Sinnstiftende Prologe? Ein Vergleich der "Iwein/Yvain"-Prologe von Chrétien de Troyes und Hartmann von Aue


Hausarbeit (Hauptseminar), 2022

14 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Dilatatio materie

3. Ein Vergleich der ,Iwem7,Yvain‘- Prologe
3.1 Hartmanns Exordialsentenz
3.2 Laudatio temporis acti
3.3 Ein riter, der geleret was [...] daz er ouch tihtennespflac

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

,Iwein‘ von Hartmann von Aue ist einer der am breitesten überlieferten Artusromane der Zeit um 1200 und ist neben dem Hauptwerk selbst auch in anderen literarischen Texten sowie bildlichen Darstellungen oft rezipierter Gegenstand.1 In dieser Blütezeit der höfischen Dichtung weisen vor allem die Artusromane besondere Beliebtheit beim Publikum auf. Neben den hohen formalen An­sprüchen sind es insbesondere die dort thematisierten höfischen Werte und Normen eines ange­priesenen Gesellschaftsideals nach dem Vorbild Frankreichs, die vom damaligen Publikum positiv rezipiert werden.2 Wie auch schon beim ,Erec‘ adaptiert Hartmann mit dem ,Iwein‘ die materia des französischen Dichters Chrétien de Troyes, dessen arturischer Roman den Titel ,Yvain‘ trägt und bearbeitet die Vorlage Chrétiens künstlerisch so, dass dabei Veränderungen in der Gestaltung des Werkes zu erkennen sind. Im Gegensatz zum ,Erec‘ ist der mittelhochdeutsche Prolog beim ,Iwein‘ vollständig überliefert, weshalb sowohl der Prolog, als auch das Werk selbst einen enor­men Stellenwert in der mediävistischen Forschung einnehmen.3

Auch die vorliegende Arbeit wird den Prolog des ,Iwein‘ vor dem Hintergrund seiner französi­schen Vorlage thematisieren. Es wird ein Vergleich der ,Yvain‘/,Iwein‘-Prologe angestrebt: Wie sind beide Prologe aufgebaut? Verfahren beide Dichter nach demselben Aufbauschema? Wo gibt es Abweichungen? Welche Themen/Motive/Begriffe werden übernommen? Was wird übernom­men aber anders konzipiert? Mithilfe dieser Fragestellungen ist es das Ziel dieser Arbeit, heraus­zustellen, warum Hartmann bestimmte Veränderungen am Prolog vornimmt. Aufgrund des be­grenzten Umfangs dieser Arbeit, kann sich lediglich auf folgende, thematische Aspekte des Pro­logs fokussiert werden:4 Die Sentenz von Hartmann, das Motiv der laudatio temporis acti sowie auf die Selbstnennung des deutschen Dichters. Diese Punkte werden vor dem Hintergrund des mittelalterlichen Dichtungsverständnis der dilatatio materie analysiert, welches im ersten Kapitel genauer beleuchtet wird. Letztlich anzumerken ist, dass:

der Vergleich mit Chrétien [.] nicht dazu dienen [soll], die poetische oder ethisch­programmatische Über- oder Unterlegenheit des einen oder anderen Autors herauszu­stellen, sondern den Blick für das Vorgehen des Verfassers zu schärfen und seine Intentionen zu erschließen.5

2. Dilatatio materie

Und um so schwieriger desto lobenswerter ist es, eine solche, nämlich allgemein bekannte und gewohnte Materie gut zu bearbeiten als eine andere, nämlich neue und ungewöhnliche.6

Um die Eingriffe, die Hartmann in seinem Prolog im Gegensatz Chrétiens Prolog unternommen hat, nachvollziehen zu können, ist es elementar, die Gegebenheiten und Ansprüche der mittelal­terlichen Dichtkunst darzulegen. Mittelalterliche Romane sind vor allem durch die Übertragung von romanischen oder lateinischen Vorlagen charakterisiert.7 Im Gegensatz zur heutigen Zeit, wo es üblich zu sein scheint, den Rezipienten einen neu erdachten Stoff zu vermitteln, liegt der Fokus mittelalterlicher Dichter nicht auf dem Schaffen neuer ma’re, sondern auf dessen Reproduktion. Vielmehr soll eine bereits vorhandene materia so bearbeitet werden, dass die Summe und Intensi­tät der Abweichungen zum Original ein eigenes, neues Werk erschaffen, wobei der wesentliche Inhalt unangetastet bleibt.8

