Marguerite Duras "La douleur": Wie zeigt sich Duras’ 'Zeuge sein' in 'La douleur'?


Seminararbeit, 2006

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.) Einleitung

2.) Zur Datierung und zur „Unveröffentlichbarkeit“ von La douleur

3.) Zur Person Robert L.

4.) Die Einzigartigkeit des Traumas

5.) Das Motiv des „Wartens“ in den Werken Duras
5.1 Das Warten auf Robert L.
5.2 Die Rückkehr von Robert L.

6.) Schlussbetrachtung

7.) Literaturverzeichnis

1.) Einleitung:

Eine sogenannte Zeugenliteratur weiblicher Betroffener des Holocausts entwickelte sich erst lange nach Kriegsende. Bis in die späten siebziger bzw. frühen achtziger Jahre gab es kaum veröffentlichte Zeugenberichte von Frauen über ihre Holocaust-Erfahrungen. Die einzigen Einblicke, wie Frauen die Zeit des Holocausts erlebt hatten, gaben meist Tagebücher wie zum Beispiel das Tagebuch der Anne Frank; im Großen und Ganzen waren solche femininen Zeugnisse jedoch äußerst rar.[1] Allerdings enthüllen Zeugnisse weiblicher Betroffener meist, dass Frauen den Holocaust auf eine ganz andere Art und Weise erlebt und wahrgenommen haben als männliche Betroffene.[2] Aus diesem Grund ist auch das Werk von Marguerite Duras, La douleur, von besonderer Bedeutung.

In diesem Zeugenbericht legt Marguerite Duras nicht Zeugnis über die Konzentrationslager selbst ab, sondern über die Gleichgültigkeit, die jenen entgegengebracht wurde, die in völliger Ungewissheit auf die Rückkehr von deportierten Angehörigen oder Freunden warteten.[3] Leslie Hill argumentiert zudem in seinem Buch Marguerite Duras - Apocalyptic Desires, dass La douleur ein Werk ist, welches die Unmöglichkeit, das Unvorstellbare zu bezeugen, aufzeigt[4] und Emma Wilson legt in ihrem Aufsatz La douleur – Duras, amnesia and desire dar, dass La douleur ebenfalls die Auffassung in Frage stellt, dass der Akt des Niederschreibens seiner Erfahrungen selbst erlösend sein kann.[5] Ann Parry merkt zudem in ihrem Aufsatz Idioms for the Unrepresentable: Postwar Fiction and the Shoa[6] an, dass bereits Primo Levi in seinem Buch Se questo è un uomo[7] vor dem Gedanken gewarnt hat, man könne das, was George Steiner als the ‘unspeakable’ bezeichnet,[8] jemals begreifen oder glauben. La douleur unterstützt diese These in jeglicher Hinsicht.

La douleur ist einerseits ein Zeugenbericht über das Überleben eines anderen Menschen,[9] andererseits jedoch in vielerlei Hinsicht auch ein Zeugnis über das eigene Überleben.[10] Marguerite Duras ist sowohl als Angehörige der Résistance als auch als Frau eines Deportierten vom zweiten Weltkrieg betroffen. Mit La douleur liefert sie dem Leser eine Darstellung des Holocausts anhand ihres qualvollen Wartens auf die mögliche Rückkehr ihres deportierten Ehemannes und ihrer eigenen Verwicklungen innerhalb der Résistance.[11] Ihr Buch umfasst insgesamt sechs Texte, die scheinbar alle kurz vor oder kurz nach Kriegsende entstanden sind. Einige dieser Texte zeigen zum Beispiel auf, wie schnell die Grenzen zwischen Opfer und Täter verschwimmen können.[12] Insbesondere der mit Albert des Capitales betitelte Text sticht hervor, da dieser die Rollen zwischen den Guten und den Bösen vertauscht und sich diesmal die „Guten“ als die Henker erweisen. Im ersten und längsten Teil des Buches, welcher den Titel La douleur trägt und bei dem es sich um tagebuchartige Aufzeichnungen handelt, wird über den Zeitraum vor und nach der Rückkehr des Ehemannes der Erzählerin, den diese mit dem Namen Robert L. betitelt, aus einem deutschen Konzentrationslager berichtet. Der Text weist zudem chronikartige Aufzeichnungen über das Kriegsende in Paris auf, er liefert eine politische Betrachtung der Nachkriegszeit und er vermittelt das Nachsinnen der Autorin über das Grauen, das sich langsam der Menschheit offenbart.[13] Dieser Text soll auch als Grundlage für diese Hausarbeit dienen, deren Aufgabe es sein soll, darzustellen, wie sich Duras’ Zeuge sein in ihrem Text äußert. Dabei wird anfangs auf die Datierung und „Unveröffentlichbarkeit“ von La douleur (Punkt 2) sowie auf die Person Robert L. (Punkt 3) eingegangen. Anschließend wird unter Punkt 4 die Einzigartigkeit des Traumas in den Werken Duras kurz angesprochen und unter Punkt 5, welcher in zwei Unterpunkte untergliedert ist, wird dann das Motiv des Wartens eingehend behandelt. In der sich anschließenden Schlussbetrachtung werden einige wichtige Punkte entweder nochmals herausgegriffen oder hinzugefügt und knapp erläutert.

