Man muss es nur wirklich wollen und bereit sein, dafür Opfer zu bringen, so wird es uns zumindest von zahlreichen Ratgebern, Karrierecoachs und in den Medien kursierenden Erfolgsgeschichten vermittelt. Doch um wessen Traum geht es hier eigentlich und welche Interessen verbergen sich dahinter? Und was bedeutet es für den Menschen, wenn der Selbstoptimierungs-Gedanke, nämlich dass es immer noch besser geht, es immer noch eine Steigerung geben kann und muss, das Erfolgsgefühl des Ankommens an einem Ziel, schon vom Prinzip her ausschließt? Geht es hier wirklich, um die Freiheit sich selbst zu verwirklichen oder vielmehr um den Zwang zur Anpassung an ein politisches und wirtschaftliches System, welches die Verantwortung für dessen Teilnehmer*innen auf diese abzuwälzen sucht? Ist diese Freiheit lediglich semantisches Werkzeug unseres neoliberalen Systems? Was bedeutet neoliberal überhaupt? Diese Arbeit versucht, den vorangegangenen Fragen nachzugehen, indem Michel Foucaults Überlegungen zum Neoliberalismus auf die Analyse der Gegenwart übertragen werden sollen. Der Fokus wird auf der Gouvernementalität und besonders den in die Gouvernementalität eingebetteten Selbsttechnologien liegen, zwei Begriffe, mit denen Foucault die Wirkungsweisen des Neoliberalismus beschreibt. Aus Gründen des Umfangs werden andere Überlegungen und die zahlreichen anderen Begrifflichkeiten Foucaults, welche dieser Thematik ebenso dienlich wären, hier keinerlei Beachtung finden.
Selbstoptimierung und Selbstmanagement, die zwei eng verwandten Begriffe an denen in der heutigen neoliberalen Gesellschaft wohl niemand mehr vorbeikommt. Sie stehen für große Versprechen: Das Versprechen des größtmöglichen beruflichen Erfolgs, das Versprechen der größtmöglichen Anerkennung durch die Mitmenschen, das Versprechen der größtmöglichen körperlichen Attraktivität und Fitness und das Versprechen des befriedigenden und Glück verheißenden Gefühls, sich selbst und sein Leben unter Kontrolle zu haben. Ein*e jede*r scheint frei, diese Versprechen einzulösen und diesen Traum des persönlichen Superlativs der Selbstverwirklichung für sich wahrzumachen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Neoliberalismus – Ein Definitionsversuch
3. Gouvernementalität
4. Selbsttechnologien
5. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Wechselwirkung zwischen neoliberalen gesellschaftlichen Anforderungen und den daraus resultierenden Zwängen zur Selbstoptimierung und Selbstverantwortung. Dabei wird der Frage nachgegangen, inwiefern der moderne Freiheitsbegriff im neoliberalen System lediglich als Instrument dient, um individuelle Anpassung an wirtschaftliche Erfordernisse zu erzwingen, anstatt tatsächliche persönliche Freiheit zu ermöglichen.
- Neoliberalismus als politisch-ideologisch-ökonomisches System
- Die Konzeption der Gouvernementalität nach Michel Foucault
- Die Rolle von Selbsttechnologien in der Transformation des Subjekts
- Kritische Analyse von Selbstmanagement und Selbstoptimierung
- Der Zusammenhang zwischen Leistungsdruck, psychischer Belastung und unternehmerischem Denken
Auszug aus dem Buch
4. Selbsttechnologien
Um gleich zu Anfang Missverständnissen vorzubeugen muss erwähnt werden, dass es sich bei den Technologien des Selbst ebenso um Herrschaftstechnologien handelt, diese aber nicht, oder wohl äußerst selten, als solche entlarvt werden. Selbsttechnologien sind mit Regierungszielen verknüpft und bringen die Menschen dazu, genau das auch zu wollen, was sie wollen sollen (vgl. Bröckling et al. 2000: 29). Selbsttechnologien sollen
„es dem Einzelnen ermöglichen, aus eigener Kraft oder mit Hilfe anderer eine Reihe von Operationen an seinem Körpern oder seiner Seele, seinem Denken, seinem Verhalten und seiner Existenzweise vorzunehmen, mit dem Ziel, sich so zu verändern, daß er einen gewissen Zustand des Glücks, der Reinheit, der Weisheit, der Vollkommenheit oder der Unsterblichkeit erlangt“ (Foucault 1993: 26).
