Wenn aus Intensivpflege palliative Pflege wird. Veränderungen in der Rolle und im Anforderungsprofil professionell Pflegender auf Intensivstationen


Bachelorarbeit, 2022

52 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theoretischer Hintergrund
2.1 Professionelle Pflege
2.2 Die Rolle der Pflegenden
2.3 Intensivstation
2.4 Wenn aus Intensivpflege Palliativpflege wird
2.5 Palliativpflege und Intensivpflege: Kongruenzen und Divergenzen
2.6 Forschungsfrage und Ziel der Arbeit

3 Methodik
3.1 Suchstrategie
3.2 Limitation
3.3 Auswahl der Studien
3.4 Bewertung der Studienqualität

4 Ergebnisse
4.1 Aufgaben der palliativen Pflege auf der Intensivstation: Erfahrungen von Pflegenden
4.2 Umsetzung der palliativen Pflege auf der Intensivstation: Erfahrungen von Pflegenden
4.3 Erwartungen der Familien an die Rolle der Pflegenden

5 Diskussion
5.1 Allgemeine Zusammenfassung der Ergebnisse
5.2 Diskussion der methodischen Vorgehensweise
5.3 Diskussion der Literaturauswahl

6 Fazit und Ausblick

7 Literaturverzeichnis

Anhang

Abstract

Wenn aus Intensivpflege palliative Pflege wird: Veränderungen in der Rolle und im Anforderungsprofil professionell Pflegender auf Inten­sivstationen Theoretischer Hintergrund: Das Therapieziel auf Intensivstationen ist eine Verbesserung des Gesundheitszustandes und das Retten von Leben. Allerdings kommt es auch auf Intensivstationen zum Tod, wodurch Pfle­gende neben den grundlegenden Kompetenzen, welche im Pflegeberufge­setz (PflBG) verankert sind, nicht nur intensivmedizinische, sondern auch palliative Kompetenzen besitzen müssen. Das Ziel dieser Bachelorthesis ist es, darzustellen, wie sich die Anforderungen an die Rolle von professionell Pflegenden auf Intensivstationen verändert, wenn aus Intensivpflege pallia­tive Pflege wird. Dazu wird folgende Forschungsfrage aufgestellt: Welche Rolle nehmen Pflegende auf der Intensivstation ein, wenn aus Intensivpflege palliative Pflege wird? Methodik: Um die Forschungsfrage zu beantworten wurde zwischen November 2021 und März 2022 eine spezifische Literatur­recherche in den Datenbanken MEDLINE (PubMed) und CINAHL (EBSCO) sowie eine Handsuche bei Google Scholar durchgeführt. Dabei konnten fünf relevante Studien extrahiert werden, welche sich mit den Erfahrungen von Pflegenden bezüglich der Thematik sowie den Erwartungen von Familien an die Rolle der Pflegenden auseinandersetzen. Ergebnisse: Durch die Aus­wertung der Studien ergibt sich ein komplexes pflegerisches Rollenbild, wel­ches Kompetenzen aus der Intensivpflege und Palliativpflege umfasst. Die Umsetzung von palliativen Kompetenzen im intensivmedizinischen Alltag, die Erwartungen von Familien sowie der Anspruch der Pflegenden an sich selbst führen zu moralischem Distress. Schlussfolgerung: Auch erfahrene Pflegende sind in diesen Situationen überfordert, wodurch sich ein Bedarf an Fortbildungen und Änderungen der Rahmenbedingungen ergibt.

Schlüsselwörter: pflegerische Rolle, Intensivstationen, palliative Pflege, Anforderungen, Kompetenzen When intensive care becomes palliative care: Changes in the role and requirement profile of professional nurses in intensive care units Theoretical background: The therapeutic goal in intensive care units is to improve health and save lives. However, death also occurs in intensive care units, which means that, in addition to the basic competences anchored in the law about the education of nurses, nurses must not only have intensive care competences, but also palliative competences. The aim of this thesis is to show how the requirements for the role of professional nurses in intensive care units change when intensive care becomes palliative care. To this end, the following research question is posed: What is the role of ICU nurses when intensive care becomes palliative care? Methods: In order to answer the research question, a specific literature search in the databases MEDLINE (PubMed) and CINAHL (EBSCO), as well as a hand search on Google scholar was conducted between November 2021 and March 2022. Five rel­evant studies were extracted, which dealt with the experiences of caregivers regarding the topic, as well as the expectations of families regarding the role of caregivers. Results: Through the analysis of the studies, a complex nurs­ing role model emerges, which includes competences from the different dis­ciplines. The implementation of palliative competences in the daily routine of intensive care, the expectations of the families, as well as the demands of the nurses on themselves lead to moral distress. Conclusion: Even experi­enced nurses are overwhelmed in these situations, which results in a need for further training and changes in the framework conditions.

