Die Arbeit setzt sich mit dem Begriff Wirtschaftsflüchtlinge auseinander. Immer wieder gehen Anschuldigungen an Flüchtlinge durch die Medien, dass die Mehrheit von ihnen Wirtschaftsflüchtlinge seien und nur nach Europa kämen, um dort ein besseres Leben zu führen. Den Höhepunkt hatte die Häufigkeit dieser Aussage wohl 2015 und 2016, wobei immer noch viele rechtspopulistische Politiker:innen Aussagen in diese Richtung treffen.
Da Begriffe wie Wirtschaftsflüchtling und seine Implikationen für viele sicherlich plausibel klingen und sie so zur Konstruktion sozialer Realitäten beitragen, muss seine Entstehung im historischen wie im definitorischen Sinne analysiert werden. Dazu sind die legalen Definitionen von Flüchtlingen und die Asylpolitik in Bezug auf Wirtschaftsflüchtlinge dahingehend zu untersuchen, ob sie durch mangelndes Erfassen der Lebensrealität von Vertriebenen unter aktuellen, globalisierten Umständen Freiraum für solche Begriffe lassen oder gar zu deren Verbreitung beitragen.
Um ein weniger auf Begriffe und dichotome Begriffspaare konzentriertes Konzept zur Untersuchung der Migrant:innen anzuwenden, die mit Wirtschaftsflüchtling gemeint sein könnten, aber auf Grundlage der Menschenrechte schutzbedürftig sind, wird das Konzept des Gewalt-Mobilitäts-Nexus Anwendung finden. Hiermit sowie mit der Untersuchung von Entscheidungsprozessen und Machtverhältnissen soll geklärt werden, inwiefern es sich bei den Migrant:innen wirklich um Wirtschaftsflüchtlinge handelt.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Definition und Diskurs
2.1 „Wirtschaftsflüchtlinge“ im politischen Diskurs
2.2 „Wirtschaftsflüchtlinge“ in rechtlicher Hinsicht
2.3 Das Verhältnis des Begriffs „Wirtschaftsflüchtlinge“ zur Flüchtlingspolitik
3. Der Gewalt-Mobilitäts-Nexus, Machtbeziehungen und Entscheidungs-prozesse
3.1 Der Gewalt-Mobilitäts-Nexus, Machtbeziehungen und Entscheidungs-prozesse im Herkunftsland
3.2 Der Gewalt-Mobilitäts-Nexus, Machtbeziehungen und Entscheidungs-prozesse im Transit
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht kritisch die Berechtigung des Begriffs „Wirtschaftsflüchtling“ vor dem Hintergrund komplexer Fluchtursachen, globaler Machtstrukturen und der tatsächlichen Entscheidungsspielräume von Migrierenden. Ziel ist es, die dichotome Unterscheidung zwischen ökonomisch motivierter Migration und Flucht zu hinterfragen und die Lebensrealität von Schutzsuchenden mittels des Konzepts des Gewalt-Mobilitäts-Nexus zu analysieren.
- Historische und definitorische Analyse des Begriffs „Wirtschaftsflüchtling“
- Kritik an restriktiven Asylkonzepten und rechtlichen Kategorisierungen
- Anwendung des Gewalt-Mobilitäts-Nexus zur Untersuchung von Fluchtursachen
- Analyse von Machtverhältnissen im Herkunftsland und während des Transits
- Untersuchung der Entscheidungsfreiheit bei Migrationsprozessen
Auszug aus dem Buch
3.2 Der Gewalt-Mobilitäts-Nexus, Machtbeziehungen und Entscheidungsprozesse im Transit
Auch die Migration selbst kann laut Bank et al. ein von Gewalt geprägter Prozess sein, was sich in Grenz-übergängen, der Überquerung des Mittelmeers und dem Geschäft des Menschenhandels widerspiegele (BANK et al. 2017, S.15). Bank et al. zufolge mangele es an „knowledge about the violent structures which emerge on boats on which people cross the seas, in camps or in shelters and informal settlements“ (ebd. S.15). Zu dem Formen physischer und psychischer Gewalt gehören Etzold zufolge „Unter-Druck-Setzen, Erpressung, Ausbeutung, Misshandlungen, sexuelle Gewalt, Folter, Freiheitsentzug, Entführung und Lösegeldforderungen und Tod(esandrohungen)“ ausgeübt durch „Soldaten, Polizisten, Grenzbeamte sowie nicht-staatliche Akteure, insbesondere Schmuggler“ sowie strukturelle Gewalt in großem Umfang (ETZOLD 2019, S.12).
Etzold zitiert hier „stark selektiv wirksame Migrations- und Grenzregime sowie humanitäre Aufnahme- und Schutzprogramme; systematische Ausgrenzung von Gesundheitsversorgung, Bildungs- und Arbeitsmöglichkeiten; in Flüchtlingslagern und Siedlungen (neu) entstehende Hierarchien und männlich dominierte Machtstrukturen; Abhängigkeit von bürokratischen Prozessen und Willkür staatlicher Akteure; Kasernierung und Warten in spezifischen ‚Räumen der Ausnahme‘ wie hotspots[sic], Transitzentren oder Erstaufnahmeeinrichtungen; sowie existentielle Unsicherheit bezüglich eigener Zukunfts- und Bleibeperspektiven“ (ebd. S.12).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik des Begriffs „Wirtschaftsflüchtling“ ein und begründet die Anwendung des Konzepts des Gewalt-Mobilitäts-Nexus zur Untersuchung der Lebensrealität von Migrierenden.
