Der Prolog des Tristan von Gottfried von Straßburg


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

21 Seiten, Note: 2,7

Evelyn Habel (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Gottfried von Straßburg

3 Der Prolog
3.1 Die historische Entwicklung
3.2 Der Prolog im Mittelalter

4 Der Prolog des Tristanromans
4.1 Die Struktur
4.2 Formbildende Aspekte des inneren Aufbaus
4.2.1 Vers und Reimschema
4.2.2 Das Akrostichon
4.2.3 Sprachlich- rhetorische Gestaltung
4.3 Thematische Analyse
4.4 Der Prolog als thematisch- kausales Konstrukt
4.5 Die Form des Prologs auf der Grundlage des Erarbeiteten

5 Form und Inhalt als Aspekt mittelalterlicher Prologtheorie

6 Schlusswort

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Welche Bedeutung hat der Prolog für den Leser?

Der Prolog ist die erste kurze Informationsquelle über das Werk und den Autor, jedoch wird er sehr häufig übersprungen, manchmal ist er in seiner Funktion vielen sogar völlig unbekannt.

Der Leser der Gegenwart scheint immer seltener das Buch als eine Gelegenheit zum Gespräch mit seinem Autor zu begreifen. In einer Welt, die ununterbrochen danach strebt, den bereits gigantischen Informationsfluss durch innovative Technologien zu beschleunigen, nehmen Bücher hinter den digitalen Medien oft erst weit hinten ihren Platz ein. Nicht, als ob sie nicht geschätzt würden, denn viele Menschen schaffen sich schließlich opulente Hausbibliotheken an, doch meist werden neu erworbene Bücher nur in die Reihe kostbarer Bücher eingeordnet und enden dort. Sie werden kaum geliebt. Sie erweisen sich nämlich für viele als zu anspruchsvolle Gefährten, für die man viel Zeit und Geduld aufwenden muss. Dagegen bieten moderne Medien auf Abruf das, was der Konsument gerade benötigt. Der schnelle Zugriff auf Informationen im Alltag wirkt sich auf unsere Haltung im Umgang mit Buchtexten entsprechend aus. Möglicherweise verzichten viele heutige Autoren bewusst darauf, Prologe zu ihren Werken abzufassen, da sie gar nicht darauf hoffen können, dass diese gelesen werden.

Im Mittelalter, als das sehr teure Pergament als Beschreibstoff diente und die Tinte immer knapp war, hatten Bücher in der Gesellschaft des Klerus und des Adels eine wesentlich höhere Wertschätzung erfahren, als man es heute oft ahnt. Die ungeheuer großen Herstellungskosten für ein größeres Werk machten ein Buch zu einem für viele unerschwinglichen Luxusgut, dessen Anspruch an Form und Inhalt enorm hoch war.

Die Rolle des mittelalterlichen Prologs ist als sehr wichtig einzustufen. Ein Prolog wurde nicht einfach gelesen, er war das Einlasstor in das Werk. Ein Autor gab sich daher stets große Mühe, dieses Portal mit all dem Nötigen auszustatten, damit in ihm ein Gespräch zwischen Autor und Leser über das Thema stattfinden konnte, an dessen Ende der Leser voll und ganz davon überzeugt sein sollte, das spezielle Buch zu lesen.

Der „Tristan“ Gottfried von Straßburgs zählt ohne Zweifel zu den bedeutenden deutschsprachigen Werken der mittelalterlichen Literatur. Maßgeblich für diese Stellung sind Faktoren wie der Einsatz ausgereifter Stilistik, die durchdachte Verwendung rhetorischer Mittel oder Darstellungen, die mit spürbarer Sachkenntnis des Autors ausgeführt werden. Dies findet auch schon in den ersten Versen des Prologs seine Bestätigung.

Durch den historischen Abstand sowie die schlechte Quellensituation der Entstehungszeit des „Tristan“ allgemein, vor allem aber in Bezug auf Werk und Autor, ist anzunehmen, dass dieser Prolog eine Schlüsselposition für das Verständnis des Werkes einnimmt. Viele Passagen des Werkes bleiben jedoch im Dunkeln, weil wir zu wenig über den Autor, die Quellen, das Werk selbst, historische Hintergründe und soziale Aspekte des mittelalterlichen Lebens wissen.