Nicht nur das französische Bildungswesen ist im 12. Jahrhundert dem deutschen voraus, sondern auch die Hofkultur, die vor allem als Vorbild der literarischen Hofdichtung fungiert und sich in­folgedessen zum Zentrum der deutschen Nachahmung entwickelt. Die deutschen Rezipienten be­trachten die neuen höfischen Ideale Frankreichs als Vorbildhaft und beanspruchen diese nun zu­nehmend in volkssprachlich verbreiteter Literatur.9 Insofern spielt zum Ende des 12. Jahrhunderts die Adaption französischer Vorlagen für die Entwicklung der deutschen höfischen Dichtung eine immense Rolle.10 Die Erwartungshaltung der Rezipienten fokussiert sich hierbei besonders auf die „Überliefertheit des Erzählten“.11 Die poeta sollen sich an einen bereits überlieferten Stoff orien­tieren, da die mittelalterlichen Hörer arbiträre Erfindungen eher negieren.12 Diese dichterische Neugestaltung des bereits Bekannten gilt zum einen als Kunst und wird zum anderen sogar unter höhere Ansprüche als das eigene Erfinden von Inhalten gestellt.13 In diesem Zusammenhang stellt die Orientierung eines Erzählers an ein französisches Original ein wesentliches Qualitätsmerkmal für die deutschen Rezipienten im 12. Jahrhundert dar.14 Eine in der mittelalterlichen Poetik zent­rale, rhetorische Verfahrensweise manifestiert sich also in der Adaption eines bereits existierenden Stoffes und der damit verbundenen Ausweitung: der dilatatio materiae.15 Vor diesem Hintergrund prägt Franz-Joseph Worstbrock den Begriff des ,Wiedererzählens‘ als „fundamentale allgemeinste Kategorie mittelalterlicher Erzählpoetik“.16 Mit der Schöpfung des Begriffs des ,Wiedererzählens‘ in Bezug auf die Bearbeitung von Originalen veranschaulicht Wortbrock die höfische Dichtkunst des Mittelalters, in der sich die Dichter die existierende materia zu eigen machen und sie künstle­risch so bearbeiteten, dass mittels einer „Anpassung an die jeweilige konkrete zeitgenössische Le­bens- und Gebrauchssituation des (Ziel)Publikums“ ein eigenständiges Werk geschaffen werden kann.17 Dass eine reine Übersetzungsleistung nicht ausreichend ist, spiegelt sich somit auch in der Gebundenheit des Dichters an die Erwartungshaltung des betreffenden Publikums wider.18

Im weiteren Verlauf der Arbeit soll gezeigt werden, inwieweit Hartmann den Prolog von Chrétien bearbeitet. Außerdem sollen Thesen aufgestellt werden, warum Hartmann gewisse Veränderungen vornimmt.

3. Ein Vergleich der,Iwein 7, Yvain' -Prologe

3.1 Hartmanns Exordialsentenz

Bereits in den Eingangsversen von Hartmanns Prolog zeigen sich erste strukturelle Unterschiede im Gegensatz zum Prologaufbau von Chrétien. Diese sind in der mediävistischen Literaturwissen­schaft daher oft thematisierter und interpretierter Gegenstand, wenn es um die Prologkonzeptionen der beiden Autoren geht.19 Hartmann beginnt mit einer Exordialsentenz:

Swer an rehte güete wendet sin gemüete, dem volget saelde und ere.

