Das Ziel dieser Arbeit ist es, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Darstellung der beiden Protagonistinnen zunächst darzulegen und die möglichen Auswirkungen anschließend mithilfe ausgewählter Textstellen und unter folgenden Fragestellungen zu interpretieren: In welchem Maß und auf welche Art und Weise greift Hartmann in die textuelle Vorlage ein? Welche konkreten Veränderungen werden vorgenommen? Inwiefern wirken sich die Bearbeitungen auf die Szenen und somit auch auf die Figur der Enite aus?
Ȇrec von Hartmann von Aue gilt als erster deutscher Arturoman seiner Zeit und entstand um kurz nach 1180. In dieser Blütezeit der höfischen Dichtung weisen vor allem die Artusromane besondere Beliebtheit bei den Rezipienten auf. Neben den hohen formalen Ansprüchen sind es insbesondere die dort thematisierten höfischen Werte und Normen eines angepriesenen Gesellschaftsideals nach dem Vorbild Frankreichs, die vom damaligen Publikum positiv rezipiert werden. Diese Romane sind ein Spiegel des Rittertums und der Hofgesellschaft, sie beschreiben und bewerten die in den Artusromanen vorgestellten Tugenden.
Der Erec ist in der wissenschaftlichen Forschung ein oft behandelter und analysierter Gegenstand, der unterschiedlichste Interpretationsansätze zu den divergierenden Themen des Romans zulässt. Lange fokussierte sich die Forschung dabei vor allem auf die männliche Hauptfigur Erec, doch rückt seit den letzten zwei Jahrzehnten die Protagonistin Enite in den Vordergrund. Auch in der vorliegenden Arbeit soll sich mit der Enite-Figur beschäftigt werden. Entsprechend soll auch in der vorliegenden Arbeit Enite in den analytischen Mittelpunkt gesetzt werden, indem die Figur vor dem Hintergrund der französischen Vorlage untersucht wird. Denn Hartmann adaptiert die materia des französischen Dichters "Chrétien de Troyes", dessen arturischer Roman den Titel Erec et Enide trägt. Hartmann bearbeitet künstlerisch die Vorlage "Chrétiens" und nimmt dabei Veränderungen in der Gestaltung seiner Figuren vor, so auch bei seiner Protagonistin Enite.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.2. Zum Forschungsstand
2. Das Verständnis mittelalterlicher Dichtkunst
3. Enites erster Auftritt vor der Tafelrunde – Analyse, Interpretation und Vergleich
4. Die Bedeutung und Auswirkung des verligen bei Hartmann und Chrétien – Analyse, Interpretation und Vergleich
5. Aufbruch, Schweigegebot und der Räuberkampf – Analyse, Interpretation und Vergleich
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Bachelorarbeit untersucht die literarische Adaption der weiblichen Hauptfigur Enite durch Hartmann von Aue im Vergleich zur französischen Vorlage „Erec et Enide“ von Chrétien de Troyes. Ziel ist es, durch die Analyse ausgewählter Szenen herauszuarbeiten, wie der deutsche Dichter durch Techniken der Ausweitung (dilatatio) und Raffung die Figur der Enite im Sinne eines idealisierten Frauenbildes neu gestaltet und welche narrativen Effekte dies für die Darstellung von Tugend und höfischem Verhalten hat.
- Vergleich der Darstellung der weiblichen Protagonisten Enite und Enide
- Analyse der mittelalterlichen Dichtkunst und Reproduktionsverfahren
- Bedeutung von Schönheit, Farbe und Symbolik in der Figurenkonzeption
- Untersuchung der Krisensituation des „verligen“ und ihrer Auswirkung
- Rolle von Sprache, Schweigegebot und Emanzipation der Figur
Auszug aus dem Buch
3. Enites erster Auftritt vor der Tafelrunde – Analyse, Interpretation und Vergleich
Als la bele pucele estrange (Erec Chr., V. 1707), die kopfsenkend vor Scham errötet, wird Enide bei Chrétien vor der Tafelrunde vorgestellt (Erec Chr., V. 1707-1714). Bereits hier lässt sich Hartmanns künstlerische Bearbeitung der Vorlage erkennen. So knüpft er bei der Darstellung Enites am Hof an das von Chrétien eingeführte Motiv des Errötens an und baut dieses stark aus. Nur kurz wird auf den Umstand der Scham Enides und ihrer damit verbundenen Schönheit verwiesen, als schon wieder Referenz auf Erec genommen wird (Erec Chr., V. 1714-1724). Hartmann hingegen schafft aus diesem Motiv eine völlig neue, überhöhte Darstellung seiner weiblichen Hauptfigur. Er orientiert sich bei der Schönheitsverklärung Enites vor allem an einer „Farbästhetischen Schönheit“, die aus dem Erröten der Vorlage evoziert wird und baut drei elementare Vergleiche als Kernstücke für die Beschreibung der schœne ein.
