Die Interdependenz von Werten und Normen

Examenslehrprobe im Fach Katholische Religion


Unterrichtsentwurf, 2008
19 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhalt

I) BEDINGUNGSFELDER

II) SACHANALYSE

III) DIDAKTISCHE ÜBERLEGUNGEN UND ENTSCHEIDUNGEN

IV) LERNZIELE

V) METHODISCHE ÜBERLEGUNGEN UND ENTSCHEIDUNGEN

VI) GEPLANTER UNTERRICHTSVERLAUF

BIBLIOGRAPHIE

ANHANG - MATERIALIEN

I) Bedingungsfelder

Den Lehrprobenkurs unterrichte ich seit dem Schuljahr 2006/2007, zunächst unter Anleitung von XXX und seit dem zweiten Schulhalbjahr, eigenverantwortlich. Der Kurs setzt sich aus 14 Schülerinnen und 8 Schülern1 zusammen. Das Klassenklima ist insgesamt als positiv zu bewerten, da sich die Schüler auch gegenseitig respektieren und einen netten Umgang miteinander pflegen. In dem Kurs ist es möglich, konsequent und konzentriert zu arbeiten. Einzige Unruheherde stellen gelegentlich manche der männlichen Schüler dar (z. B. Peter, Thomas, Kevin und Bernd), deren Diskussionsfreude meistens jedoch positiv zum Unterricht beiträgt. So hat es sich bewährt, diese Schüler während Gruppenarbeitsphasen zu trennen, bei Arbeitsaufträgen in Paaren stellt sich dieses Problem weniger.

Die Klasse ist es gewohnt, eigenständig und in Gruppen zu arbeiten, was in der Regel reibungslos und ergebnisorientiert abläuft. Komplizierte Texte müssen jedoch aus Verständnisgründen entweder gemeinsam erschlossen oder vorentlastet bzw. sinnvoll gekürzt werden. Der Kurs hat Freude daran, kontrovers zu diskutieren, besonders aktuelle gesellschaftliche Themen werden gerne und lebendig besprochen, so fern sich Gelegenheit dazu ergibt. Dies soll in der Lehrprobenstunde zum Tragen kommen.

Die Lehrprobenstunde findet in der vierten Unterrichtsstunde statt. In den drei vorhergehenden Schulstunden schreibt ein Teil der Schüler (etwa ein Drittel) Kursarbeit in Chemie bzw. Biologie. Daraus ergeben sich zweierlei methodische Konsequenzen: Zum einen ist der Stundeneinstieg so zu gestalten, dass mögliche „Zu-spät-Kommer“ den Anschluss nicht verlieren, zum anderen sollte Still- und Einzelarbeit auf ein Minimum reduziert werden.

II) Sachanalyse

„Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“,2 sagte einst Erich Kästner und lieferte Klaus Zumwinkel, dem inzwischen wegen dem Vorwurf der Steuerhinterziehung zurückgetretenen Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Post AG, einen Leitsatz, den dieser im Lichte der Öffentlichkeit auch einhielt.3 Seine Erfolge brachten ihm im Jahr 2000 den Bambi und 2001 das große Bundesverdienstkreuz ein. Er wurde Manager des Jahres 2003 und im Herbst 2007 mit dem Landesverdienstorden von Nordrhein-Westfahlen ausgezeichnet, da er „die Wirtschaft [des] Landes nachhaltig geprägt“ und „aus einem defizitären, schwerfälligen Postdienst im Staatsmonopol [...] einen höchst rentablen, internationalen Konzern entwickelt“4 habe. Alles in allem ein Vorzeigeexemplar der bisweilen so gescholtenen Kaste der Manager; eine Seltenheit in Zeiten von Bestechungsaffären, der Debatte um astronomische Managergehälter und Abfindungen und Affären wie der um Peter Hartz und den VW-Betriebsrats - und jetzt: die Steueraffäre um Hinterziehungen hoher Summen mit Hilfe Lichtensteiner Banken.

