Herausforderungen und Chancen der Schulsozialarbeit im Umgang mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen


Bachelorarbeit, 2022

39 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Zusammenfassung

2 Abstract

3 Einleitung

4 Begriffserklärungen
4.1 Flucht
4.2 Geflüchtete
4.3 Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (umF)
4.4 UN-Kinderrechtskonvention

5 Trauma
5.1 Definition
5.2 Traumatypen
5.3 Posttraumatische Belastungsstörung
5.4 Sequentielle Traumatisierung
5.5 Trauma und Flucht

6 Bildungsteilhabe für geflüchtete Kinder und Jugendliche
6.1 Bildungszugang
6.2 Schule als sicherer Ort

7 Schulsozialarbeit
7.1 Definition
7.2 Grundsätze
7.3 Schulsozialarbeit mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen
7.3.1 Herausforderungen
7.3.2 Chancen
7.4 Konzeptionelle Anregungen an die Schulsozialarbeit für den Umgang mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen

8 Fazit

9 Ausblick

10 Literaturverzeichnis

1 Zusammenfassung

Rund 100 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht, darunter etwa ein Drittel Kinder und Jugendliche (vgl. BMZ, 2022). Die Zahl der Asylanträge ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Dadurch hat auch die Zahl der zu beschulenden Kindern und Jugendlichen zugenommen. Dies kann aufgrund sprachlicher und kultureller Barrieren problematische, aber auch bereichernde Auswirkungen auf die schulische Situation im Ankunftsland haben. Die Herausforderungen und Chancen der Schulsozialarbeit im Umgang mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen sind Thema der vorliegenden Bachelorarbeit. Fast jedes Flüchtlingskind hat in seinen jungen Jahren Schreckliches auf der Flucht erleben müssen. Die Erinnerungen an die traumatischen Erlebnisse zeigen sich oft erst nach der Flucht. Daher ist es besonders wichtig, dass das Fachpersonal an den Schulen für den Umgang mit den geflüchteten Kindern und Jugendlichen vorbereitet wird. Aufgrund ihrer individuellen Integrationsbedürfnisse in das Schulsystem sind sie eine naheliegende Zielgruppe für die Schulsozialarbeit, die mit geeigneten Zusatzangeboten zur Unterstützung eines erfolgreichen Schulbesuchs beitragen kann. Das Recht auf Bildung steht geflüchteten Kindern und Jugendlichen genau wie jungen Menschen ohne Fluchthintergrund zu. Aufgrund ihrer besonderen Gefährdung benötigen sie neben dem Zugang zu Bildungsangeboten auch sozialpädagogische Unterstützung. Schulen als Lern- und Lebensorte sind ein wichtiger Ausgangspunkt für die Eingliederung von geflüchteten Kindern und Jugendlichen in die Gesellschaft. Schulsozialarbeiter:innen spielen eine Schlüsselfunktion bei der Integration von geflüchteten Kindern und Jugendlichen in das Schulsystem. Mit ihrer Expertise und ihrem Gestaltungsspielraum können sie maßgeblich dazu beitragen, dass sich die geflüchteten Kinder und Jugendlichen an das Schulsystem gewöhnen und sich in der Gesellschaft integrieren können.

2 Abstract

Around 100 million people are displaced worldwide, including about one-third children and young people (BMZ, 2022). The number of asylum applications has increased significantly in recent years. As a result, the number of children and adolescents to be educated has also increased. Due to language and cultural barriers, this can have problematic but also enriching effects on the school situation in the country of arrival. The challenges and opportunities of school social work in dealing with refugee children and adolescents are the topic of this bachelor thesis. Almost every refugee child has had to experience terrible things on the run in their younger years. The memories of the traumatic experiences often only become apparent after the flight. Therefore, it is especially important that the professional staff at the schools is prepared for dealing with the refugee children and adolescents. Due to their individual needs for integration into the school system, they are an obvious target group for school social work, which can contribute to supporting successful school attendance with suitable additional services. Refugee children and young people have the same right to education as all young people in Germany. Due to their particular vulnerability, they need socio-educational support in addition to access to all educational opportunities. Schools as places of learning and living are an important starting point for the integration of refugee children and young people into German society. School social workers play a key role in the integration of refugee children and young people into the school system. With their expertise and scope for action, they can make a significant step forward to help refugee children and young people get used to the school system and integrate into society.