2.) Zur Datierung und zur „Unveröffentlichbarkeit“ von La douleur:

Das Tagebuch, welches Marguerite Duras ab April 1944 führt, weist sehr unregelmäßige Datierungen auf; es schwankt ununterbrochen zwischen sehr exakten und ziemlich unbestimmten Zeitangaben,[14] was wohl dem inneren Gemütszustand der Erzählerin entsprechen könnte. Gegen Ende hin findet man sogar oft keine Datierungen mehr. Das Tagebuch endet schließlich im Sommer 1946. Anzumerken ist jedoch auch, dass der Text durch die häufige Benutzung des Wortes „aujourd’hui“ absolute Unmittelbarkeit und Gleichzeitigkeit des Erlebten mit dem Geschriebenen beansprucht, was in Anbetracht der körperlichen und geistigen Verfassung der Autorin allerdings eher verwundert, da der Text an keiner Stelle irgendwelche sprachlichen Missstände erkennen lässt.[15]

Marguerite Duras veröffentlicht ihr Tagebuch zusammen mit weiteren Texten, die wohl alle ebenfalls in jener Zeit entstanden sein dürften, erst im Jahre 1985, mehr als 40 Jahre nach dessen Entstehen. Zuvor, im Jahre 1976, hatte sie jedoch bereits, wenn auch anonym, Ausschnitte aus ihrem Tagebuch in einer feministischen Zeitschrift namens Sorcières veröffentlichen lassen, die den Titel Pas mort en déportation trugen.[16] Zu der Frage, warum sie mit der Veröffentlichung ihres Tagesbuches so lange gewartet hat, liefert sie selbst in einem Paratext, der dem Text La douleur vorangestellt ist, die Antwort. Einerseits kann sie sich beim Auffinden des Tagesbuches nicht daran erinnern, es überhaupt geschrieben zu haben, auch wenn sie sich an die damaligen Ereignisse erinnert und auch ihre Handschrift wiedererkennt, und andererseits ist sie selbst über das erschrocken, was sie allem Anschein nach doch geschrieben und anschließend verdrängt hat:

J’ai retrouvé ce Journal dans deux cahiers des armoires bleues de Neauphle-le-Château. Je n’ai aucun souvenir de l’avoir écrit. Je sais que je l’ai fait, que c’est moi qui l’ai écrit, je reconnais mon écriture et le détail de ce que je raconte, je revois l’endroit, la gare d’Orsay, les trajets, mais je ne me vois pas écrivant ce Journal. Quand l’aurais-je écrit, en quelle année, à quelles heures du jour, dans quelle maison? Je ne sais plus rien. Ce qui est sûr, évident, c’est que ce texte-là, il ne me semble pas pensable de l’avoir écrit pendant l’attente de Robert L. Comment ai-je pu écrire cette chose que je ne sais pas encore nommer et qui m’épouvante quand je la relis.[17]

In einem Gespräch mit François Mitterrand im Jahre 1996, welches in l’Autre Journal veröffentlicht wurde, antwortet Marguerite Duras zudem auf die Frage, warum sie La douleur geschrieben, aber nicht veröffentlicht habe, dass sie zum einen auf Grund der schlimmen Erinnerung an das Essverhalten ihres damaligen Mannes den Eindruck gehabt habe, dass dieses Tagebuch nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sei und dass sie es zum anderen wegen des Kindes des Kollaborateurs Rabier (Delval) nicht hatte tun können:

J’en avais donné un extrait à Sorcières une revue de femmes, sur la façon dont Robert mangeait quand il s’est remis … Il mangeait comme une machine … Vous comprenez, j’avais cette conviction que ce journal de guerre n’était pas publiable donc je n’y pensais pas. Je l’ai relu un jour pour voir ce que je pouvais en publier d’extraits dans un nouveau recueil de textes: Outside 2. C’est là que je me suis aperçue que c’était un livre. Si je ne l’avais pas fait, je suis sûre que c’était aussi à cause de l’enfant de Rabier qui avait six ans quand son père a été fusillé.[18]

Der Schmerz und das Unfassbare, dessen Zeugin sie nach der Rückkehr ihres Mannes geworden war, hält sie vor der Veröffentlichung ihres Tagebuches zurück. Die schonungslose Beschreibung ihres entmenschlichten Mannes und dessen langsame Rückkehr ins Leben scheinen ihr selbst ungeheuerlich. Dennoch bezeichnet sie La douleur als eines der wichtigsten Dinge ihres Lebens: „La Douleur est une des choses les plus importantes de ma vie.“[19] Aliette Armel merkt dazu in ihrem Werk Marguerite Duras et l’autobiographie an, dass es der Duras wohl ein tiefes, inneres Bedürfnis war, diese intimsten Erfahrungen der Öffentlichkeit preiszugeben, und zwar nicht nur aus dem Grund, Zeugnis gegen das Vergessen abzulegen, sondern auch um leben und damit schreiben zu können.[20]

[...]