Bereits vor dem aktuellen Steuerskandal wurde Zumwinkels Image angekratzt, lag doch nahe, dass er mit der Durchsetzung des Postmindestlohns nicht nur seinem Unternehmen und den Briefträgern, sondern vor allem auch sich selbst „Gutes“ getan hatte, da er mit dem kurz darauf folgenden Verkauf eines privaten Aktienpaketes im Wert von etwa 4,7 Millionen Euro rund eine Million Euro Gewinn erzielte.5 Zumwinkel sieht sich nun dem Vorwurf ausgesetzt, einen vergleichbaren Betrag in Lichtenstein in einer Stiftung angelegt zu haben, ohne die daraus entstehenden Kapitalerträge in Deutschland zu versteuern: Vorsatz und damit auch seine persönliche Kenntnis dieser Tatsache sind sehr wahrscheinlich.6

Während der „einfache Arbeiter“ auf der Strecke bleibt, scheinen sich skrupellose und von Grund auf verderbte Wirtschaftsbosse auf Kosten von Angestellten und der Allgemeinheit die „Taschen voll zu stopfen“ - so die weit verbreitete Meinung. Jeder scheint sich selbst der Nächste und das traurigste daran: es scheint oft genug zu funktionieren. All dies, in Kombination mit einer - trotz nach oben zeigender Konjunktur - angespannten Wirtschaftslage, führt zu einer Wertedebatte in unserer Gesellschaft von enormer medialer Präsenz: Was ist Arbeit wirklich wert? Warum werden Existenzen geopfert um, bereits positive Bilanzen noch mehr zu steigern? Und: Wie viel Geld ist genug? In solch eine menschenfeindliche Berufswelt sollen die Schüler des Lehrprobenkurses kR12 in etwa einem Jahr entlassen werden. Die dort vorherrschenden Normen lassen die Frage laut werden, welche Werte diesen zu Grunde liegen.

Von „Werten“ spricht man in verschiedenen Wissenschaften wie der Ökonomie aber auch der Ethik. Als abstraktives Substantiv ist „Wert“ „von den entsprechenden Adjektiven „gut“ oder „begehrenswert“ her zu verstehen [...]. Der Wert eines Gegenstandes ist für den Menschen ein Grund, danach zu streben oder ihn zu bewahren. In dem jeweiligen Wert ist die Forderung nach bestimmten Handlungen oder Haltungen begründet, die an den Menschen von einem sittlichen (rechtlichen, ästhetischen) Standpunkt aus ergehen.“7

In einem weiteren Sinn bezeichnen Werte „aber auch solche menschlichen Haltungen, Tugenden wie auch bestimmte sittliche Überzeugungen oder Verpflichtungen, denen sich der Mensch unterwirft“8 und nach denen er strebt. Im Bereich der Wertethik ist der Begriff „Güter“ synonym, denn diese sind „in ihrem Wesen Wert dinge.“9 Die Reflexion über Werte stellt zunächst die Frage: Was ist gut? „Damit ist nach den Dingen gefragt, die gut sind, nach höherem und niederem Wert.“10 Aber sie fragt auch nach der Bedeutung des Wortes „gut“. „„Gut“ [ist] nicht einfach eine deskriptive Eigenschaft wie etwa eine Farbqualität (gelb)“11, sondern eine konsekutive, d. h. sie folgt aus den ihr zu Grunde liegenden Werten. So ist ein Mensch z. B. „sittlich gut, weil er um das Wohl aller besorgt ist und nicht nur um sein eigenes.“12 Ein um das Wohl aller besorgter Mensch engagiert sich zum Beispiel ehrenamtlich im sozialen Bereich oder spendet an Hilfsorganisationen. Dieses Engagement fußt unter anderem auf dem Wert der Solidarität. Ein Mensch, der den Wert der Solidarität z. B. nicht in gleichem Maße verinnerlicht hat, wie ein sozial engagierter Mensch, neigt möglicherweise eher dazu, Steuern zu hinterziehen, anstatt sie dem Staat und somit dem Allgemeinwohl zuzuführen. Diesen Zusammenhang legt auch das Ergebnis einer Studie des Instituts für Angewandte Wirtschaftsforschung (IAW) in Tübingen nahe, die belegt, dass je mehr Menschen in einer Gesellschaft an Gott glauben, umso weniger Steuerdelikte begangen werden,13 da ein christliches Wertesystem solchem Handeln entgegensteht, das auf Kosten anderer bzw. der Allgemeinheit persönlichen Vorteil oder Profit erzielt. Selbstverständlich spielen hierbei - neben der reinen Werthaltung von Wirtschaftsdelinquenten - noch andere Faktoren eine Rolle (z. B. das persönliche Gerechtigkeitsempfinden der betreffenden Person, ein verzerrtes Selbstbild oder ausgeprägter Narzissmus)14, jedoch soll die Erschließung des Sachverhaltes zu Gunsten der didaktischen Reduktion auf den Zusammenhang von verinnerlichten Werten und daraus resultierenden (Verhaltens-)Normen beschränkt werden.