Keywords: nurses, intensive care unit, palliative care, knowledge, competence

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Verwendete Schlagwörter

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

„Der Pflegealltag auf Intensivstationen ist charakterisiert durch Unwäg­barkeiten besonders im Umgang mit dem Tod. Handlungsraum und Hand­lungsgrenzen im pflegerischen Kontext werden oft neu ausgelotet und der jeweiligen Situation angepasst.“ (Junginger et al., 2008, S. 194).

Das pflegerische Ziel auf der Intensivstation ist es Patient*innen1 zu hei­len bzw. deren Gesundheitszustand zu verbessern. Der Tod wird im Kran­kenhaus als Misserfolg gedeutet (Gerhard, 2015, S. 195). Genau wie auf einer palliativen Station, kommt es auf der Intensivstation zum Tod (Jungin­ger et al., 2008, S. 214). Auf einer Palliativstation werden sterbende Pati­entinnen bis zum Tod begleitet (Ruppert & Heindl, 2019, S. 86). Dabei ste­hen die Lebensqualität und die Bedürfnisse dieser im Mittelpunkt (ebd.).

Die Aufgaben und Kompetenzen für palliative Pflege und die Pflege auf Intensivstationen sind nun aber getrennt zu betrachten, da in der Intensiv­pflege zunächst die Heilung das Therapieziel ist (ebd., S. 90 ff.). Dazu wird beispielsweise die Bedienung von technischen Anlagen und der Umgang mit kreislaufunterstützenden Medikamenten vorausgesetzt (ebd., S. 97). Es gibt Fachliteratur, die sowohl das Konzept der Intensivpflege als auch das der palliativen Pflege genauer betrachtet und den Pflegenden geforderte Kom­petenzen und Aufgabenbereiche zuordnet sowie Empfehlungen darlegt (Kränzle et al., 2014, S. 4 ff.; Larsen, 2016, S. 528 ff.). Hinzukommen pfle­gerische Kompetenzen, die beispielsweise durch die Ausbildung erlernt und in der Praxis umgesetzt werden sollen (§ 4 Pflegeberufegesetz (PflBG), 2017, o. S.). Die Rolle von Pflegenden unterscheidet sich demnach je nach Fachbereich und ist somit vielfältig.

Ruppert und Heindl (2019) haben bereits die palliative Pflege auf einer Intensivstation beschrieben, indem sie zum Beispiel Kongruenzen und Di­vergenzen der beiden Konzepte dargestellt haben und gezeigt haben, wie palliative Pflege auf Intensivstationen integriert werden kann (ebd., S. 83 ff.).

Allerdings wurde keine Literatur gefunden, die auch auf die praktische Umsetzung der palliativen Pflege auf Intensivstationen eingeht.

Nun stellt sich die Frage, welche Kompetenzen Pflegende auf einer In­tensivstation besitzen müssen, um auch palliative Patient*innen versorgen zu können. Die vorliegende Bachelorthesis erforscht die Erfahrungen von Pflegenden zu ebendiesen geforderten Kompetenzen. Außerdem werden auch die Erwartungen an die Pflegenden genauer betrachtet.

Der Titel der Thesis lautet: Wenn aus Intensivpflege palliative Pflege wird: Veränderungen in der Rolle und im Anforderungsprofil professionell Pflegender auf Intensivstationen.

Daraus ergibt sich die Forschungsfrage: Welche Rolle nehmen Pfle­gende auf der Intensivstation ein, wenn aus Intensivpflege palliative Pflege wird?

Der Begriff der „Rolle“ und des „Anforderungsprofils“ professionell Pfle­gender umfassen in dieser Thesis die Kompetenzen, Erfahrungen und ge­sellschaftliche Erwartungen an Pflegende in palliativen Situationen auf einer Intensivstation. Professionell Pflegende sind laut International Council of Nursing (ICN) (2002) Pflegende, die eine Ausbildung zur/zum Gesundheits­und Krankenpfleger*in oder zur/zum Altenpfleger*in abgeschlossen haben (ebd., o. S.).

