"Noch fürcht ich, dich aus schimmernden Tagen zu lösen", schreibt Ingeborg Bachmann in einem frühen Gedicht (IBG 34). Das Dialogische in den Gedichten Bachmanns folgt eigenen Gesetzen. In vorliegender Seminararbeit werden solche Gesetzmässigkeiten bzw. die sprachlich konstituierte Kommunikation beschrieben. Sowohl der Sender (das artikulierte Ich) als auch der Empfänger (das angesprochene Du) werden einzeln einer Analyse unterworfen und anschliessend wird die Beziehung zwischen den Dialogpartnern charakterisiert. Diese theoretischen Grundlagen werden abschliessend an zwei ausgewählten Gedichten Bachmanns angewendet.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
1.1 PROBLEMSTELLUNG
1.2 MIT DEM THEMA VERBUNDENE PROBLEME
1.3 VORGEHENSWEISE
2. ANALYSE DES SENDERS UND DES EMPFÄNGERS
2.1 ANALYSE DES SENDERS
2.1.1 Das artikulierte Ich
2.1.2 Das artikulierte Wir
2.1.3 Wechselnde Perspektive des Ich und Wir
2.2 ANALYSE DES EMPFÄNGERS
2.2.1 Personen und Teile ihrer Persönlichkeit
2.2.2 Nichtmenschliche Wesen und Gegenstände
2.2.3 Abstrakta
2.2.4 Verschiedene angesprochene Instanzen
2.3 DOMINANTE TYPEN
3. DIE BEZIEHUNG ZWISCHEN DEN DIALOGPARTNERN
3.1 DIE NÄHE ZWISCHEN DEN DIALOGPARTNERN
3.1.1 Zwei getrennte Instanzen mit Distanz
3.1.2 Zwei getrennte Instanzen mit ungewisser Nähe
3.1.3 Zwei getrennte Instanzen mit expliziter Nähe
3.1.4 Vereinigung zweier Instanzen in einer Person
3.2 FORMEN DES ANSPRECHENS DER ZWEITEN PERSON
3.2.1 Aufforderndes Ansprechen
3.2.2 Fragendes Ansprechen
3.2.3 Beschreibendes Ansprechen
3.2.4 Scheindialogisches Ansprechen
4. ANALYSE VON KOMMUNIKATIONSMUSTERN AUSGEWÄHLTER GEDICHTE
4.1 DUNKLES ZU SAGEN (IBG 42)
4.1.1 Analyse der Kommunikationssituation
4.1.2 Interpretation der Beziehung zwischen den beiden Instanzen
4.2 REKLAME (IBG 124)
4.2.1. Analyse der Kommunikationssituation
4.2.2. Interpretation der Beziehung zwischen den beiden Instanzen
5. ZUSAMMENFASSUNG DER ERGEBNISSE
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit hat zum Ziel, die dialogischen Kommunikationsstrukturen in den Gedichten von Ingeborg Bachmann zu analysieren und zu kategorisieren, wobei insbesondere die Charakterisierung von Sender und Empfänger sowie deren Beziehung zueinander im Mittelpunkt stehen.
- Analyse des artikulierten Ich und Wir als Senderinstanzen
- Untersuchung verschiedener Empfängertypen (Personen, Abstrakta, Nichtmenschliches)
- Charakterisierung der räumlichen und psychischen Distanz zwischen Dialogpartnern
- Kategorisierung der Formen des Ansprechens der zweiten Person
- Exemplarische Untersuchung der Kommunikationsmuster anhand ausgewählter Gedichte
Auszug aus dem Buch
2.1.1 Das artikulierte Ich
Beim Ich kann grundsätzlich unterschieden werden, ob es sich eher um eine individuelle oder eine allgemeine, unspezifische Instanz handelt. Erstere Kategorie beinhaltet jene Sender, die ihre einmaligen Erlebnisse, persönlichen Gedanken oder ihr momentanes Befinden zu Poesie werden lassen. Es handelt sich um ein radikal-subjektives Ich, das vom Leser nicht frei gefüllt werden kann. Auf sprachlicher oder semantischer Ebene wird deutlich, dass das Ich ein besonderes Einzelschicksal wiedergibt. Die Greifbarkeit der vielfältigen individuellen Ich variiert aber von Gedicht zu Gedicht. Jedoch unabhängig von der Konkretheit des Senderprofils lässt sich innerhalb der Gruppe der radikal-subjektiven Ich eine weitere Feinunterscheidung vornehmen, denn die Aussagen der verschiedenen Sender unterscheiden sich bezüglich ihrer inhaltlichen Leistung. Während die einen Ich eine spezifische Begebenheit schildern, reflektieren die anderen ihre eigene Existenz oder Tätigkeit. So ergibt sich eine Dreiteilung des individuellen Senders in die Kategorien des erlebenden, solipsistischen oder poetologischen Ich.
