Christen zwischen Anpassung und Widerstand im NS-Regime. Christlicher Widerstand am Beispiel zweier Biographien

Studienprojekt zur Ausarbeitung einer Unterrichtsreihe und -stunde im Praxissemester


Projektarbeit, 2021

36 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Curriculare Relevanz

2. Unterrichtsreihe „Gesellschaft im Nationalsozialismus - Zwischen Anpassung und Widerstand“

3. Didaktische Analyse des Gegenstands der Stunde
3.1 Sachanalyse und fachliche Relevanz
3.2 Gesellschaftliche und geschichtskulturelle Relevanz
3.3 Lebensweltbezug und Zukunftsbedeutung für die Schüler

4. Begründung der Materialauswahl, der Methodik sowie der Arbeitsaufträge

5. Zielformulierungen (Lernziele)
5.1 Erkenntnisziel
5.2 Kompetenzziele

6. Phasenverlauf der Unterrichtsstunde „Christen zwischen Anpassung und Widerstand im NS-Regime - Erarbeitung christlichen Widerstandes am Beispiel zweier ausgewählter Biographien“

Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

Einleitung

„[D]ann müssen wir uns fragen: Was haben wir eigentlich aus der Geschichte gelernt?“1. M. Brenner zeigt in seinem Essay „Die Gefahr erkennt man immer zu spät“ vom 19.06.2020 die Wichtigkeit auf, gegen unrechtes Handeln, wie Antisemitismus und Hetze gegen Minderheiten, vorzugehen. Das Thema „Widerstand“ ist ein sehr aktuelles, weshalb im folgenden Studienprojekt zum Praxissemester die Ausarbeitung der Unterrichtsreihe „Gesellschaft im Nationalsozialismus - Zwischen Anpassung und Widerstand“ und einer exemplarischen Stunde „Christen zwischen Anpassung und Widerstand im NS- Regime - Erarbeitung christlichen Widerstandes am Beispiel zweier ausgewählter Biographien“ erfolgt. Die ausgearbeitete Unterrichtsreihe habe ich während des Praxissemesters in einem Grundkurs der Q2 mit 14 Schülerinnen und Schülern am Städt. Friedrich-Bährens-Gymnasium in Schwerte unterrichtet. Die exemplarische Unterrichtsstunde konnte nur als Unterrichtsberatung mit einem der Fachleiter:innen vom Zentrum für schulpraktische Lehrerausbildung Hagen stattfinden, da aufgrund der Coronapandemie die Schulen im Dezember geschlossen waren beziehungsweise Distanzunterricht stattfand. Die geplante Unterrichtsstunde für den Besuch habe ich in leicht abgeänderter Form online unterrichtet.

Im Rahmen dieser Arbeit soll zunächst die curriculare Relevanz der Unterrichtsreihe und -stunde bestimmt werden, woraufhin die Unterrichtsreihe vorgestellt wird. Im Anschluss daran erfolgt die didaktische Analyse des Gegenstands der einzelnen Unterrichtsstunde. Dazu erfolgt eine Sachanalyse, die fachliche Relevanz des Themas wird vorgestellt sowie die gesellschaftliche und geschichtskulturelle Relevanz erarbeitet. Außerdem wird ein Lebensweltbezug für die Schülerinnen und Schüler hergestellt sowie ein Blick auf die Zukunftsbedeutung geworfen. Nach der Begründung der Materialauswahl, der Methodik und der Arbeitsaufträge soll der Phasenverlauf der Unterrichtsstunde „Christen zwischen Anpassung und Widerstand im NS- Regime - Erarbeitung christlichen Widerstandes am Beispiel zweier ausgewählter Biographien“ gezeigt werden. Das zuvor Erarbeitete und Erläuterte wird in der Tabelle zum Phasenverlauf veranschaulicht.