3 Einleitung

Die derzeitige Zunahme der Flüchtlingsmigration stellt ein großes globales und lokales Problem sowie eine gesellschaftliche Herausforderung dar. Flucht und Vertreibung infolge von diversen Konflikten, Verfolgungen und Menschenrechtsverletzungen haben neue Höhen erreicht. Hunderttausende suchen auch in europäischen Ländern Schutz. Unter ihnen sind Kinder und Jugendliche, die in ihrem Heimatland selbst oder auf der Flucht Schreckliches erfahren haben. Soziale Arbeit im Bereich Flucht ist angesichts der aktuellen Ereignisse und Gegebenheiten ein komplexes Tätigkeitsfeld. Aufgrund der wachsenden Zahl von geflüchteten Kindern und Jugendlichen mit einem Fluchthintergrund steht die Schulsozialarbeit vor der Herausforderung, sich konzeptionell auf diese Gruppe einzustellen und gleichzeitig adäquate Kapazitäten bereitzustellen . Durch den derzeitigen Krieg in der Ukraine hat das Thema der geflüchteten Kinder und Jugendlichen an deutschen Schulen wieder an Aktualität gewonnen und es entstehen neue Herausforderungen, aber auch Chancen für die Soziale Arbeit. Die Schulsozialarbeit kann einen wichtigen Beitrag dazu leisten, die Integration der geflüchteten Kinder und Jugendlichen in den Schulalltag wie auch in die Gesellschaft zu verbessern. Kinder und Jugendliche, die während des Krieges, während der Flucht oder danach nicht zur Schule gehen, können später aufgrund fehlender Zukunftsperspektiven vom Weg abgebracht werden (vgl. Himmelrath & Blaß, 2016, S.5). Daher ist es umso wichtiger, dass die Soziale Arbeit, die ein wichtiger Akteur in diesem konfliktreichen Feld ist, und vor allem Schulsozialarbeiter:innen ihren Beitrag dazu leisten, die geflüchteten Kinder und Jugendlichen adäquat in der Schule zu unterstützen und ihnen den bestmöglichen Einstieg in die Gesellschaft und das Leben in Deutschland zu ermöglichen. Im Kontext der Fluchtmigrationsbewegungen hat die Soziale Arbeit in den vergangenen Jahren enorm an Bedeutung gewonnen. Sie kümmert sich um Sortierung, Altersbestimmung, Hilfe bei Aufnahme und Abschiebung, Solidarität und Unterstützung sowie Obhut und Verwaltung (vgl. Bröse, Faas & Stauber, 2018, S.9). Angesichts der geschilderten Sachlage untersucht diese Bachelorarbeit folgende Fragestellung: Welche Chancen und Herausforderungen hat die Schulsozialarbeit im Umgang mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen? Das Ziel dieser Bachelorarbeit ist es, herauszufinden, mit welchen Chancen und Herausforderungen die Schulsozialarbeit im Umgang mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen konfrontiert wird. Ebenfalls sollen Sozialarbeiter:innen neue Anregungen gegeben werden, solch spezielle Situationen zu meistern, da die Anzahl der geflüchteten Kinder und Jugendlichen in Deutschland stetig steigt.