Konsequenterweise wurde der Prolog daher näheren Untersuchungen unterzogen, da zu vermuten ist, dass der Autor sein Anliegen hier in komprimierter Form darzustellen versuchte.

Den Ausgangspunkt bildet die äußere Struktur, also die theoretischen Voraussetzungen, die dem Prolog des Mittelalters im Allgemeinen zu Eigen sind. Sie sollen mit den Gegebenheiten des Prologs im „Tristan“ verglichen und ausgewertet werden.

Bevor der Prolog im „Tristan“ näher untersucht wird, werden einige Vorkenntnisse über den Autor selbst sowie über den Prolog des Mittelalters im Allgemeinen vorangestellt, die für die Interpretation und den Einsteig in den Prolog wichtig und sinnvoll sind.

2 Gottfried von Straßburg

Über die historische Person Gottfried von Straßburg wissen wir nicht sehr viel. Alles was heute über ihn bekannt ist, ist lediglich das, was sich aus seinen Werken selbst erschließen lässt.

Das einzig sichere erhaltene Werk Gottfrieds ist der knapp 20 000 Verse umfassende Tristanroman. Es ist anzunehmen, dass es sich bei Gottfrieds Auftraggeber um einen gewissen DIETÊRICH handelt, wie das Akrostichon nahe legt.

In der Forschung wurde der Versuch unternommen, Gottfrieds Biographie von der Geschichte Straßburgs her zu beleuchten und sowohl Gottfried als auch seinen Auftraggeber sieht man am ehesten aus intellektuellen Patrizierkreisen stammen.[1]

Es besteht aber lediglich die Vermutung, dass der Autor des „Tristan“ in Straßburg gelebt hat, seinen Wirkungskreis in der Region oder gar in der Stadt selbst hatte oder vielleicht nur während der Schaffensperiode des „Tristan“ dort gewohnt hat.

Keine dieser Spekulationen kann eindeutig bewiesen werden, da keine schriftlichen Zeugnisse vorhanden sind.

Aus dem Tristanroman kann man erschließen, dass Gottfried mit der höfischen deutschen und französischen Literatur vertraut war und dass er zudem eine hohe lateinisch- artistische Bildung besaß sowie gute Kenntnisse des Laienrechts, der höfischen Sachkultur und der Musik.

Die Lebensdaten Gottfrieds sind nicht zu ermitteln. Sein Roman ist zwischen 1200 und 1220 entstanden und er ist nicht vollendet. Die späteren Fortsetzer Ulrich von Türheim (1243) und Heinrich von Freiberg (um 1290) geben zu Protokoll, dass Gottfried durch den Tod an der Fertigstellung des Romans gehindert worden sei. Dies wird aber bis heute angezweifelt.[2]

Für den Publikumserfolg seines „Tristan“ spricht wohl die verhältnismäßig reiche Überlieferung in 11 vollständigen Handschriften und 16 Fragmenten. Es wird darauf hingewiesen, dass Gottfried in der deutschen Literatur des 13. Jahrhunderts ein Stilvorbild und immer wieder auch thematischer Bezugspunkt war.[3]

3 Der Prolog

Der Prolog des Mittelalters entstammt antiker Tradition. Etymologisch geht prolog aus dem Griechischen hervor und bedeutet Vorrede oder Vorspruch. Es handelt sich um die Einleitung eines dramatischen Textes, die als integrierter oder selbstständiger Teil szenisch dargestellt, von Figuren des Werkes oder von einer nur im Prolog auftretenden Gestalt erzählt wird. Seine Funktionen sind vor allem Begrüßung und Huldigung des Publikums, Information über das Stück, die Verdeutlichung von Handlungsstrukturen oder die Vorausdeutung auf den Schluss. Ferner kann der Prolog aber auch ideologische Reflexionen enthalten sowie didaktische, moralische oder sozialkritische Anliegen erörtern und sogar eine Selbstdeutung des Werkes durch den Autor sein.[4]

3.1 Die historische Entwicklung

Wenn auch die Wortbedeutung erhalten blieb, so veränderte sich doch das Wesen des Prologs gegenüber dem Vorbild im antiken Drama stark.[5] Der Akzent verlagerte sich hin zu einer in Absicht und Stil relativ werkunabhängigen Konstruktion. Aus heutiger Sicht hat er eher den Charakter eines Vorwortes, welches mit Nachdruck den Angesprochenen in direkter Rede von Thema und Werk überzeugen will.