Selbsttechnologie im Sinne des Neoliberalismus bedeutet, dass rationale wirtschaftliche Ziele in persönliche Wünsche übersetzt und aus äußeren Verhaltenserwartungen innere Vorhaben gemacht werden (vgl. Schreiner 2018: 67). Neoliberale Zwänge, operieren so problemlos unter dem Deckmantel der freiwilligen Selbstführung. Unschwer lässt sich erkennen, wie sich diese gouvernementalen Selbsttechnologien im heute so brandaktuellen Selbstmanagement, und in dem um sich greifenden Trend zur Selbstoptimierung manifestieren. Auch hier öffnet Foucault das Fenster zur Vergangenheit, um zu zeigen, wie das Christentum als vorherrschende Ideologie des Abendlandes vergangener Zeiten, modernen Selbsttechnologien mit ihrer Pastoralmacht den Weg bereitet hat. Die Kirche lehrte ihren Schäfchen absolute Gehorsamkeit gegenüber ihrer institutionellen Autorität (vgl. Foucault 1993: 52). Gehorsamkeit und damit Selbstaufgabe, Verzicht auf den eigenen Willen und die vollständige Kontrolle des eigenen Verhaltens durch sich selbst und höhere Instanzen, wie die des Pastors, versprachen den Christen das Heil im jenseits.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Thematik der neoliberalen Selbstoptimierung ein und wirft kritische Fragen über die vermeintliche Freiheit zur Selbstverwirklichung und die dahinterstehenden systemischen Interessen auf.
2. Neoliberalismus – Ein Definitionsversuch: Dieses Kapitel umreißt den Neoliberalismus als politisch-ökonomisches System, das durch die Ausweitung marktwirtschaftlicher Ordnungsmechanismen auf alle gesellschaftlichen Bereiche und einen Zwang zur Eigenverantwortung gekennzeichnet ist.
3. Gouvernementalität: Hier wird der Begriff der Gouvernementalität erläutert, der die Transformation von Herrschaftsmethoden beschreibt, bei denen Individuen statt durch direkten Zwang durch Anreizsysteme und ökonomisierte Rationalität gesteuert werden.
4. Selbsttechnologien: Dieses Kapitel analysiert Technologien des Selbst, durch die Individuen dazu gebracht werden, ökonomische Anforderungen in eigene Wünsche zu übersetzen und sich unter dem Deckmantel der Freiwilligkeit zu optimieren.
5. Schluss: Die Schlussbetrachtung resümiert, dass der Neoliberalismus eine Ideologie darstellt, die das Individuum systematisch vereinnahmt und den Freiheitsbegriff als semantisches Werkzeug für Anpassungszwänge missbraucht.
Schlüsselwörter
Neoliberalismus, Gouvernementalität, Selbsttechnologien, Selbstoptimierung, Selbstmanagement, Freiheit, Eigenverantwortung, Macht, Foucault, Wettbewerb, Humankapital, Subjektivierung, Pastoralmacht, Leistungsgesellschaft, Systemkritik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Mechanismen neoliberaler Gesellschaftsstrukturen und deren Einfluss auf das Individuum, insbesondere unter dem Aspekt der Selbstoptimierung.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Zu den Kernbereichen zählen die Definition des Neoliberalismus, die foucaultsche Gouvernementalität, der Einsatz von Selbsttechnologien und der gesellschaftliche Druck zur permanenten Selbstverbesserung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie das Versprechen persönlicher Freiheit im neoliberalen Kontext genutzt wird, um Disziplinierung und Anpassung unternehmerischer Logik zu etablieren.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Es wird eine theoretische Analyse auf Basis soziologischer Konzepte, insbesondere der Überlegungen von Michel Foucault, durchgeführt, um diese auf aktuelle gesellschaftliche Phänomene zu übertragen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden der Neoliberalismus begrifflich hergeleitet, das Konzept der Gouvernementalität erklärt und detailliert analysiert, wie Selbsttechnologien im Kontext von Selbstmanagement und Burnout fungieren.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Publikation?
Die zentralen Begriffe sind Neoliberalismus, Gouvernementalität, Selbstoptimierung, Freiheit, Macht und Eigenverantwortung.
Inwiefern spielt der historische Vergleich mit dem Christentum eine Rolle?
Der Autor zeigt auf, dass moderne Selbsttechnologien strukturelle Ähnlichkeiten mit der christlichen Pastoralmacht aufweisen, indem sie Individuen zur ständigen Selbstprüfung und Gehorsamkeit gegenüber inneren wie äußeren Instanzen anhalten.
Warum wird der Begriff des „Humankapitals“ kritisch hinterfragt?
Der Begriff wird kritisiert, weil er dazu führt, dass Menschen sich selbst wie Unternehmen verwalten müssen, was ökonomisches Denken auf alle Lebensbereiche ausdehnt und Scheitern als individuelles Versagen deutet.
Welches Fazit zieht der Autor bezüglich des Freiheitsbegriffs?
Der Autor schließt, dass der Freiheitsbegriff im Neoliberalismus zu einem semantischen Werkzeug verkommt, das tatsächliche Anpassungszwänge verschleiert und einen sarkastischen Unterton in der Debatte um Selbstverantwortung hinterlässt.
Welcher Zusammenhang besteht zwischen Depression, Burnout und Neoliberalismus?
Die Publikation sieht in der Unmöglichkeit, dem permanenten Optimierungsgebot und der damit verbundenen Zwangsläufigkeit der Eigenverantwortung bei Scheitern, eine Hauptursache für die Zunahme psychischer Erschöpfungszustände.
- Arbeit zitieren
- Anonym (Autor:in), 2019, Selbstoptimierung und Selbstmanagement. Von der Freiheit der Selbstkontrolle und Selbstverantwortung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1296557