„Religion“, so erklärt der Neurophysiologe D. B. Linke, ist „der Versuch, den Menschen in einer risikoreichen evolutionären Situation ein Weg zu sein.“ In welcher Weise ist die evolutionäre Situation des Menschen riskant? und welche Aufgabe kommt vor diesem Hintergrund religiösen Vorstellungen zu? Das sind zwei wichtige Fragen, die in der Arbeit verhandelt werden. Entlang von hirnphysiologischen Erkundungen und existentiellen Explikationen zur spezifisch menschlichen Situation, die eine der Krise bedeutet, verortet der Autor die Wurzeln der Religion in der geistigen Entwurzelung, welche in einem evolutionären Ur-Sprung gründet.
Inhaltsverzeichnis
I. Der Begriff Religion
II. Der Mensch im Spannungsfeld von Biologie, Psychologie und Soziologie
III. Die Ungeborgenheit des menschlichen Daseins im Geist oder: Konsequenzen der Evolution
IV. Zur Aufgabe der Religion (1. Teil)
V. Zur Aufgabe der Religion (2. Teil)
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die evolutionären Ursprünge der Religion vor dem Hintergrund der menschlichen Existenz. Dabei wird der Frage nachgegangen, inwieweit Religion als Antwort auf die durch das menschliche Bewusstsein entstandene existenzielle Ungeborgenheit und Angst verstanden werden kann, die sich aus der evolutionären Entwicklung des Menschen ergeben hat.
- Evolutionäre Grundlagen menschlichen Verhaltens und Bewusstseins
- Die Entstehung der menschlichen „Schutzlosigkeit“ durch den evolutionären Prozess
- Die Rolle der Religion als Sicherungssystem und Kompensation existenzieller Angst
- Der Mensch im Spannungsfeld zwischen Biologie, Psychologie und Kultur
- Das Verhältnis von naturwissenschaftlicher Erkenntnis und religiöser Sinnstiftung
Auszug aus dem Buch
III. Die Ungeborgenheit des menschlichen Daseins im Geist oder: Konsequenzen der Evolution
Da sein Verhalten nicht mehr ausschließlich auf genetischer Information beruht, ist der Mensch in gewisser Weise über seine biologische Einbettung hinaus. Die Erbkoordinationen sind in den Hintergrund getreten und wirken nicht mehr als determinierende Kraft auf ihn ein. Entbunden von den natürlichen Einpassungen ist der Mensch darauf verwiesen sich selbst, innerhalb bestimmter Grenzen der Formbarkeit stammesgeschichtlicher Dispositionen, zu konstruieren. Er ist in-der-Welt und im Unterschied zum Tier, weiß er darum. Ihm obliegt es, nicht schützend umfasst von der Natur, wohl aber auf dem Boden der Natur, notorisch schwankend und instabil, sich kulturell ein-zu-bilden und einzurichten.
Sein Handeln geschieht vornehmlich nicht mehr in instinktiver Fassung, sondern in der Weise, wie er sich selber und die Welt, in der er lebt, im kulturellen Einvernehmen auslegt. Der natürliche Ort des Menschen in der Welt ist nicht die Natur, als vielmehr die Kultur. Der Mensch, so ließe sich auch sagen, ist wesentlich ‚Geist’. Er befindet sich in Fassungs-losigkeit, in Ent-Setzung. Nicht Determination, sondern (relative) Freiheit ist des Menschen los, die ihn zur Frage, wie zu sein er sich vorstellen möchte, je nach dem, nötigt, oder ihm diese ermöglicht.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Der Begriff Religion: Dieses Kapitel erläutert die Schwierigkeit, eine allgemeingültige Definition für den Begriff „Religion“ zu finden, und plädiert für eine Betrachtung im Plural, die die kulturelle Vielfalt und den sozio-kulturellen Rahmen berücksichtigt.
II. Der Mensch im Spannungsfeld von Biologie, Psychologie und Soziologie: Hier wird die Notwendigkeit aufgezeigt, die evolutive Geschichte des Menschen in die Analyse einzubeziehen, um religiöse Phänomene als Ausdruck tiefer liegender biologischer und psychischer Dispositionen zu verstehen.
III. Die Ungeborgenheit des menschlichen Daseins im Geist oder: Konsequenzen der Evolution: Der Autor beschreibt, wie die Entwicklung des menschlichen Geistes zur Entfremdung von der Natur führt und den Menschen mit der existenziellen Frage nach dem Sinn seines Daseins konfrontiert.
IV. Zur Aufgabe der Religion (1. Teil): Dieses Kapitel analysiert die fragile Lage des Menschen innerhalb der Natur und beschreibt Religion als Versuch, die durch Bewusstsein und Freiheit entstandene existenzielle Angst zu bewältigen.
V. Zur Aufgabe der Religion (2. Teil): Im abschließenden Hauptteil wird Religion als „Selbststeuerungsverfahren“ interpretiert, das dem Menschen ermöglicht, den Spalt zwischen seiner Sehnsucht nach Sinn und der faktischen Sinnlosigkeit der Naturprozesse zu überbrücken.
Schlüsselwörter
Evolution, Religion, Religiosität, Hominisation, Bewusstsein, Daseinsangst, Existenzialien, Naturgeschichte, Kultur, Symbolisierung, Kontingenz, Sinnsuche, Anthropologie, Psychologie, Verhaltensforschung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit den evolutionären Wurzeln der Religion und der Frage, wie religiöse Vorstellungen aus der biologischen und geistigen Entwicklung des Menschen hervorgehen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die menschliche Evolution, die psychologische Beschaffenheit des Bewusstseins, das Phänomen der Angst sowie die Rolle der Kultur und Religion als Sinnstiftungssysteme.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, Religion nicht bloß als theologisches Konstrukt, sondern als notwendige Antwort des menschlichen Geistes auf die existenzielle Unsicherheit und die „Schutzlosigkeit“ zu deuten, die durch den evolutionären Prozess entstanden sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor stützt sich auf eine interdisziplinäre Herangehensweise, die Erkenntnisse der Humanethologie, der Evolutionsbiologie, der Psychologie und der Philosophie (insbesondere Existenzphilosophie) verbindet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil behandelt die Ablösung des Menschen von der instinktiven Naturgebundenheit, die daraus resultierende existenzielle Geworfenheit und wie Religion als Mechanismus zur Wiederherstellung von psychischer Stabilität und Sinn fungiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Evolution, Daseinsangst, Hominisation, Sinnsuche und Kontingenz.
Was bedeutet in diesem Kontext die „depressive Positionalität“?
Dieser Begriff beschreibt die für den Menschen typische Erkenntnis der eigenen Endlichkeit, der unausweichlichen Konfrontation mit dem Tod und der damit einhergehenden existenziellen Einsamkeit.
Wie bewertet der Autor das Verhältnis von Naturwissenschaft und Religion?
Der Autor vertritt die Ansicht, dass Naturwissenschaften zwar das „Wie“ der Entwicklung aufklären können, aber an der „Tatsache der Welt“ und der Frage nach dem individuellen Sinn scheitern, weshalb Religion trotz naturwissenschaftlicher Fortschritte für den Menschen relevant bleibt.
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- Magister Artium (M.A.) Tobias Fiege (Author), 2006, Zu den (evolutionären) Wurzeln der Religion, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/128192