Es erscheint daher nicht verwunderlich, dass der Prolog in der mittelalterlichen Theorie als Bestandteil der Rhetorik begriffen wurde, sodass sich sein Stil an entsprechenden Regeln auszurichten hatte.

Die Rhetorik ist die Frage nach dem Wie. Die Sache wird in eine Form gebracht, welche helfen soll, die Zuhörenden für einen vorgebrachten Standpunkt einzunehmen. Mittelalterliche Rhetorik entwickelte sich aus der Theorie und Praxis der römisch- antiken Gerichtsrede.[6]

Auf die Gerichtsrede bezogen, findet der Prolog in der gerichtlichen Vorrede seine natürliche Entsprechung, da auch sie an den Anfang gestellt wurde. Ihr Zweck bestand darin, Wohlwollen, Aufgeschlossenheit und Aufmerksamkeit des Hörers zu gewinnen.[7] Der Sprecher will Einfluss auf das Urteil über eine Handlung haben. Die dichterische Darstellung wird daher zu einer Art Prozess bei dem der Leser oder Hörer zu dem Urteilfällenden wird.

3.2 Der Prolog im Mittelalter

Die Absichten des Prologs waren prinzipiell dieselben wie die der gerichtlichen Vorrede, weshalb deren Konzept Anwendung fand und erweitert wurde. Die Vorrede war der textlichen Natur der Prosa, stilistischen und ästhetischen Regeln anzupassen und poetischen Grundsätzen zu unterwerfen.

Bei dieser Prozedur gingen ästhetische und zweckbestimmte Absichten Hand in Hand. Es wurde versucht den gesamten Aufbau des Prologes zu kanonisieren und eine Form zu schaffen, die allgemeine Gültigkeit besitzt. Das Vorwort wurde in einen prologus praeter rem und einen prologus ante rem unterteilt. Beim Ersten handelt es sich um eine Einführung in das Gespräch mit dem Empfänger und beim Zweiten um die Darstellung der Sache selbst.[8]

Ein Teil des prologus praeter rem ist das proverbium, wenn es an den Anfang gestellt wird. Es ist formell gesehen eine Ansammlung allgemeiner Lebensweisheiten beziehungsweise ein Sprichwort. Es hat in der Prosa sowohl rhetorische als auch ästhetische Gründe, da der Hörer mit dem Medium des Werkes an sich vertraut gemacht wird. Der Einstieg in das Werk wird erleichtert und es wird ein kleiner gemeinsamer Nenner von Autor, Publikum und Text geschaffen. Aus rhetorischer Sicht wurde also ein Gegenstand, der Hörer und Redner gleichermaßen angeht, in den Raum gestellt.

Genauso wie für den Beginn wird auch für das Ende des Prologs ein proverbium in derselben Form anempfohlen, hier aber als Teil des prologus ante rem. Es hat an dieser Stelle aber die Funktion zum Werk überzuleiten. Anders als im Eingang wird es über das Vorangegangene wahrgenommen, dadurch geht zwar der allgemeine Charakter verloren, aber der Blick auf den Gegenstand wird geschärft.

Ein weiterer wichtiger Ausdruck neben den prologi ist das prooemium, das ebenfalls im Zusammenhang mit Aufbau und Funktion genannt werden muss.

Das prooemium ist der Teil des Vorwortes, der Themen des Werkes im Voraus anordnet, im Gegensatz zum folgenden prologus, der in dieses einführt.

Als exordium wird die Einleitung bezeichnet, die der narratio, also der Darstellung des Sachverhalts, vorausgeht.[9]

Eine Kanonisierung des Prologs wurde im strengen Sinne nicht wirklich erreicht, denn die Vorstellungen in den Begrifflichkeiten gingen zu weit auseinander.

Es ist jedoch festzuhalten, dass man sich über die grundsätzlichen Funktionen des Prologs einig war. Der Prolog sollte den Hörer ansprechen, seine Aufmerksamkeit gewinnen und ihn in eine bestimmte gedankliche Richtung lenken. Auch in Bezug auf den Aufbau war man sich im Grunde eins.

