Goethes Drama „Iphigenie auf Tauris“ war schon zu seiner Zeit kein einfaches Stück. Nicht nur das Publikum, sondern im Laufe der Zeit auch der Dichter selbst, hatten mit dem Drama ihre Schwierigkeiten. [...] In dieser Arbeit soll in erster Linie auf die Bedeutung der Weiblichkeit für den Verlauf der Handlung eingegangen werden. Teilweise darin einfließende Bereiche, die normalerweise eingängiger hätten behandelt werden können, sind aufgrund des beschränkten Umfangs ausgeklammert oder nur in nötigster Kürze beschrieben. Während der erste Teil der Arbeit die Hintergründe und literarischen Ursprünge von Goethes Iphigenie näher bringen soll, beschäftigt sich der zweite Teil mit der Untersuchung, inwiefern die Protagonistin die Rolle einer Frau erfüllt und wie sie dadurch auf das Geschehen des Dramas Einfluss nimmt.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Die Ursprünge der Goetheschen „Iphigenie“
1.1 Der Tantalidenmythos
1.2 Goethes Vorlagen: Übereinstimmungen und Unterschiede
2. Die Rolle der Weiblichkeit
2.1 Iphigenie: kein geschlechtliches Neutrum
2.2 Iphigenies Weiblichkeit als wirkender Faktor
3. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die zentrale Bedeutung der Weiblichkeit in Goethes Drama „Iphigenie auf Tauris“ und analysiert, inwiefern die Protagonistin durch ihre spezifische Rolle als Frau maßgeblichen Einfluss auf den Handlungsverlauf nimmt, die Heilung ihres Bruders Orest bewirkt und zur Humanisierung des Skythenkönigs Thoas beiträgt.
- Analyse der literarischen und mythologischen Ursprünge des Dramas
- Untersuchung der Geschlechterrollen und der Kritik an weiblicher Unterdrückung
- Die Funktion Iphigenies als Katalysator für die Heilung von Orest
- Die Darstellung von Iphigenies Handeln als Kontrapunkt zu patriarchalen Machtstrukturen
Auszug aus dem Buch
2.1 Iphigenie: kein geschlechtliches Neutrum
Dass Iphigenies weibliches Dasein nicht unbedeutend, geschweige denn zufällig ist, macht Goethe bereits im Eingangsmonolog (der Frauenklage) deutlich, wenn sie spricht:
„Der Frauen Zustand ist beklagenswert. Zu Haus und in dem Kriege herrscht der Mann, Und in der Fremde weiß er sich zu helfen. Ihn freuet der Besitz; ihn krönt der Sieg! Ein ehrenvoller Tod ist ihm bereitet. Wie eng-gebunden ist des Weibes Glück! Schon einem rauhen Gatten zu gehorchen Ist Pflicht und Trost; wie elend, wenn sie gar Ein feindlich Schicksal in die Ferne treibt!“ (V. 24-32)
Ihre Situation ist geprägt vom Bild der unterdrückten, machtlosen Frau. Ihr weibliches Leben erscheint geradezu wertlos und nicht lebenswert. Ebenso verbindet sie ihr Klagen mit dem Zustand des Gefangenseins in der Fremde. Die Kombination dieser Lebensumstände bildet also ihre grundlegende Hauptsorge. Dass der folgende Handlungsverlauf sich auf eben diese Sorgen bezieht, und den Status quo der Eingangsszene verändert, ist kaum überraschend.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Diese Sektion beleuchtet die Entstehungsgeschichte des Werks vor dem historischen Hintergrund von Goethes Italienreise und führt in die zentralen interpretatorischen Ansätze ein.
1. Die Ursprünge der Goetheschen „Iphigenie“: Dieses Kapitel erläutert den mythologischen Hintergrund des Tantalidenmythos und vergleicht Goethes Werk mit den Vorlagen von Euripides und Racine.
2. Die Rolle der Weiblichkeit: Hier wird untersucht, wie Iphigenie ihre Rolle als Frau reflektiert und durch ihre spezifisch weibliche Identität aktiv den Heilungsprozess von Orest und die menschliche Wandlung von Thoas beeinflusst.
3. Fazit: Das Fazit resümiert, dass Iphigenies Weiblichkeit als zentrale Triebkraft für den Ausgang des Dramas fungiert und eine Kritik an patriarchalen Machtverhältnissen darstellt.
Schlüsselwörter
Iphigenie auf Tauris, Johann Wolfgang von Goethe, Weiblichkeit, Tantalidenmythos, Humanität, Geschlechterrollen, Orest, Thoas, Euripides, Frauenklage, Mythos, Dramenanalyse, Humanisierung, Emanzipation, griechische Mythologie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Analyse von Goethes Drama „Iphigenie auf Tauris“ unter einem spezifisch geschlechtsspezifischen Fokus, um die Bedeutung der weiblichen Hauptfigur für die Konfliktlösung aufzuzeigen.
Welche zentralen Themenfelder werden in dieser Publikation behandelt?
Die zentralen Themen umfassen den Vergleich antiker Mythen, die gesellschaftliche Stellung der Frau im 18. Jahrhundert, das Motiv der Heilung durch weibliche Identität und den Kontrast zwischen männlicher Gewalt und weiblicher Humanität.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Die Forschungsfrage zielt darauf ab, zu klären, inwiefern Iphigenies Handlungen als Frau untrennbar mit der Auflösung der tragischen Konflikte im Stück verbunden sind und ob sie dadurch ein neues Ideal weiblicher Handlungsfähigkeit verkörpert.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse angewandt, die den Text kritisch untersucht, mythische Vorlagen vergleicht und den fachwissenschaftlichen Diskurs (u.a. von Jauß, Willim und Reed) in die Argumentation einbezieht.
Was wird im Hauptteil der Untersuchung primär behandelt?
Der Hauptteil analysiert Iphigenies Selbstverständnis als Frau, ihre Rolle in der Geschwistererkennung und den entscheidenden Einfluss, den sie durch ihre Weigerung ausübt, sich den patriarchalen Zwängen der Lüge und Gewalt zu beugen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese wissenschaftliche Analyse?
Die Arbeit wird maßgeblich durch die Begriffe Iphigenie, Weiblichkeit, Humanität, Geschlechterrollen, Tantalidenmythos und Emanzipation charakterisiert.
Inwiefern unterscheidet sich Goethes Iphigenie von der Vorlage des Euripides?
Goethe verlagert die Motivationen vom kultisch-religiösen Bereich auf die psychologische Ebene der Charaktere, wodurch die Heilung durch eine rein menschliche, weibliche Tat und nicht durch ein göttliches Eingreifen (Deus ex machina) substituiert wird.
Welche Rolle spielt die „Frauenklage“ zu Beginn des Stücks für den weiteren Handlungsverlauf?
Die Frauenklage dient als Ausgangspunkt, der die unterdrückte Situation der Protagonistin definiert und den Kontrast zu ihrer späteren aktiven Rolle bildet, in der sie sich gegen die patriarchale Autorität behauptet.
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- Daniel Bittmann (Author), 2008, Goethes „Iphigenie auf Tauris“: Wunder der Humanität durch Leistung der Weiblichkeit?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/129288