Für die vorliegende Bachelorarbeit wird eine Literaturarbeit verwendet. Dies bedeutet, dass sich mit geeigneter Literatur zur behandelten Thematik auseinandergesetzt und wichtige Erkenntnisse aus dieser zusammengefasst werden. Die entsprechende Literatur wurde aus den Bereichen Soziale Arbeit, Pädagogik und Psychologie beigezogen. Auch Lageberichte von Organisationen, die sich mit Menschenrechten und der Fluchtthematik beschäftigen, werden verwendet. Zudem werden Gesetzestexte beigezogen, da die rechtlichen Voraussetzungen für geflüchtete Kinder und Jugendliche relevant sind. Ebenfalls von Relevanz sind Informationsquellen, welche zur Ermittlung der Zahl der in Deutschland lebenden Flüchtlinge und der Trauma-Epidemiologie dieser Gruppe verwendet werden, sind einige der bisher von der zuständigen Stelle herausgegebenen Statistiken und Veröffentlichungen. Basierend auf diesen Quellen werden zunächst einige Begrifflichkeiten erklärt, um das Verständnis für die behandelte Thematik zu erleichtern. Anschließend widmet sich das erste thematische Kapitel dem Trauma, seinen Klassifikationen, der Posttraumatischen Belastungsstörung und der Sequentiellen Traumatisierung. Zudem wird ein Zusammenhang zwischen Trauma und Flucht hergestellt. Nach der Darstellung der grundlegenden Informationen werden im nächsten Kapitel die Bildungsteilhabechancen und der Bildungszugang von geflüchteten Kindern und Jugendlichen thematisiert. Darüber hinaus wird die Bedeutung von Schule als „sicherer Ort“ erläutert. Ehe die Schulsozialarbeit mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen Bestandteil der Bachelorarbeit wird, soll ein früherer Blick auf die Schulsozialarbeit zum weiteren Verständnis beitragen. Kapitel sieben legt daher die grundlegenden Aufgaben und Grundsätze der Schulsozialarbeit dar und ordnet ihre Aktivitäten in das Arbeitsfeld der Sozialen Arbeit ein. Darauf aufbauend werden die Herausforderungen und Chancen der Schulsozialarbeit im Umgang mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen herausgearbeitet und anhand ausgewählter Aspekte konkretisiert. Anschließend werden konzeptionelle Anregungen für die Schulsozialarbeit im Umgang mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen gegeben. Ein Fazit in Kapitel acht beleuchtet die Erkenntnisse der Arbeit und beantwortet die Fragestellung.

4 Begriffserklärungen

Um die behandelten Themen besser zu verstehen, ist es wichtig, einige Begriffe im Vorhinein zu klären. Daher wird im Folgenden eine Erläuterung der wichtigsten Begriffe dargeboten, die für das Verständnis dieser Arbeit relevant sind.

4.1 Flucht

Flucht ist das Ausweichen vor einer lebensbedrohlichen Situation als Folge von Gewalt (vgl. Baader, Freytag & Wirth, 2019, S.5). Dabei handelt sich selten um einen linearen Prozess, sondern eher um eine Bewegung von Geflüchteten, die etappenweise erfolgt. Oft lässt sich eine übereilte Flucht in eine andere Stadt oder einen anderen nahe gelegenen sicheren Ort ausmachen, gefolgt von einer weiteren Migration zu Familienangehörigen und Freunden in angrenzenden Gebieten oder einem Nachbarland. Geflüchtete verlassen ihre Heimat meistens nicht freiwillig, sondern werden vielmehr zur Flucht gezwungen. Was Menschen dazu bewegt, aus ihrer Heimat zu fliehen, lässt sich in Push-Faktoren und Pull­Faktoren unterteilen. Als Push-Faktoren gelten alle Fluchtgründe, deren Ursachen im Herkunftsland zu finden sind. Dazu gehören Krieg, Armut, Bedrohung, Verfolgung, das Erleben und Beobachten von Gewalt sowie eine schlechte Zukunftsperspektive (vgl. Detemple, 2015, S.15). Bei den Pull-Faktoren handelt es sich um Gründe, die in dem Zielland zu finden sind und dieses aufgrund derer für Geflüchtete attraktiv erscheint. Zu den Faktoren gehören beispielsweise die Aussichten auf Sicherheit, Wohlstand und Bildungschancen (vgl. Detemple, 2015, S.23). In den meisten Fällen unterscheiden sich die Fluchtgründe von Kindern und Jugendlichen nicht signifikant von denen der Erwachsenen. Allerdings gibt es für Kinder und Jugendliche einige weitere spezifische Gründe zu fliehen. Dies schließt die (physische) Ausbeutung durch Sklaverei und Zwangsprostitution ein, aber auch Zwangsverheiratung, Genitalverstümmelung (insbesondere von Mädchen), Diskriminierung und die Rekrutierung von Kindersoldaten (vgl. Hehnke, 2017, S.32 f.).

