Rolle spielt die soziale Infrastruktur für die Hamas?
Die soziale Infrastruktur wie Krankenhäuser und Schulen dient der Hamas als Verteiler kollektiver Güter, die eine Bindung der Bevölkerung schaffen und als Rekrutierungsgrundlage für ihre Ideologie fungieren.
Warum versucht die Hamas, alternative soziale Güter zu unterbinden?
Indem die Hamas Konkurrenzangebote (z.B. Hilfsorganisationen oder die Arbeit in Israel) gezielt boykottiert, erhöht sie die Abhängigkeit der Mitglieder von den eigenen Gütern und reduziert den Anreiz für Trittbrettfahren.
Wie erklärt der Autor das Phänomen der Selbstmordattentate?
Der Autor argumentiert, dass Selbstmordattentäter nicht als irrational oder geisteskrank betrachtet werden dürfen, sondern dass ihr Handeln im Kontext der internen Organisationslogik und der Anreizstrukturen eine rationale Entscheidung darstellt.
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- Anselm Schelcher (Author), 2005, Hamas und Rationalität, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/128045