Die didaktische Analyse und die Ausarbeitungen erfolgen anhand der Literatur von P. Adamski, M. Barricelli, J. Peters und D. Urbach, außerdem wird sich auf Beiträge der „Bundeszentrale für politische Bildung“, das „Themenheft für den evangelischen Religionsunterricht in der Oberstufe“, das Heft „Basiswissen und Bausteine für die Klasse 8-13“ sowie das „Lebendiges Museum Online“ bezogen.

1. Curriculare Relevanz

Das Reihenthema „Gesellschaft im Nationalsozialismus - Zwischen Anpassung und Widerstand“ ist in dem Inhaltsfeld 5 „Die Zeit des Nationalsozialismus - Voraussetzungen, Herrschaftsstrukturen, Nachwirkungen und Deutungen“2 des Kernlehrplanes für die Sekundarstufe II an Gymnasien und Gesamtschulen in Nordrhein-Westfalen aus dem Jahr 2014 einzuordnen. Das Reihenthema lehnt sich dabei an die Sachkompetenz „Die Schülerinnen und Schüler erläutern Motive und Formen der Unterstützung, der Anpassung und des Widerstandes der Bevölkerung des Nationalsozialismus an ausgewählten Beispielen“3 und die Urteilskompetenz „Die Schülerinnen und Schüler beurteilen an ausgewählten Beispielen unterschiedliche Formen des Widerstands gegen das NS-Regime“4 an. Sowohl die Sachkompetenz als auch die Urteilskompetenz spiegeln sich ebenfalls in der ausgearbeiteten Unterrichtsstunde „Christen zwischen Anpassung und Widerstand im NS-Regime - Erarbeitung christlichen Widerstandes am Beispiel zweier ausgewählter Biographien“ wider.

Durch die Machtübernahme Adolf Hitlers im Jahr 1933 hofften viele Deutsche auf ein Ende der Folgen der Weltwirtschaftskrise, sodass eine Art Zuversicht und Aufbruchstimmung herrschte. Mit der Durchdringung der Gesellschaft festigte das nationalsozialistische Regime seine Macht. Die unter den Nationalsozialisten propagierte „Volksgemeinschaft“ zeigte sich in allen Bereichen des alltäglichen Lebens, es folgten allerdings auch eine Vielzahl von Verboten und Ausgrenzungen für die Bürger. Mit der angestrebten „Gleichschaltung“ wurde sowohl das öffentliche als auch das private Leben im Deutschen Reich kontrolliert und staatliche und gesellschaftliche Institutionen wurden an die politisch-ideologischen Ziele des NS-Regimes angepasst. Mit Vereinen und Verbänden wie der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP), Kraft durch Freude (KdF), der Hitlerjugend (HJ) oder dem Reichsarbeitsdienst (RAD) konnten die Nationalsozialisten alle Bereiche des alltäglichen Lebens kontrollieren.5

2. Unterrichtsreihe „Gesellschaft im Nationalsozialismus - Zwischen Anpassung und Widerstand“

Im Folgenden soll die Reihe „Gesellschaft im Nationalsozialismus - Zwischen Anpassung und Widerstand“ in einer Übersicht vorgestellt werden. Im Anhang findet sich dazu eine vereinfachte Tabellarische Übersicht über die Unterrichtsreihe „Gesellschaft im Nationalsozialismus - Zwischen Anpassung und Widerstand“. Die Unterrichtsreihe „Gesellschaft im Nationalsozialismus - Zwischen Anpassung und Widerstand“ erstreckt sich auf sieben Unterrichtseinheiten, die in 45-minütigen beziehungsweise 90-minütigen Unterrichtsstunden unterrichtet wurden.