4.2 Geflüchtete

Die vorliegende Arbeit verwendet den Begriff „Geflüchtete“ beziehungsweise „geflüchtete Kinder und Jugendliche“ für Menschen, die nach Deutschland einreisen, um Sicherheit und Unterstützung zu suchen. Die Genfer Flüchtlingskonvention (GFK) von 1951, die bis dato das wichtigste Abkommen für den Schutz von Geflüchteten ist, definiert, wer als Geflüchteter gilt und legt den rechtlichen und sozialen Rahmen fest, inwiefern dieser Personengruppe im Ankunftsland Unterstützung geboten wird. Zudem gewährt die Genfer Flüchtlingskonvention geflüchteten Kindern und Jugendlichen in Deutschland gemäß Artikel 23 des Abkommens alle mit dem Gemeinwohl verbundenen Rechte. In Bezug auf die Sozialhilfe und andere Dienstleistungen werden sie den Bürgern ihres Gastlandes gleichgestellt. Daher können geflüchtete Kinder und Jugendliche in Deutschland von allen Rechten der Genfer Flüchtlingskonvention profitieren. In dieser Hinsicht sowie bei der Inanspruchnahme sonstiger Hilfeleistungen werden sie grundsätzlich den Staatsangehörigen des Gastlandes gleichgestellt. In Artikel 1 Absatz 2 des Abkommens definiert die GFK einen Geflüchteten als Person, die "aus der begründeten Furcht vor Verfolgung wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Überzeugung sich außerhalb des Landes befindet, dessen Staatsangehörigkeit sie besitzt, und den Schutz dieses Landes nicht in Anspruch nehmen kann oder wegen dieser Befürchtungen nicht in Anspruch nehmen will; oder die sich als staatenlose infolge solcher Ereignisse außerhalb des Landes befindet, in welchem sie ihren gewöhnlichen Aufenthalt hatte, und nicht dorthin zurückkehren kann oder wegen der erwähnten Befürchtungen nicht dorthin zurückkehren will“. In einem Asylverfahren, welches je nach Land variieren kann, wird festgestellt, ob der angegebene Grund für die Flucht valide ist. Eine Person, die einen anhängigen Asylantrag gestellt hat, wird als Asylbewerber bezeichnet. Bezüglich des Asylverfahrens werden nur die Aspekte betrachtet, die zur Erläuterung der Situation traumatisierter Kinder und Jugendlicher in Deutschland relevant sind. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge informiert auf seiner Internetseite über den konkreten Vorgang des Asylverfahrens (vgl. BAMF, 2021).

4.3 Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (umF)

