Anhand Vicki Baums Roman "Menschen im Hotel" soll aufgezeigt werden, dass man sich nicht "in medias res", in die Großstadt selbst begeben muss, um urbane Wahrnehmung und Mentalität der 1920er Jahre literarisch transportieren zu können. Stattdessen soll eine Analyse demonstrieren, dass der Topos des Grand Hotels gleichermaßen all jene urbanen Wahrnehmungen und Mentalitäten in sich vereint und daher repräsentativ für die Großstadt verwendet werden kann.
Berlin – eine Stadt, die nicht nur seit den 1920er Jahren der Weimarer Republik ein Faszinosum des pulsierenden großstädtischen Lebens darstellt, sondern bis in die jetzige Gegenwart hinein nichts an ihrer Anziehungskraft eingebüßt hat. So nimmt es daher nicht Wunder, dass das Sujet der Großstadt – und hier im Speziellen das Berlin der 1920er Jahre – im aktuellen Kontext von Kultur- und Literaturwissenschaft steht.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Das Sujet Großstadt
2.1 Berlin im Jahre 1928 und urbane Grand Hotels in Berlin der 1920er Jahre
2.2 Neue Sachlichkeit
3 „Menschen im Hotel“ - Großstadtwahrnehmung und urbane Mentalität
3.1 Großstadtwahrnehmung
3.1.1 Simultaneität, Flüchtigkeit und fragmentierte Wahrnehmung
3.1.2 Reizüberflutung
3.1.3 Anonymität
3.2 Urbane Mentalität
3.3 Literarische Umsetzung der Großstadt-Polyphonie
4 Die anwesende Abwesenheit Berlins
5 Zwischen Schein und Sein – Vicki Baums Thematisierung der Kleiderfrage
6 Resumée
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, inwiefern der Schauplatz des Grand Hotels in Vicki Baums Roman „Menschen im Hotel“ als repräsentativer Spiegel für die urbane Wahrnehmung und Mentalität des Berlins der 1920er Jahre fungieren kann, wobei die Forschung die Analogie zwischen den Strukturen des Hotels und der Großstadt in den Fokus rückt.
- Analyse der Großstadtwahrnehmung (Simultaneität, Anonymität, Reizüberflutung)
- Untersuchung der urbanen Mentalität und Schutzmechanismen wie Blasiertheit
- Die literarische Umsetzung mittels der Erzähltechnik der Neuen Sachlichkeit
- Deutung der Rolle von Kleidung als Marker für Schein und Sein
Auszug aus dem Buch
3.1.1 Simultaneität, Flüchtigkeit und fragmentierte Wahrnehmung
Der Topos des Grand Hotels stellt jenen Bezugsrahmen zur Verfügung, innerhalb dessen die als wahrgenommene Gleichzeitigkeit der stattfindenden Ereignisse durch Vicki Baum deutlich zum Ausdruck gebracht werden kann. Um den Eindruck dieser Simultaneität evozieren zu können, platziert Vicki Baum innerhalb des Grand Hotels als hierfür essentielles Element zuvorderst eine Gästeschaft, welche in ihrer Gesamtheit nicht mehr überschaubar ist. So „ist der gelbe Pavillon Tag für Tag vollgestopft mit Menschen […] [und] die Luft knistert von Menschen. Sie sitzen dicht aneinandergedrängt“37. Wer an- und abreist, wer letztlich seinen Aufenthalt im Grand Hotel verbringt und anwesend ist, kann nicht mehr mit einem Blick erfasst und in eine chronologische Reihenfolge gebracht werden.
Der Aspekt der Simultaneität zeigt sich bereits darin, dass Vicki Baum gleich zu Beginn des Romans den Leser ad hoc und ohne große Umschweife direkt ins Geschehen einführt und ihn mit einer geradezu überwältigenden Fülle der mannigfaltigsten Personen und Ereignissen innerhalb des Grand Hotels konfrontiert. So kam der Portier aus der Telefonzelle 7 heraus,38 der Telefonist musste eine Verbindung herstellen,39 vom Neubau her hopste die Musik aus dem Tea-Room,40 der butterige Bratenduft der Diner-Zeit fächelte diskret daher,41 im kleinen, weißen Saal richtete der garde manger Mattoni sein kaltes Büffet,42 im Korridor kniete ein Monteur auf dem Boden,43 in der Halle erhob sich ein Herr aus seinem Klubstuhl,44 der Page Nr. 24 schoß rotwangig und wassergekämmt vom Lift herüber,45 das wächserne Fräulein am Zeitungsstand lächelte46 und mitunter ein Boy Nr. 11, der die Drehtür bediente.47 Durch letztgenannte Aufzählung findet Stefanie von Steinackers These ihre Bestätigung, wenn sie konstatiert, dass es sich hierbei um eine „Versammlung [der] verschiedenste[n] Charaktere innerhalb eines sehr begrenzten und sozialhierarchisch stark determinierten Raumes“48 handelt.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung verortet das Sujet der Großstadt im literaturwissenschaftlichen Kontext und definiert die Analyse von Vicki Baums Roman als Untersuchung urbaner Wahrnehmungsweisen.