Ziel der Thesis ist es, die Komplexität und den Anspruch an die pflege­rische Rolle in palliativen Situationen auf Intensivstationen darzustellen, um Herausforderungen und daraus entstehenden Stress im pflegerischen Beruf aufzudecken.

Um die Fragestellung zu beantworten und auf die Komplexität der pfle­gerischen Rolle in palliativen Situationen auf Intensivstationen einzugehen, wird im ersten Kapitel zunächst der theoretische Hintergrund erläutert, wel­cher die allgemeine Rolle von Pflegenden, die Rolle von Pflegenden auf In­tensivstationen und die Rolle von Pflegenden in palliativen Situationen um­fasst. Außerdem wird verdeutlicht, dass palliative Pflege auf Intensivstatio­nen auftritt.

Im dritten Kapitel wird die methodische Vorgehensweise zur Beantwor­tung der genannten Fragestellung erläutert. Im vierten Kapitel wird die ein­schlägige Literatur dargestellt, welche untergliedert ist in die Erfahrungen der Pflegenden bezüglich der pflegerischen Kompetenzen in palliativen Situati­onen auf Intensivstationen, die Umsetzung dieser Kompetenzen und die Er­wartungen der Familien an die Rolle der Pflegenden. Diese einschlägige Li­teratur wird in Kapitel fünf inhaltlich und methodisch diskutiert und anschlie­ßend wird ein Fazit gezogen.

2 Theoretischer Hintergrund

Im theoretischen Hintergrund soll die zu dem Thema vorhandene Lite­ratur vorgestellt werden. Außerdem wird zunächst genauer auf die allge­meine Rolle von Pflegenden eingegangen, um daraufhin die Rolle auf der Intensivstation zu beschreiben. Im Anschluss wird die Palliativpflege im All­gemeinen erläutert und auf die Wichtigkeit von palliativer Pflege auf Intensiv­stationen eingegangen. In dieser Erläuterung werden bereits pflegerische Kompetenzen genannt.

2.1 Professionelle Pflege

In diesem Kapitel wird die Rolle einer Pflegekraft im Allgemeinen darge­stellt, indem darauf eingegangen wird, mit welcher Zielsetzung gepflegt wird und welche Kompetenzen und Werte gefordert werden. Außerdem wird auf das Selbstverständnis der Pflegenden bezüglich ihrer Rolle eingegangen. Zunächst werden die Begriffe der „professionellen Pflege“ und der „pflegeri­schen Rolle“ werden erläutert.

Der Begriff der professionellen Pflege wird laut ICN-Kodex (2002) durch die selbstständige Planung und Betreuung von Menschen bei Krankheit oder Gesundheit und die Wiederherstellung oder Förderung von Ressourcen, da­mit sich diese aktiv in der Gesellschaft entfalten können, definiert (ebd., o. S.). Professionelle Pflege meint, laut ICN (2002), die Pflegenden mit einem Berufsabschluss in der Gesundheits- und Krankenpflege (ebd., o. S.).

Zusätzlich haben Mitarbeiterinnen des Instituts für Pflegewissenschaft in dem Projekt „Zukunft Medizin Schweiz“ zusammen mit einer Experten­gruppe eine Definition für professionelle Pflege herausgearbeitet, indem vor­handene Definitionen verglichen und gegenseitig ergänzt wurden (Spichiger, 2006, S. 45). Laut dieser Definition kümmern sich Pflegende um einzelne Personen oder auch Familien und Angehörige, verbessern den Gesund­heitszustand oder erhalten diesen, können mit palliativen Situationen umge­hen und bauen eine vertrauensvolle Beziehung zu den Patient*innen auf (ebd., S. 51). Außerdem planen sie die Pflege mit den zu Pflegenden und passen den Prozess immer wieder an die individuellen Bedürfnisse an (ebd.). Pflegende arbeiten wissenschaftlich, bilden sich selbstständig weiter und können mit anderen Professionen zusammenarbeiten (ebd.).

2.2 Die Rolle der Pflegenden

Die Rolle einer Pflegekraft wird durch Gesetze über Ausbildungs- und Finanzierungsstrukturen, von der eigenen Wahrnehmung der Pflegenden und von den Erwartungen der gesamten Gesellschaft, welche auch die Pa­tientinnen und dazugehörigen Familien umfasst, beschrieben (Hofmann, 2012, S. 1162).