(,Iwein‘, V. 1-3)20

Durch den Beginn mit einer allgemeinen Lebensweisheit folgt Hartmann hier dem Aufbau eines prototypischen Prologs der mittelalterlichen Dichtungstheorie, die sich stark an die antike Rhetorik und speziell and die Besonderheiten der Gesprächssituation in der Gerichtsrede anlehnt. Im Prolog geht es vor allem darum, sich an die Rezipienten zu wenden, ihre Aufmerksamkeit und Sympathien zu generieren und sie über das eigene Anliegen aufzuklären. Der Beginn mit einer Sentenz stellt die Aussage dieser an die Spitze des Werks und verleiht dem Werk selbst eine allgemeingültige Bedeutung. Hartmann nimmt also hier das direkte Gespräch mit seinen Empfängern, dem mittel­alterlichen Publikum, auf.21 Während Chrétien in seinem ,Erec‘-Prolog noch auf selbige Weise mit dem Einstieg eines Sprichwortes beginnt, verfährt er beim ,Yvain‘ gänzlich anders. Er eröffnet mit einem adjunctum personis und steigt direkt in die Handlung um das Pfingstfest am Hof von König Artus ein:22

Bereits diese Gegenüberstellung beider Prolog-Einstiege verdeutlichen Hartmanns Bearbeitung. Er versteht die literaturtheoretische Konzeption Chrétiens, der bei seinem ,Yvain‘-Prolog ein eher lockeres Strukturmodel wählt und konzipiert es für das deutsche Publikum strenger. Der Franzose steigt direkt in die Handlung ein und verzichtet somit auf einen prototypischen Prolog-Aufbau. Nichtsdestotrotz lassen sich bei Chrétien durchaus Prolog-Elemente finden, die Hartmann auf­greift und nach dem Vorbild mittelalterlicher Dichtkunst ausbaut.23 Die vorgeschaltete Sentenz des Deutschen (,Iw., V.1-3.) ist beeinflusst von der Lehre Chrétiens, die durch König Artus Vorbildlichkeit verspricht: Artus, li buens rois de Bretainge (,Yv.‘, V. 1). Buens (,Yv.‘, V.1.) beim Franzosen spiegelt sich bei Hartmann in der Sentenz und vor allem im Ausdruck der güete (Iw., V. 1.) wider - er weitet die Lehre Chrétiens aus und vereinfacht sie durch Verallgemeinerung in einer Exordialsentenz.24. Nach Ruh wird somit güete als größter „Lebenswert“ dargestellt, nach der es zu streben gilt.25 Begründet wird die aufgeführte Lebensweisheit vom Deutschen mit einem exemplum, das einen weiteren prologtypischen Aspekt erfüllt: des git gewisse lère (,Iw.‘, V. 4.), die sich um künec Artus den guote[n] handeln (,Iw.‘, V. 5.), der mit riters muote /nach lobe künde striten. (,Iw.‘, V. 6-7).26 Artus wird als Vorbildfigur höfisch-ritterlicher Werte, die einen Men­schen zu swlde und ère (,Iw.‘, V. 3) führen und steht somit symbolhaft für eine Idealwelt der höfischen Gesellschaft, ohne selbst in Aktivität treten zu müssen.27 Es wird deutlich, dass Hart­mann die ersten drei Verse der Vorlage adaptiert und diese sich mittels Umgestaltung in den Ver­sen 1-7 des ,Iwein‘-Prologs widerspiegeln.

