Zur Veränderung der Wahrnehmung Ernst Jüngers in seinem Kriegstagebuch 'Feuer und Blut'


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009

21 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1) Einleitung

2) Jünger als Rezipient, Soldat und Autor

3) Das Gehirn als Wahrnehmungsmaschine
3.1) Ein kurzer Einblick in die Kulturgeschichte des Gehirns
3.2) Die neue Rolle des Menschen im Technikzusammenhang
3.3) Erzählzeit vs. erzählte Zeit.
3.4) Die Ambivalenz zwischen Abstumpfung und Herausbildung eines sensibilisierten Wahrnehmungsapparates
3.5) Jüngers „Traumlogik“ im Abenteuerlichen Herz

4) Veränderung der Wahrnehmungsfähigkeit als Folge von Drogen und Rausch
4.1) Allgemeines über Drogen und Rausch
4.2) Drogen und Rausch bei Jünger

5) Fazit

1) Einleitung

In der vorliegenden Belegarbeit soll das Kriegstagebuch Feuer und Blut von Ernst Jünger näher untersucht werden[1]. Um einen Zugang zur Thematik zu finden, wird zunächst auf Jünger selbst eingegangen. So verschafft ihm die Rezeption verschiedenster Literatur sowie die Tätigkeit als Soldat seiner Zeit eine Basis für die Textproduktion, in welche er die eigenen Erfahrungen einfließen lässt. Den Hauptbestandteil der Arbeit stellt eine Interpretation dar, in welcher versucht werden soll, die Veränderung der Wahrnehmung Jüngers in Feuer und Blut sinnvoll aufzulösen. In diesem Kontext gilt es die Frage zu klären, ob und inwieweit Jünger angesichts seiner Kriegserfahrungen unter der Psychose des Borderline-Syndroms leidet. Dabei beschränkt sich die Analyse auf die Neukonzeption von Mensch und Maschinerie, die Kontrastierung von Erzählzeit und erzählter Zeit sowie auf die Ambivalenz zwischen Abstumpfung und sensibilisierter Wahrnehmung beschränkt werden[2]. Des Weiteren soll die Themenübertragung des Wahrnehmungsaspektes auf das Abenteuerlichen Herz exemplarisch festgehalten werden.

In einem abschließenden Teil wird konzis auf den Einfluss von Drogen auf die Veränderung der Wahrnehmung Bezug genommen, die in der Auseinandersetzung mit den Werken von Jünger nicht unbedeutend erscheint.

2) Jünger als Rezipient, Soldat und Autor

Bereits in sehr jungen Jahren tritt Jünger mit einer Euphorie dem Krieg entgegen, läuft sogar mit 18 Jahren von zu Hause weg und verpflichtet sich für fünf Jahre bei der französischen Fremdenlegion. Nachdem ihn das Auswärtige Amt nach sechs Wochen jedoch ergreift und zurückholt, meldet er sich ordnungsgemäß 1914 als Kriegsfreiwilliger und gelangt nach dem absolvierten Notabitur an die Westfront im Ersten Weltkrieg. Prägend für ihn sind vor allem die Schriften Nietzsches, mit welchen er sich besonders eingehend in der Zeit zwischen 1913 und 1930 beschäftigt[3]. Eindrucksvoll erscheinen ihm dessen Leitideen „[…] wie die Überwindung des Selbst durch Tat, Kraft und Vorwärtsdrängen, das Ideal des harten, kriegstüchtigen Mannes [oder] des Willens zur Macht […]“[4], welche Jünger auf die eigene Einstellung projiziert. Gleichsam hohe Bedeutung für ihn weist das Buch von Maurice Barrès Von der Wolllust und vom Tode auf, welches Motive des Fiebers und der Mystik des Blutes evoziert und demzufolge mit der Auffassung Jüngers korrespondiert, wenn man bedenkt, dass dieser „[…] selbst von einer gewissen Todessehnsucht beseelt [ist]“[5]. Bei Homer stößt er auf die detailgetreue Schilderung vom Schrecklichen und transformiert dies später in die eigene Textproduktion von beispielsweise Feuer und Blut, in dem er „[…] mit der gleichen Genauigkeit und mit distanzierter Beobachtungsgabe […] den Ersten Weltkrieg [beschreibt]“[6]. Nicht zuletzt wirkt auch Grimmelshausens Simplicissmus auf Jünger hinsichtlich des kriegerischen Inhaltes ein, welcher von alten Soldaten verfasst wurde.

Jüngers erstes Kriegstagebuch In Stahlgewittern wird 1920 publiziert, dicht gefolgt vom Krieg als inneres Erlebnis (1922) und Wäldchen 125 (1925). Sie übermitteln eine Überzeugung von Kameradschaft an der Front, Vaterlandsliebe, Mut und Disziplin. 1925 veröffentlicht der Autor dann das Werk Feuer und Blut, in welchem er die Zeit als Soldat während der Märzoffensive 1918 schildert. Er bildet als Frontkämpfer und Autor eine Überzeugung vom Rausch des eisigen Willens, der Zweckmäßigkeit und Opferung im Krieg heraus[7].