Zunächst werden die Kompetenzen und Aufgaben der Pflegenden in ih­rer professionellen Rolle dargestellt.

Im PflBG (2017) wird das Ziel der Pflegeausbildung und die darin ent­haltenen pflegerischen Tätigkeiten im § 5 dargestellt, welche im Folgenden zusammengefasst werden (ebd., o. S.):

Pflegende sollen selbstständig arbeiten und sich stets weiterbilden (ebd.).

In § 5 Absatz 2 PflBG (2017) wird Folgendes angeführt:

Pflege im Sinne des Absatzes 1 umfasst präventive, kurative, rehabili­tative, palliative und sozialpflegerisch Maßnahmen zur Erhaltung, För­derung, Wiedererlangung oder Verbesserung der physischen und psy­chischen Situation der zu pflegenden Menschen, ihre Beratung sowie ihre Begleitung in allen Lebensphasen und die Begleitung Sterbender [...]. (§ 5 Absatz 2 PflBG, 2017, o. S.)

Diese Aussage umfasst bereits Kompetenzen in der palliativen Pflege, auf welche im Folgenden noch genauer Bezug genommen wird.

Pflegende finden heraus, welchen Bedarf die Patient*innen haben und passen die pflegerischen Tätigkeiten daran an (§ 5 Absatz 2 PflBG, 2017, o. S.). Zudem durchlaufen sie diesen Prozess eigenständig und erhalten die Qualität der Pflege (ebd.). Der Pflegeprozess wird dabei immer wieder neu geplant, angepasst und evaluiert (ebd.). Sie pflegen präventiv und zum Wohle der Patientinnen und richten sich auf die Gesundheit aus (ebd.). Da­bei können auch die Familien miteinbezogen werden (ebd.). Pflegende ver- treten eine beratende Rolle und helfen den Patient*innen dabei, ihren Le­benssinn zu erhalten und sich mit Gesundheit und Krankheit auseinander­zusetzen (ebd.). Die Ressourcen der Patient*innen werden stets miteinbe­zogen und genutzt (ebd.).

Pflegende sind zu verstehen als eine ärztliche Assistenz, indem sie an­geordnete Maßnahmen ausführen und den Ärzt*innen bei Behandlungen zur Seite stehen (ebd.).

Auch die interprofessionelle Zusammenarbeit und die Kommunikation im Team ist eine pflegerische Kompetenz (ebd.).

Es fällt auf, dass erwartete Kompetenzen und Werte genannt werden, allerdings fehlen in den Definitionen die genauen Grenzen der Aufgabenbe­reiche.

Neben der Arbeit an den Patient*innen haben Pflegende weitere Aufga­ben in der Administration, Planung und Organisation von Aufnahmen und Entlassungen sowie Gespräche mit Familien, das Erfüllen der von den Ärzt*innen delegierten Aufgaben (ebd.).

Auch Badura und Feuerstein (1996) gehen auf die Rolle von Pflegenden ein: Während Ärzt*innen Leben retten und Krankheiten heilen möchten, kommen den Pflegenden die Aufgaben der Schmerzbekämpfung, Gefühls­beobachtung, Beratung und der holistischen Pflege zu (Badura & Feuerstein, 1996, S. 48ff.).

Bei den Pflegenden werden sowohl technische als auch Kompetenzen der Interaktion vorausgesetzt (ebd.). Pflegende können durch die Ansprüche in Kombination mit dem Personalmangel überfordert sein (ebd.).

Nikolic et al. (2019) sagt, dass laut ICN-Kodex (2012) die allgemeinen Aufgaben von Pflegepersonen sind, die Gesundheit zu fördern, Krankheit zu verhüten, Gesundheit wiederherzustellen und Leiden zu lindern (ebd., S. 74, zit. n. ICN, 2012, o. S.). Außerdem eignen sich Pflegende in deren Ausbil­dung fachliche, soziale, ethische und Selbstkompetenz an sowie Regeln der Kommunikation (ebd.). Sie entwickeln eine psychische Widerstandsfähigkeit und halten Selbstfürsorge, um mit emotionalen Belastungen umzugehen (ebd., S. 76).

Sowohl Hofmann (2012), als auch Huber (2019) meinen, dass die Rolle der Pflege fremdgesteuert definiert wird (ebd., S. 1162; ebd., S. 163 f.).