Die Unterrichtsreihe soll mit der ersten Einheit „Jugend im Dritten Reich - Integrationsangebot vs. hoher Anpassungsdruck?“ beginnen, da durch das Jugendthema möglichst ein Lebensweltbezug für die Schülerinnen und Schüler hergestellt werden soll. Die Jugend und deren Erziehung spielte zur Zeit des Nationalsozialismus eine tragende Rolle, da Kindern und Jugendlichen im frühen Alter bereits die Ideologien des Nationalsozialismus eingeprägt werden sollten.6 Der Unterrichtseinstieg erfolgt durch das Lied „Unsre Fahne flattert uns voran“ der Hitlerjugend, das sowohl als Audiodatei vorgespielt als auch auf einem Arbeitsblatt als Liedtext für die Schülerinnen und Schüler zum Mitlesen bereitgestellt wird. In der Unterrichtsstunde werden außerdem Zeitzeugenberichte aus der Hitlerjugend erarbeitet, zwei Werbeplakate der HJ analysiert und Hitlers Erziehungsziele ausgearbeitet. Die Schülerinnen und Schüler sollen in einer Concept Map gegenüberstellen, ob das NS-Regime für die Jugend ein Integrationsangebot darstellte oder ein hoher Anpassungsdruck herrschte. Am Ende der Unterrichtsstunde können die Schülerinnen und Schüler begründet Stellung nehmen, ob eine Organisation wie die Hitlerjugend heute noch möglich wäre. Durch die begründete Stellungnahme wird ein Gegenwartsbezug hergestellt und die Schülerinnen und Schüler reflektieren sowohl das damalige Geschehen als auch das Erarbeitete mit Blick auf die aktuelle Gesellschaft.

In der zweiten Unterrichtseinheit mit dem Thema und der Leitfrage „Jugendopposition im Dritten Reich - Anspruch und Wirklichkeit der Volksgemeinschaft?“ wird der Gegenpart zur ersten Unterrichtseinheit geschaffen. Im Zuge der Machtübernahme der Nationalsozialisten und der Gleichschaltung waren die Hitlerjugend und der Bund Deutscher Mädel (BDM) die einzigen Jugendorganisationen in Deutschland, die vom NS-Regime erlaubt waren - dies akzeptierten nicht alle deutschen Bürger, weshalb sich viele Jugendoppositionen aus verschiedenen Motiven heraus gründeten.7 Mit den Jugendoppositionsgruppen aus der Swingmusik und den Leipziger Meuten sowie dem Fall „Walter Klingenbeck und seine Freunde“ können die Schülerinnen und Schüler am Ende der Unterrichtsstunde die Jugendoppositionsgruppen von der NS-Ideologie, die beispielsweise in der HJ oder dem BDM geschaffen wurde, abgrenzen. Außerdem können die Schülerinnen und Schüler den Anspruch und die Wirklichkeit der Volksgemeinschaft anhand ihrer Erarbeitungen beurteilen.

In der dritten Unterrichtseinheit wird das Attentat vom 20. Juli 1944 mit dem Thema und der Leitfrage der Stunde „Der Weg in den Widerstand. Claus Schenk Graf von Stauffenberg und das Attentat vom 20. Juli 1944 - Ein Heiliger unterm Hakenkreuz?“ erarbeitet. Claus Schenk Graf von Stauffenberg war ein begabter Offizier, der zu Beginn der Machtübernahme Hitlers dem NS-Regime gegenüber positiv gestimmt war. Nach seinen Kriegseinsätzen 1942 änderte sich jedoch seine Meinung und er lehnte das NS-Regime ab, weshalb für ihn „ein Umsturzversuch und ein Attentat auf Hitler zwingend notwendig waren“8. Seine persönliche Ausstrahlung und fachliche Kompetenz einte viele Regimegegner, die alles für die „Operation Walküre“ vorbereiteten. Das Attentat auf Hitler scheiterte und im Nachgang wurden etwa 150 Menschen durch die nationalsozialistische Verfolgung im Zusammenhang mit dem Umsturzversuch getötet.9 Den Schülerinnen und Schülern liegen zur Erarbeitung die politischen Pläne Stauffenbergs und die Rundfunkansprache Hitlers nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 sowohl als Audiodatei als auch in Textform vor. Am Ende der Unterrichtsstunde können die Schülerinnen und Schüler beurteilen, ob Stauffenberg und die Verschwörer vom 20. Juli 1944 als Helden des Widerstands gegen Hitler bezeichnet werden können.