[1] Vgl.: Hardman, Anna: „Representations of the Holocaust in Women’s Testimony”, S. 51, in: Leak, Andrew / Paizis, George (Hg.): The Holocaust and the text: speaking the unspeakable. Houndmills / New York: St. Martin’s Press 2000, S. 51-66.

[2] Vgl.: Ebd., S. 52.

[3] Vgl.: Davis, Colin: „Duras, Antelme and the Ethics of Writing“, S. 172, in: Comparative Literature Studies 34 (1997), S. 170-183.

[4] Vgl.: Hill, Leslie: Marguerite Duras. Apocalyptic Desires. London / New York: Routledge 1993, S. 129.

[5] Vgl.: Wilson, Emma: „La douleur. Duras, amnesia and desire“, S. 144, in: Peitsch, Helmut / Burdett, Charles / Gorrara, Claire (Hg.): European memories of the Second World War. New York: Berghahn 1999, S. 141-148.

[6] Parry, Ann: „Idioms for the Unrepresentable: Postwar Fiction and the Shoa“, S. 111, in: Leak, Andrew / Paizis, George (Hg.): The Holocaust and the text: speaking the unspeakable. Houndmills / New York: St. Martin’s Press 2000, S. 109-124.

[7] Levi, Primo: Se questo è un uomo. Toriono: Einaudi 1987.

[8] Steiner, George: „The Hollow Miracle“, S. 348, in: Walder, Dennis (Hg.): Literature and the Modern World: Critical Essays. Oxford: Oxford University Press 1990, S. 346-350.

[9] Vgl.: Wilson, Amnesia and desire, S. 145.

[10] Vgl.: Hill, Apocalyptic Desires, S. 129.

[11] Vgl.: Hand, Seán: „Outside presence: realizing the Holocaust in contemporary French narratives”, S. 35, in: History of the Human Sciences 9 (1996), S. 27-43.

[12] Vgl.: Krechel, Ursula: „Mit einem Rasiermesser von der übrigen Welt abgeschnitten. Zu Der Schmerz“, S. 189, in: Rakusa, Ilma (Hg.): Marguerite Duras. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1988, S. 185-189.

[13] Vgl.: Sudaka-Bénazéraf, Jacqueline: La Douleur, Hiroshima mon amour. Marguerite Duras. Paris: Éditions Nathan 1995, S. 23.

[14] Vgl.: Ebd., S. 26.

[15] Vgl.: Zeltner, Gerda: „Marguerite Duras in den Tagen der Libération. Zu Der Schmerz“, S. 190, in: Rakusa, Ilma (Hg.): Marguerite Duras. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1988, S. 190-193.

[16] Vgl.: Marx, Barbara: „Triptychon der unmöglichen Rückkehr. Robert Antelme: L’espèce humaine (1947), Marguerite Duras: La douleur (1985), Dionys Mascolo: Autour d’un effort de mémoire. Sur une lettre de Robert Antelme (1987)“, S. 285, in: Schmitz, Walter (Hg.): Erinnerte Shoa. Die Literatur der Überlebenden. Dresden: Thelem 2003, S. 281-302.

[17] Duras, Marguerite: La douleur. Paris: P.O.L. 1985, S. 10.

[18] Duras, Marguerite: „La douleur“, S. 1416, in: dies.: Romans, cinéma, théâtre, un parcours 1943-1993. Paris: Gallimard 1997, S. 1415-1461.

[19] Duras, La douleur, S. 10.

[20] Vgl.: Armel, Aliette: Marguerite Duras et l’autobiographie. Paris: Le Castor Astral 1990, S. 91f.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Marguerite Duras "La douleur": Wie zeigt sich Duras’ 'Zeuge sein' in 'La douleur'?
Hochschule
Universität Stuttgart  (Romanistik/Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Proseminar: Erinnern und Vergessen: Erzählstrukturen in den Texten Marguerite Duras’
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
19
Katalognummer
V128876
ISBN (eBook)
9783640354375
ISBN (Buch)
9783640354245
Dateigröße
467 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Marguerite, Duras, Duras’, Zeuge
Arbeit zitieren
Silke Böhm (Autor:in), 2006, Marguerite Duras "La douleur": Wie zeigt sich Duras’ 'Zeuge sein' in 'La douleur'?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/128876

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