Auch Stüber (2013) betont, dass es für Pflegende schwer ist, ihr eigenes Berufsethos genau zu benennen, denn lange war die Pflege ein von den Ärzt*innen unterdrückter Beruf (Huber, 2019, S. 163 f.). Hinzukommt, dass in der Pflege lange Zeit der Fokus auf die Fürsorge für die Patient*innen ge­legt wurde und weniger auf die Selbstfürsorge, sodass es für Pflegende heute noch schwierig ist, ihr Berufsethos bzw. die genauen Aufgaben und Pflichten zu benennen (ebd.).

Bisherige Berufserfahrung soll den Pflegenden helfen, in der Praxis von­einander zu lernen (Koch-Straube, 2008, S. 31 f.). Die pflegerische Arbeit kann somit für Berufseinsteiger überfordernd sein (ebd.). Aber auch Berufs­erfahrene können in neuen Situationen immer wieder auf Überforderung sto­ßen (ebd.).

Zusammenfassend fällt auf, dass die Definition der Rolle einer Pflege­kraft sehr vielfältig ist und dass von Pflegenden eine Vielzahl an Kompeten­zen und Werten erwartet wird, die die pflegerische Rolle beinhalten soll. Klare Aufgabenbereiche werden nicht festgelegt. Auch die Rahmenbedin­gungen, Unvorhersehbarkeiten des Alltags im Krankenhaus, Hierarchien und die Berufserfahrung haben Einfluss auf die pflegerische Rolle.

Die Anforderungen an die Rolle der Pflegenden steigen durch den de­mografischen Wandel, indem die Patient*innen älter und die Erkrankungen komplexer werden (Becker, 2017, S. 20 f.). Durch die steigenden Anforde­rungen kam es in den letzten Jahren zu einem Fachkräftemangel und die Attraktivität des Pflegeberufes nahm ab (ebd.). Diese Faktoren führen zu suboptimalen Rahmenbedingungen und nehmen zusätzlich zu der Komple­xität der pflegerischen Kompetenzen, einen negativen Einfluss auf die Arbeit der Pflegenden (ebd.).

2.3 Intensivstation

Im Folgenden wird die Konzeption der Intensivstation vorgestellt und auf die Rolle der Pflegenden in diesem Setting eingegangen.

Die Pflege auf einer Intensivstation kann als eigenes Konzept betrachtet und definiert werden: In der Intensivmedizin werden Patient*innen versorgt, die schweren Erkrankungen unterliegen (Larsen, 2016, S. 501). Hierbei spielt sowohl das ärztliche als auch das pflegerische Personal eine wichtige Rolle in der Überwachung und Versorgung (ebd.). Das Ziel der Intensivpflege ist es, den Gesundheitszustand der Patient*innen zu verbessern, was durch einen sinnvoll geplanten Pflegeprozess erfolgen soll (ebd., S. 529).

Im Gegensatz zu Normalstationen kommen hier hoch technisierte Be­handlungskonzepte und Therapien zum Einsatz und eine spezifische Pflege wird durchgeführt (ebd.). Larsen (2016) definiert Intensivpflege so: „Die In­tensivpflege umfasst die ganzheitliche Pflege und Versorgung von Patienten mit akuten, lebensbedrohlichen Erkrankungen, weiterhin die palliative Ver­sorgung unheilbar Erkrankter einschließlich Sterbebegleitung“ (ebd., S. 529).

In dieser Definition tauchen, wie auch schon in Kapitel 2.1 die Begriffe der palliativen Pflege und Begleitung bis hin zu Tod auf, weshalb palliative Kompetenzen und der Umgang mit Tod und Sterben auf Intensivstationen vorausgesetzt wird. Auch Heindl (2019) benennt diese Kompetenzen (ebd., S. 41). Pflegende sollen Patient*innen würdevoll behandeln, auf die Bedürf­nisse eingehen, auf eine angenehme und ruhige Umgebung achten und Stress vermeiden (Larsen, 2016, S. 524).