In Unterrichtseinheit vier erarbeiten die Schülerinnen und Schüler die Typologie der Widerstandsformen nach dem Historiker Detlev Peukert aus dem Jahr 1982. Zur Erarbeitung erhalten die Schülerinnen und Schüler ein Arbeitsblatt mit den Definitionen der Widerstandsformen, woraufhin sie die bereits besprochenen Oppositions- beziehungsweise Widerstandsgruppen dieser Typologie begründet zuordnen können. Am Ende der Unterrichtsstunde sollen die Schülerinnen und Schüler begründet Stellung zu dem Zitat „Widerstand ist nicht, Widerstand wird!“ von Joachim Gauck nehmen. Dies erfolgt auf Grundlage der erarbeiteten Ergebnisse zur Typologie der Widerstandsformen.

In Unterrichtseinheit fünf beschäftigen sich die Schülerinnen und Schüler mit der Gruppe der Deutschen Christen (DC) und der Frage, ob die evangelische Kirche zur Zeit des Nationalsozialismus in Gefahr war . Anhand eines Plakates aus dem Jahr 1932 zum Aufruf einer Versammlung mit dem Titel „Die evangelische Kirche in Gefahr!“ erarbeiten die Schülerinnen und Schüler die Vorhaben und Ziele der DC. Im Anschluss diskutieren die Schülerinnen und Schüler das Thema der Versammlung der DC aus dem Jahr 1932. Diese Unterrichtsstunde dient als Vorbereitung auf die folgende Unterrichtseinheit, da sie sich mit dem Part der christlichen Anpassung im NS-Regime beschäftigt.

Unterrichtseinheit sechs stellte in der Unterrichtsreihe den geplanten Unterrichtsbesuch dar, der aufgrund der Coronapandemie als Unterrichtsberatung stattfand. Da mit dieser Unterrichtseinheit mit dem Thema „Christen zwischen Anpassung und Widerstand im NS-Regime - Erarbeitung christlichen Widerstandes am Beispiel zweier ausgewählter Biographien“ im Verlauf dieser Arbeit eine detaillierte Auseinandersetzung erfolgt, soll an dieser Stelle darauf verzichtet werden.

Um die Reihe „Gesellschaft im Nationalsozialismus - Zwischen Anpassung und Widerstand“ abzuschließen, wurde als letzte Unterrichtseinheit die Gruppe der Frauen im Nationalsozialismus betrachtet. Frauen bekamen im Nationalsozialismus die Rolle der Mutter und „Erhalterin des Volkes“10 zugeschrieben. Dieses Thema betrachten die Schülerinnen und Schüler wieder unter dem Aspekt von Anspruch und Wirklichkeit der Nationalsozialisten. Mit einem Video auf YouTube von „MrWissen2go Geschichte“ können die Schülerinnen und Schüler die Leitfragen „Wie emanzipiert durften Frauen sein? Welche Bedeutung hatten sie für das Regime?“ beantworten und zum Ende der Unterrichtsstunde begründet Stellung nehmen, welche Rolle die Frauen im Nationalsozialismus hatten und wie der Anspruch an sie und die Wirklichkeit aussahen.

3. Didaktische Analyse des Gegenstands der Stunde

3.1 Sachanalyse und fachliche Relevanz

Im Folgenden soll der Gegenstand der Unterrichtsstunde, der christliche Widerstand zur Zeit des NS-Regimes, aus Unterrichtseinheit sechs der zuvor vorgestellten Unterrichtsreihe, aufgearbeitet werden, um ein Thema und eine historische Fragestellung zu entwickeln. Dafür soll eine didaktische Analyse umgesetzt werden, die sich an den Grundfragen und an der Verlaufsskizze von P. Adamski orientiert.11