Vor allem in den Werken der ritterlichen Dichtung, wie es auch Gottfrieds „Tristan“ ist, fand dies häufig Anwendung.

4 Der Prolog des Tristanromans

Über den Prolog des „Tristan“, seinen tieferen Sinn, formalen Aufbau und wie diese Faktoren mit dem Werk in Einklang zu bringen sind, wurde in der Forschungsgeschichte häufig diskutiert, da das Werk aus storyexterner Sicht dokumentiert wurde. Die Art und Weise einer solchen Reflektion findet sich auch innerhalb der Dichtung wieder. Der Autor bricht aus der Erzählung aus und beginnt mit Abschweifungen, die sich teilweise thematisch auf die Stelle beziehen, die Geschichte im Ganzen unterstreichen oder aber außerhalb der Geschichte zu stehen scheinen.

Einmal abgesehen von der exponierten Stellung, die der Prolog schon allein dadurch einnimmt, dass er am Beginn des Werkes steht, reichen die Exkurse nicht an seine kausale und rhetorische Geschlossenheit heran.

4.1 Die Struktur

Im Allgemeinen wird davon ausgegangen, dass der Prolog mit Vers 244 endet. Eine Grundlage für diese Annahme bildet der sich ändernde Tonfall, der dozierende wechselt zu einem erzählenden Stil, der mit einer thematischen Überleitung einhergeht. Der Prolog findet einen klaren Abschluss, was seine innere Geschlossenheit hervorhebt, denn er endet mit einer letzten Bitte um Gehör „Und swer nu ger, daz man im sage/ ir leben, ir tôt, ir vröude, ir clage,/ der biete herze und ôren her:/ er vindet alle sîne ger.“ (Verse 241 bis 244) und die Geschichte beginnt mit der Erzählung „Ein hêrre in Parmenîe was, …“ (Vers 245ff). Dieser Einstieg ist folglich nicht mehr zum Prolog zu rechnen.

Strukturiert ist er teilweise strophisch und teilweise stichisch, was sich aus seiner wechselnden Satzlänge, Reimform und Anordnung bestimmter Anfangsbuchstaben (Akrostichon) ablesen lässt. Auf dieser Konstruktion basiert auch die Textausgabe vom Reclam- Verlag[10].

4.2 Formbildende Aspekte des inneren Aufbaus

4.2.1 Vers und Reimschema

Die nachfolgende Tabelle gibt eine Gliederung des Prologs basierend auf der Organisation von Stichon und Vierzeiler:

[...]


[1] Huber, Christoph: Gottfried von Straßburg. Tristan. Berlin 2001, S. 27f

[2] Glauch, Sonja: Gottfried von Straßburg. http://www.mediaevum.de/autoren/gottfried_von_strassb.pdf. Erlangen 2003

[3] Huber, S.30

[4] Metzler, J.B.: Metzler Literatur Lexikon. Begriffe und Definitionen. Stuttgart 1990, S. 364, Stichwort Prolog

[5] Stadler, Edmund: Prolog. Reallexikon der Deutschen Literaturgeschichte. Bd. 3. Berlin 1966, S. 262-283, §4/5

[6] Brinkmann, Hennig: Der Prolog im Mittelalter als literarische Erscheinung. 1964. S.4

[7] Cicero: De oratore. Über den Redner. Lateinisch/ Deutsch. Hg. Merklin, Harald. Stuttgart 1997, S. 317

[8] Metzler, S. 364, Stichwort Prolog

[9] Für die Verwendung der Begriffe exordium, proverbium, prooemium, prologus: Brinkmann, S. 7f

[10] Gottfried von Straßburg: Tristan Bd. 1-3. Mittelhochdeutsch/ Neuhochdeutsch. Reclam. Ditzingen 2006

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Der Prolog des Tristan von Gottfried von Straßburg
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Hauptseminar Gottfried von Straßburg: Tristan
Note
2,7
Autor
Jahr
2007
Seiten
21
Katalognummer
V128389
ISBN (eBook)
9783640352487
ISBN (Buch)
9783640352302
Dateigröße
429 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Prolog, Tristan, Gottfried, Straßburg
Arbeit zitieren
Evelyn Habel (Autor), 2007, Der Prolog des Tristan von Gottfried von Straßburg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/128389

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Der Prolog des Tristan von  Gottfried von Straßburg



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden