Um einen Beitrag zum didaktischen Diskurs zu leisten, beschäftigt sich diese Arbeit unter Bezugnahme des Kerncurriculums mit der Kontextualisierung desselben Textes in zwei unterschiedlichen Schulbüchern der Oberstufe. Hierbei soll es weniger um die Qualität des verwendeten Wissens innerhalb des Literaturunterrichts gehen, als vielmehr die vielseitigen Möglichkeiten und damit den Einfluss, bzw. genauer die Gefahr und das Potenzial von Kontextualisierung aufzuzeigen. Als exemplarisches Beispiel wird mit zwei Schulbuchkapiteln gearbeitet, die beide die zum Schulkanon gehörende Kafka’sche Parabel „Auf der Galerie“ behandeln und jeweils auf ihre Weise präsentieren. Wie und unter welchem Einbezug von Kontextwissen wird die Parabel präsentiert und welchen Einfluss hat dies auf das Verstehen des Textes?
"Kontextualisierung ist notwendige Bedingung der Interpretation" – mit dieser These Zabkas soll die vorliegende Arbeit eingeleitet werden. Das Verstehen und Interpretieren literarischer Texte stellt einen wesentlichen Bereich im Literaturunterricht der Schule dar. Schülerinnen und Schülern sollen ein autonomes Textverständnis entwickeln, das durch nahe Textargumentation Plausibilität und Kohärenz aufweist. Denn ein konstitutives Merkmal literarischer Texte ist ihre Mehrdeutigkeit – so lassen sich Texte aus unterschiedlichen Blickwinkeln und Perspektiven betrachten, was die Grundlage bietet für eine vielseitige Interpretation. Die verschiedenen Verständnismöglichkeiten ergeben sich häufig aus mehreren, auf den Text angewendeten Kontexten bzw. optimalerweise deren Zusammenführung. Mit seiner Betonung der Notwendigkeit von Kontexten trifft Zabka also einen wunden Punkt im literaturdidaktischen Diskurs von Kontextwissen, in welchem sich gegenwärtig unter anderem mit der Frage nach der Korrelation zwischen literarästhetischem Verstehen und domänenspezifischem Vorwissen auseinandergesetzt wird.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theorie und Methode
2.1. Kontextualisierung u. die Arten v. Kontextwissen nach Zabka u. Spinner
2.2. Theorie zum Lesebuch
3. Analysierender Vergleich
3.1. Franz Kafka: Auf der Galerie
3.2. Betrachtung der Schulbuchkapitel
3.2.1. Cornelsen: Themen, Texte und Strukturen
3.2.2. Schöningh: Deutsch in der Oberstufe
3.3. Vergleich
3.4. Diskussion und Auswertung
4. Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Diese Arbeit untersucht unter Bezugnahme auf das Kerncurriculum, wie Franz Kafkas Parabel "Auf der Galerie" in zwei verschiedenen Schulbüchern der gymnasialen Oberstufe kontextualisiert wird, um das Potenzial und die Gefahren von Kontextwissen für das literarische Verstehen kritisch zu hinterfragen.
- Analyse der Kontextualisierungsstrategien in den Schulbüchern "Cornelsen: Themen, Texte und Strukturen" und "Schöningh: Deutsch in der Oberstufe".
- Differenzierung der Arten von Kontextwissen nach Zabka und Spinner im schulischen Literaturunterricht.
- Untersuchung von Zusammenhängen zwischen Aufgabenkonzeptionen, Medienauswahl und dem Verstehen literarischer Parabeln.
- Diskussion über die Ambivalenz von Kontextwissen als Verstehenshilfe einerseits und als Gefahr der einseitigen Interpretation andererseits.
- Didaktische Reflexion über die Steuerung von Schüleraktivierung und Eigeninitiative durch schulisches Lehrmaterial.
Auszug aus dem Buch
3.3 Vergleich
Die Betrachtung beider Kapitel zu »Auf der Galerie« zeigen, wie der Text jeweils in bestimmter Art und Weise präsentiert wird. In beiden Ausgaben wird die Parabel nicht vorbehaltsfrei für die Lesenden abgebildet, sondern befindet sich eingebettet in einen bzw. mehrere Kontexte. Ein offensichtlicherer und komplexerer Kontext lässt sich im Lesebuch des Schöningh Verlags identifizieren, denn das gesamte Kapitel behandelt den Autor Franz Kafka und die Schülerinnen und Schüler bekommen viele Anknüpfungspunkte durch biographische Informationen und andere Texte desselben Autors. Darüber hinaus werden die Leserinnen und Leser durch Informationskästen unterstützt. Insgesamt zeigen sich hier verschiedene Kontexte auf implizite und explizite Weise.
Durch die Seitenanordnung hat die lesende Person beispielsweise keine Möglichkeit, sich nicht mit dem Gemälde Seurats zu befassen bzw. dieses zu übersehen – hier wird bereits implizit eine Verbindung hergestellt. Explizit findet sich diese Verbindung und der intermediale Verweis in der Aufgabenstellung 4, in welcher beide Werke aus Kunst und Literatur miteinander verglichen werden sollen. Textvergleiche sind Teil der schulischen Interpretationspraxis, denn sie „regen im steten Blickpunktwechsel zwischen Texten und Medien dazu an, Gemeinsames und Differentes zu erkennen“. Ein weiteres Vergleichsangebot wird in Hinsicht auf Robert Walsers »Ovation« gegeben. Häufig werden in der Literaturwissenschaft Gemeinsamkeiten beider Werke gesehen. Durch die explizite Aufgabenstellung, die den Vergleich beider Texte fordert, und die implizite Aneinanderreihung findet hier eine Kontextualisierung auf Ebene der Intertextualität und des Gattungswissens statt. Des Weiteren formulieren die Autor_Innen eine gestaltende Interpretationsaufgabe, in der explizit auf die „aktuellen Probleme unserer Zeit“ verwiesen wird. Es sollen also aktuelle politische oder gesellschaftliche Kontexte herangezogen werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit leitet mit der Bedeutung der Kontextualisierung für die Interpretation ein und stellt die Forschungsfrage zur unterschiedlichen Einbettung der Parabel "Auf der Galerie" in zwei Schulbüchern.
2. Theorie und Methode: Dieser Abschnitt definiert auf Basis von Zabka und Spinner die Arten des Kontextwissens und legt die Kriterien für eine schulbuchanalytische Untersuchung von Lesebuchkapiteln fest.
3. Analysierender Vergleich: Hier werden die spezifischen Bearbeitungen der Parabel in den Lehrwerken von Cornelsen und Schöningh detailliert gegenübergestellt, analysiert und hinsichtlich ihrer Kontexte diskutiert.
4. Fazit: Die Arbeit schließt mit der Erkenntnis, dass Kontextualisierung für das Textverstehen ambivalent ist und kein Lehrwerk eine pauschale Ideallösung bietet, weshalb eine kritische Auseinandersetzung auf Metaebene notwendig bleibt.
Schlüsselwörter
Kontextualisierung, Franz Kafka, Auf der Galerie, Literaturunterricht, Schulbuchanalyse, Kontextwissen, Parabel, Interpretationskompetenz, Literarisches Verstehen, Didaktik, Aufgabenkonzeption, Intermedialität, Gattungswissen, Schöningh, Cornelsen
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, wie verschiedene Schulbuchkapitel der Oberstufe die Kafkasche Parabel "Auf der Galerie" in unterschiedliche Kontexte einbetten, um den Interpretationsprozess der Schülerinnen und Schüler zu beeinflussen.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die Konzepte des Kontextwissens in der Literaturdidaktik, die Analyse schulischer Lehr- und Lernmittel sowie die Frage, wie die Präsentation eines literarischen Textes dessen Verstehen steuern kann.
Was ist die primäre Forschungsfrage des Autors?
Die Arbeit fragt danach, wie die Auswahl und Einbettung von Kontextwissen in Schulbüchern präsentiert wird und welchen Einfluss dies auf das Verstehen und die Interpretation des Textes hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird für die Untersuchung genutzt?
Die Arbeit nutzt eine komparative Analyse zweier spezifischer Schulbuchkapitel (Cornelsen und Schöningh) durch eine theoretische Rahmung, die auf Definitionen von Zabka und Spinner zum Kontextwissen basiert.
Welche Aspekte stehen im Mittelpunkt des Hauptteils?
Der Hauptteil analysiert isoliert die Aufbereitung von Kafkas "Auf der Galerie" in den beiden Lehrwerken und vergleicht anschließend deren didaktische Schwerpunkte, wie etwa den Einsatz von Bildern oder intertextuellen Verweisen.
Welche Fachbegriffe charakterisieren die untersuchten Konzepte?
Wichtige Begriffe sind hierbei intratextuelle, infratextuelle und intertextuelle Kontexte, Gattungs- und Autorenwissen sowie die Problematisierung von Analyseritualen.
Worin liegt laut dem Vergleich der größte Unterschied zwischen den beiden analysierten Schulbüchern?
Der Schöningh-Verlag stellt das Autorenwissen zu Franz Kafka in den Vordergrund, während der Cornelsen-Verlag stärker auf das künstlerische Motiv der Kunstreiterin und den intermedialen Bezug zu Gemälden fokussiert.
Warum warnt die Autorin vor einer zu starken Kontextualisierung im Literaturunterricht?
Die Autorin argumentiert, dass eine zu starke Kontextualisierung die Interpretation einseitig einschränken und den eigenen, unmittelbaren ästhetischen Zugang der Lernenden zum Text behindern kann.
- Citar trabajo
- Frederike Gadeberg (Autor), 2018, Die Kontextualisierung von Franz Kafkas "Auf der Galerie". Ein analysierender Vergleich von zwei Schulbuchkapiteln der Oberstufe, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1290549