Aufgrund des handlungsorientierten und umfassenden Verständnisses des Widerstands wird der historischen Forschung ein Aufzeigen der Existenz von Handlungsspielräumen und deren Nutzung während der NS-Diktatur möglich.12 Nachdem sich die Schülerinnen und Schüler in den vorangegangenen Unterrichtsstunden bereits mit der Typologie der Widerstandsformen von Detlev Peukert auseinandergesetzt und eine Definition von „Widerstand“ Peukerts erarbeitet haben, setzen sich die Schülerinnen und Schüler in der hier analysierten Unterrichtsstunde mit christlichem Widerstand im Nationalsozialismus auseinander. Peukert unterscheidet in seiner Typologie der Widerstandsformen vier beziehungsweise fünf Formen: (Konformität), Nonkonformität, Verweigerung, Protest und Widerstand. Einzelne Normverletzungen im privaten Bereich, die nicht das ganze System in Frage stellten, werden dabei der Nonkonformität zugeordnet. Bewusste Widersetzungen gegenüber den Behörden, wie die eigenen Kinder nicht zur HJ oder zum BDM zu schicken, sind der Verweigerung zuzuordnen. Der nächsten Stufe, dem Protest, sind Ablehnungen des Regimes zuzuordnen. Hier sind beispielsweise einzelne Kampagnen, wie die der Kirchen gegen die Euthanasie, zu lokalisieren. Die letzte Stufe der Widerstandsformen ist der Widerstand selbst. Ihm ist alles abweichende Verhalten zuzuordnen, welches das NS- Regime als Ganzes ablehnte und alle Maßnahmen, die zur Vorbereitung eines Sturzes des NS-Regimes beinhalteten.13 Hier werden die vielfältigen Formen und Arten des Widerstandes, der sich gegen den Nationalsozialismus richtete, deutlich.

Die historische und mediale Aufarbeitung von Widerstand im Nationalsozialismus erfolgte ab dem Jahr 1946: Erste Bücher erschienen dazu in der Schweiz, in den 1950er-Jahren begann die Aufarbeitung von biographischen Studien und Lebensgeschichten. Das Attentat vom 20. Juli 1944 wurde in den 1960er-Jahren aufgearbeitet, worauf in den 1970er-Jahren der Arbeiterwiderstand folgte. Andere Widerstandsformen, wie die Hilfe für Verfolgte oder die Rote Kapelle, wurden erst später aufgearbeitet. Die Aufarbeitung zeigt heute, dass es keinen einheitlichen Widerstand oder eine einheitliche Widerstandsgruppe gab, denn dem Nationalsozialismus standen immer nur kleinere Minderheiten gegenüber. Die Beschäftigung mit diesen Minderheiten und die Aufarbeitung ihrer Taten ist für die Gegenwart sehr wichtig, da hier nach Handlungsspielräumen und -möglichkeiten eines Einzelnen in der demokratischen Gesellschaft heute gefragt werden kann.14

