Angst und Unwissen in Kafkas "Der Prozess"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

26 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung

II. Hauptteil
1. Die Angst des Josef K
1.1. Die Benennung der Angst in Kafkas Der Prozeß
1.2. Angst und Unwissen – Theoretische Grundlagen
1.2.1. Psychologischer Ansatz 7
1.2.2. Philosophischer Ansatz 10
2. Die Angst des Lesers
2.1. Übertragung der Angst auf den Leser durch personales Erzählen
2.2. Angst durch Mehrdeutigkeit und Widersprüchlichkeit des Textes

III. Fazit

Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Kafkas Roman Der Prozeß ist ein Text, der es seinen Rezipienten verbietet, ihn bloß passiv-konsumierend zu lesen. Der Prozeß ist ein Werk, in dem das Thema Angst allgegenwärtig ist und auch der Leser sich dieser dort beschriebenen Angst nicht entziehen kann. In dieser Arbeit soll die Angst im Zusammenhang mit Wissen und Unwissen dargestellt werden. Dabei wird sich der erste Teil der Arbeit mit der Angst der Hauptfigur Josef K., der zweite Teil mit der Angst des Lesers auseinandersetzen und das immer auch im Hinblick darauf, wie sich ein Mangel an Wissen oder das Vorhandensein bestimmter Informationen auf die Angst des Protagonisten und des Lesers auswirkt.

Durch die personale Erzählhaltung hat Kafka eine Erzählstrategie gewählt, die eine Grenze zwischen Figuren- und Leserangst ein Stück weit verschwimmen lässt. Auf diesen erzähltechnischen Aspekt wird dabei im zweiten Teil besonders eingegangen und das Leserwissen dem Figurenwissen gegenübergestellt.

Vor einer Untersuchung des Romans unter dem Aspekt der Angst ist zunächst zu klären, wie der Begriff Angst verstanden werden soll. Hier eine klare Definition der Angst voranzustellen, wäre auf den ersten Blick ein sinnvoller Anfang einer solchen Arbeit, erweist sich jedoch als sehr problematisch. Zahlreiche Wissenschaftsdisziplinen haben sich der Untersuchung der Angst angenommen, allen voran natürlich die Psychologie, aber auch die Biologie, Medizin, Philosophie und Medizin beschäftigen sich schon viele Jahre mit den Gründen und Auswirkungen der Angst. In diesem Zusammenhang erscheint es jedoch wenig sinnvoll, Angsttheorien aufzugreifen, die sich mit neuro-biologischen Zusammenhängen beschäftigen. Aber auch unter den psychologischen und philosophischen Ansätzen ist es schwierig, den Überblick über die Vielfalt der Herangehensweisen an dieses Thema zu behalten. Wie viele Wissenschaftsdisziplinen sich mit dem Thema Angst beschäftigen, ist zu erkennen, wenn man exemplarisch die Expertenzusammensetzung bei den Starnberger Gesprächen 1964 betrachtet, bei denen sich Mediziner, Literaturwissenschaftler, Psychologen und Philosophen über das Thema Angst austauschten. Bezeichnend ist dabei auch, dass diese Gruppe von Wissenschaftlern sich nicht auf eine klare Definition einigen konnte. Der Verhaltensforscher Konrad Lorenz äußert hier über das Thema Angst: „[...] aber ich glaube, wir sollten den Versuch aufgeben, zu einer einheitlichen, abstrahierbaren, in einem einzigen abstrakten Begriff faßbaren Definition der Angst und der Quellen der Angst zu kommen. Ich halte das beinahe grundsätzlich für ausgeschlossen.“[1]

Bei meinen Überlegungen will ich aber von einem Angstbegriff ausgehen, der vor allem Angst als Ergebnis von Unsicherheit, Ambivalenz und Orientierungslosigkeit begreift, die wiederum in einem engen Zusammenhang mit Wissen und Unwissen stehen. Dabei soll die Angst Josef K.s zunächst vor dem Hintergrund einer kognitiven Angsttheorie von Martin E. P. Seligman untersucht werden. Im Anschluss daran folgt eine Auseinandersetzung mit einem existenzphilosophischen Ansatz, der Josef K.s Angst als eine Angst vor der eigenen Erkenntnis erscheinen lässt.