Geflüchtete Kinder und Jugendliche gehören in der Regel zu den schutzbedürftigsten Gruppen und benötigen daher eine besondere Unterstützung. Besondere gesetzliche Rechte und Schutzmaßnahmen gelten jedoch vorwiegend für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, dessen ungeachtet, ob sie einen Asylantrag stellen oder nicht (vgl. BAMF, 2019). Nach den zivilrechtlichen Bestimmungen des deutschen Rechts gelten Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren als minderjährig. Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge sind jene Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren, die ohne die Begleitung eines Erwachsenen einreisen (vgl. BAMF, 2019). Sobald ein Kind oder Jugendlicher ohne Begleitung nach Deutschland einreist, ist unverzüglich das örtlich zuständige Jugendamt zu verständigen, damit es nach § 42a SGB VIII vorübergehend betreut werden kann. Anschließend werden geeignete Personen oder Institutionen gesucht, bei denen die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge untergebracht werden können. Der Umgang mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen kann sich als problematisch erweisen, da eine Diskrepanz zwischen zwei politischen Systemen vorhanden ist. Einerseits sind sie immer noch Geflüchtete und müssen daher die üblichen Verfahren zur Überprüfung ihres Aufenthalts­oder Asylrechts durchlaufen. Andererseits ist zu berücksichtigen, dass Minderjährige besonderen Schutzbedarf haben. Die EU-Richtlinie sowie die UN-Konvention von 1989 garantieren in ihren Verfassungen zum internationalen und nationalen Schutz, dass das Wohl von Kindern als Kerninteresse angesehen wird. Wenn unbegleitete minderjährige Flüchtlinge ohne Erziehungsberechtigte im Ankunftsland ankommen, wird dies als Kindeswohlgefährdung eingestuft, weshalb das Jugendamt für ihre Betreuung verantwortlich ist und diese in Obhut nehmen muss. Experten sollen zwischen den beiden politischen Systemen: Asylverfahrensgesetz sowie Kinder- und Jugendhilfegesetz vermitteln, um einen bestmöglichen Lösungsansatz zu finden das Kindeswohl sicherzustellen. Sie müssen zunächst dafür sorgen, dass die Grenzbehörden die Ankommenden als unbegleitete minderjährige Flüchtlinge registrieren. Anschließend müssen sie die Geflüchteten dem Jugendamt übergeben. Dieses muss wiederum sicherstellen, dass, wenn keine Angehörigen in Deutschland leben, eine angemessene Unterbringung und Betreuung organisiert wird (vgl. BAMF, 2021, S.12).

4.4 UN-Kinderrechtskonvention

Die Rechte von Kindern werden durch die UN-Kinderrechtskonvention (UN-KRK) garantiert. 1989 wurde die UN-KRK von der Generalversammlung der Vereinten Nationen verabschiedet und ist seit 1992 in Deutschland aktiv (vgl. UNICEF, 2022). Seit 2013 haben alle Länder der Welt mit Ausnahme der Vereinigten Staaten die Konvention anerkannt. Zweck dieses Übereinkommens ist es, ein Fundament dafür zu schaffen, dass alle Kinder weltweit die gleichen Rechte besitzen. Die UN-Kinderrechtskonvention enthält 54 Artikel, die sich auf den Schutz, die Förderung und die Beratung von Kindern beziehen. Das Einhalten des Kindeswohls, die Nichtdiskriminierung von Kindern, das Recht auf Leben und Entwicklung sowie Meinungsfreiheit und Partizipation gehören zu den vier Prinzipien der UN-Kinderrechtskonvention (vgl. Rieger, 2010, S.24). Jedes Kind, dass sich innerhalb der Hoheitsgewalt eines Vertragsstaates befindet, kann die Rechte der UN­Kinderrechtskonvention in Anspruch nehmen (Artikel 1, 2 Abs. 1 der UN­Kinderrechtskonvention). In Bezug auf geflüchtete Kinder, besagt Artikel 22 Absatz 1 der UN-Kinderrechtskonvention, dass ihnen „angemessener Schutz und humanitäre Hilfe bei der Wahrnehmung der Rechte“ gewährt werden. Dies soll ihnen auch ermöglichen, ihre Rechte aus anderen internationalen Menschenrechts- oder humanitären Übereinkommen auszuüben, solange sie für die Vertragsstaaten nach internationalem Recht bindend sind.

5 Trauma

Bei der Literaturrecherche zu geflüchteten Kindern und Jugendlichen wird das Thema Trauma großgeschrieben. Ein großer Teil der Geflüchteten ist traumatisiert, das bedeutet, dass sie durch Krieg, Gewalt, Verlust nahestehender Menschen und weitere fatale Ereignisse einen Schock erlitten haben, der sie bedroht und erniedrigt. Allerdings bedeutet es nicht, dass jeder durch ein unerwünschtes Ereignis eine traumatische Störung entwickelt (vgl. Zito 2010, S.125 f.). Dennoch postulieren Balluseck und Meissner, dass unbegleitete minderjährige Flüchtlinge zumeist traumatisiert sind. Aus diesen Gründen widmet sich das folgende Kapitel dem Thema Trauma (vgl. Balluseck & Meissner, 2003, S.77). Wichtig zu betonen ist, dass die Thematik der Traumatisierung nicht nur im Kontext von Geflüchteten steht, sondern ein allgemeines menschliches Phänomen ist.

5.1 Definition

Das Wort Trauma hat seine Herkunft im Altgriechischen und bedeutet übersetzt „Wunde“. Ein Trauma schmerzt und fügt der menschlichen Seele Schaden zu. Somit bezeichnet es eine körperliche oder seelische Verletzung. Eine universelle Begriffsdefinition für den Terminus Trauma gibt es nicht, da sich Trauma Konzepte im Laufe der Jahrzehnte verändert haben (vgl. Pausch & Matten, 2018, S.4). Im Jahre 1991 definierte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ein Trauma als „kurz- oder langanhaltendes Ereignis oder Geschehen von außergewöhnlicher Bedrohung mit katastrophalem Ausmaß, das nahezu bei jedem tiefgreifende Verzweiflung auslösen würde“ (WHO, 1991). Traumatische Ereignisse sind durch Plötzlichkeit, Gewalt und Verzweiflung gekennzeichnet. Diese Definition lässt sich ebenfalls im ICD 10 (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems) wiederfinden. Bei einer Traumatisierung durchläuft die betroffene Person kognitive, emotionale und physische Reaktionen. Auf körperlicher Ebene tritt eine enorme Stressreaktion auf, die sich unter anderem durch Schwitzen, Herzrasen und Schwindel äußert. Auf kognitiver Ebene werden die Segmente zur Erinnerung des Geschehenen bewusst gelöscht, da eine Erinnerung für die Betroffenen unerträglich ist. Dies geschieht als Schutzreaktion der Psyche. Ein Trauma kann zudem emotionale Reaktionen auslösen, wie zum Beispiel Trauer, Angst und Hilflosigkeit. Allerdings kann es auch zu einer völligen Taubheit kommen, bei der Betroffene eine traumatische Situation erleben, ohne dabei etwas zu fühlen (vgl. Pausch & Matten, 2018, S.4). Ausgangspunkt eines Traumas ist eine tatsächliche, äußerst belastende äußere Einwirkung (vgl. Huber, 2020, S.51). Pausch & Matten betonen, dass eine traumatische Situation dadurch gekennzeichnet ist, „dass es eine Diskrepanz zwischen der subjektiv erlebten Bedrohung für sich oder andere und den individuellen Bewältigungsstrategien“ (Pausch & Matten, 2018, S.4) gibt. Dies bedeutet, dass die individuellen Bewältigungsstrategien der betroffenen Personen mit der erlebten Situation nicht umgehen können und dadurch eine Überforderung in der Psyche entsteht, die der Belastung nicht standhalten kann. Infolgedessen entwickelt sich ein Trauma. Die Natur des Traumas liegt also nicht nur im Ereignis selbst, sondern auch darin, wie das Individuum damit umgeht.

