Wo eine Ansammlung von Dingen vorhanden ist, ergibt sich oft auch das Bedürfnis, diese Dinge zu klassifizieren, das heißt Gruppen mit jeweils bestimmten gemeinsamen Eigenschaften zu bilden. Bei der Feststellung von Gemeinsamkeiten treten zugleich auch Unterschiede zwischen einzelnen Elementen einer Gruppe deutlicher hervor. Es kann also die Verallgemeinerung bzw. das Zusammenfügen von einzelnen Elementen zu einer Serie durchaus Mittel zur Bewußtmachung der Vielfalt sein.
Bemerkenswerterweise sind in diesen Tagen (28. September 2001 bis 6. Januar 2002) die Effekte der Serie Thema einer Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle. Sie trägt den Titel „Monets Vermächtnis. Serie – Ordnung und Obsession“. Der Impressionist Monet wandte das Prinzip der Serie bei vielen seiner Werke an. Unter anderem schuf er eine Reihe von Bildern mit Heuschobern, zu denen beispielsweise die Gemälde Heuschober bei Sonnenuntergang, Heuschober, Sommerende am Morgen und Heuschober, Sommerende am Abend gehören. Dargestellt wird jeweils ein ähnliches Motiv, das durch veränderte Lichtverhältnisse vollkommen unterschiedlich wirkt. Durch die Einheitlichkeit des Motivs wird die Aufmerksamkeit des Betrachters auf bestimmte feine Unterschiede gelenkt. Diese Art der Darstellung ermöglicht eine neue Sichtweise des vermeintlich Bekannten. Ungeachtet der Verschiedenheiten ordnet jedoch der Betrachter die wahrgenommenen Objekte einer einheitlichen Klasse zu. Eine solche Klassifizierung dient – gebunden an die ihr zugrundeliegende Interpretation der Wirklichkeit – zugleich auch als Verständnishilfe für das Erkennen von Zusammenhängen innerhalb einer gegebenen Menge von Elementen.
Inhaltsverzeichnis
0 Einleitung
1 Abgrenzung des Themas
2 Kriterien zur übersetzungsbezogenen Analyse von Textsortenmodellen
2.1 Vorbemerkungen
2.2 Mindestanforderungen an Modelle im allgemeinen
2.3 Mindestanforderungen an wissenschaftliche Modelle
2.4 Der Übersetzer
2.5 Mindestanforderungen an übersetzungsbezogene Textsortenmodelle
3 Textsortenmodelle und übersetzungsbezogene Analyse
3.1 Das Modell von Katharina Reiss
3.1.0 Grundlagen zum Verständnis des Reiss’schen Modells: Das Kommunikationsmodell von Karl Bühler
3.1.1 Vorbemerkungen
3.1.2 Sprachwissenschaftlicher Zugang
3.1.3 Kommunikationstheoretischer Zugang
3.1.4 Die übersetzungsrelevante Texttypologie
3.1.5 Texttyp und Übersetzungsmethode
3.1.6 Übersetzungsbezogene Analyse des Reiss’schen Modells
3.2 Das Modell von Egon Werlich
3.2.1 Texte
3.2.2 Textgruppen
3.2.3 Texttypen
3.2.4 Textformen
3.2.5 Textformvarianten und Kompositionsmuster
3.2.6 Textexemplare
3.2.7 Übersetzungsbezogene Analyse des Werlichschen Modells
3.3 Das Modell von Georges Mounin
3.3.1 Die religiöse Übersetzung
3.3.2 Die literarische Übersetzung
3.3.3 Die lyrische Übersetzung
3.3.4 Die Kinderbuch-Übersetzung
3.3.5 Die Bühnenübersetzung
3.3.6 Die Filmübersetzung
3.3.7 Die technische Übersetzung
3.3.8 Übersetzungsbezogene Analyse des Mouninschen Modells
3.4 Das Modell von Albrecht Neubert
3.4.1 Komponenten der sprachlichen Kommunikation
3.4.2 Beziehungen zwischen den einzelnen Komponenten
3.4.3 Pragmatik und Übersetzung
3.4.4 Übersetzungstypen
3.4.5 Übersetzbarkeit
3.4.6 Übersetzungsbezogene Analyse des Neubertschen Modells
4 Abgrenzung der Erklärungskraft der einzelnen Ansätze
4.1 Eindimensionalität von Typologien
4.2 Kontext und Zweck der Übersetzung
5 Übersetzungsstrategische Ansätze als Alternative zur Orientierung an Texttypologien
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht den Zusammenhang zwischen der Übersetzungswissenschaft und der Texttypologie, mit dem Ziel, die Anwendbarkeit verschiedener Textsortenmodelle auf den praktischen Übersetzungsprozess kritisch zu evaluieren und Ansätze für eine effiziente Textanalyse aufzuzeigen.
- Analyse und Kommentierung ausgewählter Textsortenmodelle (u.a. Reiss, Werlich, Mounin, Neubert)
- Definition und Abgrenzung zentraler Begriffe wie Texttypologie und Übersetzungsstrategie
- Untersuchung der Relevanz von Texttypologien für die übersetzerische Praxis
- Kritische Würdigung der Erklärungs- und Anwendbarkeit dieser Modelle für reale Arbeitsbedingungen
- Diskussion alternativer Ansätze zur Textanalyse für den Übersetzungsprozess
Auszug aus dem Buch
0 Einleitung
Wo eine Ansammlung von Dingen vorhanden ist, ergibt sich oft auch das Bedürfnis, diese Dinge zu klassifizieren, das heißt Gruppen mit jeweils bestimmten gemeinsamen Eigenschaften zu bilden. Bei der Feststellung von Gemeinsamkeiten treten zugleich auch Unterschiede zwischen einzelnen Elementen einer Gruppe deutlicher hervor. Es kann also die Verallgemeinerung bzw. das Zusammenfügen von einzelnen Elementen zu einer Serie durchaus Mittel zur Bewußtmachung der Vielfalt sein.
Bemerkenswerterweise sind in diesen Tagen (28. September 2001 bis 6. Januar 2002) die Effekte der Serie Thema einer Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle. Sie trägt den Titel „Monets Vermächtnis. Serie – Ordnung und Obsession“. Der Impressionist Monet wandte das Prinzip der Serie bei vielen seiner Werke an. Unter anderem schuf er eine Reihe von Bildern mit Heuschobern, zu denen beispielsweise die Gemälde Heuschober bei Sonnenuntergang, Heuschober, Sommerende am Morgen und Heuschober, Sommerende am Abend gehören. Dargestellt wird jeweils ein ähnliches Motiv, das durch veränderte Lichtverhältnisse vollkommen unterschiedlich wirkt. Durch die Einheitlichkeit des Motivs wird die Aufmerksamkeit des Betrachters auf bestimmte feine Unterschiede gelenkt. Diese Art der Darstellung ermöglicht eine neue Sichtweise des vermeintlich Bekannten. Ungeachtet der Verschiedenheiten ordnet jedoch der Betrachter die wahrgenommenen Objekte einer einheitlichen Klasse zu. Eine solche Klassifizierung dient – gebunden an die ihr zugrundeliegende Interpretation der Wirklichkeit – zugleich auch als Verständnishilfe für das Erkennen von Zusammenhängen innerhalb einer gegebenen Menge von Elementen.
Zusammenfassung der Kapitel
0 Einleitung: Einführung in das allgemeine Prinzip des Klassifizierens sowie in die Relevanz der Textklassifikation für die Textlinguistik und Übersetzungswissenschaft.
1 Abgrenzung des Themas: Definitorische Untersuchung der grundlegenden Begrifflichkeiten, insbesondere „Texttypologie“ und „Übersetzungsstrategie“, um einen klaren Bezugsrahmen zu schaffen.
2 Kriterien zur übersetzungsbezogenen Analyse von Textsortenmodellen: Erarbeitung von methodischen Kriterien wie Ökonomie, Strukturierung und Ikonizität, um die wissenschaftliche und praktische Eignung von Modellen bewerten zu können.
3 Textsortenmodelle und übersetzungsbezogene Analyse: Detaillierte Vorstellung und kritische Analyse der Modelle von Reiss, Werlich, Mounin und Neubert hinsichtlich ihrer Anwendbarkeit im Übersetzungsprozess.
4 Abgrenzung der Erklärungskraft der einzelnen Ansätze: Untersuchung allgemeiner Probleme der Texttypologie, insbesondere hinsichtlich ihrer Eindimensionalität sowie der Bedeutung von Kontext und Zweck für die Übersetzung.
5 Übersetzungsstrategische Ansätze als Alternative zur Orientierung an Texttypologien: Reflexion über die gewonnenen Erkenntnisse und Plädoyer für einen pragmatischeren, auf Textanalyse basierenden Ansatz anstelle rein typologischer Orientierung.
Schlüsselwörter
Textsortenmodell, Texttypologie, Übersetzungswissenschaft, Übersetzungsstrategie, Textanalyse, Katharina Reiss, Egon Werlich, Georges Mounin, Albrecht Neubert, Pragmatik, Sprachfunktion, Textlinguistik, Translation, Praxisrelevanz, Textkonstitution.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, inwieweit wissenschaftliche Textsortenmodelle tatsächlich als Werkzeuge für die praktische Übersetzungsarbeit dienen können und wo deren theoretische Grenzen liegen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Analyse konzentriert sich auf die theoretischen Grundlagen der Texttypologie, die Anforderungen an wissenschaftliche Modelle und deren Anwendung auf reale übersetzerische Fragestellungen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, die Leistungsfähigkeit verschiedener linguistischer Ansätze zu prüfen und aufzuzeigen, warum die praktische Übersetzung oft über die rein typologische Einordnung hinausgehen muss.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse und einer kritischen Evaluierung bestehender Modelle anhand definierter Kriterien wie Praktikabilität und wissenschaftlicher Nachprüfbarkeit.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden nacheinander die einflussreichen Modelle von Reiss, Werlich, Mounin und Neubert vorgestellt, analysiert und auf ihre Eignung für den konkreten Übersetzungsprozess hin beurteilt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Textsortenmodell, Übersetzungsstrategie, Texttypologie, Pragmatik und Translationsforschung.
Warum ist die „Eindimensionalität“ von Texttypologien ein Problem?
Da Texte oft polyfunktional sind, reicht eine Klassifizierung nach nur einem Merkmal häufig nicht aus, um die komplexen Anforderungen einer adäquaten Übersetzung zu erfassen.
Welchen Stellenwert räumt die Autorin dem „Kontext“ ein?
Der Kontext wird als entscheidender Faktor identifiziert, da derselbe Text zu unterschiedlichen Zwecken völlig verschiedene Übersetzungsstrategien erfordern kann, was statische Typologien oft ignorieren.
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- Sarah Reuter (Author), 2002, Texttypologie und Übersetzungsstrategie - Eine linguistisch-translatorische Studie, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/12922