Am besten fassbar für den Leser ist das subjektive Erlebnis-Ich, welches seine persönlichen Erfahrungen dichtend wiedergibt. Diese Kategorie impliziert meist irgendeine Form von Handlung. Das erlebende Subjekt hat tendenziell beschreibende, und weniger reflektierende Funktion. Das Schildern einer mehr oder weniger konkreten Situation bedeutet, dass dieses Ich vergleichsweise häufig Hinweise auf Raum und Zeit gibt. Dieser Wirklichkeitsbezug verleiht dem Text nicht nur den spezifischen Handlungscharakter, sondern er verhilft dem Leser auch zu einer besseren Orientierung im Text. Besonders die zeitlichen Hinweise sind ein wichtiger Hilfsfaktor für das Verständnis des Gedichtstexts. Massgebend sind der Gebrauch verschiedener Tempora und Zeitdeiktika. Folgender Gedichtanfang vermag die gehäuften Wirklichkeitshinweise zu illustrieren, die das Erlebnis-Ich äussert:
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Darstellung der Problemstellung hinsichtlich der lyrischen Personalität und Erläuterung der methodischen Vorgehensweise bei der Untersuchung der dialogischen Strukturen.
2. ANALYSE DES SENDERS UND DES EMPFÄNGERS: Detaillierte Untersuchung der verschiedenen Erscheinungsformen des Ich und Wir als Sender sowie der unterschiedlichen Ausprägungen des Empfängers innerhalb des Gedichtkorpus.
3. DIE BEZIEHUNG ZWISCHEN DEN DIALOGPARTNERN: Analyse der Sender-Empfänger-Beziehung unter Berücksichtigung räumlicher Distanz sowie der verschiedenen formalen Anredearten.
4. ANALYSE VON KOMMUNIKATIONSMUSTERN AUSGEWÄHLTER GEDICHTE: Exemplarische Anwendung der theoretischen Ergebnisse auf die Gedichte "Dunkles zu sagen" und "Reklame".
5. ZUSAMMENFASSUNG DER ERGEBNISSE: Resümee der Analyse, das die Vielfalt und Individualität der Kommunikationsmuster bei Bachmann hervorhebt und betont, dass keine starren Gesetzmäßigkeiten existieren.
Schlüsselwörter
Ingeborg Bachmann, Lyrikanalyse, Dialog, artikuliertes Ich, artikuliertes Wir, Sender, Empfänger, Kommunikationsmuster, Gedichtanalyse, Personalität, Textsubjekt, Deixis, lyrisches Ich, Dialogstruktur
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Analyse dialogischer Kommunikationsstrukturen in den Gedichten von Ingeborg Bachmann, insbesondere mit dem Verhältnis zwischen dem lyrischen Sender und dem angesprochenen Du.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Kategorisierung des Ich und Wir als Sender, die Bestimmung des Empfängerstatus sowie die Untersuchung der formalen und inhaltlichen Beziehungsgestaltung zwischen diesen Instanzen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, das "Dialogische" in Bachmanns Gedichtwerk theoretisch zu erfassen, zu systematisieren und die gewonnenen Erkenntnisse an konkreten Textbeispielen zu illustrieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit angewendet?
Die Arbeit nutzt eine systematische Textanalyse, die auf den Kategorien von Dieter Burdorf basiert, und ergänzt diese durch eine induktive Auswertung der Gedichte aus dem Band "Sämtliche Gedichte".
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die detaillierte Analyse der Sender- und Empfängerrollen, die Untersuchung der Sender-Empfänger-Beziehung nach Nähe und Distanz sowie die exemplarische Untersuchung ausgewählter Gedichte auf ihre spezifischen Kommunikationsmuster.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Ingeborg Bachmann, Dialog, artikuliertes Ich, Kommunikationsmuster und Personalität in der Lyrik.
Wie unterscheidet die Autorin zwischen den verschiedenen Typen des Ich?
Die Autorin differenziert zwischen dem individuellen Ich (erlebendes, solipsistisches, poetologisches Ich) und dem offenen, zur Identifikation einladenden Ich, das als Platzhalter für den Rezipienten fungiert.
Welche Besonderheit weist das Gedicht "Reklame" auf?
Das Gedicht stellt einen Sonderfall dar, da die Kommunikation hier nicht einseitig erfolgt, sondern als wechselseitige Interaktion zwischen zwei sich abwechselnden Instanzen gestaltet ist.
Warum spielt die Distanz zwischen den Dialogpartnern eine so wichtige Rolle?
Die räumliche und zeitliche Entfernung zwischen Sender und Empfänger ist laut der Autorin ein entscheidender Faktor, da sie die Kommunikationssituation im Gedicht maßgeblich prägt und definiert.
Zu welcher Schlussfolgerung kommt die Autorin bezüglich der Regeln des Dialogischen?
Die Autorin schließt, dass es keine starren Regeln oder eine verbindliche Gesetzmäßigkeit gibt, da jedes Gedicht Bachmanns durch seine individuelle Ausprägung eine eigene Kommunikationsstruktur hervorbringt.
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- Anna Sterchi (Autor), 2008, Das Dialogische in den Gedichten von Ingeborg Bachmann, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/129627