3.2 Gesellschaftliche und geschichtskulturelle Relevanz

Für die Themenkonstruktion im Geschichtsunterricht ist die gesellschaftliche und geschichtskulturelle Relevanz von großer Bedeutung. Hier werden sowohl Gegenwartsprobleme als auch die Zukunftsbedeutung betrachtet. Außerdem wird die Präsenz des fachwissenschaftlichen Themas in der Geschichtskultur wird behandelt.15 An J. Peters anlehnend ist eine Auseinandersetzung mit Geschichte besonders dann fruchtbar, wenn sie einen Gegenwartsbezug hat und eine Zukunftsorientierung gibt. An dieser Stelle gilt es, zu fragen, welche Bedeutung das Thema in der Geschichtskultur und im kollektiven Gedächtnis hat, ob es Gegenstand aktueller Diskussionen ist und mit welchen Schlüsselproblemen sich der Gegenstand in Verbindung bringen lässt.16 Auch im Kernlehrplan der Sekundarstufe II für Gymnasien und Gesamtschulen in Nordrhein-Westfalen ist dies festgehalten: „Von dauerhaftem Gegenwartsbezug bleibt die Frage nach der heutigen Verantwortung beim Umgang mit der NS- Vergangenheit.“17 M. Brenner folgend kommt den Deutschen eine „besondere historische Verantwortung“18 zu, wenn es darum geht, dass der Antisemitismus wieder auflebt. Die Vergangenheit soll nicht nur in Erinnerung gehalten werden, sondern Hass und Hetze gegen Minderheiten unterdrückt werden. Brenner spricht hier von einem Keim, der „hässliche Knospen, braune Knospen“19 getrieben hat. Auf Schulhöfen und in Fußballstadien wird der Begriff „Du Jude“ als Schimpfwort genutzt, die Alternative für Deutschland (AfD) erlangt viele Wählerstimmen in Deutschland, es finden Anschläge auf Synagogen statt. Zurecht fragt Brenner an dieser Stelle in seinem Essay im Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ), was wir aus der Vergangenheit gelernt haben.20 Rechtsextremismus und Antisemitismus haben ein neues Aufleben in Deutschland bekommen, die Themen haben eine hohe Relevanz in der Gesellschaft. Gegen Rechtsextremismus, Antisemitismus und Hetze gegen Minderheiten muss Widerstand in jeglichen Formen geleistet werden. Den Schülerinnen und Schülern kann im Geschichtsunterricht mit der Reihe „Gesellschaft im Nationalsozialismus - Zwischen Anpassung und Widerstand“ eine Auswahl von Widerstandsformen gezeigt werden.

Widerstand im Nationalsozialismus war vielfältig und wandlungsfähig. Er kann als „Oberbegriff für alle Formen aktiven Handelns gegen die nationalsozialistische Ideologie und Herrschaftspraxis verstanden werden“21, was sich auch in der Typologie der Widerstandsformen nach Peukert zeigt. In der ausgearbeiteten Unterrichtsstunde sollen die Schülerinnen und Schüler anhand der Biographien Martin Niemöllers und Dietrich Bonhoeffers den christlichen Widerstand während des Nationalsozialismus erarbeiten, wobei anhand der Gegenüberstellung der zwei Biographien die Vielfältigkeit des Widerstands ebenfalls sichtbar wird.

Heute wird der Begriff des Widerstands von in Deutschland „vor allem durch die Erfahrungen der NS-Zeit bestimmt“22. Obwohl die Zeit des Nationalsozialismus knapp 80 Jahre her ist, ist der Begriff Widerstand noch immer nationalsozialistisch geprägt. In diesem Verständnis wird jedes sowohl aktive als auch passive Verhalten, das sich gegen das NS-Regime richtete und mit „hohen persönlichen Risiken verbunden war“23, gesehen. Nach der Zeit des Nationalsozialismus war der Begriff des Widerstands ein umstrittener und es wird deutlich, dass eine genaue Zuordnung der einzelnen Widerstandsformen und -aktionen schwierig ist. Im Widerstand und Protest der Bürger zeigt sich ebenfalls der „Zerfall einer Gesellschaft, die mit dem militärischen Zusammenbruch zugleich auf ihre gesellschaftliche Katastrophe zutrieb“24. Im christlichen Glauben musste sich ein Widerstand zeigen, da die Gegensätze gegenüber den NS-Ideologien zu groß waren. Glaubenstreue Christen konnten ihre Grundsätze der Religions- und Bekenntnisfreiheit nicht mehr ausleben, da die NS-Führung mit der Gleichschaltung in die Strukturen der kirchlichen Institutionen eingriff. Im Christentum seitens der Protestanten fand aufgrund der innerkirchlichen Auseinandersetzung eine Teilung statt, woraus sich die Gruppen der Deutschen Christen (DC) und der Bekennenden Kirche ergaben. Die Gruppe der DC verfolgte die nationalsozialistischen Pläne, während die Mitglieder der Bekennenden Kirche sich gegen die kirchenpolitischen Übergriffe der sogenannten DC stellten . Die Mitgliederzahl war mit wenigen Hundert relativ gering, sodass die Bekennende Kirche eine eher kleine Widerstandsgruppe war. Dietrich Bonhoeffer wurde als Leiter der Gruppe zu einem der wichtigsten Theologen im 20. Jahrhundert.25 Auch Martin Niemöller lehnte sich mit dem Pfarrernotbund gegen die Übernahme des NS-Regimes und den Deutschen Christen auf, indem er für die Unabhängigkeit der Kirche vom NS-Regime predigte.26 Christen leisteten Widerstand gegen den Nationalsozialismus, indem sie Verfolgte unterstützen oder der Gruppe der DC aktiv entgegentraten. Die Mitgliederzahl der Widerständler war nicht groß, jedoch war sie zum Teil sehr wirksam. Außerdem protestierten sie gegen Verbrechen hinter der Front und gegen die menschenunwürdigen Handlungen gegen Juden und anderen Gefangenen in den Konzentrations- und Arbeiterlagern.27 Der christliche Widerstand zeigte sich also im Schutz für die Gesellschaft und die Menschenrechte. Die NS-Ideologie ließ sich für die Widerstandsgruppen der Christen nicht mit ihren Grundsätzen vereinbaren, sodass sie ihrem Glauben treu blieben und sich gegen den Nationalsozialismus stellten.