Die Arbeit schließt damit ab, die Wirkung des Romans auf den Leser näher zu untersuchen. Dabei ist zu zeigen, dass Franz Kafka mit seinem Roman bewusst einen verunsichernden Effekt erzielen wollte, die Wirklichkeitswahrnehmung des Lesers sollte bewusst erschüttert werden. In diesem Aspekt eröffnen sich einige Parallelen zu E. T. A. Hoffmanns Der Sandmann, auf den deshalb am Ende noch eingegangen und dem Prozeß gegenübergestellt werden soll. Im Zusammenhang mit dieser Absicht der Verunsicherung ist auch danach zu fragen, inwiefern dies als eine Kritik gegen ein bestimmtes Lesepublikum zu sehen ist.

II. Hauptteil

1. Die Angst des Josef K.

1.1. Die Benennung der Angst in Kafkas Der Prozeß

Eine explizite Benennung der Angst in Bezug auf den Protagonisten Josef K. sucht man in diesem Roman Kafkas vergeblich, trotzdem ist sie in diesem Werk allgegenwärtig. Jürg Beat Honegger geht sogar so weit, zu behaupten, dass „dieser Roman dasjenige Werk Kafkas [ist], das stärker als alle andern ganz von unentschiedener Ambivalenz, von der Situation ungerichteten Zwischenseins und von der Angst geprägt ist.“[2]

Die Situation, mit der sich Josef K. konfrontiert sieht, bietet objektiv gesehen in jedem Fall Grund sich zu ängstigen: Er wacht morgens auf und anstatt dass seine Vermieterin ihm wie gewohnt das Frühstück bringt, bekommt er Besuch von drei unbekannten Männern, die sich als Abgesandte des Gerichts vorstellen. Diese erklären ihm, dass er verhaftet sei. Die Reaktion K.s darauf ist geprägt von Ambivalenz zwischen Anerkennung der Verhaftung und Verachtung derselben. Josef K. ist sich offenbar keiner Schuld bewusst und versucht etwas über den Grund seiner Verhaftung zu erfahren. Er stellt den Wächtern zahlreiche Fragen. Er möchte von seinem unerwünschten Besuch wissen: „Wer sind Sie?“, „Ja, was wollen Sie denn?“, „Wie kann ich denn verhaftet sein? Und gar auf diese Weise?“[3] Offenbar leidet Josef K. darunter, dass man ihm Informationen über die Umstände seiner Verhaftung vorenthält. Es drängt ihn, endlich „Klarheit über seine Lage zu bekommen“[4]. Jedoch wird der Begriff ‚Angst’ oder ‚Furcht’ nicht explizit erwähnt. Im Vergleich zu Werken wie Emilia Galotti oder Das Parfum, in denen konkret davon gesprochen wird, dass z.B. Emilia „in einer ängstlichen Verwirrung“ zu ihrer Mutter ins Haus „stürzet“[5] oder im Parfum, wo die Rede davon ist, dass sich „Furcht über das Land [legte]“[6], findet der Leser im Prozeß solche konkreten Benennungen nicht. Hinweise darauf, dass Josef K. Angst empfindet , gibt es dennoch. Als er allein in seinem Zimmer ist, weil die Wächter dies von ihm verlangen, denkt er:

Sie mochten jetzt, wenn sie wollten, zusehen, wie er zu einem Wandschränkchen ging, in dem er einen guten Schnaps aufbewahrte, wie er ein Gläschen erst zum Ersatz des Frühstücks leerte und wie er ein zweites Gläschen dazu bestimmte, sich Mut zu machen, das letztere nur aus Vorsicht für den unwahrscheinlichen Fall, daß es nötig sein sollte.[7]

An dieser Stelle wird zwar auch nicht explizit von Angst gesprochen, jedoch implizit, indem Josef K. denkt, sich Mut machen zu müssen. Er schränkt dies allerdings sogleich wieder ein, indem er meint, dass es wohl nicht notwendig sein würde; diese übertriebene Betonung seines Wohlbefindens und seiner Zuversicht („Er fühlte sich wohl und zuversichtlich“[8] ) könnte man aber auch als Indiz werten, dass es sich gerade umgekehrt verhält und er sich aufgrund seiner Angst Mut einreden muss. Hier wäre dann ein Verdrängungsprozess aktiv, der nach Freuds Psychoanalyse zu den Abwehrmechanismen zu zählen ist. Zweck der Verdrängung ist es, Angst erzeugende Motivationen zu unterdrücken und aus dem bewussten Erleben ins Unbewusste abzuschieben, in dem sie jedoch für das Verhalten des Menschen wirksam bleiben.[9]