Mit der Nennung des König Artus wird bei beiden Autoren ein Gattungssignal für die Rezipieren­den gesetzt. Seit der literarischen Existenz der Historia Regum Britanniae wird Artus bonitas zu­gesprochen, der einen idealen König repräsentiert und alle höfisch-ritterlichen Tugenden in sich vereint. Hartmann adaptiert diesen epideiktischen Topos „Gut“ des proemiums, der für die altfran­zösische Literatur üblich ist und baut diesen in den Versen 1-20 aus.28 Es kommt hier nicht wie bei der französischen Vorlage zur Schilderung des Artusfestes, das als Ausgangssituation des Pro­logs dient, sondern eben zur Ausweitung des von Chrétien dargestellten Motivs des Artuslobs (,Iw.‘, V. 5-20), welches sich beim Franzosen erst am Ende seines Prologs finden lässt (,Yv.‘, V. 35-41). [29] Mit dieser Übernahme des Motivs strebe der Deutsche nach Mertens jedoch kein „ethi­sches Programm“ an, sondern wolle lediglich die Beispielhaftigkeit des König Artus als Gattungs­signal beteuern und in diesem Zusammenhang auf die Relevanz der Erzählung gewisse lère (,Iw.‘, V. 4) und die damit zusammenhängende Tradition verweisen.30 Es zeigt sich, dass Hartmann spe­zielle Elemente der Vorlage übernimmt, diese jedoch oftmals durch Erweiterungen und Vereinfachungen verändert, um das Verstehen seines Publikums zu unterstützen. Das altfranzösi­sche Publikum hingegen hat mehr literarische Erfahrung und benötigt daher weniger Unterstüt­zung durch Erklärungen des Autors.31 Vor diesem Hintergrund ist es nach Mertens sehr wahr­scheinlich, dass aufgrund der hohen Erfahrenheit des französischen Publikums, Chrétien beim ,Yvain‘ weder eine Sentenz, noch wie im ,Erec‘ prologtypische Strukturelemente heranzieht, da seine Rezipienten der „herkömmlichen Topik“ bereits leid waren.32 Eine vor allem Publikumskon­stitutive Bearbeitung der Vorlage kann sich anhand der vorgestellten Aspekte erkennen lassen.33 Hartmann fokussiert sich auf theoretische und inhaltliche Elemente aus dem Prolog der Vorlage und gestaltet diese nach dem mittelalterlichen Dichtungsverständnis so um, dass ein eigenständi­ger Prolog entsteht.34 Dies soll auch im nächsten Kapitel aufgezeigt werden, welches das Element der laudatio temporis acti und die Selbstnennung des deutschen Dichters thematisiert.

[...]


1 Lieb (2020), S. 131.

2 Nusser (2012), S. 180-185.

3 Lieb (2020), S. 133. Allein innerhalb der Jahre 1989-2018 verzeichnet die Bibliographie der deutschen Sprache über 155 Forschungsbeiträge, die im Titel ,Iwein‘ beinhalten. Es existiert eine enorme Fülle an wissenschaftlicher Literatur zu diesem Thema, denn Beiträge, ohne die soeben genannte Nennung des ,Iweins‘ im Titel, sind mindes­tens zweimal so häufig existent.

4 Wie bereits angedeutet, können nicht die gesamten Verse der Prologe genau analysiert, interpretiert und hier vorge­stellt werden. Einige Textstellen werden daher nur kurz, oder gar nicht angerissen. Wichtig ist hierbei noch zu erwäh­nen, dass die Prologe daher auch nicht vor dem Hintergrund der beiden Romane analysiert werden können. - Nur an einer Stelle wird auf den Inhalt des ,Iwein‘-Werkes verwiesen. Ebenfalls kann auch der ,Erec‘-Prolog von Chrétien jeweils nur kurz an gewissen Stellen herangeführt werden, obwohl dieser in Bezug auf den Prolog des ,Iwein‘ sowohl in der Forschung, als auch in dieser Arbeit, einen wichtigen Stellenwert einnimmt. Zentrierter Analysegegenstand soll vor allem der deutsche Text sein, weshalb dieser auch öfter zitiert wird. An den vorgestellten Zitaten soll sich Hart­manns Bearbeitung exemplarisch verdeutlichen. Des Weiteren wird die Struktur bzw. der Aufbau der Werke, wie beispielsweise das intendierte Einsetzten von Reimschemata oder der genaue Strophen- und Versaufbau, weniger beachtet. Primäre Analysegrundlage werden die in Kapitel 2 angesprochenen mittelalterlichen Techniken von Aus­weitung und Raffung darstellen. Nichtsdestotrotz wird, wenn für das Herausstellen des Vergleichs notwendig ange­sehen, auch auf das Einsetzten von sprachlichen Mitteln (z.B. rhetorische Mittel, Stilmittel) eingegangen. Auch kann der „prototypische“ mittelalterliche Prologaufbau nach Henning Brinkmann jeweils nur kurz in die Analyse einge­flochten werden. Brinkmann (1966).

5 Mertens (1998), S. 52.

6 Gottfried von Vinsauf in seinem Lehrbuch der Dichtung: Documentum de modo et arte dictandi et versificandi, Mertens (1998), S. 52.