5.2 Traumatypen

Es haben sich verschiedene Klassifikationen von Traumata etabliert. Zunächst werden traumatische Ereignisse danach klassifiziert, ob sie einmalig oder wiederholt auftreten. Typ-I-Trauma ist gekennzeichnet durch plötzlich eintretende, zeitlich stark begrenzte Ereignisse, die eine ernsthafte Gefahr für das eigene oder fremde Leben darstellen. Beispiele dafür sind Verkehrsunfälle oder Überfälle (vgl. Garbe, 2015, S.29). Dagegen bestehen Typ II-Traumata, auch Komplextraumatisierungen genannt, aus mehreren Ereignissen, bei denen multiple Traumata entstehen können. Gewalterfahrungen über einen längeren Zeitraum, sexueller Missbrauch und Folter gehören unter anderem dazu. Diese sind meist von langfristiger Dauer und können nicht so schnell verarbeitet werden. Zusätzlich unterscheiden Pausch & Matten noch einmal zwischen Non- Intentionalen Traumata und Intentionalen Traumata (vgl. Pausch & Matten, 2018, S.5). Non- Intentionale Traumata sind traumatische Geschehnisse, die zufällig oder durch die Natur herbeigeführt werden, wie beispielsweise Naturkatastrophen oder Autounfälle. Wohingegen es sich bei Intentionalen Traumata um „Man-made-Disaster“ handelt (vgl. Zito & Martin, 2016, S.25). Damit ist gemeint, dass Menschen willentlich und absichtlich einer anderen Person Schaden zufügen, wie zum Beispiel bei einer Vergewaltigung. Diese Erfahrungen, sogenannte „menschengemachte Katastrophen“, bringen in der Regel fatale Folgen mit sich und sind schwieriger zu verarbeiten, da das Vertrauen in andere Menschen maßgeblich geschädigt wird (vgl. Zito & Martin, 2016, S.25). Im Hinblick auf die Erlebnisse von Geflüchteten, handelt es sich meist um Traumata vom Typ II, da viele von ihnen in ihren Herkunftsländern extremer Gewalt, Krieg, politischer Verfolgung und Folter ausgesetzt sind.

5.3 Posttraumatische Belastungsstörung

Mehrfach traumatische Ereignisse bei Kindern und Jugendlichen können zu tiefergehenden psychischen Erkrankungen führen. Eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) wird oft als Folge eines traumatischen Geschehnisses diagnostiziert. Der Begriff lässt sich folgendermaßen erklären: Nach dem Erleben eines traumatischen Ereignisses (also „post“) entsteht eine Stressreaktion oder eine Belastungsstörung. Die Tatsache, dass eine Person ein oder mehrere Traumata erlebt hat, bedeutet jedoch nicht, dass die betroffene Person auch an einer Posttraumatischen Belastungsstörung leiden muss (vgl. Pausch & Matten, 2018, S.6). Der ICD-10 legt genaue Kriterien fest, die erfüllt sein müssen, um die Diagnose einer Posttraumatischen Belastungsstörung feststellen zu können. Zu den Kriterien gehören unter anderem Wiedererleben, Vermeidung von Erinnerungen an die traumatischen Erlebnisse und Überregung, wie zum Beispiel Reizbarkeit oder Wutausbrüche (vgl. Schellong, Hanschmidt, Ehring, Knaevelsrud, Schäfer, Rau, Dyer & Krüger-Gottschalk, 2019, S.734). Ein weiteres Merkmal ist, dass eine Posttraumatische Belastungsstörung in der Regel binnen sechs Monaten nach dem traumatischen Erlebnis auftritt (vgl. Pausch & Matten, 2018, S.7). In einigen Fällen kann sie sich aber auch noch Jahre später entwickeln. Das erste Risiko einer Posttraumatischen Belastungsstörung ist das Trauma selbst. Desto schwerwiegender ein Trauma ist und je länger es andauert, desto höher ist die Chance, dass sich eine Posttraumatische Belastungsstörung entwickelt. Ein weiteres Risiko für die Auftreten einer Posttraumatischen Belastungsstörung ist die Ursache des Traumas. Das Risiko steigt, wenn das Trauma durch Einwirkung von anderen Menschen („man-made­disaster“) verursacht wurde. Darüber hinaus entwickeln Frauen nach einer Traumatisierung doppelt so häufig eine Posttraumatische Belastungsstörung als Männer (vgl. Pausch & Matten, 2018, S.25). Eine Posttraumatische Belastungsstörung geht meistens mit weiteren psychischen und physischen Problemen einher, wie zum Beispiel unkontrollierte Wutanfälle, Depressionen, Konzentrationsstörungen und Merkprobleme (vgl. Zito & Martin, 2016, S.8).

