Die Rolle als soziologische Kategorie hat einen ebenso naheliegenden, wie auch undefinierten Charakter. Die Alltagssprache verwendet diesen Begriff in vielerlei Zusammenhängen von der kulinarischen Teigrolle über die sportliche Bodenrolle bis zur theatralischen Bühnenrolle. Allen Verwendungen wohnt aus etymologischer Sicht etwas „Rundes inne, was auf der Herkunft des Begriffes vom Lateinischen rotula für kleines Rad beruht" (Coburn-Staege 1973: 9). Die umgangssprachliche Leichtigkeit des Begriffs macht es der sozialen Rolle schwer, sich als soziologischer Begriff eine theoretische Nische zu suchen, wie zum Beispiel die aus der Umgangssprache herausgelösten Fachtermini Norm, Sanktion oder Sozialisation.
Dabei ist das Prinzip, welches eine Rolle im sozialen Kontext ausfüllt, bereits in der Anfangsliteratur der Disziplin implizit erwähnt worden. So sprach Durkheim (König 1984) von einem äußeren Zwang, der von der Gesellschaft auf das Verhalten des Einzelnen wirkt. An die strukturelle Eingliederung des Subjekts in seine Umwelt, welche Durkheim beschrieb, knüpften in der Folge explizite Rollenkonzepte an.
Um die Aufnahme des Begriffs in die soziologische Terminologie machten sich eine überschaubare Anzahl von Soziologen verdient, die dem Konzept in gegenseitigem Rekurs ein Profil verliehen. Ohne die Geschichte der Rolle in der Soziologie aus Kapitel 2 vorwegnehmen zu wollen, legten Robert K. Merton und Erving Goffman sehr differenzierte und für die Folgeforschung fruchtbare Konzepte einer sozialen Rolle vor. Der Elaboration und dem Vergleich dieser Konzeptionen soll diese Arbeit gewidmet sein.
Eine umfassende Eingliederung von Merton und Goffman ist jedoch nicht möglich, ohne im besonderen auf einschlägige Vorarbeiten von Linton und Mead einzugehen. Der Sinnzusammenhang soll im zweiten Kapitel vorgestellt werden, bevor Merton und Goffman zunächst gesondert anhand ihrer Kernbegriffe Rollen-Set und Rollendistanz nachvollzogen werden. In der Integration und Synthese ihrer Ansätze werden a priorische Unterschiede in der Methodologie aufgezeigt und der Versuch unternommen, trotzdem Konvergenzen zu entdecken.
Insgesamt wäre dieses Thema in seinem Umfang einer ausführlicheren Betrachtung, als der vorliegenden, durchaus gewachsen. Jedoch ist der Anspruch dieser Arbeit die Rollenkonzeptionen von Merton und Goffman im Wesentlichen nachzuvollziehen und ineinander integrieren zu können.
Inhaltsverzeichnis
1. Hinführung
2. Die Geschichte des Rollen-Begriffs in der Soziologie
2.1Der Strukturansatz: Linton, Parsons, Merton
2.2Der interaktionistische Ansatz: Mead, Turner, Goffman
3. Robert K. Mertons Soziologie
3.1 Der Rollen-Set
3.2Mechanismen zur Integration der Rollen im Rollen-Set
4. Die Soziologie von Erving Goffman
4.1Die soziale Rolle bei Erving Goffman
4.2Rollendistanz
4.2.1 Ausdruck der Rollendistanz
4.2.2 Ursachen der Rollendistanz
5. Vergleich der sozialen Rolle von Merton und Goffman
5.1Integration
5.2Identität und Funktion
6. Synthese
7. Literatur
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit verfolgt das Ziel, die soziologischen Rollenkonzeptionen von Robert K. Merton und Erving Goffman vergleichend gegenüberzustellen und deren theoretische Ansätze ineinander zu integrieren. Die zentrale Forschungsfrage untersucht, wie die beiden Soziologen das Konzept der sozialen Rolle definieren, welche Mechanismen der Rollenintegration bzw. Rollendistanz sie beschreiben und ob trotz unterschiedlicher methodologischer Ausgangspunkte – Strukturfunktionalismus bei Merton und symbolischer Interaktionismus bei Goffman – Konvergenzen in ihren Theorien existieren.