[...]


1 Brenner, Michael: Die Gefahr erkennt man immer zu spät (Essay), in: APuZ (26/27), 2020, S. 4-7. (Online aufgerufen am 16.04.2021: https://www.bpb.de/apuz/311615/die-gefahr-erkennt- man-immer-zu-spaet).

2 KLP Sek II, S. 30.

3 KLP Sek II, S. 31.

4 KLP Sek II, S. 31.

5 https://www.dhm.de/lemo/kapitel/ns-regime/alltagsleben.html (Zuletzt online aufgerufen am 28.04.2021).

6 https://www.dhm.de/lemo/kapitel/ns-regime/alltagsleben.html (Zuletzt online aufgerufen am 28.04.2021).

7 Tuchel, Johannes; Albert, Julia: Widerstand als Reaktion auf Krieg und NS-Gewaltverbrechen, in: Widerstand gegen den Nationalsozialismus, Bundeszentrale für politische Bildung/bpb Nr. 330/2016, S. 46. Im Folgenden als „Tuchel, Albert: Widerstand als Reaktion“ zitiert.

8 Tuchel, Albert: Widerstand als Reaktion, S. 59.

9 Tuchel, Albert: Widerstand als Reaktion, S. 60f.

10 https://www.dhm.de/lemo/kapitel/ns-regime/alltagsleben.html (Zuletzt online aufgerufen am 28.04.2021).

11 Vgl. Adamski, Peter: Die didaktische Analyse, in: Michele Baricelli, Martin Lücke (Hgg.): Handbuch Praxis des Geschichtsunterrichts Bd. 2, Schwalbach am Taunus 2012, S. 229f. Im Folgenden als „Adamski: Die didaktische Analyse“ zitiert.

12 Tuchel, Johannes; Albert, Julia: Widerstand gegen den Nationalsozialismus - eine Einführung, in: Widerstand gegen den Nationalsozialismus, Bundeszentrale für politische Bildung/bpb Nr. 330/2016, S. 4. Im Folgenden als „Tuchel, Albert: Widerstand“ zitiert.

13 Peukert, Detlev: Volksgenossen und Gemeinschaftsfremde. Anpassung, Ausmerze und Aufbegehren unter dem Nationalsozialismus. Köln 1982, S. 96ff. Im Folgenden als „Peukert: Volksgenossen und Gemeinschaftsfremde“ zitiert.

14 Tuchel, Johannes; Albert, Julia: Die Wahrnehmung des Widerstands nach 1945, in: Widerstand gegen den Nationalsozialismus, Bundeszentrale für politische Bildung/bpb Nr. 330/2016, S. 79. Im Folgenden als „Tuchel, Albert: Wahrnehmung“ zitiert.