als der rȏsen varwe
under wîze liljen güzze,
und das zesamene vlüzze,
und daz der munt begarwe
wære von rȏsen varwe,
dem gelîchete sich ir lîp. (Erec, V. 1701-1706)
Der erste Vergleich ist vor allem farblich stark aufgeladen, denn hier steht das Zusammenspiel zwischen dem Rot der Rose und der kontrastierenden Farbe Weiß der Ästehtik Enites im Vordergrund von Enites Ästhetik. Dies ist nicht verwunderlich, denn Farbe ist „weitaus mehr ist als nur dekoratives Element, sie ist immer auch zugleich ein Bedeutungsträger.“ Somit wollte auch die höfische Literatur um 1200 beziehungsweise 1300 die besonders Visualität in der Poetik erzeugen, da Nähe von Mündlichkeit und Schriftlichkeit durch das Publikum geschuldet sind. Hartmann versucht hier also Enites Vollkommenheit anhand von Farbvisualisierungen darzulegen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit führt in die Bedeutung des Artusromans ein und legt das Ziel fest, die Bearbeitung der Enite-Figur durch Hartmann von Aue im Kontrast zur französischen Vorlage zu analysieren.
1.2. Zum Forschungsstand: Dieser Abschnitt gibt einen Überblick über zentrale wissenschaftliche Werke zur Erec-Forschung und ordnet die Bedeutung der Figur Enite sowie die Ansätze der beteiligten Autoren ein.
2. Das Verständnis mittelalterlicher Dichtkunst: Hier werden die theoretischen Grundlagen der mittelalterlichen Reproduktionstechnik, wie das „Wiedererzählen“ (dilatatio materiae), erläutert, um Hartmanns Arbeitsweise zu begründen.
3. Enites erster Auftritt vor der Tafelrunde – Analyse, Interpretation und Vergleich: Das Kapitel vergleicht die Vorstellung der Protagonistin, wobei Hartmann besonders durch Farbästhetik und mariologische Symbole eine gesteigerte Vollkommenheit der Figur erzeugt.
4. Die Bedeutung und Auswirkung des verligen bei Hartmann und Chrétien – Analyse, Interpretation und Vergleich: Die Analyse beleuchtet die Krisensituation des Ehepaares, in der Hartmann Hartmann Enites Schweigen betont und die Rollenüberschreitungen sowie deren Folgen kontrastiert.
5. Aufbruch, Schweigegebot und der Räuberkampf – Analyse, Interpretation und Vergleich: Dieses Kapitel behandelt die Aventiurefahrt und die verhängte Strafe des Redeverbotes, wobei Hartmann Enites Unterordnung und ihre Entwicklung zur souveränen, sprechenden Figur herausarbeitet.
6. Fazit: Die Arbeit schließt mit der Erkenntnis, dass Hartmann Enite als personifizierte Perfektion der höfischen Dame darstellt, welche in ihrer moralischen und charakterlichen Erhöhung die französische Vorlage übertrifft.
Schlüsselwörter
Hartmann von Aue, Enite, Chrétien de Troyes, Erec, Artusroman, höfische Dichtung, dilatatio materiae, Wiedererzählen, Mittelalter, Frauenfigur, Literaturwissenschaft, Identitätsfindung, Tugend, Minne, Literaturvergleich.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Bachelorarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die literarische Adaption des Artusromans „Erec“ durch Hartmann von Aue und vergleicht dabei primär die Darstellung der weiblichen Hauptfigur Enite mit der französischen Vorlage von Chrétien de Troyes.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Zentrum stehen die Konzepte der mittelalterlichen Dichtkunst, wie „Wiedererzählen“ und „Ausweitung“, sowie die Analyse von Figurenkonzeptionen, höfischen Werten und der symbolischen Bedeutung von Sprache und Schweigen.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit geht der Frage nach, in welchem Maße und auf welche Weise Hartmann von Aue in seine Vorlage eingreift, welche Änderungen er an der Figur der Enite vornimmt und wie sich diese Bearbeitungen auf die Darstellung der Protagonistin auswirken.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt einen erzähltheoretischen Ansatz (unter Bezugnahme auf Franz Josef Worstbrock), um durch den Vergleich ausgewählter Szenen die narrativen Eingriffe und deren Bedeutung für die Charakterisierung zu verdeutlichen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse des Auftritts der Enite am Hof, die Untersuchung der Krisensituation des „verligen“ und die Analyse der Räuberepisode inklusive der strategischen Bedeutung des auferlegten Redeverbotes.
Welche Keywords charakterisieren die Arbeit am besten?
Hartmann von Aue, Enite, Artusroman, höfische Dichtung, Literaturvergleich, Tugend, Identitätsfindung, Mittelalter.
Wie verändert Hartmann das Bild der Enite im Vergleich zum Original?
Hartmann überhöht Enite als „perfekte“ Heldin, indem er ihre Schönheit durch farbästhetische und mariologische Symbole inszeniert und ihr Verhalten – insbesondere ihr Schweigen und späteres Sprechen – als Akt von Treue (triuwe) und innerer Bestimmtheit darstellt.
Warum verhängt Erec in der deutschen Fassung ein so strenges Redeverbot?
Das schärfere Redeverbot Hartmanns dient als erzieherische Prüfung und symbolische Unterordnung; es unterstreicht die Wichtigkeit der Stimme als Machtinstrument und zwingt Enite zur Entwicklung einer reiferen Identität als taugliche Ehefrau und Herrscherin.
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- Anonym (Autor), 2021, Enide und Enite. Darstellung der weiblichen Hauptfigur in Chrétiens de Troyes und Hartmanns von Aue erstem Artusroman, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1283197