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Freiwilligkeit und Unfreiwilligkeit in der Nikomachischen Ethik des Aristoteles

Title: Freiwilligkeit und Unfreiwilligkeit in der Nikomachischen Ethik des Aristoteles

Term Paper (Advanced seminar) , 2008 , 23 Pages , Grade: 1,0

Autor:in: Thomas Neumann (Author)

Philosophy - Philosophy of the Ancient World
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Die Frage nach der Freiheit des menschlichen Willens gehört sicher zu den größten Problemen der Philosophie überhaupt. Die Beantwortung dieser Frage ist nicht nur zentral für das Verständnis des Menschen von sich selbst, sondern auch Grundlage einer jeden Ethik. Auch in der Nikomachischen Ethik des Aristoteles spielt daher das Problem der Freiwilligkeit eine wichtige Rolle. Allerdings muss man hier eine Einschränkung hinzufügen. Die Freiwilligkeit, von der Aristoteles spricht, lässt sich nämlich nicht ohne weiteres gleichsetzen mit dem modernen Begriff der Willensfreiheit. Nach Ansicht vieler Forscher besaß Aristoteles entweder überhaupt keinen Begriff des Willens oder zumindest keinen solchen, wie er in den modernen europäischen Sprachen als vom Intellekt isoliertes Phänomen vorkomme.

Der vorliegenden Arbeit soll es jedoch nicht um die Frage nach der Willensfreiheit bei Aristoteles gehen, sondern sie will vielmehr klären, was Aristoteles unter Freiwilligkeit und Unfreiwilligkeit in III 1–7 der Nikomachischen Ethik versteht. Die Kapitel über Freiwilligkeit stehen im Kontext einer Abhandlung über die Formen der ethischen Tüchtigkeit (II-V). Die Frage nach der Freiwilligkeit ist dabei für Aristoteles eng mit der Frage moralischer Verantwortung verknüpft. Da es “Lob und Tadel nur bei dem gibt, was freiwillig geschieht, während das Unfreiwillige Nachsicht und manchmal auch Mitgefühl findet” (54, 1109b 30-1110a 14), ist eine Unterscheidung von Freiwilligkeit und Unfreiwilligkeit erforderlich.

Der erste Teil der Arbeit widmet sich der Abgrenzung von Freiwilligkeit und Unfreiwilligkeit. Da diese Unterscheidung im Rahmen der aristotelischen Lehre moralischer Verantwortlichkeit von zentraler Wichtigkeit ist, wird ihr auch in der Darstellung größerer Umfang eingeräumt. Die Bestimmung der Freiwilligkeit erfolgt dabei über den Umweg einer Bestimmung der Unfreiwilligkeit. Der zweite Teil behandelt die Entscheidung als das spezifische Menschliche der Freiwilligkeit. Hier wird die Abgrenzung zu anderen Phänomenen im Mittelpunkt stehen. Im Dritten Teil schließlich werden Fragen der Zurechnung behandelt. Besonders die These von der Freiwilligkeit des Charakters wird kritisch untersucht, um aufzuzeigen, dass die aristotelische Theorie der Freiwilligkeit letztlich aporetischen Charakter hat.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Freiwilligkeit und Unfreiwilligkeit