Nachdem Josef K. mit „[s]chulmäßige[n] Lehren“ des Aufsehers konfrontiert wird, ist immerhin eine Missgestimmtheit zu beobachten:

Er geriet in eine gewisse Aufregung, ging auf und ab, woran ihn niemand hinderte, schob seine Manschetten zurück, befühlte die Brust, strich sein Haar zurecht […].[10]

Auch ohne eine solch konkrete Benennung der Angst wie in Emilia Galotti oder Das Parfum ging es Kafka aber ohne Zweifel um die Darstellung und Thematisierung der Angst. Dies ist nicht zuletzt daraus zu schließen, dass die Angst ein zentrales und sein eigenes Leben bestimmendes Gefühl war. Elias Canetti zitiert Briefe, die Kafka an Felice Bauer verfasst hat, in denen Kafka äußert, „daß nämlich Angst neben Gleichgültigkeit das Grundgefühl sei, das er gegenüber Menschen habe.“[11] Gegenüber Milena Jesenská äußert er: „Es ist entwürdigend, aber was soll ich tun, wenn mir statt des Herzens diese Angst im Leibe klopft?“[12]

Die Schwierigkeit, diese Angst zu greifen und zu artikulieren, kommt in einigen weiteren Briefen Kafkas an Milena zum Ausdruck. Zum Beispiel, wenn er schreibt:

Den ganzen Tag war ich mit Deinen Briefen beschäftigt ... in ganz unbestimmter Angst vor Unbestimmten, dessen Unbestimmtheit hauptsächlich darin besteht, daß es maßlos über meine Kräfte hinausgeht.[13]

Unbestimmtheit ist also eine bedeutende Quelle der Angst für Kafka. Dieses Unwissen darüber, welche Gestalt die Angst besitzt und wovor man sie überhaupt empfindet, sieht Kafka als eine Ursache der Angst. In einem anderen Brief an Milena schreibt er über seine Angst:

...sie ist...wirklich sonderbar, ihre innern Gesetze kenne ich nicht, nur ihre Hand an meiner Gurgel kenne ich und das ist wirklich das Schrecklichste, was ich jemals erlebt habe oder erleben könnte[14]

Honegger verbindet mit dieser von Kafka geäußerten Unbestimmtheit der Angst auch den Grund für ihre schlechte Artikulierbarkeit. Er glaubt: „Unbestimmtes und Unüberblickbares bedeutet aber Unartikuliertheit, Chaos, das sich der logischen Ordnung und Gesetzmäßigkeit der Sprache nicht einordnet und von ihr nicht erfaßt werden kann.“[15] Wenn die konkreten Begriffe ‚Angst’ oder ‚Furcht’ hier von Kafka nicht verwendet werden, heißt dies also nicht, dass er sie nicht auf einem anderen Weg ausdrückt. Auch in der psychologischen Fachliteratur wird Angst nicht klar von anderen Emotionen abgegrenzt, sondern wird im Zusammenhang mit ihnen dargestellt. So sieht z.B. Stanley Rachman Unruhe als ein Symptom der Angst, ebenso wie er die Erwartung einer gefährlichen oder unangenehmen Situation und einen allgemeinen Erregungsanstieg als Teil der Angst wertet.[16]

Fasst man den Begriff Angst also etwas weiter und blickt zudem aufmerksam auf Symptome der Angst, lassen sich im Prozeß doch einige Szenen ausmachen, in denen K. unter massiven Angstzuständen leidet. Ein Beispiel dafür ist sein Besuch in den Kanzleien, die sich auf dem Dachboden eines Wohnhauses befinden. Hier durchlebt er einen regelrechten Angsttraum:

Er war wie seekrank. Er glaubte auf einem Schiff zu sein, das sich in schwerem Seegang befand. Es war ihm, als stürze das Wasser gegen die Holzwände, als komme aus der Tiefe des Ganges ein Brausen her, wie von überschlagendem Wasser, als schaukle der Gang in der Quere und als würden die wartenden Parteien zu beiden Seiten gesenkt und gehoben.[17]

Hermann Pongs sieht in diesem Bild den Ausdruck vom „schwankend-ambivalenten Zustand“, dem Josef K. ausgeliefert sei.