5.4 Sequentielle Traumatisierung

Die Theorie der sequentiellen Traumatisierung von Keilson (1979) wird von mehreren Autoren im Zusammenhang mit Trauma erwähnt. Keilsons Forschung ist in der Wissenschaftsgeschichte bedeutend, weil sie erstmals Traumata durch organisierte Gewalt von Menschen als langfristigen und wirksamen Prozess versteht (vgl. Keilson, 1979). Dieses Konzept entstand im Kontext der Forschung zu jüdischen Kriegswaisen und lässt sich durch Fluchtbiografien auf Traumata übertragen (vgl. Teckentrup, 2010, S.99). Allerdings ist es weiterhin hochaktuell, da es belegt, dass die Zeitreihe nach dem Ende der traumatischen Erfahrung für die weitere psychische Entwicklung besonders wichtig ist. Es ist kein einzelnes Ereignis, das als Trauma angesehen wird, sondern eine anhaltende Stresssituation (vgl. Detemple, 2015, S.33). Das Konzept der sequentiellen Traumatisierung umfasst nicht nur verschiedene Erfahrungen und Belastungssituationen, sondern beschreibt auch den Prozess der Veränderung von Trauma-Situationen, aufgeteilt in mehreren Sequenzen (vgl. Hargasser, 2014, 27 ff.). Keilson untersucht zudem spezifisch die Auswirkungen von Belastungssituationen auf Kinder und Jugendliche. Die traumatische Erfahrung gliedert sich für Keilson in drei Phasen. Sie beginnt mit der Erklärung einer Drohung, setzt sich fort mit direkter Verfolgung, wie Krieg und Flucht, und endet nicht, wenn Kinder und Jugendliche ihre Flucht beenden. Fortgeführt wird sie, wenn sich die Kinder von ihren Eltern bzw. Bezugspersonen trennen müssen (vgl. Zito & Martin, 2016, S. 49). Des Weiteren geht Keilson davon aus, dass die Endphase des Traumas damit beginnt, dass Kinder und Jugendliche in ein fremdes Land kommen und sich dort zurechtfinden müssen (vgl. Detemple, 2015, S.34). Keilson hat herausgefunden, dass diese Zeit besonders entscheidend ist und hebt hervor, dass die Lebensbedingungen und die Unterstützung, die geboten werden, einen großen Einfluss auf die weitere Entwicklung bei Kindern und Jugendlichen haben. Teckentrup macht darauf aufmerksam, dass das Konzept der sequentiellen Traumatisierung bisher wenig Akzeptanz gefunden hat (vgl. Teckentrup, 2010, S.100). Sie denkt, dass es daran liegen kann, dass das Resultat unangenehm ist. Trauma ist langfristig, das bedeutet, dass der Prozess der Stabilisierung traumatisierter Kinder und Jugendlicher ebenfalls langfristig ist und jeder im Kinder- oder Jugendsystem zur Rechenschaft gezogen werden sollte. Diese Verantwortung ist nicht auf die Grenze zum Gastland beschränkt. Wie sich geflüchtete Kinder und Jugendliche weiterentwickeln, ist davon abhängig, wie sie in der Aufnahmegesellschaft akzeptiert und gefördert werden. Das bedeutet einerseits viel Verantwortung, andererseits die Möglichkeit, mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen zu arbeiten (vgl. Zito & Martin, 2016, S.49).

[...]

Ende der Leseprobe aus 39 Seiten

Details

Titel
Herausforderungen und Chancen der Schulsozialarbeit im Umgang mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen
Hochschule
Hochschule Fresenius; Köln
Note
1,3
Jahr
2022
Seiten
39
Katalognummer
V1288980
ISBN (Buch)
9783346747884
Sprache
Deutsch
Schlagworte
herausforderungen, chancen, schulsozialarbeit, umgang, kindern, jugendlichen, Flucht, Trauma, Handlungsmöglichkeiten
Arbeit zitieren
Anonym, 2022, Herausforderungen und Chancen der Schulsozialarbeit im Umgang mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1288980

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