In seinem Entwurf zur Kritik der historischen Vernunft behandelt Wilhelm Dilthey die Frage, wie in den Geisteswissenschaften, obwohl sie prinzipiell das subjektive Erleben als Gegenstand haben, trotzdem objektives Wissen möglich ist. Er stellt sich die Aufgabe die Beschaffenheit der Geisteswissenschaften zu erkennen, um sie durch eine genaue Terminologie von den Naturwissenschaften, insbesondere was ihre Methode betrifft. Der Gegenstand der Geisteswissenschaften ist die geistige Wirklichkeit des Subjekts. Dies steht im Gegensatz zum Gegenstand der Naturwissenschaften, die sich ausschließlich mit den physischen Phänomenen, die rein objektiv und unabhängig vom Menschen sind, auseinandersetzen. Deshalb ist eine Erkenntnistheorie der Geschichte mit den Kategorien von Kant nicht möglich, die als Maßstäbe Mathematik und formale Logik für die Denkformen und Denkgesetze im Subjekt verwenden. Dilthey erschafft neue Kategorien, die helfen sollen die Objektivität der im Subjekt geschaffenen geistigen Welt zu erkennen und die Frage zu klären, inwiefern dies zur Lösung des Erkenntnisproblems beitragen kann.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Darstellung des Begriffs des Erlebens
3. Die kategoriale Bestimmung des Lebens: Zeitlichkeit
4. Zusammenhang von Erleben, Ausdruck und Verstehen
5. Kausalität und Sinnstiftung in der historischen Welt
6. Fazit und Zusammenfassung der erkenntnistheoretischen Konzeption
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das von Wilhelm Dilthey entwickelte Projekt einer „Kritik der historischen Vernunft“. Ziel ist es, die erkenntnistheoretischen Grundlagen zu beleuchten, die es ermöglichen, in den Geisteswissenschaften zu objektivem Wissen zu gelangen, obwohl deren Gegenstand – das subjektive Erleben – prinzipiell von einer objektiven, naturwissenschaftlichen Erfassbarkeit abweicht.
- Diltheys Abgrenzung der Geisteswissenschaften von den Naturwissenschaften
- Der zentrale Stellenwert von Erleben, Ausdruck und Verstehen
- Die Rolle der Zeitlichkeit und geschichtlicher Kategorien
- Die Bedeutung von Begriffen wie Sinn, Wert und Zweck für die historische Erkenntnis
Auszug aus dem Buch
Die wichtigste kategoriale Bestimmung des Lebens ist für Dilthey die Zeitlichkeit.
Wir beschreiben unser Dasein im Rahmen der Zeit; sprich in Gleichzeitigkeit, Aufeinanderfolge, Zeitabstand, Dauer und Veränderung. Diese Zeitverhältnisse dienten Kant zur Entwicklung seiner Lehre der Phänomenalität der Zeit. Diese Verhältnisse bilden aber nur den Rahmen des Erlebnisses von Zeit. Das Erlebnis von Zeit an sich wird allerdings „erfahren als rastloses Vorrücken der Gegenwart“, ähnlich einem Fluss, in dem das momentan Erlebte zu etwas Vergangenem wird und das Künftige gegenwärtig wird.
Aus diesem Zeitbegriff leitet Dilthey zwei neue Kategorien ab: Die der Wirklichkeit (die Vergangenheit, an die wir uns nur passiv erinnern, allerdings nichts mehr an ihr ändern können) und die der Möglichkeit (die Zukunft, die noch offen steht und aktiv auf verschiedene Art und Weise gestaltet werden kann). Deshalb ist auch Kants Idealität der Zeit innerhalb der Geisteswissenschaften sinnlos, weil die Zeit hier nicht etwas hinter oder über dem Leben Stehendes ist, sondern die Zeiterfahrung des Lebens selbst betrifft.
Gegenwart ist niemals, da sie für den, der sie erlebt, stets durchdrungen ist von Erinnerung an das, was eben gegenwärtig war. Als Erlebnis bezeichnet man die kleinste Einheit im präsenten Moment der Gegenwart. Das Erleben ist eigentlich von Veränderung geprägt, „da ja der folgende Augenblick immer sich auf den früheren aufbaut“. Jeder noch nicht erfasste Moment wird Vergangenheit.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Problemstellung Diltheys, wie objektive Erkenntnis in den Geisteswissenschaften trotz subjektiven Erlebens möglich ist.
2. Darstellung des Begriffs des Erlebens: Untersuchung der Beziehung zwischen Erleben, Ausdruck und Verstehen sowie der Einteilung in formale und reale Kategorien.
3. Die kategoriale Bestimmung des Lebens: Zeitlichkeit: Analyse des Zeitbegriffs bei Dilthey und der Ableitung der Kategorien von Wirklichkeit und Möglichkeit.
4. Zusammenhang von Erleben, Ausdruck und Verstehen: Erläuterung der Objektivierung des Geistes durch das Zusammenspiel von individuellen Erlebnissen und deren Ausdruck.
5. Kausalität und Sinnstiftung in der historischen Welt: Diskussion über das Fehlen naturwissenschaftlicher Kausalität und den Einsatz von Kategorien wie Wert und Zweck für die Deutung eines Lebens.
6. Fazit und Zusammenfassung der erkenntnistheoretischen Konzeption: Zusammenführende Betrachtung, wie das Subjekt durch den Zirkel von Erleben, Ausdruck und Verstehen zu einem gemeinschaftlichen Wissen gelangt.
Schlüsselwörter
Dilthey, Kritik der historischen Vernunft, Geisteswissenschaften, Erleben, Verstehen, Zeitlichkeit, Historizität, Objektivität, Ausdruck, Kategorien, Sinnstiftung, Lebensphilosophie, Erkenntnistheorie, Hermeneutik, Subjektivität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert Wilhelm Diltheys erkenntnistheoretischen Entwurf einer „Kritik der historischen Vernunft“ und seine Versuche, eine methodische Grundlage für die Geisteswissenschaften zu schaffen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Schwerpunkte liegen auf der Differenzierung zwischen Natur- und Geisteswissenschaften, der Struktur des Erlebens, dem Zeitbegriff und der Rolle des Verstehens für historische Erkenntnisse.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Klärung der Frage, wie trotz des subjektiven Charakters des Erlebens objektives Wissen in den Geisteswissenschaften konstituiert werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Die Arbeit nutzt die hermeneutische Textanalyse, um Diltheys philosophische Konzepte aus seinem Hauptwerk „Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften“ zu rekonstruieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der Analyse der Kategorien des Erlebens, der Zeitlichkeit, der Abgrenzung von Kausalität und der Bedeutung von Sinn- und Zweckbegriffen für das geschichtliche Verständnis.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist maßgeblich durch die Begriffe Erleben, Verstehen, Zeitlichkeit, Historizität und die Unterscheidung zwischen Natur- und Geisteswissenschaften geprägt.
Wie unterscheidet Dilthey laut der Arbeit das Erleben von der Beobachtung?
Dilthey vertritt die Auffassung, dass eine objektive Beobachtung das Erleben zerstört, da die Beobachtung das Fließende des Lebens fixiert, während das Erleben einen fortlaufenden Prozess darstellt.
Welche Rolle spielt die Zeitlichkeit für die geschichtliche Erkenntnis?
Die Zeitlichkeit ist für Dilthey die grundlegende Bestimmung des Lebens. Aus ihr leitet er die Kategorien der Wirklichkeit (Vergangenheit) und der Möglichkeit (Zukunft) ab, die für das Verständnis der Geschichte essenziell sind.
- Citation du texte
- Deniz Tavli (Auteur), 2007, Darstellung und Diskussion des Projekts einer "Kritik der historischen Vernunft" bei Dilthey, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/129415