Neben den in Kapitel 2.1 erwähnten pflegerischen Aufgaben, müssen Pflegende auf einer Intensivstation vor allem hochtechnisierte Geräte bedie­nen und verstehen, um die Patient*innen adäquat überwachen können (Lar­sen, 2016, S. 503). Pflegende sollen in der Lage sein, in unvorhersehbaren Situationen richtig zu handeln und dies begründen zu können (Junginger et al., 2008, S. 190). Hinzukommt, dass Wissen und Können der Pflegenden in Bezug auf Krankheitsbilder und Notfallsituationen im interdisziplinären Team vorausgesetzt wird (Larsen, 2016, S. 503). Sie sind eine ärztliche Assistenz und führen delegierte Aufgaben aus (ebd., S. 529). Pflegende stellen eine Verbindung zwischen den Patient*innen und dem medizinischen Team her, da sie die meiste Zeit mit den Patient*innen verbringen und den Krankheits­zustand sowie das Wohlbefinden am besten einschätzen können (ebd., S. 520 f.). Andere Professionen befragen die Pflegenden zum Wohlbefinden der Patient*innen, wodurch Pflegende sich als hauptverantwortlich fühlen (ebd.). Diese Erwartung kann bei den Pflegenden zu moralischem Stress führen (ebd.).

Sowohl die Körperpflege, als auch andere pflegerische Maßnahmen spielen auf der Intensivstation eine wichtige Rolle: Kenntnisse über die La­gerung der Patient*innen sind vorausgesetzt, da die Patient*innen oft in ihren Bewegungen und der körperlichen Wahrnehmung eingeschränkt sind (ebd., S. 541 ff.). Somit kann die Körperwahrnehmung und das Sicherheitsgefühl der Patient*innen gesteigert werden (ebd.). Hinzu kommen Prophylaxen und die Pflege und der Umgang mit verschiedenen von Zu- und Ableitungen (ebd., S. 544 ff.). Auch Verbandswechsel und spezielle pflegerische Aufga­ben, wie die basale Stimulation werden durchgeführt (ebd., S. 551 ff.).

Die pflegerischen Aufgaben können noch weiter ausgeführt werden, wo­rauf in dieser Arbeit verzichtet wird, da es um die Rolle der Pflegenden im Allgemeinen geht. Pflegende auf Intensivstationen nehmen verschiedene Rollen ein, welche soeben aufgeführt wurden und werden in der Konzeption der Intensivstation immer wieder mit unvorhersehbaren Situationen konfron­tiert. Eine Vielzahl an genannten Kompetenzen wird gefordert und es kom­men immer wieder neue Aufgaben hinzu. Auch die palliative Pflege und die Begleitung bis zum Tod der Patient*innen werden als Kompetenz in der Kon­zeption einer Intensivstation vorausgesetzt, weshalb im Folgenden auf den Übergang von der Intensivpflege zur palliativen Pflege eingegangen wird. Dazu wird das Konzept der palliativen Pflege genauer erläutert.

2.4 Wenn aus Intensivpflege Palliativpflege wird

In der Intensivpflege werden verschiedene Kompetenzen gefordert, wel­che auch palliative Kompetenzen umfassen. Diese palliativen Kompetenzen werden in dem Ausbildungsziel (s. Kapitel 2.1) sowie in der Definition der Intensivpflege (s. Kapitel 2.2) bereits behandelt.

Auch wenn es auf der Intensivstation primär um das Retten des Lebens geht, kommt es zum Tod (Geuder-Mayrhofer et al., 2019, S. 178).

Was aber ist palliative Pflege im Gegensatz zu der Intensivpflege und welche Kompetenzen werden bei der palliativen Pflege von Pflegenden ge­fordert?

Nach Nikolic et al. (2019) bezieht sich die palliative Pflege „sehr stark auf die ethischen Prinzipien Autonomie, Fürsorge und Würde, wobei die Be­dürfnisorientierung und Erhaltung bzw. Verbesserung der Lebensqualität zentral stehen“ (ebd., S. 61). Laut dieser Definition werden palliative Pati­entinnen ganzheitlich betrachtet und es wird lediglich nach deren Wünschen gehandelt. Die palliative Pflege kann ebenso als einzelnes Konzept betrach­tet werden (ebd., S. 57). Es geht außerdem darum, unangenehmen Symp­tomen entgegenzusteuern, um die Lebensqualität zu erhalten (Ruppert & Heindl, 2019, S. 86).

Pflegende sollen palliative Patient*innen begleiten, indem sie empa­thisch auf deren Bedürfnisse eingehen und die Familie sowie Spiritualität miteinbeziehen (Kränzle et al., 2014, S. 6). Pflegende sollen mit belastenden Situationen umgehen und im Team zusammenarbeiten können (ebd.).