2 Das Sujet Großstadt: Dieses Kapitel beschreibt die soziokulturellen Rahmenbedingungen Berlins der 1920er Jahre und erläutert die literarische Strömung der Neuen Sachlichkeit als adäquates Instrument zur Darstellung moderner Urbanität.
3 „Menschen im Hotel“ - Großstadtwahrnehmung und urbane Mentalität: Der Hauptteil analysiert, wie Wahrnehmungsformen wie Reizüberflutung und Anonymität auf das Grand Hotel als Mikrokosmos übertragen werden und in eine spezifische urbane Mentalität münden.
4 Die anwesende Abwesenheit Berlins: Dieses Kapitel zeigt auf, dass Berlin im Roman trotz der räumlichen Begrenzung des Hotelalltags als ständige, fragmentierte Präsenz wirksam bleibt.
5 Zwischen Schein und Sein – Vicki Baums Thematisierung der Kleiderfrage: Die Untersuchung befasst sich mit der Rolle der Kleidung als Mittel der Identitätskonstruktion und der Wahrung eines bürgerlichen Scheins unter den Bedingungen der Anonymität.
6 Resumée: Die Zusammenfassung bestätigt, dass das Grand Hotel als Paradigma für urbane Prozesse dienen kann und fordert eine Aufwertung von Autorinnen der Weimarer Republik im Literaturkanon.
Schlüsselwörter
Großstadt, Berlin, 1920er Jahre, Menschen im Hotel, Vicki Baum, Urbane Mentalität, Neue Sachlichkeit, Großstadtwahrnehmung, Anonymität, Reizüberflutung, Zeitroman, Schein und Sein, Identitätskonstruktion, Polyphonie, Literaturwissenschaft
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Bachelorarbeit grundsätzlich?
Der Fokus liegt auf der literarischen Auseinandersetzung mit Großstadterfahrungen der 1920er Jahre. Konkret wird analysiert, wie Vicki Baum in ihrem Roman „Menschen im Hotel“ urbane Wahrnehmungs- und Mentalitätsmuster durch den Handlungsort Grand Hotel abbildet.
Welche zentralen Themenfelder behandelt die Arbeit?
Zentrale Themen sind die Wahrnehmung der Moderne (Fragmentierung, Simultaneität), die daraus resultierende urbane Geisteshaltung (Blasiertheit, Reserviertheit) und die literarische Umsetzung dieser Phänomene durch die Neue Sachlichkeit.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist der Nachweis, dass das Grand Hotel als Schauplatz ebenso wie die Großstadt selbst alle wesentlichen Merkmale urbanen Lebens in sich vereint und Vicki Baums Roman somit den Status eines repräsentativen Großstadtromans verdient.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die unter Einbeziehung soziologischer Konzepte (u.a. von Georg Simmel) sowie zeithistorischer Rahmenbedingungen das Werk interpretiert.
Was steht im Hauptteil im Fokus?
Im Hauptteil werden die theoretischen Kategorien der Großstadtwahrnehmung auf die Romanfiguren und ihre Interaktionen im Hotel übertragen, gefolgt von einer Analyse zur „anwesenden Abwesenheit“ Berlins und der Bedeutung modischer Inszenierung.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit zeichnet sich durch Begriffe wie Anonymität, Reizüberflutung, Neue Sachlichkeit, Zeitroman und die Dialektik zwischen Schein und Sein aus.
Welche Rolle spielt das „Grand Hotel“ als Ort dieser spezifischen Wahrnehmung?
Das Grand Hotel fungiert als geschlossener, aber durch die Drehtür semi-offener Raum, der die Schnelligkeit und Fragmentierung der Großstadt in den Hotelalltag übersetzt und zum Katalysator für die dort handelnden Individuen wird.
Wie geht die Autorin mit dem Aspekt der Kleidung im Roman um?
Die Kleidung wird als Requisite und Maske analysiert, mit der sich die Hotelgäste innerhalb der anonymen Hotelumgebung Identitäten verleihen, um einen höheren sozialen Status vorzutäuschen, was die Divergenz zwischen Schein und Sein unterstreicht.
Warum wird speziell der Roman „Menschen im Hotel“ als Fallbeispiel gewählt?
Der Roman gilt als Beispiel für einen durch eine Frau verfassten Großstadtroman, der lange Zeit im Kanon unterrepräsentiert war, und bietet durch seine Struktur eine ideale Plattform für die Analyse kollektiver urbaner Erfahrungen.
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- Verena Dolch (Author), 2021, Urbane Wahrnehmung und Mentalität anhand Vicki Baums Roman "Menschen im Hotel", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1282278