Bei der Betrachtung der Stigmatisierungsproblematik wird klar, dass es sich um ein Phänomen handelt, welches zu einem großen Teil auf unbewußte psychische Prozesse zurückzuführen ist. Aus diesen resultieren Wahrnehmungsverzerrungen und Festlegungen, die in der Folge unter Umständen einen destruktiven Umgang aller Beteiligten mit einer vermeintlich bedrohlichen Umwelt auslösen. Eine Möglichkeit, diese Mechanismen zu verstehen und zu durchbrechen, ist die genaue und bewußte Reflexion der eigenen Einstellungen und Verhaltensweisen.
Kulturelle Bildung bezieht sich einerseits auf die Ebene des Zusammenlebens der Menschen innerhalb einer bestimmten Kultur – auf der sich ebenfalls die Stigmatisierungsproblematik vollzieht – und andererseits auf die Mittel, mit denen dieses Zusammenleben gestaltet wird. Diese Mittel bestehen hierbei aus dem weiten Bereich der Kunst als Vermittlerin sinnlicher Erfahrungen und als Gegenpol zur Rationalität.
Für die bildende Kunst psychisch behinderter Menschen wurde in den 1960er Jahren mit „Art Brut“ ein Begriff geprägt, der nachhaltig zur Anerkennung ihrer Werke und damit zu einer Veränderung und Erweiterung der gesamten Kunstszene beitrug. Diese Entwicklung wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch die Entdeckung und künstlerische Würdigung literarischer und bildnerischer Arbeiten von Patienten psychiatrischer Kliniken angestoßen.
Ein ganz deutlicher Bezug zur Fragestellung dieser Arbeit wird bei der Betrachtung des gesellschaftlichen Kontextes der 1970er Jahre deutlich, in dem im Zuge der Begründung der Antipsychiatriebewegung in Italien Kunst u. a. von den Betroffenen bewußt eingesetzt wurde, um auf gesellschaftliche Mißstände und Stigmatisierung behinderter Menschen in psychiatrischen Anstalten aufmerksam zu machen und diese Verhältnisse zu verbessern.
Anhand ausgewählter Praxisbeispiele möchte ich die unterschiedlichen Umstände, unter denen behinderte Menschen künstlerisch tätig sein können, aufzeigen. Der Fokus liegt dabei immer auf Umsetzungsweisen, die im Sinne einer Entstigmatisierung wirksam sein können. Nachdem entsprechende institutionelle Einrichtungen vorgestellt wurden, erweitere ich unter dem Stichwort der Professionalisierung den Blick auf freie Projekte, bei denen Entstigmatisierungsmerkmale besonders deutlich werden. In diesem Sinne spitze ich meine Ausführungen weiterhin auf die darstellende Kunst zu, indem ausführlich die Arbeit des Berliner Vereins Sonnenuhr e. V. beschrieben wird.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Behinderungsbegriff
3. Stigmatisierung
3.1 Entstehung
3.2 Funktion
3.3 Folgen
4. Entstigmatisierung
4.1 Teilhabe
4.2 Integration
4.3 Praktische Überlegungen
4.4 Dialogische Validierung
5. Bildung
6. Kulturelle Bildung
7. Kunst
7.1 Begriffsbestimmung
7.2 Kunst und Gesellschaft
8. Behinderte Menschen als Künstler
8.1 Historischer Überblick
8.2 Gesellschaftlicher Einfluss
8.3 Das Atelier Blaumeier
8.4 Institutionelle Umsetzungen
8.4.1 Die Kraichgauer Kunstwerkstatt
8.4.2 Das St. Josefs Stift Eisingen
8.5 Professionalität
8.5.1 Die Schlumper
8.5.2 Das Theater Thikwa
8.5.3 Sonnenuhr e. V.
8.5.3.1 Das Theater RambaZamba
8.5.3.2 Arbeitsweise und Ergebnisse
8.5.3.3 Empowerment
8.6 Rolle der Sozialpädagogik
8.7 Initiativen, Veröffentlichungen, Auszeichnungen
9. Möglichkeiten der Entstigmatisierung?
9.1 Ebene der behinderten Menschen
9.2 Ebene der nichtbehinderten Menschen
9.3 Gesellschaftliche Ebene
10. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, inwieweit das künstlerische Schaffen von Menschen mit Behinderung als wirksames Instrument zur Entstigmatisierung dienen kann. Dabei wird analysiert, wie durch künstlerische Ausdrucksformen die soziale Wahrnehmung verändert, Barrieren abgebaut und eine authentische Teilhabe an der Gesellschaft ermöglicht werden kann.
- Wissenschaftliche Einordnung des Behinderungsbegriffs und der Mechanismen von Stigmatisierung
- Bedeutung von Bildung, kultureller Bildung und Kunst für die Identitätsentwicklung
- Analyse von Praxisbeispielen (z. B. Atelier Blaumeier, Theater RambaZamba) im Kontext von Empowerment
- Die Rolle der Sozialpädagogik bei der Begleitung künstlerischer Prozesse
- Strategien zur Förderung von Teilhabe und Integration durch Kunstprojekte
Auszug aus dem Buch
3.1 Entstehung
Kategorisierungen sind die Voraussetzung für das Zustandekommen von Stigmata bzw. Stigmatisierungen. Bei der Begegnung mit fremden Menschen werden diesen antizipierend bestimmte Eigenschaften und Attribute zugewiesen, die mit normativen Erwartungen verknüpft sind, und die sich somit in „rechtmäßig gestellte Anforderungen“ an das Gegenüber verwandeln (GOFFMAN 1967, S. 10). Diese von GOFFMAN sogenannte „virtuale soziale Identität“ der Person wird dann durch das Kennenlernen deren tatsächlicher Merkmale zur „aktualen sozialen Identität“. Stimmen nun die vorweggenommenen und erwarteten Eigenschaften nicht mit den real erkennbaren überein, und sind letztere darüber hinaus auch noch „von weniger wünschenswerter Art“, werden diese zum Stigma (S. 10). Nicht allein die Diskrepanz zwischen virtualer und aktualer Identität formt demnach das Stigma, sondern die „negative Definition des Merkmals“ (hohmeier-stigmatisierung.html).
