Die Europäische Union ist nach Helmut König „eine ökonomische und administrative Einheit bei einem auffälligen und viel beklagten Mangel an Identifikation und Solidarität“. Politisch sind die Einigungsprozesse unübersehbar: seit den Römischen Verträgen hat die Zahl der Mitgliedsstaaten stetig zugenommen bis zur letzten Erweiterung im Jahr 2007. Doch die lange Geschichte des Scheiterns, die das Verfassungs- bzw. Grundlagenvertrag-Projekt nun schon hinter sich hat macht deutlich, dass der politisch-institutionellen Einigung eine andere vorausgehen oder zumindest mit dieser einhergehen muss: das Zusammenwachsen als gefühlte Gemeinschaft. Ohne das die Bevölkerungen der europäischen Nationalstaaten sich auch als zusammengehörig empfinden, wird die politische Einigung schnell an ihre Grenzen gelangen. Nicht umsonst bemühen sich die Vertreter der europäischen Institutionen in Brüssel, das Projekt Europa beliebter zu machen: Imagekampagnen sollen die Attraktivität des europäischen Gedankens steigern, Konferenzen zum Thema sollen neue Konzepte entwickeln, und neu konzipierte Schulbücher sollen schon bei den Kleinsten das Entstehen einer europäisch bestimmten Identität fördern. Verfolgt man europapolitische Reden oder liest in Publikationen zum Thema „Europäische Identität“, wird dort der Zusammenhang Europas mit dem Terminus der Kultur- und Wertegemeinschaft begründet. Die Staaten Europas bekennen sich gemeinsam zu Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechten und zu freiheitlichen, pluralistischen Verfassungen. Diese Haltung würde, so die Argumentation, in der gemeinsamen Geschichte wurzeln: die griechische Antike, die christlichen Königreiche des Mittelalters, die Renaissance und die Aufklärung bis hin zum Nationalismus des 19. Jahrhunderts, der zur Gründung der Nationalstaaten führte, sind von gesamteuropäischer Bedeutung und Wirkung gewesen. Neben dieser positiven Bestimmung des Kerns der europäischen Zusammengehörigkeit stellt sich aber auch die Frage, wo Trennlinien verlaufen. Mögen auch die Ereignisse der letzten Jahrhunderte Auswirkungen auf ganz Europa gehabt haben – nicht alle haben sie gleich erlebt. Welche Rolle spielen unterschiedliche Erinnerungen und Interpretationen des Vergangenen für die Integration Europas? [...]
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Kollektive Erinnerung und „erinnerungskulturelle Trennlinien“
2.1 Bedeutung der kollektiven Identität für Europa
2.2 Europas Spaltung durch „erinnerungskulturelle Trennlinien“
3 Politikgeschichte Rumäniens 1916 bis 2008
3.1 Von 1916 bis 1944
3.2 Der Holocaust in Rumänien
3.3 Von 1945 bis 1989
3.4. Von 1990 bis 2008
4 Die Diskurse um den Zweiten Weltkrieg und den Faschismus
4.1 Im Kommunismus
4.2 Nach 1989
5. Die Diskurse um den Kommunismus
5.1 Die verzögerte Aufarbeitung
5.2 Die Neudeutung der Postkommunisten
5.3 „Widerstand durch Kultur“
5.4 Der bewaffnete Widerstand
5.5 Erfolge der Aufarbeitung
6 Ausblick – Demontierung oder Zementierung der erinnerungskulturellen Trennlinien in Rumänien?
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht den Prozess des Erinnerns in Rumänien unter Berücksichtigung der sozialen und politischen Bedingungen seit 1947, mit besonderem Fokus auf die Ära des Faschismus und die darauffolgende Zeit des Kommunismus. Ziel ist es, die vorherrschende Erinnerungskultur in Rumänien aufzuzeigen, die Akteure hinter den Diskursen zu identifizieren und zu analysieren, wie diese mit dem angestrebten europäischen Geschichtsdiskurs in Einklang zu bringen sind.