In der Forschung wird der Begriff der Ambivalenz häufig zur Beschreibung von Josef K.s Zustand herangezogen. Pongs verweist auf das erste Auftauchen dieses Begriffs bei Eugen Bleuler im Jahr 1910. Hiernach wird die Ambivalenz beschrieben als ein „Seelenzustand des Zwischen, ein Schwanken zwischen Werten“[18]. Honegger beschreibt mit der Ambivalenz K.s Zustand der Unentschlossenheit, wie die Macht der Gesetzesinstanz zu deuten sei und wie er sich ihr gegenüber verhalten solle.[19]

Grundsätzlich lässt sich feststellen, dass Angst bei Josef K. häufig in Zusammenhang mit Unwissen steht: Unwissen darüber, wer die Männer sind, die ihn verhaften; Unwissen darüber, warum er verhaftet wird und Unwissen, wie er sich am besten verhalten soll. Diese Wissenslücken sind als bedeutende Quellen der Angst zu werten. Im folgenden Abschnitt soll dieser Aspekt des Unwissens in Verbindung mit Angst näher untersucht werden, zunächst aus einer psychologischen, dann aus einer philosophischen Perspektive.

1.2. Angst und Unwissen – Theoretische Grundlagen

Will man sich dem Zusammenhang zwischen Angst und Unwissen annähern, bieten sich besonders ein psychologisches und ein philosophisches Erklärungsmodell an. Diese sollen im Folgenden nicht isoliert dargestellt, sondern stets in Zusammenhang mit dem Protagonisten Josef K. und auch dem Autor Franz Kafka behandelt werden.

1.2.1. Psychologischer Ansatz

Wie im letzten Abschnitt schon herausgearbeitet ist vielen Angstquellen der Tatbestand des Mangels an Wissen gemeinsam. Dies ist sowohl bei der Angst vor Fremdem als auch bei dem Gefühl der Ambivalenz der Fall. Eine Angsttheorie von dem amerikanischen Psychologen Martin E.P. Seligman führt das Entstehen von Angst unter anderem auf Unvorhersagbarkeit und Unkontrollierbarkeit von Situationen zurück. Er ist der Ansicht, dass selbst traumatische Erlebnisse weniger Angst auslösten, wenn sie vorhersagbar seien, wie z.B. ein Bombenangriff, dem ein akustisches Signal vorausgeht. Außerdem werde weniger Angst empfunden, wenn die betroffene Person auf die Situation Einfluss nehmen könne und ihr nicht passiv ausgeliefert sei.[20] Es soll an dieser Stelle darauf verzichtet werden Seligmans Theorie detailliert auszuführen, jedoch kann man diese beiden Hauptaspekte seiner Theorie, nämlich die der Unvorhersagbarkeit und die der Unkontrollierbarkeit auch bei Josef K. wieder finden. Nach Seligman „[ist] ein Ereignis unkontrollierbar, wenn wir nichts daran ändern können, wenn nichts von dem was wir tun etwas bewirkt.“[21]

[...]


[1] v. Ditfurth, Aspekte der Angst, S. 91.

[2] Honegger: Das Phänomen der Angst bei Franz Kafka, S. 264.

[3] Kafka, Der Prozeß, S. 9, 10, 14.

[4] ebd., S. 12.

[5] Lessing, Emilia Galotti, 2. Aufzug, 6. Auftritt, S. 31.

[6] Süskind, Das Parfum, S. 259.

[7] Kafka, Der Prozeß, S. 17f.

[8] ebd., S. 17.

[9] Joachim Hasebrook: "Verdrängung," Microsoft® Encarta® Online-Enzyklopädie 2005.

[10] Kafka, Der Prozeß, S. 22.

[11] Canetti, Der andere Prozeß, S. 54f.

[12] Brief an Mielena Jesenská, S. 87.

[13] Ebd, S. 209.

[14] Ebd., S. 113.

[15] Honegger, Das Phänomen der Angst, S. 21.

[16] Vgl. Rachman, Angst, S. 12.

[17] Kafka, Der Prozeß, S. 91.

[18] Pongs, Franz Kafka, Dichter des Labyrinths, S. 18.

[19] Vgl. Honegger, Das Phänomen der Angst, S. 264ff.

[20] Seligman, Erlernte Hilflosigkeit, S. 3; 8; 103.

[21] Ebd. S. 8.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Angst und Unwissen in Kafkas "Der Prozess"
Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Veranstaltung
HS Literatur der Angst
Note
2
Autor
Jahr
2005
Seiten
26
Katalognummer
V128803
ISBN (eBook)
9783640348770
ISBN (Buch)
9783640348299
Dateigröße
495 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Angst, Unwissen, Kafkas, Prozess
Arbeit zitieren
Christine Beier (Autor), 2005, Angst und Unwissen in Kafkas "Der Prozess", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/128803

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