Dabei ist zusätzlich zu berücksichtigen, dass nicht alle negativen Eigenschaften pauschal stigmatisiert werden, sondern nur diejenigen, die sich nicht mit der Vorstellung davon, wie jemand sein müßte, decken: „Ein und dieselbe Eigenschaft vermag den einen Typus zu stigmatisieren, während sie die Normalität eines anderen bestätigt, und ist daher als ein Ding an sich weder kreditierend noch diskreditierend“ (GOFFMAN 1967, S. 11).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung erläutert die Entstehung der Forschungsfrage aus der Auseinandersetzung mit dem Thema Behinderung und Stigmatisierung sowie die Motivation, Kunst als Interventionsmöglichkeit zu beleuchten.
2. Behinderungsbegriff: Dieses Kapitel diskutiert die Wandlung des Behinderungsbegriffs von einer defizitorientierten Perspektive hin zur ICF-basierten ressourcenorientierten Sichtweise.
3. Stigmatisierung: Das Kapitel analysiert die psychologischen und soziologischen Entstehungsprozesse, Funktionen und Folgen von Stigmatisierung für das Individuum und die Gesellschaft.
4. Entstigmatisierung: Hier werden Strategien zur Entstigmatisierung vorgestellt, die auf Teilhabe, Integration und dem Modell der dialogischen Validierung basieren.
5. Bildung: Es wird die Bedeutung von Bildung als Selbstbildung und die kritische Auseinandersetzung mit dem gegenwärtigen Bildungssystem im Hinblick auf Inklusion erörtert.
6. Kulturelle Bildung: Dieses Kapitel verknüpft ästhetische Bildung mit dem Ziel der sinnlichen Wahrnehmung und der Förderung individueller Handlungskompetenzen.
7. Kunst: Der Begriff der Kunst wird definiert, wobei der Fokus auf dem schöpferischen Prozess und der sozialen Funktion von Kunst liegt.
8. Behinderte Menschen als Künstler: Hier stehen der historische Überblick, Praxisbeispiele (wie Atelier Blaumeier, Theater Thikwa) und die Professionalisierung sowie die Rolle der Sozialpädagogik im Mittelpunkt.
9. Möglichkeiten der Entstigmatisierung?: Das Kapitel ordnet die Erkenntnisse in drei Ebenen (betroffene Menschen, nichtbehinderte Menschen, gesellschaftliche Ebene) ein und zieht erste Schlüsse.
10. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und betont, dass Kunst zwar kein Automatismus für soziale Integration ist, aber essenzielle Möglichkeiten der Entstigmatisierung eröffnet.
Schlüsselwörter
Behinderung, Stigmatisierung, Entstigmatisierung, Kunst, Kulturarbeit, Integration, Inklusion, Empowerment, Sozialpädagogik, Identitätsbildung, Theaterpädagogik, Teilhabe, Kreativität, Selbstbestimmung, Dialogische Validierung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, ob und wie das künstlerische Schaffen von Menschen mit Behinderung dazu beitragen kann, gesellschaftliche Stigmatisierungsprozesse abzubauen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Felder sind Stigmatisierungstheorie, Empowerment, Inklusion durch Kunst und Kulturarbeit sowie die Rolle sozialpädagogischen Handelns in diesem Kontext.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie künstlerische Ausdrucksformen behinderten Menschen helfen können, eine authentische Identität zu entwickeln und als gleichwertige Akteure in der Gesellschaft anerkannt zu werden.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewandt?
Es handelt sich um eine theoretische Arbeit, die soziologische Klassiker (wie Goffman) mit aktuellen Konzepten der Heilpädagogik und Sozialarbeit (Empowerment, ICF) verknüpft und durch Praxisbeispiele illustriert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Entstehung von Stigmata, die Bedeutung von Bildung und Kunst sowie konkrete Projekte wie das Atelier Blaumeier und das Theater RambaZamba.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die wichtigsten Begriffe sind Entstigmatisierung, Empowerment, Integration, Identitätsentwicklung und künstlerisches Schaffen.
Warum ist gerade das Theater für Menschen mit Behinderung ein so interessantes Medium?
Theater ermöglicht unmittelbare Kommunikation, den Ausdruck von Persönlichkeit jenseits sprachlicher Normen und macht die Akteure als "Künstler" statt als "Behinderte" sichtbar.
Welche Rolle spielt die Sozialpädagogik in künstlerischen Projekten?
Sozialpädagogen agieren hier weniger als Anleiter, sondern eher als Assistenten oder Katalysatoren, die Räume für individuellen Ausdruck und Stärkenorientierung schaffen.
Gibt es eine Garantie, dass Kunst zu Entstigmatisierung führt?
Nein, die Arbeit stellt klar, dass es keinen Automatismus gibt; Kunst bietet jedoch Möglichkeiten, die von der Bereitschaft der Gesellschaft abhängen, sich auf Neues einzulassen.
- Quote paper
- Anke Fellers (Author), 2007, Behinderte Menschen als Künstler - Möglichkeiten der Entstigmatisierung?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/128444