Filmische und literarische Darstellung der Mafia. Wechselseitiger Einfluß von Mythos und Realität


Essay, 2008

15 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Welche Assoziationen weckt der Begriff „Corleone“? Wahrscheinlich würden die wenigsten dabei an die kleine, eher unbekannte Stadt in der Nähe Palermos denken, sondern sich eher an Begriffe wie „Mafia“, „Der Pate“ oder „Don Corleone“ erinnert fühlen. Seit Mario Puzos Bestsellerroman „Der Pate“ (1969, englischer Originaltitel „The Godfather“) und der Verfilmung durch Francis Ford Coppola (1971) ist der Begriff beinahe zum Synonym für das organisierte Verbrechen geworden. Marlon Brando brillierte dabei in seiner Darstellung als Don Corleone und erschuf einen Charakter, bei dem man sich immer wieder fragen muss, ob Brando den Paten nur gespielt hat, oder ob er nicht tatsächlich der Pate war. Denn die Grenze zwischen realer Mafia und ihrem fiktiven Pendant ist seit der Erscheinung des Films immer schwerer zu ziehen: Echte Mafiosi nehmen sich den Don als Vorbild, die breite Masse hält das organisierte Verbrechen seitdem für eine Gruppe selbstloser Edelmänner, die sich der Ehre und dem Schutz ihrer Familie um jeden Preis verschrieben haben – ein Mythos ist geschaffen worden, der sowohl die Mafia allgemein betrifft, sich aber vor allem aus der Hauptperson Don Vito Corleone ableiten lässt.

Spätestens seit den Hinrichtungen der ’Ndrangheta in Duisburg ist auch in Deutschland zumindest ansatzweise ein Bewusstsein dafür entstanden, welche Bedrohung das organisierte Verbrechen tatsächlich darstellt, ob dies allerdings den Bann brechen kann, der durch den Paten entstanden ist, bleibt zu bezweifeln.

Wie kann eine poetische Fiktion sich als Mythos manifestieren und einen solchen Stellenwert in der Beurteilung der Realität erreichen, dass sie diese praktisch überholt und in den Vorstellungen der Menschen ersetzt?

Um das herauszufinden, sollten die filmische und literarische Darstellung der Mafia, und besonders der Hauptcharakter des Paten, Don Corleone, im Hinblick auf die Mythosbildung genauer untersucht werden.

Zur Einführung des Phänomens wird dazu kurz aufgeführt, inwiefern die Fiktion auf die Realität Einfluss genommen hat um dann zu sehen, welche Art von Mythos sich aus Don Corleone entwickelt hat. Anschließend wird gezeigt, dass sich die Darstellungen des Wertesystems in der Fiktion nicht mit denen der Realität decken, um schließlich durch Analyse einiger ausgewählter filmisch-poetisch stilbildender und rhetorischer Mittel herauszufinden, wie die besondere Wirkung des Werks unter anderem erreicht wird und auf diese Weise ein Mythos entstehen konnte.

Dass die Fiktion des Paten zum Vorbild der Realität werden konnte, die sie imitiert, beweisen beispielsweise Fotos des berüchtigten sizilianischen Mafiosi Luciano Leggio, die entstanden, als er 1974 vor Gericht erschien. Alles deutet darauf hin, dass er sich bei dieser Gelegenheit Marlon Brandos Don Corleone als Vorbild für sein Aussehen nahm. Mit der Zigarre, dem langen, massigen Unterkiefer und seinem arroganten Auftreten gelang es ihm tatsächlich, die Rolle zu verkörpern.[1] (Zufälligerweise handelt es sich beim Herkunftsort von Leggio ausgerechnet um den sizilianischen Ort Corleone, aus dem auch Vito Corleone (geborener Adolini) stammt). Noch deutlicher wird Roberto Saviano:

Kein Mitglied der kriminellen Organisationen, ob in Sizilien oder in Kampanien, hatte jemals den Begriff „Pate“ (padrino) benutzt, der nur eine philologisch ungenaue Übersetzung des englischen godfather ist. Der Begriff zur Bezeichnung eines Familienoberhauptes oder eines Mitglieds war immer nur compare (Gevatter) gewesen. Nach dem Film jedoch begannen die italienischstämmigen Mafiafamilien in den Vereinigten Staaten, anstelle des inzwischen altmodischen compare oder compariello das Wort padrino zu verwenden. Viele junge Italoamerikaner, die mit mafiosen Organisationen verbunden waren, eiferten dem Film nach, trugen plötzlich Sonnenbrille und Nadelstreifenanzug und redeten feierlich geschwollen daher. Selbst der New Yorker Boss John Gotti wollte sein wie Don Vito Corleone.[2]

Auch Henner Hess weist in „Mafia. Ursprung, Macht und Mythos“ (1998) darauf hin, dass die meisten Mafiosi beim Kontakt mit der Öffentlichkeit versuchen, durch ihr Verhalten eine aus dem Paten übernommene Wirklichkeit zu erschaffen um dem dadurch entstandenen Mythos gerecht zu werden und Bewunderung auszulösen.[3]

Es besteht also tatsächlich ein wechselseitiger Einfluß von Mythos und Realität. Seit den siebziger Jahren soll es sogar Bemühungen innerhalb der Mafia geben, organisatorische Schwachpunkte durch Orientierung am medialen Vorbild zu beseitigen. Dies betrifft vor allem die Strukturierung und Hierarchisierung innerhalb der Organisation, d. h. die Einrichtung einer zentralen Führungsinstanz, wie sie im Bild der Medien vermittelt wird.[4]

Wie sehr „Don Corleone“ die öffentliche Wahrnehmung der wahren Ziele und Aktivitäten der Cosa Nostra verklärt hat, zeigt auch die Aufnahme des „Don Corleone-Prinzips“[5] in die Theorie der Wirtschaftssoziologie: Nach Horst Bosetzky umfasst dieses Prinzip eine mikropolitische Strategie der Einfluss- und Machtsicherung mittels der Verpflichtung durch gute Taten bzw. das Prinzip „eine Hand wäscht die andere“. Es wird die Erfüllung eines Gefallens angeboten ohne dafür finanzielle oder materielle Vergütung zu verlangen, stattdessen aber das Recht, zu unbestimmter Zeit eine Gegenleistung ähnlicher Art einzufordern. Dadurch entstünden soziale Strukturen wie Seilschaften und persönliche Netzwerke.

Dieses Tauschgeschäft wird im Roman bereits auf den ersten Seiten dargestellt, wobei sich der Bestatter Buonasera an Don Corleone wendet, mit der Bitte, die vom Gericht freigesprochenen Vergewaltiger seiner Tochter zu bestrafen. Vito fordert dafür dessen totale Unterwerfung – er hält sich nicht nur offen, eine Gegenleistung einzufordern, sondern lässt Buonasera auch seine Hand küssen und verlangt von ihm als „Pate“ angesprochen zu werden.

Es ist in Bosetzkys Prinzip zwar auf den ersten Blick zu erkennen, wo die Parallelen zum Paten zu finden sind, und ebenfalls wird von Einfluss- und Machtsicherung gesprochen; die im Zweifel gewaltsame Einforderung des „Gegengefallens“ wird allerdings nicht erwähnt.

Don Corleone wird also eher als soziale Institution wahrgenommen und nicht als Verbrecher, was hinsichtlich seiner Position als Anführer einer kriminellen Organisation nicht nachvollziehbar ist.

Generell kann man hier von einer Überhöhung oder Mythisierung im Sinne der „Theorie des politischen Mythos“ nach Peter Tepe sprechen[6]. Zwar handelt es sich bei Vito Corleone nur indirekt um eine politische Person, dennoch finden sich in seiner Wirkungsweise viele Aspekte, die denen eines politischen Helden nahezu identisch sind. Ein solcher Held entwickelt verschiedene Hauptelemente, von denen die meisten auf den Paten zutreffen: er verkörpert ein hohes, lebensbedeutsames (und auch politisches) Ziel, dessen Erreichung viele Menschen anstreben, und wird durch eben diese Menschen als herausragend, groß und heldenhaft angesehen.

[...]


[1] Vergl. John Dickie: Cosa Nostra. Die Geschichte der Mafia. Frankfurt a. M. 2006. S. 398.

[2] Roberto Saviano: Gomorrha. Reise in das Reich der Camorra. München 2007. S. 301.

[3] Vergl. Henner Hess: Mafia. Ursprung, Macht und Mythos. Freiburg/Basel/Wien 1993, S. 199.

[4] Vergl. Henner Hess: Mafia. A. a. O, S. 199.

[5] Vergl. Horst Bosetzky: Das Don Corleone-Prinzip in der öffentlichen Verwaltung. Bad.-Würt. Verwaltungspraxis 1974, 1, 50-53

[6] Vergl. Peter Tepe: Entwurf einer Theorie des politischen Mythos. In: Mythos No. 2. Politische Mythen. (Hrsg.) Peter Tepe, Thorsten Buchmann, Birgit zu Nieden, Tanja Semlow und Karin Wemhöner. Würzburg 2006. S. 46-65. Hier S. 59/60.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Filmische und literarische Darstellung der Mafia. Wechselseitiger Einfluß von Mythos und Realität
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
15
Katalognummer
V129291
ISBN (eBook)
9783640380435
ISBN (Buch)
9783640380213
Dateigröße
439 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mythos, Mafia, Funktion, Fiktion
Arbeit zitieren
Daniel Bittmann (Autor:in), 2008, Filmische und literarische Darstellung der Mafia. Wechselseitiger Einfluß von Mythos und Realität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/129291

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