7 Worstbrock (1985), S. 1. Der Begriff des Übertragens umfasst verschiedene Teildisziplinen in der mittelalterlichen Forschung und bezieht sich auf die unterschiedlichen Formen der Reproduktion. Albrecht Hausmann stellt hier heraus, dass die Reproduktion als eine Art Kulturtechnik zu verstehen sei, die es durch Traditionsbildung ermöglicht, Varia­tionen der Vorlage mittels Verbreitung und Verbesserungen zu schaffen. Zudem zeichnet sich das Mittelalter als Epo­che manueller Reproduktion heraus, welches die Fertigung exakter Kopien nach heutigem Verständnis überaus un­wahrscheinlich macht. Damit kann jedoch gleichzeitig eine Varianz mittels damalig angewandter Reproduktionsver­fahren und Techniken geschaffen werden. Freie Reproduktion stellt sich als Charakteristikum des Mittelalters heraus. In diesem Zusammenhang ist die exakte Äquivalenz zum Original kaum möglich, weshalb als bestimmendes Merkmal mittelalterliche Reproduktion das Merkmal der Alterität hervortritt. Bei lateinischen Vorlagen, wenn sie als wissen­schaftliche Texte fungieren, gestaltet sich die Äquivalenz zum Original höher als bei den literarischen Texten der Volkssprache. Festzuhalten ist also, dass bei der Literaturproduktion die Funktion der jeweiligen Lebensbereiche eine wichtige Rolle spielt. Hausmann nennt in diesem Zusammenhang z.B. Schule, Liturgie und Hofkultur. Hausmann (2005), S. XVII.

8 Worstbrock, (1985), S. 1f.

9 Nusser (2012), S. 179-182.

10 Backes (2005), S. 345.

11 Worstbrock (1999), S. 128.

12 Worstbrock (1999), S. 129.

13 Wortsbrock (1985), S. 9f. Auf diese besondere Erwartungshaltung des mittelalterlichen Publikums, welche stark zur heutigen Zeit kontrastiert, verweist auch das angeführte Zitat von Gottfried von Vinsauf zu Beginn des Kapitels.

14 Bumke (2005), S. 20.

15 Worstbrock (1985), S. 9.

16 Worstbrock (1999), S. 130. Worstbrock untermauert mit diesem Begriff die Wichtigkeit in der Unterscheidung zwischen Übersetzen und Wiedererzählen in der höfischen Dichtung des Mittelalters, denn eine Übersetzungsleistung der Vorlagen im heutigen Sinn liegt damals nicht im Fokus. Worstbrock (1999), S. 130. Zudem verweist Worstbrock auf die 1460 veröffentlichten Schriften von Niklas von Wyle, anhand welcher drei Merkmale herausarbeitet werden, die Niklas von Wyle als einen Übersetzer nach heutigem Verständnis definieren könnten. Zusammenfassend sind diese nach Worstbrock: Die präzise und genaue Orientierung an der sprachlichen Struktur des Originals, das Erzeugen von minimaler Differenz zum Werk sowie die Benennung des einzigen Autors, verbunden mit der nicht Inanspruch­nahme der Urheberschaft. Gleichzeitig verdeutlicht Worstbrock, dass Übersetzung nicht gleich Übersetzung ist, da die Übersetzungsleistung auch andere Verfahrensweisen als Maßstäbe setzten kann, indem z.B. eine stärkere Orien­tierung an der Verständlichkeit für alle Rezipienten gewährleistet werden soll. Zusammenfassend bringt jedoch kein mittelalterlicher Dichter Übersetzungen hervor, welches hier die Adäquatheit des Begriffs des Wiedererzählens un­termauert. Worstbrock (1999), S. 130-133. Insofern schaffen die mittelalterlichen Wiedererzähler keine Übersetzun­gen und beanspruchen bezüglich der vorgegebenen materia keinen Status als Urheber dieser, sondern betrachten sich durch das künstlerische Bearbeiten der Vorlage als eine Art „Formgeber“. Kreft (2005), S. 159.

17 Kreft (2005), S. 159.

18 Bumke (2005), S. 45.

19 Mertens (1977), S. 350.

20 Zitiert wird: Hartmann von Aue: Iwein. Text d. 7. Ausg. von Benecke, Georg Friedrich/Lachmann, Karl [u.a.], übers. u. Anm. von Thomas Cramer, 3., durchges. U. erg. Aufl., Berlin 1981.