Es wird zwischen der palliativen Pflege und der Sterbebegleitung unter­schieden: Sterbebegleitung ist nur ein Teil der palliativen Pflege, denn die palliative Pflege beginnt schon ab der Diagnose und die Sterbebegleitung mit den Sterbephasen (Ruppert et al., 2019, S. 14). Bei der Sterbebegleitung geht es darum, das Sterben eines Menschen durch Symptomkontrolle zu erleichtern und Fürsorge zu zeigen sowie holistisch und individuell auf den Menschen einzugehen (ebd. S. 13). Auf der Intensivstation gehen die Ster­bephasen oft fließend ineinander über bzw. sind diese schwer zu benennen, da die Patient*innen durch Maßnahmen der Beatmung und Sedierung kog­nitiv eingeschränkt sind (Heindl, 2019, S. 49). Oft weiß das Behandlungs­team nicht, was die Patient*innen wahrnehmen, weshalb eine würdevolle Pflege wichtig ist (ebd.). Das Konzept der palliativen Pflege kann den Pfle­genden auf einer Intensivstation nach Einstellung einer Therapie Orientie­rung geben (ebd.). Aufgrund dessen wird in dieser Bachelorthesis die pallia­tive Pflege mit der Pflege in der Sterbebegleitung gleichgestellt.

2.5 Palliativpflege und Intensivpflege: Kongruenzen und Di­vergenzen

Ruppert & Heindl (2019) haben das Konzept der palliativen Pflege und der Intensivpflege gegenübergestellt und somit Kongruenzen und Divergen­zen aufzeigen können (ebd., S.83 ff.). Dieser Vergleich soll nun genutzt wer­den, um das Arbeitsumfeld und die Herausforderungen und Aufgaben der Pflegenden im palliativen Bereich und der Pflegenden im intensivmedizini­schen Bereich im Vergleich darstellen zu können.

Bei der palliativen Pflege ist das Ziel auf die Bedürfnisse der Patientin­nen und Patienten einzugehen, um die Lebensqualität bis zum Ende des Le­bens zu erhalten (Ruppert & Heindl, 2019, S. 86). Auf der Intensivstation geht es eher um den Lebenserhalt bzw. die Lebensverlängerung (ebd.).

Die individuelle palliative Pflege erfolgt in Räumen, die die Wahrung der Intimsphäre erfüllen und individuell gestaltet werden können, sodass das Wohlbefinden der Patient*innen gefördert wird (ebd., S. 86 f.). Im Gegensatz dazu ist eine Intensivstation eher praktikabel eingerichtet und unruhig durch die Apparaturen (ebd.). Die oberste Priorität ist die Hygiene und engma­schige Überwachung der Patient*innen (ebd.).

Bezugspersonen können auf einer palliativen Station oft an der Pflege teilnehmen, während auf der Intensivstation der Einbezug nur beschränkt möglich ist (ebd., S. 87).

Im palliativen Setting liegt der Fokus vor allem auf der komplementären Pflege und Pflegehandlungen, die den Patient*innen guttun (ebd.). Auf der Intensivstation finden solche Pflegehandlungen selten Platz aufgrund von Zeitmangel der Pflegenden (ebd.). Die medizinische Therapie steht im Mit­telpunkt (ebd.).

In beiden Konzepten geht es um die Symptomlinderung und somit Lei­densminimierung (ebd., S. 88). Hierbei kann auf einer Intensivstation durch die genaue Überwachung häufig schnell reagiert werden (ebd.).

Die Patient*innen auf einer Intensivstation können oft durch kognitive Einschränkungen (Sedierung etc.) nicht in Entscheidungen einbezogen wer­den oder ihre Bedürfnisse äußern, wodurch Pflegende vor allem nonverbal mit diesen kommunizieren müssen (ebd., S. 89). Dies stellt die Pflegenden vor weitere Herausforderungen, denn die nonverbale Kommunikation und der Beziehungsaufbau sind daher umso wichtiger, um auf das Wohlbefinden und die Bedürfnisse eingehen zu können (ebd.). Durch komplementäre Pfle­gemaßnahmen, wie beispielsweise die basale Stimulation, kann mit den Pa- tient*innen kommuniziert werden und Vertrauen aufgebaut werden (ebd., S.149; zit. n. Bienstein & Fröhlich, 2012, o. S.). Außerdem wird die Körper­wahrnehmung der Patient*innen angeregt, was die Orientierung und das Si­cherheitsgefühl fördert (ebd.).