Im alltäglichen Sprachgebrauch hat das Wort „Norm“ unterschiedliche Bedeutungen. „Im Sinne des Adjektivs „normativ“ meint „Norm“ [...], eine sittliche oder rechtliche Regel, die das Handeln von einzelnen und Gruppen orientiert.“15 Im für die Lehrprobenstunde relevanten Bereich von Moral und Recht geht es um Normen in diesem Sinne.16 Normen sind im Grunde also operationalisierte Werte bzw. Werte in der Anwendung. Dies bezeichnet jedoch nur eine Fließrichtung der Interdependenz von Werten und Normen. Während Normen also aus Werten resultieren und so ihre Berechtigung erhalten, erwächst die volle „Wertigkeit“ eines Wertes im menschlichen Zusammenleben erst in seiner Anwendung bzw. Umsetzung; so haben Wahrheit oder Ehrlichkeit zwar durchaus einen Eigenwert, jedoch kaum reale Bedeutung, wenn nicht daraus die Norm folgt, die Wahrheit zu sprechen bzw. nicht zu lügen. Normen können insofern auch synonym mit „Gesetz“ oder „Gebot“ sein17 (z. B. „Du sollst nicht falsch gegen deinen Nächsten aussagen.“18 ). Julius Morel stellt diese Wechselbeziehung quantitativ am Beispiel des Wertes „Gleichheit“ und der daraus resultierenden Norm „Ein Lehrer darf keinen Schüler bevorzugen“ wie folgt dar:19

Während der Wert „Gleichheit“mehrere Normen in unterschiedlichen Kontexten hervor- bringt, speist sich die Norm „Ein Lehrer darf keinen Schüler bevor- zugen“ gleichzeitig aus mehreren Werten, einem ganzen Werte- system. Dieses Verhältnis gilt es den Schülern in der Lehrprobenstunde, anhand des aktuellen Beispiels der Steuerhinterziehung durch Klaus Zumwinkel, zu vermitteln.

[...]


1 Zugunsten der Lesbarkeit wird ab hier für Schülerinnen und Schüler der männliche Plural verwendet.

2 vgl. Financial Times Deutschland.

3 vgl. ebd.

4 Linie1-Magazin.

5 vgl. Manager Magazin.

6 Stern Online.

7 Lexikon der Christlichen Moral: „Werte“ (S. 857).

8 ebd. S. 858

9 ebd.

10 ebd.

11 ebd. S. 859

12 ebd.

13 vgl. FAZ Online.

14 vgl. Schlegel. S. 161f

15 Lexikon der Christlichen Moral: „Norm“ (S. 563).

16 vgl. ebd.

17 vgl. ebd. S. 564

18 Ex 20,16

19 Morel. S. 22

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die Interdependenz von Werten und Normen
Untertitel
Examenslehrprobe im Fach Katholische Religion
Veranstaltung
Lehrprobe für das 2. Staatsexamen
Note
2,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
19
Katalognummer
V128875
ISBN (eBook)
9783640375776
ISBN (Buch)
9783640375578
Dateigröße
681 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Grundkurs 12 Thema Ethik, Werte, Normen
Schlagworte
Interdependenz, Werten, Normen, Examenslehrprobe, Fach, Katholische, Religion
Arbeit zitieren
Christian Schlegel (Autor), 2008, Die Interdependenz von Werten und Normen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/128875

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