15 Urbach, Dirk: Die didaktische Analyse. Themenbestimmung /-konstruktion zur Unterrichtsplanung. Geschichtsdidaktisches Relevanzmodell zur Herausarbeitung didaktischer Potentiale. Aufgerufen im Moodlekurs „Einführungsseminar Fachdidaktik: Grundlagen historischen Lernens am Beispiel der deutschen Nachkriegsgeschichte 1945-1949 (WiSe 19/20). Im Folgenden als „Urbach: Relevanzmodell“ zitiert.

16 Peters, Jelko: Geschichtsstunden planen, in: Bärbel Kuhn, Jelko Peters (Hgg.): Historica et Didactica Bd. 1, St. Ingebert 2014, S. 70. Im Folgenden als „Peters: Geschichtsstunde planen“ zitiert.

17 KLP Sek II, S. 19.

18 Brenner, Michael: Die Gefahr erkennt man immer zu spät (Essay), in: APuZ (26/27), 2020, S. 4-7. (Online aufgerufen am 16.04.2021: https://www.bpb.de/apuz/311615/die-gefahr-erkennt- man-immer-zu-spaet).

19 Brenner, Michael: Die Gefahr erkennt man immer zu spät (Essay), in: APuZ (26/27), 2020, S. 4-7. (Online aufgerufen am 16.04.2021: https://www.bpb.de/apuz/311615/die-gefahr- erkennt-man-immer-zu-spaet).

20 Brenner, Michael: Die Gefahr erkennt man immer zu spät (Essay), in: APuZ (26/27), 2020, S. 4-7. (Online aufgerufen am 16.04.2021: https://www.bpb.de/apuz/311615/die-gefahr- erkennt-man-immer-zu-spaet).

21 Tuchel, Albert: Widerstand, S. 4.

22 Steinbach, Peter; Tuchel, Johannes: Art. Widerstandsbegriff, in: Dies. (Hg.): Lexikon des Widerstandes 1933-1945, München 1998, S. 241. Im Folgenden als „Steinbach, Tuchel: Widerstandsbegriff“ zitiert.

23 Steinbach, Tuchel: Widerstandsbegriff, S. 241.

24 Tuchel, Albert: Widerstand, S. 6.

25 Tuchel, Johannes; Albert, Julia: Widerstand als Reaktion auf NS-Machtübernahme und NS- Herrschaftspraxis, in: Widerstand gegen den Nationalsozialismus, Bundeszentrale für politische Bildung/bpb Nr. 330/2016, S. 14. Im Folgenden als „Tuchel, Albert: Widerstand als Reaktion“ zitiert.

26 Tuchel, Albert: Widerstand als Reaktion, S. 17.

27 Tuchel, Albert: Widerstand als Reaktion, S. 32

Ende der Leseprobe aus 36 Seiten

Details

Titel
Christen zwischen Anpassung und Widerstand im NS-Regime. Christlicher Widerstand am Beispiel zweier Biographien
Untertitel
Studienprojekt zur Ausarbeitung einer Unterrichtsreihe und -stunde im Praxissemester
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Historisches Institut)
Veranstaltung
Begleitseminar Praxissemester
Note
1,3
Autor
Jahr
2021
Seiten
36
Katalognummer
V1280806
ISBN (Buch)
9783346737397
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Studienprojekt, Praxissemester, Unterrichtsreihe, Unterrichtsstunde, Schule, Gesellschaft, Nationalsozialismus, Anpassung, Widerstand, Christen, NS-Regime, NS, Regime, Biographie, Didaktik, Sachanalyse, Relevanz, Geschichte, Geschichtskultur, Lebensweltbezug, Zukunftsbedeutung, Material, Methode, Lernziel, Phasenverlauf
Arbeit zitieren
Marén Harde (Autor:in), 2021, Christen zwischen Anpassung und Widerstand im NS-Regime. Christlicher Widerstand am Beispiel zweier Biographien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1280806

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Christen zwischen Anpassung und Widerstand im NS-Regime. Christlicher Widerstand am Beispiel zweier Biographien



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden