Spätestens seit den Hinrichtungen der ’Ndrangheta in Duisburg ist auch in Deutschland zumindest ansatzweise ein Bewusstsein dafür entstanden, welche Bedrohung das organisierte Verbrechen tatsächlich darstellt. Ob dies allerdings den Bann brechen kann, der durch den Paten entstanden ist, bleibt zu bezweifeln.
Wie kann eine poetische Fiktion sich als Mythos manifestieren und einen solchen Stellenwert in der Beurteilung der Realität erreichen, dass sie diese praktisch überholt und in den Vorstellungen der Menschen ersetzt?
Inhaltsverzeichnis
1. Mythos Mafia. Zur Funktionsweise einer poetischen Fiktion.
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, wie es einer poetischen Fiktion wie Mario Puzos "Der Pate" gelingen konnte, sich als ein die Realität überlagernder Mythos zu etablieren. Dabei wird analysiert, durch welche erzählerischen und filmischen Mittel eine Identifikation mit den Charakteren erzeugt wird und wie diese Fiktion bis heute die öffentliche Wahrnehmung des organisierten Verbrechens beeinflusst.
- Analyse der Mythosbildung durch literarische und filmische Darstellung.
- Untersuchung des "Don Corleone-Prinzips" als mikropolitische Strategie.
- Kontrastierung von fiktiven Werten und der brutalen Realität der Mafia.
- Bedeutung von filmtechnischen Mitteln für die Emotionalisierung des Zuschauers.
- Auswirkungen der medialen Verklärung auf das gesellschaftliche Bewusstsein.
Auszug aus dem Buch
Mythos Mafia. Zur Funktionsweise einer poetischen Fiktion.
Welche Assoziationen weckt der Begriff „Corleone“? Wahrscheinlich würden die wenigsten dabei an die kleine, eher unbekannte Stadt in der Nähe Palermos denken, sondern sich eher an Begriffe wie „Mafia“, „Der Pate“ oder „Don Corleone“ erinnert fühlen. Seit Mario Puzos Bestsellerroman „Der Pate“ (1969, englischer Originaltitel „The Godfather“) und der Verfilmung durch Francis Ford Coppola (1971) ist der Begriff beinahe zum Synonym für das organisierte Verbrechen geworden.
Marlon Brando brillierte dabei in seiner Darstellung als Don Corleone und erschuf einen Charakter, bei dem man sich immer wieder fragen muss, ob Brando den Paten nur gespielt hat, oder ob er nicht tatsächlich der Pate war. Denn die Grenze zwischen realer Mafia und ihrem fiktiven Pendant ist seit der Erscheinung des Films immer schwerer zu ziehen: Echte Mafiosi nehmen sich den Don als Vorbild, die breite Masse hält das organisierte Verbrechen seitdem für eine Gruppe selbstloser Edelmänner, die sich der Ehre und dem Schutz ihrer Familie um jeden Preis verschrieben haben – ein Mythos ist geschaffen worden, der sowohl die Mafia allgemein betrifft, sich aber vor allem aus der Hauptperson Don Vito Corleone ableiten lässt.
Zusammenfassung der Kapitel
Mythos Mafia. Zur Funktionsweise einer poetischen Fiktion.: Dieses Kapitel dient als Einleitung, in der die mediale Wirkmacht der Mafia-Fiktion thematisiert und die zentrale Fragestellung der Arbeit hergeleitet wird.
Schlüsselwörter
Mythos, Mafia, Der Pate, Don Corleone, poetische Fiktion, organisierte Kriminalität, Identifikation, Mythosbildung, Cosa Nostra, Medienwirkung, Filmästhetik, Ideale Sozialität, soziale Netzwerke, Gewalt, Macht
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie das fiktive Werk "Der Pate" eine derart starke mythologische Wirkung entfalten konnte, dass es die Wahrnehmung der realen Mafia nachhaltig prägt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Zentrum stehen die Mythosbildung durch Medien, die psychologische Identifikation der Rezipienten mit der Figur Don Corleone sowie der Vergleich zwischen fiktiven Mafia-Werten und der realen kriminellen Praxis.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie durch bestimmte rhetorische und filmische Stilmittel eine "poetische Fiktion" erschaffen wurde, die von der Gesellschaft als wahrheitsgetreu akzeptiert wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit bedient sich einer medienwissenschaftlichen und kulturtheoretischen Analyse, unter anderem unter Einbezug der "Theorie des politischen Mythos" von Peter Tepe.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die mediale Inszenierung des Dons, die Funktion von Licht- und Kameraführung zur Emotionalisierung des Zuschauers sowie die soziologische Einordnung des "Don Corleone-Prinzips".
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Mythos, Mafia, Identifikation, mediale Fiktion und die Analyse der Filmästhetik von Francis Ford Coppola charakterisieren.
Wie beeinflusst die Figur Don Corleone reale Verbrecher?
Die Arbeit belegt, dass sich reale Kriminelle wie Luciano Leggio oder John Gotti aktiv am Auftreten der Filmfigur orientierten, um deren Aura der Macht und Besonnenheit zu imitieren.
Warum funktioniert die Identifikation mit einem Kriminellen?
Durch die minimalistische Darstellung, die Fokussierung auf "väterliche" Beschützerinstinkte und die moralische Aufwertung innerhalb des fiktiven Rahmens wird der Zuschauer dazu verleitet, den Verbrecher als Integrationsfigur wahrzunehmen.
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- Daniel Bittmann (Author), 2008, Filmische und literarische Darstellung der Mafia. Wechselseitiger Einfluß von Mythos und Realität, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/129291