1. Definition der Unfreiwilligkeit

2. Das Kriterium des Zwangs

2.1. Handlungen mit Mischcharakter

2.2. Unzulässige Gründe für Zwang

3. Das Kriterium der Unwissenheit

3.1. Nichtfreiwilliges und Unfreiwilliges

3.2. Handeln aus Unwissenheit und Handeln im Nichtwissen

3.3. Arten der Unwissenheit

4. Definition der Freiwilligkeit

III. Entscheidung

1. Verhältnis von Entscheidung und Freiwilligkeit

2. Abgrenzung der Entscheidung zu alternativen Definitionsvorschlägen

2.1. Begehren und Aufwallung

2.2. Wünschen

2.3. Meinung

3. Erste Definition der Entscheidung

4. Überlegung

4.1. Gegenstandsbereich der Überlegung

4.2. Methode der Überlegung

5. Zweite Definition der Entscheidung

6. Wünschen

IV. Fragen der Zurechnung

1. Freiwilligkeit und Rechtsprechung

2. Eigenverantwortlichkeit des Charakters

3. Probleme der Eigenverantwortlichkeit

V. Zusammenfassung

Zielsetzung und Themen

Die vorliegende Arbeit untersucht die aristotelische Konzeption von Freiwilligkeit und Unfreiwilligkeit in der Nikomachischen Ethik (III 1–7) mit dem Ziel, die philosophische Struktur der Zurechnung moralischer Verantwortung kritisch zu beleuchten und dabei insbesondere die Problematik der Eigenverantwortlichkeit des Charakters aufzuzeigen.

  • Differenzierung zwischen freiwilligem und unfreiwilligem Handeln
  • Analyse der Entscheidungsfindung als spezifisch menschliches Merkmal
  • Untersuchung der Rolle von Überlegung und Wissen
  • Kritische Würdigung der Eigenverantwortlichkeit des Charakters
  • Reflektion über die Aporie der aristotelischen Theorie

Auszug aus dem Buch

2.1. Handlungen mit Mischcharakter

Aristoteles wendet sich nun einer Klasse von Handlungen zu, deren eindeutige Zuordnung zu den Kategorien ‚freiwillig‘ oder ‚unfreiwillig‘ schwierig ist. Als Beispiele nennt er die Situation, wenn jemand zu einem Verbrechen gezwungen wird, um seine Familie zu retten, oder wenn bei einem Seesturm die Schiffsmannschaft Ladung über Bord wirft, um ihr Leben zu retten (54, 1109b 30 – 1110a 14). In beiden Situationen führt jemand eine Handlung aus, die er normalerweise nicht anstreben würde, aber unter den jeweiligen Umständen zur Erhaltung eines Gutes (hier das eigene bzw. das Leben der Familie) tun muss. Anders als bei den Beispielen für gewaltsame Vorgänge liegt hier kein rein physischer, sondern ein psychischer Druck auf die Handelnden vor.10 Solche Handlungen haben für Aristoteles einen Mischcharakter, da zwar nach oben genannter Definition des Freiwilligen das Prinzip der Bewegung bei den jeweiligen Einzelhandlungen in den handelnden Personen liegt, diese aber solche Handlungen ohne den Umstand des Zwangs nicht ausführen würden.

Um diese Problematik zu bewältigen, führt Aristoteles die Unterscheidung zwischen Handlungen ‚an sich‘ und ‚unter den konkreten Umständen‘ ein. Handlungen mit Mischcharakter sind ‚an sich‘ unfreiwillig, ‚unter den konkreten Umständen‘ jedoch freiwillig. Entscheidend für die Zuordnung ist der “Zeitpunkt des Handelns” (44, 1110a 14 – b 4). Richtet man den Blick auf die jeweilige Situation, also den konkreten Handlungszeitpunkt, ist die Handlung freiwillig, denn “immer da, wo das bewegende Prinzip im Menschen liegt, steht es auch in der Macht des Menschen zu handeln oder nicht zu handeln” (55, 1110a 14 – b 4). Richtet man den Blick jedoch von der konkreten Situation ab, die durch äußeren Zwang gekennzeichnet ist, und richtet ihn auf die Handlung ‚an sich‘, also auf die normalerweise vorliegende Situation, dass kein äußerer Zwang vorherrscht und sich der Handelnde für oder gegen eine Handlung entscheiden kann, so ist die Handlung unfreiwillig, “denn niemand würde sich für Handlungen, wie wir sie oben [in den Beispielen für gemischte Handlungen] beschrieben haben, an sich entscheiden” (55, 1110a 14 – b 4).

Zusammenfassung der Kapitel

I. Einleitung: Die Arbeit führt in die Fragestellung nach der aristotelischen Freiwilligkeit ein und grenzt diese vom modernen Begriff der Willensfreiheit ab.

II. Freiwilligkeit und Unfreiwilligkeit: Dieses Kapitel erläutert die Kriterien des Zwangs und der Unwissenheit als Bedingungen für unfreiwilliges Handeln.

III. Entscheidung: Hier wird die Entscheidung als der spezifisch vernunftgemäße Teilbereich der Freiwilligkeit definiert, inklusive der Analyse von Überlegung und Wünschen.

IV. Fragen der Zurechnung: Dieser Abschnitt untersucht die ethische und juristische Verantwortung sowie die Problematik der Eigenverantwortlichkeit für den eigenen Charakter.

V. Zusammenfassung: Die Arbeit resümiert die drei Definitionen der Freiwilligkeit und mündet in der Feststellung einer Aporie hinsichtlich der Charakterzurechnung.

Schlüsselwörter

Aristoteles, Nikomachische Ethik, Freiwilligkeit, Unfreiwilligkeit, Entscheidung, Prohairesis, Zwang, Unwissenheit, Moralische Verantwortung, Charakterbildung, Eudaimonia, Überlegung, Zurechnung, Vernunft, Aporie

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?

Die Arbeit analysiert die philosophische Fundierung von Handlungsfreiheit und moralischer Zurechenbarkeit in Aristoteles' Nikomachischer Ethik, spezifisch in den Kapiteln III 1–7.

Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?

Im Zentrum stehen die Bedingungen für freiwilliges Handeln, die Unterscheidung zu unfreiwilligen Handlungen durch Zwang oder Unwissenheit sowie die Natur der Entscheidung (Prohairesis).

Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?

Ziel ist es, die aristotelische Theorie der Freiwilligkeit systematisch darzustellen und kritisch zu prüfen, ob der Mensch tatsächlich als eigenverantwortlich für seinen Charakter angesehen werden kann.

Welche wissenschaftliche Methode kommt zur Anwendung?

Die Arbeit nutzt eine philosophisch-analytische Methode, die sich eng am Quellentext von Aristoteles orientiert und diese durch eine kritische Auseinandersetzung mit der Forschungsliteratur ergänzt.

Was wird im Hauptteil der Arbeit primär behandelt?

Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Freiwilligkeitskriterien, der rationalen Entscheidungsfindung und der Zurechnungsproblematik beim individuellen Charakter.

Durch welche Schlüsselbegriffe ist die Arbeit charakterisiert?

Die Arbeit lässt sich maßgeblich durch Begriffe wie Freiwilligkeit, Zwang, Unwissenheit, Charakterbildung, Entscheidung (Prohairesis) und moralische Verantwortung beschreiben.

Wie definiert Aristoteles eine Handlung unter Zwang?

Aristoteles definiert Zwang als einen Vorgang, dessen bewegendes Prinzip von außen kommt und bei dem die handelnde Person in keiner Weise mitwirkt, wie beispielsweise bei physischer Gewalt.

Warum führt die aristotelische Theorie laut Autor zu einer Aporie?

Die Theorie führt in eine Aporie, da einerseits der Charakter für das Handeln verantwortlich gemacht wird, andererseits der Charakter selbst durch frühe Erziehung geprägt wurde, was zu einem infiniten Regress der Verantwortlichkeit führt.

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Details

Title
Freiwilligkeit und Unfreiwilligkeit in der Nikomachischen Ethik des Aristoteles
College
University of Augsburg
Course
Aristoteles: Nikomachische Ethik
Grade
1,0
Author
Thomas Neumann (Author)
Publication Year
2008
Pages
23
Catalog Number
V128208
ISBN (eBook)
9783640343485
ISBN (Book)
9783640343904
Language
German
Tags
Willensfreiheit Kompatibilismus Handlungstheorie Verantwortung Zurechnung
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Thomas Neumann (Author), 2008, Freiwilligkeit und Unfreiwilligkeit in der Nikomachischen Ethik des Aristoteles, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/128208
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