2 Definition und Diskurs: Dieses Kapitel analysiert die Entstehung des Begriffs, seine Verwendung in der politischen Demagogie sowie die problematische rechtliche Kategorisierung von Schutzsuchenden.
2.1 „Wirtschaftsflüchtlinge“ im politischen Diskurs: Der Unterpunkt beleuchtet, wie der Begriff seit 2015 als Kampfbegriff gegen Geflüchtete instrumentalisiert wird und wie Medien sowie Politiker zur Stigmatisierung beitragen.
2.2 „Wirtschaftsflüchtlinge“ in rechtlicher Hinsicht: Hier wird die Diskrepanz zwischen der engen Flüchtlingsdefinition der Genfer Flüchtlingskonvention und der menschenrechtlichen Realität von Vertriebenen diskutiert.
2.3 Das Verhältnis des Begriffs „Wirtschaftsflüchtlinge“ zur Flüchtlingspolitik: Dieser Abschnitt thematisiert das Spannungsfeld zwischen Asylrecht, nationalen Eigeninteressen und der politischen Fabrikation des „Asylmissbrauchs“.
3. Der Gewalt-Mobilitäts-Nexus, Machtbeziehungen und Entscheidungs-prozesse: Dieses Kapitel führt das theoretische Konzept ein, um jenseits binärer Label zu verstehen, unter welchen Bedingungen und durch welche Gewaltstrukturen Migration erzwungen wird.
3.1 Der Gewalt-Mobilitäts-Nexus, Machtbeziehungen und Entscheidungs-prozesse im Herkunftsland: Der Text untersucht hier strukturelle Gewalt, Armut und staatliche Fragilität als maßgebliche Treiber von Migration im Herkunftsland.
3.2 Der Gewalt-Mobilitäts-Nexus, Machtbeziehungen und Entscheidungs-prozesse im Transit: Es wird analysiert, wie Migration während des Transits zu einem gewaltgeprägten Prozess wird, der durch Grenzregime und prekäre Sicherheitslagen gekennzeichnet ist.
4. Fazit: Das Fazit stellt fest, dass der konventionelle Flüchtlingsbegriff unzureichend ist und der Begriff „Wirtschaftsflüchtling“ die komplexe und oft lebensbedrohliche Realität der Flucht unzulässig verharmlost.
Schlüsselwörter
Wirtschaftsflüchtling, Gewalt-Mobilitäts-Nexus, Fluchtmigration, Asylpolitik, strukturelle Gewalt, Migrationsentscheidungen, Menschenrechte, Überlebensmigration, Machtverhältnisse, Grenzregime, Diskursanalyse, Prekarität, Fluchtursachen, soziale Gerechtigkeit, Migrationsindustrie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert kritisch die Berechtigung des politisch verwendeten Begriffs „Wirtschaftsflüchtling“ gegenüber der komplexen Realität von Fluchtursachen und Machtstrukturen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die De-Konstruktion des „Wirtschaftsflüchtlings“-Labels, die Rolle von struktureller Gewalt bei Fluchtbewegungen und die Analyse von Entscheidungsräumen von Migrierenden.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, dass der Begriff „Wirtschaftsflüchtling“ unzulässig vereinfacht und von den realen, oft gewaltgeprägten Lebensumständen der Menschen ablenkt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt den theoretischen Ansatz des Gewalt-Mobilitäts-Nexus, um Migration ganzheitlich und unter Einbeziehung von Machtverhältnissen zu analysieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden sowohl die diskursiven und rechtlichen Grundlagen des Begriffs untersucht als auch die Gewaltstrukturen, denen Migrierende im Herkunftsland und während des Transits ausgesetzt sind.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Kernbegriffe sind Wirtschaftsflüchtling, Gewalt-Mobilitäts-Nexus, menschenrechtliche Perspektive, strukturelle Gewalt und Machtgefälle.
Warum wird der Begriff „Wirtschaftsflüchtling“ als problematisch erachtet?
Er verschleiert die Tatsache, dass sozioökonomische Not oft untrennbar mit struktureller Gewalt und Menschenrechtsverletzungen verbunden ist, und dient der politischen Stigmatisierung.
Wie beeinflusst der Transitprozess die Migranten laut den Ergebnissen?
Der Transit wird als hochgradig gewaltgeprägter Prozess identifiziert, in dem Migrierende durch das moderne Grenzregime, Menschenhandel und prekäre Lebensbedingungen ihre Handlungsfähigkeit verlieren.
- Citar trabajo
- Sebastian Brandt (Autor), 2022, Beurteilung des Begriffs Wirtschaftsflüchtling. Fluchtursachen, globale und lokale Machtbeziehungen sowie Entscheidungsprozesse von Migrierenden, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1285458