Abschließend ist anzumerken, dass die biographische Situation Jüngers in den Kriegsjahren heute sehr komplex erscheint. So entwickelt er eine Persönlichkeit, die sich aus zwei Perspektiven zusammensetzt. Als überzeugter Soldat der deutschen Nation erhält er zum Einen die Grundlage für eine Tätigkeit als Schriftsteller und wird zum Anderen durch die Publikation der Kriegserlebnisse und -erfahrungen zu einem der erfolgreichsten Autoren seiner Zeit. Daher ist auch eine Abgrenzung von Jünger als Soldat und Jünger als Autor aufgrund einer zeitlichen Überschneidung beider Tätigkeiten als schwierig anzusehen.

3) Das Gehirn als Wahrnehmungsmaschine

3.1) Ein kurzer Einblick in die Kulturgeschichte des Gehirns

Im 18. Jahrhundert gelangt die bislang weit unangetastete Thematik der Hirnforschung zunehmend in den Fokus der Wissenschaft. Als „[…] barockes Uhrwerk oder auch als ein aus vielen Fächern bestehendes Vorratshaus […]“[8] wird es damals noch verstanden. In der Forschung etabliert sich das Gehirn nach intensiver Untersuchung mehr und mehr zum „Ausscheidungsorgan von Sinn“[9] und wird schließlich im 20. Jahrhundert mit „medientechnischen Datenverarbeitungsmaschinen“[10] gleichgesetzt. Meynert, ein Forscher, der später Wiener Professor für Psyichatrie wird, geht im Kontrast zu seinen Kollegen, die den Zusammenhang zwischen Gehirn und der Wahrnehmung von Sinneseindrücken experimentell bewiesen hatten, Mitte des 19. Jahrhunderts einen Schritt weiter, in dem er die Felder der Psychologie und Physiologie vereint und somit den Standpunkt vertritt, dass sich der Sitz der Seele im Gehirn befindet. Um 1870 macht er dann die entscheidende Entdeckung. Er findet zwei Nervenfasern, die seine Theorie der psychophysischen Hirnfunktion praktisch begründen. Einerseits konstatiert er die sogenannten Projektionsfasern, die den Transport sinnlicher Eindrücke von den Sinnesorganen in den Cortex gewährleisten, während andererseits die Assoziationsfasern der Verknüpfung von Wahrnehmungen sowie Vorstellungen dienen und somit eine Ordnung des Denkens und Handelns schaffen[11]. Dabei stellt Meynert heraus, dass wiederholte Assoziationen zu einem bestimmten Erlebnis zu einer Verfestigung spezifischer Bahnen führen, „[…] die nach und nach eine gewisse Kontinuität der Persönlichkeit mit sich bringt“[12]. Flechsig, der neben Meynert und anderen einer der Hauptvertreter der Hirnpsychiatrie ist, erweitert Meynerts Ansatz. Er schreibt dem Großteil des Cortex Assoziationszentren zu, die Verbindungen mit Projektionszentren und Assoziationsfasern aufweisen. Demzufolge werden „[…] Sinneseindrücke gespeichert, geordnet verarbeitet, Erinnerungen ausgelöst und kombiniert […]“[13].

In diesen Kontext fügt sich die Thematik des Borderline-Syndroms ein, wobei es sich um eine emotional instabile Persönlichkeitsstörung handelt[14]. Generell wird die individuelle Wahrnehmung durch Abwehr- und Verarbeitungsorganismen realisiert, welche dem Ich eine Orientierung gewähren und Konflikt- oder Reizüberflutungen vorbeugen. Daraus ergibt sich: Je öfter ein Mensch in seinem Leben mit psychotraumatischen Ereignissen konfrontiert wird, desto weniger können sich die Verarbeitungsmechanismen differenzierend entwickeln, wodurch folglich mit einem Orientierungsverlust des Ichs zu rechnen ist. Menschen, die unter dem Borderline-Syndrom leiden, sind unfähig den Abwehrmechanismus der Verdrängung umzusetzen, vielmehr kommen Aspekte der Spaltung und Verdeckung zum Ausdruck, welche die Betroffenen […] überaus funktionstüchtig […] und (quantitativ) produktiv [erscheinen lassen] […]“[15]. Dem Faktor der Spaltung geht dabei ein Entweder-Oder-Prinzip voraus, wodurch der Patient zwischen extrem guten und extrem bösen Stimmungen schwankt. Die Verdeckung verdeutlicht die Überlagerung des eigentlichen Charakters eines Menschen durch Symptome wie zum Beispiel stressabhängige paranoide Phantasien, das Fehlen eines klaren Ich-Identitätsgefühls oder der Impulsivität bei potentiell selbstzerstörerischen Verhaltensweisen.

Im Allgemeinen geht hervor, dass eine Modifikation des Ichs eines Menschen durch Veränderungen seines Umfeldes erfolgen kann. In der Interaktion mit dem konstitutionellen Faktor der eigenen Persönlichkeit ist die Entwicklung des Borderline-Syndroms theoretisch denkbar[16].