- Konzeptualisierung von „erinnerungskulturellen Trennlinien“ in Europa
- Historische Analyse der rumänischen Politikgeschichte von 1916 bis 2008
- Untersuchung der nationalen Diskurse zum Zweiten Weltkrieg, zum Faschismus und zum Holocaust
- Analyse der Aufarbeitung der kommunistischen Diktatur in Rumänien
- Bewertung der Rolle des Nationalismus und des Opfermythos im kollektiven Gedächtnis
Auszug aus dem Buch
3.2 Der Holocaust in Rumänien
Um 1930 lebten in Rumänien ca. 750 000 Juden, vornehmlich in Moldawien, Bessarabien, der Bukowina und Nord-Siebenbürgen. Dies entsprach einem Bevölkerungsanteil von 4,2 %. Erhaltene Interviews, Telegramme und schriftliche Anweisungen sowie in Dokumenten festgehaltene politische Willenserklärungen Antonescus machen deutlich, dass die „Lösung der Judenfrage“ für Antonescu und sein Regime ein wesentliches programmatisches Anliegen darstellte. Unter Antonescu kam es ab 1940 zur Verabschiedung antijüdischer Gesetze wie Berufsverbot, Entzug der Staatsbürgerschaft, in der Folge Konfiszierung von jüdischem Vermögen, Einführung des Judensterns auf der Kleidung, Ausschluss von Juden aus Institutionen wie Schulen und Universitäten.
Im Januar 1941 wurden beim sogenannten „Legionärsaufstand“ in Bukarest über 120 Menschen, zumeist Juden, ermordet. In der Folgezeit kam es zu Pogromen in weiteren rumänischen Städten. Als Rumänien 1941 das zuvor von der Sowjetunion besetzte Bessarabien zurückeroberte, kam es zu mehreren Massakern an der jüdischen Bevölkerung. Unter anderem unterstellte man den Juden Kollaboration mit den Sowjets. Im Juni 1941 verübten deutsche und rumänische Truppen das Massaker von Iaşi, bei dem 3 000 bis 12 000 Menschen, vornehmlich Juden, getötet wurden.
Aus dem zurückeroberten Bessarabien und der Bukowina wurde die jüdische Bevölkerung und auch Teile der Sinti und Roma-Bevölkerung in Gewaltmärschen nach Transnistrien deportiert, das zwischen 1941 bis 1944 von Deutschland und Rumänien besetzt war und heute größtenteils zur Ukraine gehört. Dort wurden sie ohne Verpflegung in Lager interniert. Ca. 120 000 Menschen starben aufgrund der Bedingungen in den Lagern. Weitere 100 000 Juden wurden Ende 1941 von rumänischen Truppen nach Transnistrien deportiert. In Odessa verübten rumänische Soldaten ein Massaker, nachdem im Hauptquartier der rumänischen Armee eine Bombe explodierte, durch die ca. 60 Menschen starben. Auf den Befehl Antonescus sollten für jeden toten Offizier 200, für jeden toten Soldaten 100 Juden getötet werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Notwendigkeit einer gemeinsamen europäischen Identität und hinterfragt, welche Rolle unterschiedliche Erinnerungskulturen für die europäische Integration spielen.
2 Kollektive Erinnerung und „erinnerungskulturelle Trennlinien“: Dieses Kapitel erläutert das Konzept kollektiver Identität und diskutiert die durch historische Erfahrungen entstandenen Spaltungen in Europa.
3 Politikgeschichte Rumäniens 1916 bis 2008: Das Kapitel bietet einen historischen Abriss der rumänischen Entwicklung, von den Gebietsgewinnen nach dem Ersten Weltkrieg über die faschistische Diktatur bis hin zur postkommunistischen Ära.
4 Die Diskurse um den Zweiten Weltkrieg und den Faschismus: Hier wird untersucht, wie die Wahrnehmung des Zweiten Weltkriegs und des Holocausts in der kommunistischen Geschichtspolitik und nach der Wende 1989 konstruiert und manipuliert wurde.
5. Die Diskurse um den Kommunismus: Dieses Kapitel analysiert die zögerliche Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit sowie die Mythenbildung um „Widerstand durch Kultur“ und bewaffneten Widerstand.
6 Ausblick – Demontierung oder Zementierung der erinnerungskulturellen Trennlinien in Rumänien?: Der Ausblick reflektiert den Stand der Aufarbeitung und plädiert für den Übergang zu einem „postnationalen“ Gedächtnis, um eine gemeinsame europäische Erinnerungskultur zu ermöglichen.
Schlüsselwörter
Rumänien, Erinnerungskultur, Holocaust, Kommunismus, Faschismus, Ion Antonescu, europäische Identität, Aufarbeitung, Geschichtspolitik, Nationalismus, kollektives Gedächtnis, Securitate, Opfermythos, Postkommunismus, Erinnerungsgemeinschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit im Kern?
Die Arbeit untersucht, wie Rumänien seit 1947 seine faschistische und kommunistische Vergangenheit im öffentlichen Diskurs verarbeitet hat und wie diese nationale Erinnerungskultur im Kontext einer geeinten Europäischen Union zu bewerten ist.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die Rolle der kollektiven Identität, die historische Entwicklung Rumäniens im 20. Jahrhundert, die Konstruktion von Erinnerungsmythen (wie dem Opferstatus) sowie die Schwierigkeiten bei der Aufarbeitung von Diktaturverbrechen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das Ziel ist es, die Prozesse des Erinnerns in Rumänien am Beispiel der beiden Diktaturen aufzuzeigen und zu prüfen, wer mit welcher Absicht die Interpretation dieser Vergangenheit bestimmt und wie dies mit dem europäischen Geschichtsverständnis korrespondiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer diskursanalytischen und geschichtswissenschaftlichen Untersuchung, die politische Entwicklungen und die öffentliche sowie historiographische Auseinandersetzung mit der Geschichte auf Basis vorhandener Literatur und Quellen analysiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in einen historischen Teil zur rumänischen Politikgeschichte, eine detaillierte Analyse der Diskurse um Faschismus und Holocaust sowie eine Untersuchung der Aufarbeitung der kommunistischen Zeit, inklusive der Rolle von Akteuren wie der Securitate.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die vorliegende Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Rumänien, kollektive Erinnerung, Faschismus, Kommunismus, Aufarbeitung, nationales vs. postnationales Gedächtnis und Opfermythos geprägt.
Welche Rolle spielt die Person Ion Antonescu in der rumänischen Erinnerungskultur?
Antonescu wird laut Arbeit sehr uneinheitlich bewertet; während er für die einen als Massenmörder gilt, wird er von Teilen der Gesellschaft und rechten Gruppierungen als Opfer der Umstände oder gar als Bewahrer der Nation heroisierend dargestellt.
Warum wird der rumänische Widerstand gegen den Kommunismus in der Arbeit als „Mythos“ bezeichnet?
Die Arbeit weist darauf hin, dass der bewaffnete Widerstand in Rumänien postkommunistisch überhöht wurde, um das Land als tapferes antikommunistisches Volk darzustellen, obwohl es sich oft um flüchtige Offiziere und Anhänger Antonescus handelte, die nicht primär für Demokratie kämpften.
Welche Auswirkung hatte die EU-Annäherung auf die Geschichtsaufarbeitung in Rumänien?
Der Druck durch EU und USA führte dazu, dass Rumänien ab dem Jahr 2000 den Umgang mit der Vergangenheit formal an westliche Standards anpasste, beispielsweise durch das Verbot der Holocaustleugnung und die Einsetzung von Historikerkommissionen.
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- Anja Riedeberger (Author), 2008, Rumänien und die Erinnerung – Diskurse um Faschismus und Kommunismus seit 1947, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/128932