21 Brinkmann (1966), S. 1-7.

22 Artus, li buens rois de Bretainge, / La cui proesce nos ansaingne, /Que nos soiiens preu et cortois, / Tint cort si riche come rois / A cele feste, qui tant coste, / Qu'an doit clamer la pantecosste. (,Yvain‘, V. 1-6). Zitiert wird: Chrestien de Troyes: Yvain. Übers. und eingel. von Ilse Nolting- Hauff. 2. Aufl. München 1983 (Klassische Texte des Romanischen Mittelalters in zweisprachigen Ausgaben 2), S.16f.

23 Haug (2009), S. 119f.

24 Mertens (1977), S. 350., Haug (2009), S. 122.

25 Ruh (1977), S. 13. Hier anzumerken ist, dass die ersten Verse des ,Iwein‘-Prologs vor allem der Begriff der rehten güete oftmals in der Forschung interpretiert worden sind, aus denen verschiedenste Deutungsansätze herausgearbeitet wurden. Mertens verweist hier auf drei Beispiele der wissenschaftlichen Literatur: R. Endres behauptet, dass güete immer im Zusammenhang mit caritas, misericordia und summum bonum betrachtet werden müsse. H. Egges hingegen versteht güete als „recht verstandenes Rittertum“, während D.G. Mowatt den Prolog als ironisch wahrnimmt. Mertens (1977), S. 350. Weiteres zum Begriff der rehten güete wird in den nachfolgenden Kapiteln genauer thematisiert.

26 Mertens (1977), S. 350., Brinkmann (1966), S. 7.

27 Ruh (1977), S. 13f.

28 Haug (2009), S. 124., Mertens (1977), S. 351.

29 Erst ab Vers 31 beginnt Hartmann mit der Schilderung des Pfingstfestes am Artushof und orientiert sich dort wie­der an der französischen Vorlage (,Yv‘., V. 3ff.). Auch hier wird Hartmanns Bearbeitung deutlich. Der Deutsche schildert das Fest ausführlicher und für seine Rezipienten auch bildhafter. Das Motiv des Artusfests wird übernom­men und auf insgesamt 16 Verse ausgeweitet (,Iw.‘, V. 31-47). Aufgrund des geringen Umfangs dieser Arbeit, kann der hier vorgestellte Aspekt nicht genauer analysiert und aufgezeigt werden.

30 Mertens (1977), S. 351f.

31 Ruh (1977), S. 108. Auch im weiteren Verlauf des ,Iwein‘ bedient Hartmann sich gegensätzlich zur Vorlage einfa­cher Formulierungen und liefert an einigen Stellen Erklärungen für das Publikum ab, obwohl Chrétien dies nicht tut. Hartmann versucht dadurch, Verständnislücken zu füllen und somit die Rezeption des Werkes für das deutsche, un­erfahrenere Publikum zu vereinfachen. Der Stellenwert von Erklärungen ist bei Hartmann hoch. Ruh verweist hier exemplarisch auf Laudine, deren Wankelmut von Hartmann gerechtfertigt wird (,Iw.‘, V. 1863ff.), obwohl die Vor­lage dies nicht tut und Hartmann es somit auch nicht zwangsläufig müsste. Die Orientierung am deutschen Publikum bei der dichterischen Bearbeitung zeigt sich hier also ganz besonders. Ruh (1977), S. 108.

32 Mertens (1977), S. 350.

33 Mertens (1977), S. 353.

34 Haug (2009), S. 122.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Sinnstiftende Prologe? Ein Vergleich der "Iwein/Yvain"-Prologe von Chrétien de Troyes und Hartmann von Aue
Hochschule
Universität Osnabrück
Note
1,3
Jahr
2022
Seiten
14
Katalognummer
V1284350
ISBN (Buch)
9783346739957
Sprache
Deutsch
Schlagworte
sinnstiftende, prologe, vergleich, iwein/yvain, chrétien, troyes, hartmann
Arbeit zitieren
Anonym, 2022, Sinnstiftende Prologe? Ein Vergleich der "Iwein/Yvain"-Prologe von Chrétien de Troyes und Hartmann von Aue, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1284350

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