Die größte Divergenz liegt darin, dass es auf einer Intensivstation immer zu Notfallsituationen oder ungeplanten Aufnahmen kommen kann. Es gibt laut Ruppert vorgegebene Tagesabläufe, wie zum Beispiel die Visitenzeiten oder Zeiten der Körperpflege, und es wird Wert auf die Durchführung der Bezugspflege gelegt, aber es können immer unvorhersehbare Ereignisse auftreten, wodurch es zur mangelhaften Pflege von palliativen Patient*innen auf Intensivstation kommen kann (Ruppert & Heindl, 2019, S. 88).

Auch laut Bernhardt (2013) sind Pflegende die Hauptbezugsperson für die Patient*innen auf einer Intensivstation (ebd., S. 352). Es geht beim Über­gang zu einem palliativen Konzept für die Pflegenden darum, die Grund­pflege zu sichern und weiterhin unangenehme Symptome zu für die Pati- ent*innen zu vermeiden (ebd.). Ebenso sollte ein privater Raum für die Pati- ent*innen geschaffen werden und Besuchsregeln sollten angepasst werden (ebd.).

Die palliative Pflege und die Intensivpflege zeigen einige Divergenzen auf, welche sich auf die Einrichtung, Therapieziele und die Zeit für spezielle Pflegehandlungen beziehen. Auch Kongruenzen konnten aufgezeigt wer­den, denn die Patient*innen werden ganzheitlich betrachtet, Symptome wer­den gelindert und dadurch das Wohlbefinden und die Lebensqualität gestei­gert. Pflegende stellen in beiden Konzepten für die Patient*innen eine Haupt­bezugsperson dar.

Wie ist nun aber die subjektive Wahrnehmung der Pflegenden in Bezug auf ihre Rolle bei palliativen Patient*innen auf einer Intensivstation? Wie schätzen sie ihre eigenen Kompetenzen ein? Welche Rolle nehmen sie wirk­lich ein, wenn auf einer Intensivstation aus der Intensivpflege die palliative Pflege wird?

2.6 Forschungsfrage und Ziel der Arbeit

Es werden je nach Pflegeziel unterschiedliche Anforderungen an Pfle­gende gestellt, die sich sowohl auf Kompetenzen, die Arbeit in unterschied­lichen Settings und die interprofessionelle Zusammenarbeit sowie die Arbeit mit den Familien beziehen. Die pflegerische Rolle definiert sich außerdem durch die Erwartungen von der Gesellschaft.

Auch auf der Intensivstation kommt es zur Therapieeinstellung und zur Pflege bis zum Tod. Dadurch werden intensivmedizinische und palliative Kompetenzen vorausgesetzt, welche in den vorherigen Kapiteln dargestellt wurden. Das Ziel dieser Arbeit ist es, die Rolle der Pflegenden auf Intensiv­stationen, wenn aus Intensivpflege palliative Pflege wird, darzustellen. In die­ser Arbeit werden die Erfahrungen aus der Praxis bezüglich Kompetenzen, Anforderungen und die Gefühle der Pflegenden in dieser Arbeit genauer dar­gestellt. Daraus ergibt sich folgende Forschungsfrage: Welche Rolle nehmen Pflegende auf der Intensivstation ein, wenn aus Intensivpflege palliative Pflege wird?

3 Methodik

Als Methodik wurde ein Literaturreview durchgeführt. Bei einem Litera­turreview wird ein Überblick über die vorhandene Literatur zu dem Thema gegeben, indem sowohl qualitative als auch quantitative Studien analysiert und zusammengefasst werden (Ritschl et al., 2016, S. 52).

[...]


1 Beim Verfassen dieser Arbeit wurde die Broschüre „GCG Leitfaden zur Gestaltung wissenschaftlicher Arbeiten“ verwendet.

Ende der Leseprobe aus 52 Seiten

Details

Titel
Wenn aus Intensivpflege palliative Pflege wird. Veränderungen in der Rolle und im Anforderungsprofil professionell Pflegender auf Intensivstationen
Hochschule
HAWK Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst - Fachhochschule Hildesheim, Holzminden, Göttingen
Note
1,0
Autor
Jahr
2022
Seiten
52
Katalognummer
V1284489
Sprache
Deutsch
Schlagworte
wenn, intensivpflege, pflege, veränderungen, rolle, anforderungsprofil, pflegender, intensivstationen
Arbeit zitieren
Greta Sager (Autor:in), 2022, Wenn aus Intensivpflege palliative Pflege wird. Veränderungen in der Rolle und im Anforderungsprofil professionell Pflegender auf Intensivstationen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1284489

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