Weilnböck führt nun die Thematik des Borderline-Syndroms in die Literatur ein. Das Interessenfeld des Forschers stützt sich auf die Germanistik sowie die Psychoanalytik, wodurch die Auseinandersetzung mit den Werken Jüngers auf psychologischer Ebene nachvollziehbar wird. In dem Aufsatz „… dazu passend: Rotwein mit Eierkognak zur Hälfte in einem bauchigen Glas“. Borderline literarische Interaktion und Gewalt am Beispiel von Ernst Jüngers Kriegsschriften vertritt er den Standpunkt deutlich, dass „[…] Inhalt und Form der untersuchten Texte von borderlinen Phänomenen und Interaktionsmodi geprägt sind“[17]. Im Folgenden gilt es demzufolge die Frage zu klären, ob die Theorie dieser Psychose in Feuer und Blut Halt findet, wenn man die Veränderung Jüngers Wahrnehmung im Krieg betrachtet.

[...]


[1] Die Belegarbeit folgt der Neuen Deutschen Rechtschreibung 2006.

[2] Grund der Eingrenzung liegt in der expliziten Auseinandersetzung mit der Wahrnehmungsproblematik. Eine erweiterte Untersuchung ginge über die Grenzen einer germanistischen Arbeit hinaus.

[3] Diese Aussage geht aus einem Brief hervor, den Jünger am 02.08.1996 an Reinhard Wilczek verfasst. Siehe hierzu: Wilczek, Reinhard: Nihilistische Lektüre des Zeitalters. Ernst Jüngers Nietzsche-Rezeption. Trier 1999. S. 142.

[4] Lotz, Christoph. Ernst Jüngers Lektüre bis zum Ende des Ersten Weltkrieges. Autoren – Bücher – Wirkung auf sein Werk. Marburg 2002. S. 125.

[5] Ebd. S. 128.

[6] Ebd. S. 129.

[7] Vgl. Dietka, Norbert: Ernst Jünger – vom Weltkrieg zum Weltfrieden: Biographie und Werkübersicht. Bad Honnef 1994. S. 32f.

[8] Hagner, Michael: Lokalisation, Funktion, Cytoarchitektonik. Wege der Modellierung des Gehirns. In: Hagner, Michael (Hrsg.): Objekte, Differenzen und Konjunkturen. Experimentalsynthese im historischen Kontext. Berlin 1994. S. 122.

[9] Ebd. S. 122.

[10] Ebd. S. 122.

[11] Cortex bezeichnet die Großhirnrinde, die vor allem beim Menschen groß entwickelt ist. Diese Struktur kann nochmals in weitere Teile mit spezifischen Funktionen untergliedert werden: Bsp.: auditorischer Cortex (Hörrinde) oder visueller Cortex (Sehrinde), Siehe hierzu: Hagner. S. 121ff.

[12] Hagner. S.127.

[13] Ebd. S. 134.

[14] Auf eine detaillierte Darstellung des Borderline-Syndroms soll in der Belegarbeit weitestgehend verzichtet werden. Lediglich die Symptome sollen eine Rolle spielen, die in der Auseinandersetzung mit Jüngers Text Feuer und Blut diese Psychose vermuten lassen. Siehe hierzu: Rohde-Dachser, Christa: Das Borderline-Syndrom. Stuttgart 1979.

[15] Weilnböck, Harald: „… dazu passend: Rotwein mit Eierkognak zur Hälfte in einem bauchigen Glas“. Borderline literarische Interaktion und Gewalt am Beispiel von Ernst Jüngers Kriegsschriften. In: Hagestedt, Lutz (Hrsg.): Ernst Jünger. Politik, Mythos, Kunst. Berlin 2004. S. 433.

[16] Vgl. Rohde-Dachser. S. 72ff.

[17] Weilnböck. S. 442. In der Analyse befasst sich der Autor mit den Jüngers Werken In Stahlgewittern, Wäldchen125 und Feuer und Blut. Dabei dringt er wiet in die Wissenschaft der Psychologie ein, was nicht zuletzt auf die psychoanalytische Weiterbildung zurückzuführen ist.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Zur Veränderung der Wahrnehmung Ernst Jüngers in seinem Kriegstagebuch 'Feuer und Blut'
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Germanistik, Professur für Germanistische Linguistik und Sprachgeschichte)
Veranstaltung
Ernst Jünger
Note
2
Autor
Jahr
2009
Seiten
21
Katalognummer
V129352
ISBN (eBook)
9783640356621
ISBN (Buch)
9783640356973
Dateigröße
458 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Veränderung, Wahrnehmung, Ernst, Jüngers, Kriegstagebuch, Feuer, Blut
Arbeit zitieren
Franziska Sobania (Autor), 2009, Zur Veränderung der Wahrnehmung Ernst Jüngers in seinem Kriegstagebuch 'Feuer und Blut', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/129352

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