- Historische Entwicklung des Rollenbegriffs (Linton, Mead, Moreno, Lewin)
- Mertons Konzept des Rollen-Sets und dessen Integrationsmechanismen
- Goffmans Perspektive auf die soziale Rolle und das Phänomen der Rollendistanz
- Vergleichende Analyse von Identität und sozialer Funktion in beiden Ansätzen
- Synthese der theoretischen Gemeinsamkeiten und methodischen Unterschiede
Auszug aus dem Buch
3.2 Mechanismen zur Integration der Rollen im Rollen-Set
Der erste Mechanismus den Merton ausmacht, spielt auf die Erwartungen an, die seitens der Bezugspersonen an den Inhaber des Rollen-Sets gerichtet sind. Wie geschildert stimmen die Erwartungen an die Rollenausübung nicht notwendigerweise mit den Grundsätzen des Ausübenden überein. Für den Rolleninhaber ist es nun vereinfachend seine Rolle auszuüben, wenn nicht jeder, der eine gegenläufige Erwartung hat auch daran interessiert ist, diese durchzusetzen. Für einige Mitglieder des Rollen-Sets ist die Beziehung zum Rolleninhaber schlicht zweitrangig in ihrer Wichtigkeit. Die „relative Bedeutsamkeit verschiedener Positionen“ (ebd.: 325) ist nach Merton eine grundlegende strukturelle Tatsache. Dies illustriert sich an dem Bild eines Lehrers vor seinen Schülern, von denen nicht jeder ein hohes Interesse am Unterrichtsstoff an den Tag legt. Die Vereinfachung für den Lehrer in seiner Rollenausübung liegt darin, dass nicht jeder Schüler sein Desinteresse lautstark artikuliert, was dem Lehrer die Fortführung seiner Rolle erschweren würde.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Hinführung: Die Arbeit führt in die soziologische Kategorie der Rolle ein, skizziert die Bedeutung von Merton und Goffman und erläutert den Aufbau der Untersuchung.
2. Die Geschichte des Rollen-Begriffs in der Soziologie: Dieses Kapitel betrachtet die historischen Ursprünge des Rollenkonzepts durch Linton, Mead, Moreno und Lewin und deren strukturalistische sowie interaktionistische Ausprägungen.
3. Robert K. Mertons Soziologie: Der Fokus liegt auf Mertons strukturfunktionalistischer Theorie, insbesondere seinem Konzept des Rollen-Sets und dessen Bedeutung für die soziale Struktur.
4. Die Soziologie von Erving Goffman: Hier wird Goffmans mikrosoziologischer Ansatz behandelt, der das Rollenspiel und insbesondere das Konzept der Rollendistanz zur Analyse von Interaktionsordnungen nutzt.
5. Vergleich der sozialen Rolle von Merton und Goffman: Dieses Kapitel vergleicht beide Soziologen hinsichtlich ihrer Herangehensweise an Integration, Identität und Funktion und zeigt Parallelen sowie Unterschiede auf.
6. Synthese: Die Synthese führt die Erkenntnisse zusammen und stellt fest, dass sich Merton und Goffman durch unterschiedliche methodologische Schwerpunkte ergänzen, statt einander grundlegend zu widersprechen.
Schlüsselwörter
Soziale Rolle, Robert K. Merton, Erving Goffman, Rollen-Set, Rollendistanz, Strukturfunktionalismus, Symbolischer Interaktionismus, Identität, Interaktion, Status, Soziologische Theorie, Rollenintegration, Rollenkonflikt, Aktivitätssystem, Theorie mittlerer Reichweite.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit bietet eine vergleichende Untersuchung der Rollenkonzeptionen von Robert K. Merton und Erving Goffman, um deren Verständnis sozialer Rollen in der Soziologie nachzuvollziehen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Zentrum stehen die Konzepte des "Rollen-Set" (Merton) und der "Rollendistanz" (Goffman) sowie die Frage, wie Individuen ihre Identität innerhalb sozialer Strukturen verwalten.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die Unterschiede zwischen dem strukturfunktionalistischen Ansatz von Merton und dem interaktionistischen Ansatz von Goffman aufzuzeigen und Konvergenzen in ihrer Analyse der sozialen Rolle zu identifizieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine theoretische Literaturanalyse und die methodische Gegenüberstellung primärer Werke, um die soziologischen Paradigmen beider Autoren systematisch zu vergleichen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Vorstellung der historischen Grundlagen, die detaillierte Analyse der Theorien von Merton und Goffman sowie einen direkten Vergleich ihrer Ansätze hinsichtlich Integration und Funktion.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind soziale Rolle, Rollen-Set, Rollendistanz, Interaktion, Identität, Strukturfunktionalismus und symbolischer Interaktionismus.
Wie unterscheidet Merton die Integration von Rollen?
Merton identifiziert sechs spezifische Mechanismen, durch die ein Inhaber eines Rollen-Sets Konflikte abfedern und so seine Rollen erfolgreich integrieren kann.
Warum spielt die Chirurgie eine wichtige Rolle in Goffmans Analyse?
Goffman nutzt das Beispiel des Operationssaals, um zu zeigen, dass in Situationen mit hoher Verantwortung das Bedürfnis nach Rollendistanz besonders deutlich zutage tritt, um das eigene Selbstbild zu schützen.
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- Eric Placzeck (Author), 2009, Die Rollenkonzeptionen von Robert Merton und Erving Goffman , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/128640